Seite 1 von 2 12 Letzte
  1. #1
    Registriert seit
    Apr 2006
    Ort
    Göttingen
    Beiträge
    3.564

    Ein Leiserwerden

    .
    .

    Ein Leiserwerden
    für Susanne Lange

    Wir tragen die Namen der Toten,
    wie Momente bei ihrer Geburt.
    Was wissen schon Rosen
    von Sehnsucht, vor ihrem Vergehen:
    Sie fallen zu Boden;
    doch Rom in Ruinen ist immer noch Rom.

    Wir welken zu Namen.
    .





    .
    Neustes Werk aus meiner Feder:
    Liebe und Romantik - Schlaflied (für L.), Ein Leiserwerden, ohne Titel
    Verzweiflung schreit nicht, Verzweiflung schweigt.

    Die Melancholie des Seins - Fortsetzungsgeschichte
    Die Melancholie des Seins - Gesammelte Werke

  2. #2
    Registriert seit
    Nov 2008
    Beiträge
    9.774

    Ein Leiserwerden

    Hallo Ensimismado,

    mit uns sind unsere Vorfahren neu geboren. In der Blüte des Lebens, denkt man nicht an die Sehnsucht, die das Vergehen in seinen Nachkommen entsteht. Die Nachkommen tragen die Existenz ihrer Vorfahren und auch die Sehnsucht nach ihrem Ursprung in sich. Etwas bleibendes ist der ererbte Namen.

    Ein aussagestarkes Werk.

    Herzliche Grüße Hans

  3. #3
    Registriert seit
    Feb 2006
    Ort
    Im Herzen des Vogtlandes
    Beiträge
    5.079
    @Ensimismado


    Es liest sich so als wenn ein Kind, oder eine Jugendliche gestorben ist. Gewidmet, eigentlich fordert das stilles schweigen. Ich werde meinen Einwand verschlucken, er ging um eine Doppeldeutigkeit. Doch selbst bei der Doppeldeutigkeit, bleibt Rom, Rom. Ansonsten guter Text, mit einem sehr guten Zitat: „doch Rom in Ruinen ist immer noch Rom“Bis später.

  4. #4
    Registriert seit
    Apr 2006
    Ort
    Göttingen
    Beiträge
    3.564
    Einen schönen guten Abend,

    @Hans Plonka, deine Ausführung passt auf das Gedicht, da kann ich wenig zu sagen. Es ließe sich sicher auch anders lesen und einzelne Komponenten tiefer interpretieren, aber das überlasse ich dem einzelnen Leser. Daher bleibt mir nur zu sagen, dass es mich freut, dass dir das Werk zusagt.

    @horstgrosse2, die Widmung soll den Leser nicht weiter stören, sie ist in meinen Augen bei allen Gedichten, die eine tragen, nie Hindernis, um den Text (kritisch) zu betrachten. In dem Fall ist sie eigentlich nur daher vorhanden, dass der Text, der Gedanke aus einem Gespräch mit der Person entstand. Daher würde mich der Einwand sogar sehr interessieren.
    Achso das Zitat hatte ich irgendwann mal aufgeschnappt, dann später bei einer Lesung in einem Gedicht gehört, und letztlich passte es mir hier sehr gut.

    Gruß an euch beide,
    Flo
    Neustes Werk aus meiner Feder:
    Liebe und Romantik - Schlaflied (für L.), Ein Leiserwerden, ohne Titel
    Verzweiflung schreit nicht, Verzweiflung schweigt.

    Die Melancholie des Seins - Fortsetzungsgeschichte
    Die Melancholie des Seins - Gesammelte Werke

  5. #5
    Registriert seit
    Feb 2006
    Ort
    Im Herzen des Vogtlandes
    Beiträge
    5.079
    @Ensimismado


    von Sehnsucht, vor ihrem Vergehen
    Vergehen= verblühen,
    Vergehen=Straftat,

    Ehrlich, ich war beim ersten überlesen beim Tod einer Straftäterin, sorry. Sehnsucht nach Drogen usw. Weil, dein Vergehen groß geschrieben war, stände es klein da, vergehen, ich glaube dann wäre eine Verwechslung ausgeschlossen. Oder du wechselst das Wort aus: „verblühen“ wäre geeignet. Bis später.

  6. #6
    Registriert seit
    May 2008
    Beiträge
    4.447
    Hallo Ensimismado,

    Na dann möchte auch ich mich an deinem Werk versuchen.

    1. Der erste Eindruck
    Auffällig ist zuerst einmal der Klang. Man merkt, dass du dabei geschickt mit Assonanzen und Alliterationen arbeitest. Inhaltlich behandelst du das Vergehen, das Leiserwerden, wie der Titel verrät, von Dingen. Doch trotz all dem bleibt noch immer etwas zurück.

    2. Inhalt

    Der Titel "Ein Leiserwerden" bezieht sich auf ein Vergehen (im Sinnen von Vergänglichkeit). So, wie ein Ton etc. leiser wird, bis man ihn nicht mehr hört, so wird auch hier die Vergänglichkeit vom Menschen verdeutlicht.

    Zitat Zitat von Ensimismado
    Wir tragen die Namen der Toten,
    wie Momente bei ihrer Geburt.
    Ein Moment ist eine sehr kurze Zeit. Wenn ein Moment beginnt, ist er eigentlich schon wieder (fast) vorbei. Mit diesem Vergleich beklagt das LI dieselbe Problematik beim Menschen. Das Leben ist kurz. Geraten wir auch in Vergessenheit, so bleibt unser Name.

