1. #1
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    Egozentrisch, rational und hart wie Kruppstahl

    Sei doch bitte etwas eitel,
    du wirst erwachsen, Kind,
    kämm dir einen Seitenscheitel,
    und schreite aufrecht durch den Wind

    Ich helfe dir ein Mensch zu werden,
    und bitte hör gut zu,
    wir sind die Herrscher hier auf Erden,
    und das ist doch der Clou

    Ersetze deine Kindheit
    durch Vorurteil und Ignoranz,
    verziere deine Hoheit,
    mit Blut und Dornenkranz

    Verurteile konventionelle Moral,
    führ Krieg gegen Freiheit und Frieden,
    hör auf dein Ego und du hast die Wahl,
    über alles und jeden zu siegen

    Verzeihung mein Kind, ich schweife ab,
    ich wollte doch nur sagen…
    dass das Leben… ach pappalapapp,
    wenn du was wissen willst, kannst du ja fragen.

  2. #2
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    Hallo,

    viele interessante Aspekte sprichst du hier an, viele Fragen werden aufgeworfen.

    "Ich helfe dir ein Mensch zu werden"
    ist ein Ausspruch, der deutlich macht, dass die Gesellschaft heutzutage ein eindeutiges, klares Menschenbild hat- auch wenn sie es zumeist nicht direkt offenlegt.
    Der Mensch ist in ihren Augen nicht einfach nach seinen Bedürfnissen strebendes Wesen, sondern es gibt "menschliche" und "unmenschliche" Bedürfnisse.
    Früher sagte man "gottgewollt", heute wird allzuoft "natürlich/normal" verwendet.

    Die Familie (es könnte theoretisch auch eine Schul-Situation sein, wobei jene Instutution eher subtil agiert und meist nicht derart offensichtlich aufdringlich wie "kämm dir einen Seitenscheitel") steht hier wohl für ein Sozialisierungs-Instrument in die Gesellschaft , sie bereitet das Kind auf eine Gesellschaft mitsamt ihrer politischen und ökonomischen Struktur vor, in der es in dieser Weise "funktionieren" muss.

    Die "Herrscher auf Erden" sind sie- denn sie haben die Mittel dazu, die Gewalt.
    Die Eltern haben bis zu einem gewissen Grad eine Verfügungsgewalt über das Kind. Sie können seine Bedürfnisse durch allerlei Mittel bestrafen: kulturelle Gewalt (Isolation, Ausgrenzung, Verweigerung der Zuwendung) bishin zur insitutionellen (Grundregeln, die das Verhalten in eine Richtung lenken wollen, Verbote des Auslebens bestimmter Bedürfnisse als Strafe) bishin zur physischen (Einsperren in ein Zimmer).
    Die Gesellschaft hat später ähnliche, teilweise gleiche Mittel zur Aufrechterhaltung der Herschaft, also der Durchsetzung ihrer Interessen.

    Nun geht das Gedicht eindringlicher auf die reellen Bedürfnisse des Kindes ein: Sie sind nicht von Natur aus "Vorurteil und Ignoranz". Um die Bedürfnisse zu unterdrücken und künstliche zu schaffen, werden diese aber benötigt: Ignoranz gegenüber eines Gerechtigkeits-Gefühls beispielsweise, dass mensch in sich trägt.
    Ignoranz gegenüber eigener unterdrückter Bedürfnisse.
    Vorurteil, um schmerzhafte Erkenntnis vorzubeugen- Erkenntnis der "Unvollständigkeit" in dem Sinne, dass die ursprünglichen Bedürfnisse unterdrückt sind.

    Diese "falsche Hoheit"- das Kind soll selbst Herrschender werden- wird nun mit einem Symbol des Christentums in Verbindung gebracht, das (zum Schein?) "aufgesetzt" wird.
    Das Blut stellt eventuell ein Leiden als Selbst-Zweck dar.
    Die "Hoheit" deutet vielleicht darauf hin: Seht, ich leide, ich leide für die Normen dieser Gesellschaft, die von mir hochgehalten werden.
    Mit wirklicher Identifikation der Figur Jesu dürfte das wenig zu tun haben, eher einem "Schein-Jesu". Das Kind soll sich dieser Figur bedienen, um angesehen zu werden.

