Seite 1 von 3 123 Letzte
  1. #1
    Registriert seit
    Dec 2004
    Ort
    Narrennest Nod
    Beiträge
    1.607

    Gibt es unpolitische Dichtung?

    Krek-krek,

    Für die, in deren Augen ich mich hier der Lächerlichkeit preisgebe: Ich bin ein Narr, ich möchts auch gerne wieder tun.


    Folgendes habe ich gerade gelesen:
    Zitat Zitat von DerKleinePrinz*
    Manche scheinen ein bisschen an Paranoia zu leiden, andere wiederrum regen sich künstlich auf und dann gibt es noch welche die ständig sagen, dass sie sich nicht einmischen wollen aber gerade damit eben dieses getan haben. Was haltet ihr davon mal durchs Fenster zu schauen, zu erkennen das Luft dem Hirn gut tut, dann einen Spaziergang macht und euch später sachlich der Lyrik zuwendet wenn ihr darauf Lust habt, statt wie Geisteskranke die Foren unseres Landes als Mülldeponie für eure Neurosen zu verwenden? Lyrik kann auch schön sein...
    Nun gut, wendet wir uns der Lyrik zu. Gibt es unpoltische Dichtung ist also meine Frage? 'Ist der Kajn jetzt bekloppt', werden sich vielleicht einige fragen: 'natürlich sind meine Gedichte unpolitisch, ich will mit dem ganzen Kram nichts zu tun haben'.

    Auch könnte man jetzt unken, dass dies hier ja das Sprechzimmer sei. Da solls um Literatur gehen, nicht um Politik. Nun, ich widme mich hier einer Tradition. Platon äusserte sich in seiner 'Politeia' auch über die Dichtkunst, besonders echauffierte er sich gegenüber den Tragödiendichtern. Mit ihrer seiner Meinung nach verunglimpfenden und erlogenen Darstellung der Götter und insbesondere Helden könne sich kein Bürger identifizieren.
    Was trieb diese Dichter dazu, den Herakles als Säufer darzustellen, den Zeus als inszenstiösen Bigamisten? Gerade Tragödiendichter wie Sophokles und Euripides suchten damit die gesellschaftlichen Strukturen der Polis zu hinterfragen. Hierdurch erkennen wir schonmal, dass Literatur einen politisierten Kern hat.

    Jetzt könnte man natürlich raunen: 'hey, das mag für die ja gegolten haben, aber was hat das mit mir zu tun?'

    Ein Beispiel: Eine von mir jetzt frei erfundene Userin Namens "Mondenkind"* veröffentlicht folgendes Gedicht:

    an den frühen Mond


    an den frühen Mond, dem Meer entwachsen
    ist dein schimmerndes Gewand.
    Atmen möchte ich an deinen Sphären,
    Süßliche, trinken an deiner Brust
    die frühe Milch.


    Wenn auch noch unausgegoren, dies könnte die Grundlage zu einem wunderschönen Gedicht sein. Vielleicht ist es so auch schon ein Ganzes. Ist dieses Gedicht unpolitisch. Ich behaupte: Nein! Ich denke schlicht, dass gerade in einer literarischen Gattung wie der Lyrik, die von individuellen Meinungen bestimmt ist, behauptet werden kann, dass auch die Abkehr von politischen Themen ein politisches Statement beinhaltett. Somit ein politisches Statement eng mit dem Text verknüpft ist und zur Diskussion eines Textes dazugehört.

    In diesem Sinne lasse ich Euch jetzt mit dieser Frage auch erst einmal allein, da ich aus privaten Gründen zum Glück gezwungen, die nächsten Tage ordentlich Luft zu schnappen.

    liebe Grüße
    Kajn


    * ich war jetzt zu faul zu Suchen, ob es diese Userin gibt. Wenn ja, werde ich den Namen natürlich ändern.
    Geändert von Kajn Kokosknusper (26.06.2009 um 15:50 Uhr)
    wer deutsche versbrecher findet, darf sie behalten
    oder: warum mein rechtschreibprogramm dem genitiv sein toast iszt...

    "Ein Lyriker, der glaubt, unabhängige Kunst zu schaffen, ist ein Narr, aber ein Mensch, der nicht fähig ist, seine Erfahrungen auf ein anderes Niveau zu abstrahieren, ist kein Künstler."

  2. #2
    Registriert seit
    Feb 2006
    Ort
    Im Herzen des Vogtlandes
    Beiträge
    5.112
    @Kajn Kokosknusper