    Zitat Zitat von Ensimismado
    Was wissen schon Rosen
    von Sehnsucht, vor ihrem Vergehen:
    Sie fallen zu Boden;
    Die Rose ist ein Symbol, wie etwa für Liebe. Das LI wirft den Rosen vor, Sehnsucht nicht zu kennen, solange sie blühen. Erst wenn sie verblühen, zu Boden fallen, sehnen sie sich nach ihrem früheren Zustand.
    Natürlich könnte man die Rose auch auf den Menschen übertragen. Erst wenn die Schönheit etc. vergangen ist, sehnt man sich vielleicht danach.

    Zitat Zitat von Ensimismado
    doch Rom in Ruinen ist immer noch Rom.
    Hier kommt eine Art Hoffnung. Selbst ein zerstörtes Rom ist Rom. Auch wenn die Rose verblüht ist, bleibt sie eine Rose. Auch wenn ein Mensch tot ist, bleibt er Mensch. Hier werden also die vorherigen Teile näher gebracht.

    Zitat Zitat von Ensimismado
    Wir welken zu Namen.
    Die Rosen, die verwelken, und die Menschen, von denen nur der Name bleibt, werden hier verbunden. Wir (Menschen) verwelken zu Namen. Das, was von uns über bleibt, ist unser Name. Doch unser Name ist noch immer ein Teil von uns.
    Diese (Verb)Metapher führt dazu, dass der Leser ein Bild vor den Augen erhält, und verdeutlicht die Warnung und Klage des LI.

    3. Klang

    Wir tragen die Namen der Toten,
    xXxxXxxXx
    wie Momente bei ihrer Geburt.
    xxXxxXxxX
    Was wissen schon Rosen
    xXxxXx
    von Sehnsucht, vor ihrem Vergehen:
    xXxxXxxXx
    Sie fallen zu Boden;
    xXxxXx
    doch Rom in Ruinen ist immer noch Rom.
    xXxxXxxXxxX

    Wir welken zu Namen.
    xXxxXx

    Du verwendest einen Daktylus mit Auftakt (bzw. in V2 einen Anapäst).
    Dieser Unterschied könnte Folgendes bedeuten. Der Mensch und die Rose machen einen Abstieg durch (von X zu xx --> absteigend), der Moment hingegen ist so kurz, dass er sich steigert (von xx zu X --> aufsteigend).

    Wir tragen die Namen der Toten,
    wie Momente bei ihrer Geburt.
    Was wissen schon Rosen
    von Sehnsucht, vor ihrem Vergehen:
    Sie fallen zu Boden;
    doch Rom in Ruinen ist immer noch Rom.

    Wir welken zu Namen.

    Die Assonanzen sind Dunkelgrün und Orange, die Alliterationen sind Rot, Blau und Violett.
    Die Assonanzen am Versende sorgen (im Zusammenhang mit Daktylus und Anapäst) für einen harmonischen Klang, der jedoch nicht so stark wie der eines Reimes ist.

    Auffällig ist dabei, dass in den ersten Versen die Assonanzen Rosen-Toten-Boden sind. Der folgende Vers endet auf Rom, der darauffolgende auf Namen. Die Assonanz vergeht also auch langsam. Ein Leiserwerden. Weder Rom noch Namen passt zu den Assonanzen, beiden Worten fehlt noch etwas. Somit kann die Form hier den Inhalt stützen.

    4. Fazit
    Sowohl klanglich als auch inhaltlich finde ich dein Werk überzeugend. Auch in formaler Hinsicht halte ich dein Werk für gelungen. Beim Inhalt - denke ich - sind vermutlich mehr Interpretationen möglich. Vielleicht könntest du eine kleine Anregung geben?

    Gern gelesen, gerne kommentiert
    lg, maXces

  7. #7
    Registriert seit
    Apr 2006
    Ort
    Göttingen
    Beiträge
    3.564
    Guten Abend,

    @horstgrosse, gut, die Leseweise war nicht meine primär intendierte, würde aber sogar funktionieren (näheres siehe gleich meiner Antwort an maXces). Danke dir für deine Rückmeldung.

    @maXces, zu erst einmal ein ganz großes Dankeschön für deine ausführliche Analyse. Zu dem Technischen kann ich nicht mehr viel hinzufügen, da hast du so ziemlich alles herausgeholt. Daher begnüge ich mich damit ein wenig auf deine Bitte einzugehen und die Inhalte sowie Wortfelder zu betrachten.

    Wenn man, wie du es auch teils getan hast, sich die Assonanzen etc. anschaut, kann man anhand dieses Gerüsts recht gut weitere Interpretationen aufspannen. Zum Beispiel funktioniert der Bezug zum Katholizismus über Rom und die Rosen, wenn man hier dann das Vergehen in beiden Sinnen hinzunimmt, wird man einen weiteren kritischen Punkt finden, den ich hier anspreche.
    Ansonsten kann man ganz allgemein natürlich die Vergangenheit als Fundament jeglicher Gegenwart herauslesen und hier entweder den kritischen Aspekt betrachten oder aber auch eine tröstende Komponente herauslesen.