    In S4 wird noch einmal die gesellschaftliche Auswirkung eines solchen Denkens deutlich: Kriege, Unmöglichkeit von Frieden und Freiheit, Kampf dageen, Herrsch-Sucht, also Sadismus, "hör auf dein Ego", wobei jenes wohl als neue, künstlich erstellte Bedürfnisse abzielt und nciht auf das "wahre Ego"- nach dem das Kind ja zu streben scheint.

    Die Wendung am Ende S5 ist nun besonders gut gelungen wie ich finde:

    Bis hierher ist dieser Monolog des "Herrschenden" doch recht direkt- so offen und ehrlich, so offensichtlich erkennbar- wenn sie sich überhaupt dem wahren Kern ihres Redens selbst bewusst sind- werden wohl die allerwenigsten ihre Intentionen "auspacken".

    Nun kommt das lyrische Ich auf das Leben im ganzen- dort fehlen ihm jedoch wieder die Worte, es vermag nicht eine Erklärung des Lebens zu geben, da er in seiner Herangehensweise wohl selbst keinen "Sinn" darin, keine wirklichen Argumente findet.

    So wird das Kind abgeschmeckt damit, "es könne ja fragen", wenn es etwas wissen wolle.
    Bekommen wird es allerdings keine neuen Antworten, es wird nicht auf das Kind und siene BEdürfnisse eingegangen- es kommt in diesem Monolog nicht einmal selbst zu Wort, es wird nur über ihn geurteit, das macht das ganze son absurd (für das Werk im positiven Sinne, da es die Meinung der "Herrschenden" hier ins absurde zieht).

    Der Weg ist vorgegeben, egal was gefragt wird, egal was gesagt wird. Das Kind kann kritisches Erzählen- es wird ihm wohl nicht zugehört. Das Kind hat wohl "Meinungsfreiheit" (es wird zum Fragen aufgefordert) aber keine Handlungsfreiheit- was wiederum eine traurige Parallele zu unserer Gesellschaft darstellt.
    Kind ist also im übertragenen Sinne eine bevormundete Person- also auch ein Mensch im Staate gewissermaßen.

    So las ich dein Werk, sollte ich falsch liegen, würde ich mich freuen mehr von deiner Intention zu erfahren,

    Ich hoffe ich bin nicht zu weit ausgeschweift, sehr anregender Gedankengang, den du hier im Monolog darstellst.

    Anarchistischer Gruß, BB.

  3. #3
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    Ich könnt kotzen! Jetzt hab ich in über ner halben Stunde son Riesenkommentar geschrieben und ZRRRRRRRRRRT PC geht aus! Doofer Technikschrott.

    Naja ich werd mich n bisschen kürzer fassen als eben, hab nicht so viel Zeit

    Erstmal besten Dank für die ausfühliche Analyse. Sie trifft sehr genau meine Intentionen, was ich ausdrücken wollte etc. und ich freu mich das ich zumindest dich mit dem Gedicht zum nachdenken anregen konnte Manchmal gehst du sogar intellektuell deutlich über das hinaus, was ich beim Schreiben gedacht habe aber das haben Analysen ja so an sich...
    Ich geh mal auf ein paar Stellen ein die ich besonders gut fand:

    Die Familie (es könnte theoretisch auch eine Schul-Situation sein, wobei jene Instutution eher subtil agiert und meist nicht derart offensichtlich aufdringlich wie "kämm dir einen Seitenscheitel") steht hier wohl für ein Sozialisierungs-Instrument in die Gesellschaft , sie bereitet das Kind auf eine Gesellschaft mitsamt ihrer politischen und ökonomischen Struktur vor, in der es in dieser Weise "funktionieren" muss.
    Ja genau, gut erkannt! Sozialisierung - eigentlich ein positiver Begriff, als Abrichtung, Indoktrinierung, "Verunmenschlichung" dargestellt.
    Man muss funktionieren, ein ökonomischen Nutzen erbringendes Werkzeug der Gesellschaft sein und damit jeder humanen Natürlichkeit beraubt leben.

