1. #1
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    Rapture (All Along The Watchtower 45)

    All Along the Watchtower 45: Rapture (Joker)

    Ohne Titel entsprang die erste Strophe unseren Lippen.
    Die Feder tauchte in das Tintenglas der Nacht
    und hauchte Worte auf das unbeschriebene Laken.

    Schemenhaft formten sich Silben auf unseren Zungen.
    Hände begannen ihre Suche nach Ungereimtem
    und spannen Verse durch dein dichtes Haar.

    Leise kreuzten Klänge die Kuppen unserer Finger.
    Sinne übersprangen das Ende bündiger Zeilen
    und sangen Lieder über deine nahtlose Haut.

    Voll hob und senkte sich der Takt unseres Atems.
    Küsse woben sanfte Weisen in das Unbetonte
    und flüsterten Oden in den Fluß unserer Berührung.

    Drängend wandelte uns der Sturm zum wir.
    Du und ich entsprachen und verschrieben uns in
    und an und einander, bis jedes Wort -

    ausgesprochen - still und sanft unser Schlaf.
    Lautlos ruhten wir auf unserem vollendeten Werk
    und stumm blieb das Zeugnis unserer Federn.

    Von Dichtung und Wahrheit erzählten unsere Blicke
    danach. Wir wandten sie und uns voneinander ab
    und waschen schweigend das Laken in Unschuld.



    kurushio, 19.04.2009

    [edit, 26.04.09: Tippfehler korrigiert: "wandten", Dank an monalisa]

  2. #2
    Sneaky Guest
    Hallo Kurushio,

    das ist ein schöner, fließender Text, dem ich gern gefolgt bin. Schon der Einstieg ohne Titel i.S. von schnörkellos, spontan? ist fein. Dann das Tintenglas der Nacht, das auf das unbeschriebene Laken (die noch neue Beziehung?) zur Anwendung kommt.

    Die Abfolge des Geschehens verläuft über "Worte, Zungen Lippen Finger Haut Atem zum wir. Für jeden Sinn gibt es eine entsprechende Stelle im Text, die alle im Sturm in S 5 münden.

    Der Schluss scheint mir dann einen Verrat an einem unbekannten Dritten zu sein?

    Dichtung würde dann dem beschriebenen Akt entsprechen, Wahrheit ist das sich abwenden müssen, das Waschen des Lakens in Unschuld, ein Symbol für Trennung.

    Die einzige Stelle die mir missfällt ist der Bruch hinter Wort -. Das ist mir zu showhascherisch, zu aufgesetzt.

    Ein "unplakativer" Text, der umso besser zeigt, wie ein erotisches Gedicht gestaltet werden kann.

    Gruß

    Sneaky

  3. #3
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    Hallo Sneaky,

    vielen Dank. Unplakativ trifft es ganz gut, finde ich.

    Ich habe lange mit dem Ende von S.V gehadert, bzw. damit, die Symbolik des "keine Worte mehr da, alles gesagt, wir haben uns - physisch wie geistig - ausgesprochen" umzusetzen. Es schlicht dabei zu belassen, nichts zu sagen und die "Ausgesprochenheit" sowohl mit dem Wort als auch mit dem Schlaf zu verknüpfen, schien mir, da der Zeilensprung schon in S.III erwähnt worden ist, am ehrlichsten. Oder zumindest angemessener, als einen Versuch zu wagen, die symbolische Wortlosigkeit in allzu viele Worte zu verpacken. Es ist sicher ein bewußt eingesetzter Effekt, an dem der Leser selbst aufgefordert ist, das Bild vor seinem Auge für einen Moment ohne mich weiterzuzeichnen.

    Was die Interpretation des Schluß angeht, so ist die natürlich dem Leser überlassen. Deine Lesung ist widerspruchsfrei möglich und auch Teil meiner auktorialen Intention. Ob das unbekannte, verratene Dritte eine Person ist, mehrere Personen oder einfach das wir/uns, von dem sich die lyrischen Figuren wieder abwenden (oder eine ganz andere Deutungsmöglichkeit) bleibt dem Auge des Betrachters überlassen.