    Freut mich auf jedenfall, dass du Gefallen an dem Werk gefunden hast.

    Liebe Grüße,
    Flo
    Neustes Werk aus meiner Feder:
    Liebe und Romantik - Schlaflied (für L.), Ein Leiserwerden, ohne Titel
    Verzweiflung schreit nicht, Verzweiflung schweigt.

    Die Melancholie des Seins - Fortsetzungsgeschichte
    Die Melancholie des Seins - Gesammelte Werke

  8. #8
    Flamme ist offline Krauseminze, Minze, krause
    Registriert seit
    May 2006
    Beiträge
    620
    Hallo!

    Als ich das Gedicht las, gefiel es mir ziemlich gut, was mich etwas erstaunt hat. Den Grundgedanken finde ich gut (und er ist auch verständlich formuliert), die Umsetzung hat aber denke ich leider noch einige Makel: Der zweite Vers z.B. kommt mir extrem schwach vor, gerade nach diesem guten Einstieg. Wie treibt der mit diesem Vergleich denn das Gedicht inhaltlich voran? Kaum, wenn du mich fragst. Sein einziger Zweck scheint mir eine (unnötige) Verklärung des Gedanken, den du so schön eingeleitet hast in Vers eins. Ich würde dir fast raten, ihn komplett zu streichen. Der erste würde dann vielleicht etwas mit dem dritten kollidieren, aber nicht wesentlich mehr, als der zweite jetzt. (Denn die Rosen bringst du ja so oder so ziemlich unvermittelt ins Spiel.)

    Apropos Rosen: Mit denen habe ich mich mittlerweile abgefunden, aber ich kann es mir nicht verkneifen dich zu fragen: Warum ausgerechnet Rosen und Sehnsucht? Zugegeben, inhaltlich passt es. Aber du hättest es doch bestimmt auch hinbekommen, nahezu das gleiche mit einem weniger kitschigen Bild zu vermitteln... :P

    Den ersten und den letzten Vers finde ich am besten. Das ist ein so schön unkompliziert ausgedrückter und dennoch tiefgehender Gedanke. Ohne irgendwelche (unnötigen) Umschweife und Andeutungen in alle möglichen Richtungen... aber ok, es ist wohl Geschmackssache, dass ich sowas nicht mag. Vergänglichkeit mit dem Prozess des Verwelkens zu vergleichen ist jedenfalls alles andere als originell. Aber sehr schön ist es, dass das "Wir" deines Gedichtes zu etwas Originellem verwelkt, nämlich zu Namen und damit, wenn man den ersten Vers berücksichtigt, zum Fundament von etwas Neuem.

    Gern gelesen!
    Liebe Grüße, flamme


    Sag nichts dagegen, gewiß, Du kannst alles widerlegen, aber zum Schluß ist garnichts widerlegt. (F. Kafka - Das Schloß)

  9. #9
    Registriert seit
    Apr 2006
    Ort
    Göttingen
    Beiträge
    3.564
    Hallo Flamme,

    freut mich besonders, dass du Gefallen an dem Werk findest, da wir ja ansich teils sehr unterschiedliche Meinungen und Geschmäcker bzgl. Lyrik an den Tag legen. Allerdings haben mir deine Ratschläge bzgl. meiner letzten Kurzgeschichte dahingehend sehr geholfen, dass ich versucht habe einen ganz anderen Blick auf die Literatur zu werfen, und als Resultat dessen ein wenig meinen Stil zu variieren. Scheinbar ist das unter der Sicht zumindest teilweise gelungen.

    Der zweite Vers ist, das gebe ich gerne zu, streitbar, denn der effektive Wert liegt nicht all zu offensichtlich auf der Hand. Die Momente sind im weitesten Sinne auch im ersten Vers zu assoziieren, aber eben nicht in der Konkretheit, die ich mir hier wünsche, denn: Die Momente erst abstrahieren den Gedanken der Namen in die kleine Einheit, dass Rom als Name mehr ist, als es die konkrete Stadt zum jeweiligen Zeitpunkt ausdrücken kann. Ist die Erklärung, der Gedanke, der mit dahinter steckt, nachvollziehbar oder drücke ich mich grade furchtbar kompliziert aus?

    Zu den Rosen allerdings, die möchte ich eigentlich nicht missen, da sie hier die Verbindung zu Rom herstellen, wenn man die Symbolik der Jugendfrische sowie des Christentums hier bedenkt. Allerdings lasse ich mich gerne davon überzeugen, dass es da eine passende Alternative gibt, die keine all zu kitschige Randerscheinung darstellen kann.

    Ich habe mich auf jedenfall sehr gefreut dich hier zu lesen, und werde mal schauen, inwiefern ich mich in der Richtung weiter zurecht und auch mich finde.

    Liebe Grüße,
    Flo
    Neustes Werk aus meiner Feder:
    Liebe und Romantik - Schlaflied (für L.), Ein Leiserwerden, ohne Titel
    Verzweiflung schreit nicht, Verzweiflung schweigt.