    Diese "falsche Hoheit"- das Kind soll selbst Herrschender werden- wird nun mit einem Symbol des Christentums in Verbindung gebracht, das (zum Schein?) "aufgesetzt" wird.
    Das Blut stellt eventuell ein Leiden als Selbst-Zweck dar.
    Die "Hoheit" deutet vielleicht darauf hin: Seht, ich leide, ich leide für die Normen dieser Gesellschaft, die von mir hochgehalten werden.
    Jetzt wo dus sagst... "Leiden als Selbstzweck"...so könnte man das auch interpretieren.
    "Dornenkranz" sollte aber eigentlich nur eine schlichte Metapher für die Skrupellosigkeit und Verblendung des Menschen und seinen fanatischen Idealismus sein.

    So wird das Kind abgeschmeckt damit, "es könne ja fragen", wenn es etwas wissen wolle.
    Bekommen wird es allerdings keine neuen Antworten, es wird nicht auf das Kind und siene BEdürfnisse eingegangen- es kommt in diesem Monolog nicht einmal selbst zu Wort, es wird nur über ihn geurteit, das macht das ganze son absurd (für das Werk im positiven Sinne, da es die Meinung der "Herrschenden" hier ins absurde zieht).
    Eben weil die Bezugsperson (Vater/Mutter, wie auch immer) auf die gleiche Weise erzogen ist, weiß sie keine wirklichen Gründe für die genormten Verhaltensweisen die sie ihrem Kind nun eintrichtert.
    Mangel an Individualität, zumindest eingeschränkte Meinungsfreiheit, aber keine wirkliche Gedankenfreiheit und damit auch keine Handlungsfreiheit, das ist die Krankheit der Gesellschaft, wie du ja richtig gedeutet hast

    Genauso meinte ichs! und "falsch" liegen kann man sowieso nicht

    denn was ist "falsch"? Womit wir wieder beim Thema wären xD


    Danke!

    LG

  4. #4
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    Mir kommt das Gedicht recht widerspruechlich vor...
    Heisst es in der ersten Strophe noch: "Schreite aufrecht durch den Wind", was fuer mich soviel bedeuten wuerde, dass man zum Stolz animieren will (verstaerkt durch "Wir sind die Herrscher hier auf Erden"), so kommt in der dritten Strophe Vorurteil und Ignoranz zur Sprache.

    Deshalb bin ich mir nicht ganz shcluessig, ob das lyrische Ich, welches zu dem Kind direkt spricht, nun auf einen bestimmten, subjektiv bestimmten (rassistischen?) Weg lenken will, oder ihm direkt harsche Kritik vorwirft. Fuer mich zwei verschiedene Welten.

    Wenn das Kind aufrecht gehen soll, Stolz vermitteln soll, scheinbar wuerdig, ein Erbe anzutreten, da es nun erwachsen wird, warum sollte diese Illusion durch das direkte Ansprechen von Ignoranz, Vorurteil und Krieg gegen den Frieden zerbrochen werden?

    Oder ist das ganze als gewollter Zynismus gedacht, welchen das lyrische Ich vermitteln will?

  5. #5
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    Oder ist das ganze als gewollter Zynismus gedacht, welchen das lyrische Ich vermitteln will?
    Ja.

    Es soll widersprüchlich sein weil das Lyrische Ich selbst keine Ahnung vom Leben hat, nur nach vorgegebenen Konventionen lebt und diese weitervermittelt...
    Kann man auch Bakunis Bart's langem Kommentar entnehmen

    Danke fürs lesen

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