    Schöne Interpretation des "Ohne Titel"-Einstiegs, für den ich, genauso wenig wie für die "Feder", eine eigene Deutung hatte, als ich es geschrieben habe. (Für die Feder habe ich mittlerweile eine, für den Einstieg werde ich Deine verwenden, wenn es recht ist. )

    Danke Dir nochmals & viele Grüße,
    kurushio
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  4. #4
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    Hallo kurushio,

    natürlich habe ich dieses Werk schon früher gelesen, aber nie die Muße gefunden, es wirklich aufzunehmen oder gar etwas Konstruktives rückzumelden. Gemocht habe ich es gleich auf den ersten Blick und ich kann mich Sneaky da weitgehend anschließen. "Unplakativ" wäre nicht meine Vokabel gewesen, doch habe ich keine bessere gefunden. Mir kommt es beim Lesen schon ein wenig "abgeklärt" vor - , auch "schriftlich-lyrisch aufbereitet" - die Metaphern gehen auch in diese Richtung: ohne Titel - Feder - Tintenglas...
    "Ohne Titel" hat für mich übrigens so den Beigeschmack: "ohne große Vorbereitung, Einleitung, nicht wirklich gewollt - waren wir schon in der ersten Strophe..."
    Ein wenig Schwierigkeit macht mir S4 V1
    Voll hob und senkte sich der Takt unseres Atems.
    - wie muss ich mir das vorstellen, wenn sich der Takt des Atems (voll) hebt und senkt? Der Brustkorb senkt sich im Takt des vollen Atems - meine ich. Das klingt aber natürlich nicht sehr poetisch, vor allem der Brustkorb. Trotzdem, dass der Takt sich hebt uns senkt, kommt mir auch seltsam vor.

    Im Gegensatz zu Sneaky gefällt mir der Strophensprung zwischen "Wort" - und "ausgesprochen"
    und dessen doppelte Beziehbarkeit ausgesprochen gut.

    Und in der letzten Strophe V2
    danach. Wir wanden sie und uns voneinander ab
    meinst du wirklich "wanden" von "winden" - nicht "wandten... ab" von "abwenden"?

    V3
    und waschen schweigend das Laken in Unschuld.
    für mich wäre es stringenter hier im Präteritum zu bleiben, den Zeitenwechsel ins Präsens kann ich nicht recht nachvollziehen, weil's mir insgesamt schon "verarbeitet" vorkommt.

    Inhaltlich las ich es auch ein wenig anders als Sneaky.
    "jedes Wort - ausgesprochen", "ruhten wir auf vollendetem Werk", "von Dichtung und Wahrheit erzählten unsere Blicke danach"... deutet mir in Richtung - es war vollendet, perfekt, da kann nichts mehr nachkommen, es war Dichtung - jetzt hat wieder die Wahrheit, Realität das Wort; in diesem Sinne in Unschuld gewaschen - zur reinen Erinnerung, ohne Reue, aber auch ohne Zukunft.

    Mir gefällt diese Deutung, auch wenn sie vielleicht deine Intension verfehlt. Ich finde sie in sich stringent und der Form, der Bilder angemessen.

    Sehr gern gelesen, mit dieser Floskel zu schließen, ist zwar sehr einfallslos, aber grundehrlich. Ich hoffe du siehst es mir nach!?

    Liebe Grüße,
    monalisa

  5. #5
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    Guten Morgen kurushio,
    kein Interpretationsversuch, kein kluger Kommentar, nur die Bemerkung, dass Dein Gedicht für mich sinnliche Ruhe und wohliges Lachen tief in der Brust verursacht hat. Chapeau! Das macht den Wochenbeginn zu einem schönen Aprilendspurt. Eine Frage hätte ich (und das ist keine versteckte Kritik!): Wie würde so ein Gedicht im Präsens wirken? Ach ja, nach vielen Sachen, die ich den vergangenen Tagen gelesen habe, war Dein Gedicht in Inhalt und Form eine wahre Erholung.
    Mit besten Grüßen und gezogenem Hut (eigentlich habe ich gar keinen),
    Heinz

  6. #6
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    @monalisa,

    herzlichen Dank Dir, ganz banal am Anfang für die Korrektur "wandten", die meinem Auge beim Abtippen entgangen ist. Und ich finde nicht, daß man die "gerne gelesen"-Floskel nachsehen muss.

    Auch Deine "Ohne Titel" Interpretation behagt mir.

    Ob ein Takt sich voll heben und senken kann - gute Frage, mein musikalisches Fachwissen ist äußerst begrenzt. In der Poesie finde ich einen Trochäus voller als einen Anapest, aber "voll hob sich das Metrum..." kam nicht in Frage. Atem kann sich voll heben, genauso, wie er flach sein kann, und das war mir wichtiger.