    Die Melancholie des Seins - Fortsetzungsgeschichte
    Die Melancholie des Seins - Gesammelte Werke

  10. #10
    Registriert seit
    Dec 2004
    Ort
    Unna
    Beiträge
    1.357
    Hallo Ensi,

    ich ahb mal so gestöbert heute und Deinen Text gefunden. Ich weiß gar nicht was ich dazu sagen soll. Nein, das ist falsch, ich weiß es: Hat mir sehr gut gefallen. Aber ich kann nicht sagen warum. Ich kann und will auch keine Kritik äußern, was wirklich nicht an der Widmung liegt, ich finde Dein Text ist sprachlich, stylistisch als auch inhaltlich rund. Er zergeht beim Lesen, wie etwas sehr Leichtes und ist doch unleichte Kost.

    Mir hat es gefallen, ich hoffe es ist okay, dass ich das hier so unkritsch sage.

    Es grüßt,

    Luko
    WIEDER DA:

    http://www.gedichte.com/showthread.php?t=148330

    SO LANGE HER, HABE VERGESSEN WIE MAN DIE SIGNATUR MIT EINEM LINK BESTÜCKT DER AUCH EINEN TITEL TRÄGT

  11. #11
    Registriert seit
    Dec 2006
    Ort
    hessen
    Beiträge
    143
    Hallo Ensimismado,

    Entschuldige daß mein Kommentar erst jetzt kommt.
    Leider bin ich eine ganze Zeit selten hier im Forum gewesen,
    und stelle fest, daß auch Du hier selten weilst.
    Dennoch waren Deine Gedichte hier immer absolute Highlights, und ich möchte eines dieser fabelhaften Werke hier gerne nochmal aus der Versenkung holen.
    Denn so etwas sucht hier momentan seinesgleichen...
    Schade,daß man solche gedichte hier nun kaum mehr findet.
    grüße und hoffentlich bis mal wieder,
    Stundenblume
    "Ich lösche meinen Durst an Räumen die ich füllen kann"

  12. #12
    Registriert seit
    Apr 2006
    Ort
    Göttingen
    Beiträge
    3.564
    Hallo,

    @LuKo, ich habe deinen Kommentar vor einiger Zeit wahrgenommen und hatte mir eigentlich vorgenommen, dass ich mich noch für das Lob bedanke, dann jedoch - wie so häufig - kamen andere Dinge dazwischen und hat sich dann mit meiner Abwesenheit auf dieser Plattform gänzlich erledigt. Bis jetzt! Freut mich, dass dir das Gedicht gefallen konnte und du es als rund erachtest (eines der wenigen Gedichte, von dem ich das nach einiger Zeit auch noch glauben mag).

    @stundenblume, wie du gemerkt hast, ich war auch lange nicht mehr hier und doch freut es mich, dass du dich noch an einige Werke von mir erinnern konntest. Dass du gerade dieses Gedicht noch einmal hervorgeholt hast, freut mich aus oben besagtem Grunde. Ob ich auch in Zukunft hier anzutreffen bin, wird abzuwarten sein. Das hängt wohl nicht unerheblich davon ab, ob ich selber mal wieder zum Schreiben komme. Wenn, dann freue ich mich auf ein baldiges Wiedersehen.

    Beste Grüße,
    Ensimismado
    Neustes Werk aus meiner Feder:
    Liebe und Romantik - Schlaflied (für L.), Ein Leiserwerden, ohne Titel
    Verzweiflung schreit nicht, Verzweiflung schweigt.

    Die Melancholie des Seins - Fortsetzungsgeschichte
    Die Melancholie des Seins - Gesammelte Werke

  13. #13
    Registriert seit
    Apr 2011
    Beiträge
    17
    Hallo Ensimismado

    Was soll man dazu sagen außer: Tiefgründig, tiefschürfend und wahr...

    "doch Rom in Ruinen ist immer noch Rom." ist großartig...

    Am Ende sind wir alle Namen auf Steinen, kaum einer von uns (bis auf Amokläufer) schaffen es in die Geschichtsbücher...

    Gute, runde Sache und wirklich traurig ---- aber eben wahr!

    Alles Gute,
    Seebald

  14. #14
    Registriert seit
    Dec 2008
    Beiträge
    585
    Hallo Ensimismado,

    nun werde ich mich auch einmal an einem Deiner Gedichte versuchen. Aus meiner Sicht zählst Du gewiß zu den begabtesten Dichtern im Forum. Gerade deswegen sind die Erwartungen an das Gedicht und die Maßstäbe, die ich hier setze, wohl tendenziell ein wenig höher als bei vielen anderen Werken. Nun denn ...

    Wir tragen die Namen der Toten,
    wie Momente bei ihrer Geburt.


    Das Komma wäre zu streichen, wenn es sich um einen bloßen Vergleich handelt. Soll es ein abgekürzter Nebensatz sein, dann natürlich nicht, allerdings ist wegen der Wortidentität mit einem "wie"-Vergleich jener die erste Assoziation beim Lesen. Das Komma stört darum eher.

    Mir ist in den ersten beiden Zeilen der Vergleich nicht ganz klar: Man trägt die Namen der Toten, gut. Der Bezug zur zweiten Zeile, die genaue Verbindung, ist die Frage:

    Nimmt man es wörtlich, dann ist die erste Assoziation die, dass wir die Namen der Toten so tragen, wie Momente bei ihrer Geburt ihre Namen tragen. Das ergibt aber nicht gänzlich Sinn.

    Ein anderes Verständnis wäre, dass wir die Namen auf eine solche Weise tragen, wie die Momente bei ihrer Geburt sind, also schon in sich vergänglich. Auch dann ist es nicht völlig intuitiv eingänglich, ein Adjektiv mit einem ganzen Nebensatz zu umschreiben.

    Oder wir tragen die Namen schon bei unserer Geburt und sind darin gleich den erstehenden Momenten. Aber weshalb?

    Die Aussage, die entstehen soll, ist ja klar: Schon bei der Geburt sind wir totgeweiht (Z1), wir sind vergänglich (Z2). Ich halte die "wie"-Konstruktion aber für zu unscharf und darum für überarbeitungswürdig. Sie ist aus meiner Sicht auch nicht von einer "schönen Ambiguität", weil beide ersten intuitiven Assoziationen keinen klar deutbaren Sinn ergeben, sondern in der Andeutung verharren.

    Was wissen schon Rosen
    von Sehnsucht, vor ihrem Vergehen:


    Auch hier ist das Komma an sich zu streichen. Ich halte nicht viel davon, eine Pause durch ein Komma anzudeuten, wenn es dort grammatikalisch nicht passt. Das kann man auch mit einem Zeilensprung oder einem Bindestrich machen. Das ist aber sicher Stilfrage und einer echten Beurteilung entzogen.

    Das Bild ist an sich gelungen, auch wenn die Rose natürlich immer ein wenig gefährlich ist wegen ihrer intensiven Benutzung in unzähligen Werken. Meine Ansicht ist aber, dass die bloße vielfache anderweitige Verwendung einem Bild noch nicht die Schönheit nehmen kann, vielmehr ist lediglich unsere Wahrnehmung des Bildes abgenutzt, was aber über die Qualität des Bildes nichts sagt. Hier muss man sich eben als Leser doch immer prüfen, ob auch ein Reim wie "Herz-Schmerz" an genau dieser oder jener Stelle Sinn ergibt und eben nicht platt ist. Deshalb halte ich das Bild für gut, wobei die "Sehnsucht" in der Kombination mit den "Rosen" beim ersten Lesen sozusagen in einem 'Quantenzustand' ist, der auch in eine Empfindung von ansatzweisem Kitsch kippen kann. Das Bild oszilliert ein wenig an der Grenze, ist aber für mich doch am Ende gut annehmbar.

    Sie fallen zu Boden;

    Hier halte ich das Bild einer ganzen Rose (=die Gesamtheit aller Blätter, die ganze Blüte), die ungeteilt auf einmal zu Boden fällt, für zu "viel" und für zu ungewohnt: Bei einer Rose fallen tendenziell langsam die Blätter und das Innere bleibt am Ende oben zurück. Auch beißt sich hier dieses "alles-oder-nichts"-Bild der ganz fallenden Rosenblüte mit dem bloßen Welken in der letzten Zeile, mit dem man klar nur das Fallen einzelner Blätter assoziert.

    Weiterhin halte ich den Satz als "Antwort" auf die vorherige Frage nicht für befriedigend: "Was wissen sie vom Vergehen? Sie fallen zu Boden." Fallen sie dann zu Boden, wenn sie die Sehnsucht schon ergriffen hat, fallen sie einfach zu Boden, noch bevor sie die Kenntnis auch nur ahnen können oder fallen sie "einfach zu Boden", weil es passiert, also als ein Bild des unreflektierten Begriffenseins im Geschehen, im "Moment"?

    Zudem wirkt der Satz so, als ob sie sich anders verhalten hätten, wenn sie die Sehnsucht gekannt hätten, dabei wären sie dann genauso gefallen. Insgesamt ist die Sinnverklammerung und damit die Auflösung der Frage nicht völlig befriedigend gelungen und lässt stocken.

    doch Rom in Ruinen ist immer noch Rom.

    Natürlich für sich genommen ein sehr schöner, selten in solcher Qualität zu lesender Satz, aber gerade hier bricht er für mich das vorherige Bild zu abrupt, indem er von der zarten, organischen Vergänglichkeit der Pflanze zum rauhen Stein der Ruine springt. Ich selbst hätte wohl versucht, das Steinbild noch mit einer kleinen Beifügung wie "und auch das verfallene Haus / kann Rosen bergen." zu versehen. So wird der Stein anfangs und am Ende vom Rosenbild eingeschlossen. Dies ist natürlich nur ein Beispiel. Um dann von diesem ein wenig erweiterten Bild wieder in den Sinn der letzten Zeile zu findenn, hätte ich bei meinem Beispiel dann wohl noch eine verbindende Brücke angefügt wie: "... / kann Rosen bergen. / Wir wachsen heran / Wir welken zu Namen (Alternativ: und welken zu Namen.)" Wie gesagt, nur ein Beispiel zur Verdeutlichung meiner Anmerkungen.

    Wir welken zu Namen.

    Als Folge des vorherigen Spunges hin zum Steinbilds erscheint mir auch der Übergang, die Rückkehr zu dieser letzten Zeile zu hart, zu springend. Dadurch wird auch die sicher gewollte Anknüpfung an den Nachhall der ersten Zeile ("Wir tragen die Namen der Toten / ...") zu schwach. Siehe dazu mein obiges Beispiel.