    "waschen" vs. "wuschen" war eine schwierige Frage, die sich mit Kulturheinzis überschneidet. Von formalen Kriterien abgesehen (s.u.), war mir inhaltlich wichtig zu betonen, daß die Abgeklärtheit zum Zeitpunkt der lyrischen Betrachtung noch nicht vollständig ist, die Verarbeitung reicht nur bis zum Abwenden voneinander, nicht zu dem Zeitpunkt des Lakenwaschens, das ja ein Akt der Erinnerungsvernichtung ist. (Danach wäre der Text sozusagen nicht mehr schreibbar.)

    Dein "ohne Reue, aber ohne Zukunft" ist, wie Deine gesamte Interpretation, durchaus sehr im Sinne dieses Autors. Die "Vollendung" auch als "Perfektion" und nicht nur als "Abschluß" zu deuten, ist mir beim Schreiben überhaupt nicht in den Sinn gekommen, passt aber perfekt. Witzig, wie das manchmal passiert.

    Ich danke Dir für Deine wohlwollende Kritik.


    @Kulturheinzi:

    Merci beaucoup! Wo das wohlige Lachen herkam, würde mich noch interessieren.

    Die Frage ist gut, als ich die ersten beiden Strophen schrieb, waren sie noch im Präsens (Auszug):

    Ohne Titel entspringt die erste Strophe unseren Lippen.
    Die Feder taucht in das Tintenglas der Nacht
    und haucht Worte auf das unbeschriebene Laken.


    Zwei Probleme: Erstens ist es eine sich steigernde Erzählung - hätte ich es mit "wenden uns voneinander ab/waschen das Laken" enden lassen, würde der Rückblickcharakter verloren gehen, und die Abgeklärtheit würde aufgesetzt wirken. Anders formuliert - so denkt man danach, nicht dabei.

    Zweitens klingt es an einigen Stellen unschön. "haucht Worte" z.B. verliert den Gleichkang (-te -te) und sorgt für ein ziemliches Gaumendilemma (cht'w).

    Schön, daß ich Dir Erholung bereiten konnte, und ich verneige mich, so gut das im Sitzen geht,

    kurushio
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    - Jon Stewart

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  7. #7
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    Hallo, kurushio,
    ich danke für die Erläuterungen Deiner Überlegungen beim Verfassen des Gedichts. Schön wäre es, wenn es noch ein paar mehr gäbe, die sich vor dem Niederschreiben und Veröffentlichen einen Bruchteil dieser Arbeit machten. Das wohlige Lachen? Erinnerungen der schönen Art? Zielgenau ins derzeit blubbernde Herz getroffen? Kein Auslachen, sondern das Echo eines Verstehenden? Muss ich einem, der solche Sachen schreibt, wirklich erklären, woher so ein wohliges Lachen kommt und warum und wie es wirkt?
    Nimm es als Kompliment (stell Dir mal vor, es hätte bittere Tränen verursacht).
    Gruß,
    Heinz

  8. #8
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    Nein, musst Du nicht. Aus nicht näher genannten Gründen zaubert mir SII.V3 auch immer ein äußerst amüsiertes Grinsen aufs Gesicht.

    Ganz ernsthaft, einfach vielen Dank. Mein dichterisches Gesamtwerk ist unter anderem aus genau dem Grund nicht so umfangreich, daß ich diesen Rattenschwanz an Überlegungen mit einbeziehe, bevor ich ein Gedicht für fertig erkläre, und es freut mich, wenn das Anklang findet.

    Liebe Grüße,
    kurushio
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    - Jon Stewart

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  9. #9
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    Hallo nochmal,

    was ich beim ersten Mal noch sagen wollte, aber vergessen habe:

    Mir kam beim Lesen deines Werkes und anschließendem Sinnieren der Gedanke,
    jeweils in den letzten Versen von S2 und S3 "dein/e" wegzulassen,
    so würde für mich die Wechselseitigkeit gegenüber einseitigen Zärtlichkeiten LIs zum Ausdruck kommen. Mir wär das schon irgendwie ein Anliegen.
    Mag aber sein, dass du's eben genau andersrum betonen wolltest. Mir ist's nur aufgefallen.

    Zur Vollendung im Sinne von Perfektion: Vor allem S6 in Verbindung mit dem Titel und der "Dichtung" aus der letzten Strophe hat mich drauf gebracht.

    Und zum "waschen" - da ist schon so viel Abgeklärtheit in diesen Zeilen - von Anfang an, dass ich mich am Ende einfach frage: Was muss da noch in Unschuld gewaschen werden? Aber möglicherweise ist LI selbst sich dessen selbst noch nicht bewusst.

    Mit liebem Gruß,
    monalisa

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