    Nimmt man die letzte Zeile vor dem Hintergrund von Romeo und Julia ("what's in a name that which we call a rose by any other name would smell as sweet"), dann ist es natürlich sehr traurig, wenn nur die Namen bleiben, denn die Namen sind danach ja nichts, nur ein Etikett, das nicht zum Wesen der Dinge vordringen kann. Allerdings sieht man hier auch den schönen Gegensatz dazu: Die Namen selbst sind es, die die Erinnerung der Menschen an uns bündeln und von dem sie ausgehen und ausgelöst werden. Gerade der Name, der bleibt, ist noch Verbindung zu dem, was in den Menschen von uns geblieben ist.

    Das Bild an sich ist sehr zart und passend geschildert: Der Zerfall des Lebendigen, der Pflanze, das langsame Verblühen und Eingehen, sowohl als Bild für das Sterben der Menschen als auch in einem Satz verbunden mit der weiterführenden Idee, dass der Mensch aus dem Fleischlichen heraus langsam übergeht in eine bloße Idee, Bezeichnung, Erinnerung, ein Verblassen. Eben ein "Leiserwerden", wobei der Titel nach Betrachtung der letzten Zeile auch unter Umständen mit einer anderen Entschwindensmetapher gewählt werden könnte, weil im Gedicht selbst keine auditiven Ansätze vorkommen und man das Pflanzenbild auch hier hätte fortsetzen können. Allerdings hat es natürlich auch eine eigene Qualität, gerade einen neuen, anderen Sinnesreiz in der Überschrift anzudeuten und so die folgenden Eindrücke zu komplementieren.

    Abschließend ist zunächst einmal auf meine Anfangssätze zu verweisen und an die extrem hohen Maßstäbe zu erinnern, die ich hier gesetzt habe, wobei all diese Maßstäbe wie bei allen Dingen, die die Ästhetik berühren, nur unter großen Schwierigkeiten objektivierbar sind. So ist jede Kritik doch immer nur Impression, auch wenn sie sich in überzeugte Behauptungen kleidet.

    Das Gedicht ist trotz all der Dinge, die ich kritisiert habe und auszusetzen hatte, ein sehr bedeutendes Werk, das sich in diesem Forum in seiner Tiefe und der Ausrichtung der Bilder von den meisten Gedichten sehr deutlich abhebt. Die Fähigkeit des Autors zeigen gerade auch die vorletzte und letzte Zeile. Die wahre, mögliche Größe des Gedichts klingt wie erwähnt immer wieder durch, ohne sich aber völlig stringent zu manifestieren. Wie bei einem Klang, dem zur Harmonie nur wenigste Obertöne fehlen, ist es aber auch hier nur ein sehr kurzer Weg von der leichten Verschwommenheit des Eindrucks zu einem machtvollen Bild.

    Grüße

    Wegesanfang
    Geändert von Wegesanfang (11.05.2011 um 01:59 Uhr)

  15. #15
    Registriert seit
    Apr 2006
    Ort
    Göttingen
    Beiträge
    3.564
    @sebald, vielen Dank für deinen Kommentar, freut mich, dass dir das Gedicht gefällt.

    @Wegesanfang, ich war sehr überrascht - im positiven Sinne - dass das Gedicht doch noch einmal so viel Aufmerksamkeit erhält. Vorweg schon einmal, dein Kommentar hat mir auf jedenfall etwas gebracht. Aber nun zu der Antwort im Detail.

    Wir tragen die Namen der Toten,
    wie Momente bei ihrer Geburt.


    Das Komma wäre zu streichen, wenn es sich um einen bloßen Vergleich handelt. Soll es ein abgekürzter Nebensatz sein, dann natürlich nicht, allerdings ist wegen der Wortidentität mit einem "wie"-Vergleich jener die erste Assoziation beim Lesen. Das Komma stört darum eher.
    Ich hatte das Komma damals gesetzt, weil mir die Pause hier sehr wichtig ist. Die erste Zeil ist mehr als nur ein Satzanfang, es ist auch schon die Essenz des Gedichtes, die nun nur noch entfaltet wird. Z1 könnte man eigentlich nahtlos mit der letzten Zeile des Gedichtes schließen, wenn der aufgegliederte Inhalt dazwischen nicht wäre. Ich bin allerdings durchaus etwas unschlüssig, ob das Komma diesen Effekt tätigt oder hier vielleicht eher ein Bindestrich hin sollte.

    Mir ist in den ersten beiden Zeilen der Vergleich nicht ganz klar: Man trägt die Namen der Toten, gut. Der Bezug zur zweiten Zeile, die genaue Verbindung, ist die Frage:

    Nimmt man es wörtlich, dann ist die erste Assoziation die, dass wir die Namen der Toten so tragen, wie Momente bei ihrer Geburt ihre Namen tragen. Das ergibt aber nicht gänzlich Sinn.

    Ein anderes Verständnis wäre, dass wir die Namen auf eine solche Weise tragen, wie die Momente bei ihrer Geburt sind, also schon in sich vergänglich. Auch dann ist es nicht völlig intuitiv eingänglich, ein Adjektiv mit einem ganzen Nebensatz zu umschreiben.

    Oder wir tragen die Namen schon bei unserer Geburt und sind darin gleich den erstehenden Momenten. Aber weshalb?
    Zu deinen drei Interpretationsansätzen möchte ich vor allem zu den ersten beiden etwas sagen, womit sicher auch der dritte etwas erhellt wird. Momente sind darüber ausgezeichnet, dass sie eben eigentlich nur einen Namen haben, es sind quasi zeitlose Abschnitte, nämlich Bruchstücke zwischen zwei Zeitabschnitten. Damit besteht ihr Inhalt meist nur darin, dass sie eben einen Namen haben, ihre Bedeutung ergibt sich eher außerhalb ihrer selbst. Der Vergleich zielt auf diese "Inhaltlosigkeit" ab - im Großen betrachtet sind wir erst einmal Namen, Etiketten - und damit eben von Natur aus vergänglich.
    Ich weiß nicht, ob diese Erklärung die Wahl der Ambiguität in der Form für dich plausibler macht. Ich werde aber überlegen, ob eine Änderung hier sinnvoll durchführbar ist.

    Was wissen schon Rosen
    von Sehnsucht, vor ihrem Vergehen:


    Auch hier ist das Komma an sich zu streichen. Ich halte nicht viel davon, eine Pause durch ein Komma anzudeuten, wenn es dort grammatikalisch nicht passt. Das kann man auch mit einem Zeilensprung oder einem Bindestrich machen. Das ist aber sicher Stilfrage und einer echten Beurteilung entzogen.
    Ich kann deine Meinung gut nachvollziehen, allerdings halte ich ein Komma für weniger schwer und mächtig als ein Bindestrich. Die Pause soll hier nur ein kurzes Verharren sein, eine nachgeschobene Information darstellen.

    Das Bild ist an sich gelungen, auch wenn die Rose natürlich immer ein wenig gefährlich ist wegen ihrer intensiven Benutzung in unzähligen Werken. Meine Ansicht ist aber, dass die bloße vielfache anderweitige Verwendung einem Bild noch nicht die Schönheit nehmen kann, vielmehr ist lediglich unsere Wahrnehmung des Bildes abgenutzt, was aber über die Qualität des Bildes nichts sagt. Hier muss man sich eben als Leser doch immer prüfen, ob auch ein Reim wie "Herz-Schmerz" an genau dieser oder jener Stelle Sinn ergibt und eben nicht platt ist. Deshalb halte ich das Bild für gut, wobei die "Sehnsucht" in der Kombination mit den "Rosen" beim ersten Lesen sozusagen in einem 'Quantenzustand' ist, der auch in eine Empfindung von ansatzweisem Kitsch kippen kann. Das Bild oszilliert ein wenig an der Grenze, ist aber für mich doch am Ende gut annehmbar.
    Das freut mich sehr, würde das Bild kippen, müsste das Gedicht wohl insgesamt umgearbeitet werden. Zudem finde ich gerade die von dir angesprochene Qualität des Bildes interessant, die eben auch dann bestehen kann, wenn sie sehr abgegriffen scheint. Das ist durchaus eine Herausforderung, diese Bilder dann zu verwenden, so dass sie den Leser trotzdem noch erreichen.

    Sie fallen zu Boden;

    Hier halte ich das Bild einer ganzen Rose (=die Gesamtheit aller Blätter, die ganze Blüte), die ungeteilt auf einmal zu Boden fällt, für zu "viel" und für zu ungewohnt: Bei einer Rose fallen tendenziell langsam die Blätter und das Innere bleibt am Ende oben zurück. Auch beißt sich hier dieses "alles-oder-nichts"-Bild der ganz fallenden Rosenblüte mit dem bloßen Welken in der letzten Zeile, mit dem man klar nur das Fallen einzelner Blätter assoziert.
    Der Einwand ist interessant. Ich hatte das Bild tatsächlich eher so verstanden, dass sie eben letztlich zu Boden fallen, das einzelne Zergliedern ist zwar als Momentum gegeben, aber das Resultat ist eines. Das kommt aber tatsächlich nicht ganz zur Geltung. Allerdings fällt mir spontan auch keine gute Veränderung ein, die nicht zu gekünstelt oder erklärend ist. Ich werde mir hierzu noch Gedanken machen.

    Weiterhin halte ich den Satz als "Antwort" auf die vorherige Frage nicht für befriedigend: "Was wissen sie vom Vergehen? Sie fallen zu Boden." Fallen sie dann zu Boden, wenn sie die Sehnsucht schon ergriffen hat, fallen sie einfach zu Boden, noch bevor sie die Kenntnis auch nur ahnen können oder fallen sie "einfach zu Boden", weil es passiert, also als ein Bild des unreflektierten Begriffenseins im Geschehen, im "Moment"?

    Zudem wirkt der Satz so, als ob sie sich anders verhalten hätten, wenn sie die Sehnsucht gekannt hätten, dabei wären sie dann genauso gefallen. Insgesamt ist die Sinnverklammerung und damit die Auflösung der Frage nicht völlig befriedigend gelungen und lässt stocken.
    Als Antwort soll der Satz auch gar nicht gelesen werden. Die Frage bleibt offen, geht über in eine Betrachtung, aus der vielleicht eine Antwort abgelesen werden kann, und das Fallen ist eben etwas unausweichliches - unabhängig allen Wissens.


    doch Rom in Ruinen ist immer noch Rom.

    Natürlich für sich genommen ein sehr schöner, selten in solcher Qualität zu lesender Satz, aber gerade hier bricht er für mich das vorherige Bild zu abrupt, indem er von der zarten, organischen Vergänglichkeit der Pflanze zum rauhen Stein der Ruine springt. Ich selbst hätte wohl versucht, das Steinbild noch mit einer kleinen Beifügung wie "und auch das verfallene Haus / kann Rosen bergen." zu versehen. So wird der Stein anfangs und am Ende vom Rosenbild eingeschlossen. Dies ist natürlich nur ein Beispiel. Um dann von diesem ein wenig erweiterten Bild wieder in den Sinn der letzten Zeile zu findenn, hätte ich bei meinem Beispiel dann wohl noch eine verbindende Brücke angefügt wie: "... / kann Rosen bergen. / Wir wachsen heran / Wir welken zu Namen (Alternativ: und welken zu Namen.)" Wie gesagt, nur ein Beispiel zur Verdeutlichung meiner Anmerkungen.
    Hier bin ich dann doch etwas überrascht. Gerade der Kontrast, der Organisches mit Nichtorganischem letztlich auf eine Stufe stellt, sollte eigentlich durch die vorherige Darstellung des Vergänglichen und den Namen nahezu aufgelöst werden. Das ist scheinbar nicht wirklich gelungen, wie ich deinem Kommentar entnehme. Dein Vorschlag zur Änderung wäre sicher eine Möglichkeit, aber diese Verbindung sollte eigentlich "außerwortlich" schon zuvor als Essenz gegeben werden. Ob und wie ich da eine Änderung vornehmen kann, muss ich mir auch noch überlegen.

    Wir welken zu Namen.

    Als Folge des vorherigen Spunges hin zum Steinbilds erscheint mir auch der Übergang, die Rückkehr zu dieser letzten Zeile zu hart, zu springend. Dadurch wird auch die sicher gewollte Anknüpfung an den Nachhall der ersten Zeile ("Wir tragen die Namen der Toten / ...") zu schwach. Siehe dazu mein obiges Beispiel.

    Nimmt man die letzte Zeile vor dem Hintergrund von Romeo und Julia ("what's in a name that which we call a rose by any other name would smell as sweet"), dann ist es natürlich sehr traurig, wenn nur die Namen bleiben, denn die Namen sind danach ja nichts, nur ein Etikett, das nicht zum Wesen der Dinge vordringen kann. Allerdings sieht man hier auch den schönen Gegensatz dazu: Die Namen selbst sind es, die die Erinnerung der Menschen an uns bündeln und von dem sie ausgehen und ausgelöst werden. Gerade der Name, der bleibt, ist noch Verbindung zu dem, was in den Menschen von uns geblieben ist.
    Die Grundaussage des Gedicht passt sicher gut zu dem Zitat, auch wenn ich es nicht im Hinterkopf hatte. Schön ist auf jedenfall, dass diese doppelte Funktion der Namen, einerseits als Etikett, andererseits aber als Träger von Knotenpunkten unserer Eigenschaften und damit verbundenen Erinnerungen, trotz einiger Schwächen des Gedichtes offensichtlich wurde.

    Das Bild an sich ist sehr zart und passend geschildert: Der Zerfall des Lebendigen, der Pflanze, das langsame Verblühen und Eingehen, sowohl als Bild für das Sterben der Menschen als auch in einem Satz verbunden mit der weiterführenden Idee, dass der Mensch aus dem Fleischlichen heraus langsam übergeht in eine bloße Idee, Bezeichnung, Erinnerung, ein Verblassen. Eben ein "Leiserwerden", wobei der Titel nach Betrachtung der letzten Zeile auch unter Umständen mit einer anderen Entschwindensmetapher gewählt werden könnte, weil im Gedicht selbst keine auditiven Ansätze vorkommen und man das Pflanzenbild auch hier hätte fortsetzen können. Allerdings hat es natürlich auch eine eigene Qualität, gerade einen neuen, anderen Sinnesreiz in der Überschrift anzudeuten und so die folgenden Eindrücke zu komplementieren.
    Über den Titel habe ich tatsächlich relativ lange nachgedacht, genau aus dem von dir genannten Grund, dass ansonsten keine auditiven Reize genannt werden. Die Entscheidung für den Titel fiel letztlich aufgrund dessen, dass Namen eben stark mit Klang verbunden sind, Vergänglichkeit ebenso gut mit auditiven Komponenten untermalt werden können und "Leiserwerden" eben auch im übertragenen Sinne verstanden werden kann.

    Letztlich bleibt mir nur zu sagen, dass mir dein Kommentar wirklich einige Denkanstöße gebracht hat, in der Hoffnung, dass sie mir vielleicht auch etwas geben, so dass ich überhaupt mal wieder selber schreibe, hat es mich sogar doppelt gefreut, einen so ausführlichen Kommentar hier zu lesen. Vielen Dank also dafür!

    Beste Grüße.
    Ensimismado
    Neustes Werk aus meiner Feder:
    Liebe und Romantik - Schlaflied (für L.), Ein Leiserwerden, ohne Titel
    Verzweiflung schreit nicht, Verzweiflung schweigt.

    Die Melancholie des Seins - Fortsetzungsgeschichte
    Die Melancholie des Seins - Gesammelte Werke

Seite 1 von 2 12 Letzte

Berechtigungen

  • Neue Themen erstellen: Nein
  • Themen beantworten: Nein
  • Anhänge hochladen: Nein
  • Beiträge bearbeiten: Nein
  •  

Anmelden

Anmelden