    Ich machs mal so wie ich es beantworten würde, ich glaub aber nicht das alle den Inhalt schnallen.
    Frage: Gibt es unpolitische Dichtung?
    Antwort: Jein
    Ja, oberflächlich gesehen, nein wenn man in die Tiefe der Frage bohrt, warum schreibt man Gedichte, was wollen wir damit erreichen, freigeben, ja freigeben oder senden. Das Wort senden ist wohl besser, denn jedes Gedicht besitzt wohl mehrere Gesichter. Das was es oberflächlich aussagen will. Der Kern und die „Begleitmusik“ (Hat das was mit Frequenzen zu tun, Trägerfrequenz und so) Übrings ist dieser Beitrag ebenfalls stille Politik, bis jetzt. Nur mal so nebenbei bemerkt. Aber die Frage an sich wird einen Berg von Ansichten anspülen mit pro und Kontra. Meine Meinung bleibt, ein Ja, auch wenn das Ja verdeckt ist, bezogen darauf, das jedes Gedicht ein indirekte politische Stellung bezieht, das eine weniger, das andere mehr, oder sogar direkt.
    Bis später.
    --------------------------------------------
    Nachtrag:
    Wobei der politische Fluss, oder politische Kern des Gedichtes, falls dieser nicht offen sichtbar ist, nichts mit Parteien Identifizierung zu tun hat. Natürlich haben direkte politische Gedichte ihre Richtungsangabe. Andere Gedichte, nehmen wir Liebesgedichte, die zwischenmenschliches Beschreiben enthalten, Zuneigung, Verschmelzung, träumen usw. Enthalten augenscheinlich und lese empfindlich, oberflächlich gesehen keine direkten politischen Aspekte. Der Fehler liegt darin, das Politik Menschen erfunden haben. Ziele, Richtungen, Macht usw. Der Osten (DDR) hatte früher bestimmte Westmusik verboten. Warum? Beeinflusst Musik das denken handeln, beeinflussen Gedichte das denken handeln?
    Wenn ja, dann haben wir die Frage, sind Gedichte politisch, eindeutig mit ja beantwortet. Denn wenn Gedichte den Menschen beeinflussen, dann machen sie unbewusst Politik. Nicht die Politik der Parteien oder anderen Gruppen, nein, diese Politik kann eigenständig sein, wird eigenständig sein.(meistens)
    Return.
    Liebesgedicht, Zuneigung, Liebe, Hingebung. Ist das eine freie gewollte menschliche Handlung, ja. Können wir uns damit identifizieren? (ja)Würden wir ähnlich handeln.?(ja) Hat Politik Macht? Ja) Hat Liebe Macht?(ja) Blödes Beispiel: „Ist Liebe Politik?“
    Man kann das „Spielchen“ fortsetzen wie man will. Gedichte sind direkte oder indirekte Politische Träger oder Richtungen, oder Meinungen, Ansichten. Nennt es wir ihr es wollt.
    Sind Gedichte Intelligenz?(Ja) Woher entnehmen sie ihre „Substanzen“(leben) Ist Leben Politik? Ist essen Politik? Ist Natur Politik? Ist Astrophysik Politik? Ist Wissenschaft, Forschung Politik?
    Hatte vielleicht schon der Steinzeitmensch Politik betrieben?
    Das Wort Politik ist so vielfältig wie die gesamte Lyrikwelt zusammen.
    Und Tschüß.
    Geändert von horstgrosse2 (26.06.2009 um 19:14 Uhr)

  3. #3
    Florestan Guest
    Huhu Kajn,

    super Thema! Ich bin nur deiner Meinung, so dass mein Diskussionsbeitrag sich jetzt relativ kurz halten wird. Es ist ja auch in meinen Essays immer wieder angeklungen:
    Der Dichter mag sich einbilden, von seiner Lebenswelt unbeeinflusste Kunst zu schaffen, die nur ein individuelles "Gefühl", eine Momentaufnahme usw. usf. seien, doch da ist imo der Denkfehler: Es gibt kein von der Gesellschaft ungeprägtes Wesen "Mensch", all seine Denkstrukturen sind nur Ergebnisse verschiedener Sozialisationen (zumindest schließe ich mich dieser Theorie an).
    Da das geschriebene Wort Produkt eben dieser Denkstrukturen ist, ist es natürlich dadurch geprägt und beeinflusst das Werk . Manchmal mag es nur die Nuance, der Winkel in der Betrachtung eines Themas sein, aber es ist nicht zu leugnen. Ich behaupte, dass es auch die Liebeslyrik betrifft, denn selbst die Art wie wir lieben ist "geprägt", auch wenn das keiner hören will .

    Wenn man allerdings politisch im Sinne von "parteipolitisch" begreift, sieht das natürlich anders aus, aber das hattest du auch sicher nicht gemeint, oder?
    Geändert von Florestan (26.06.2009 um 16:47 Uhr)

  4. #4
    Registriert seit
    Oct 2004
    Ort
    Berlin, wo sonst?
    Beiträge
    6.631
    Ich sage nein.

    Zuerst einmal empfinde ich Deine Argumentation, Kajn, als zu dünn. Ein Text der offensichtlich nichts politisches enthält, stellt also automatisch eine Abkehr von politischen Texten dar. Was ist mit Dichtern, die sowohl politische als auch nicht-politische Texte schreiben? Kehren sie sich abwechselnd von der Politik ab und hin?

    Natürlich gibt es Sozialisationen. Ist ein Text, den ich aus weiblicher Perspektive schreibe automatisch politisch, weil ich wie jeder andere auch eine geschlechtsspezifische Sozialisation durchlaufen habe? Was ist dann, wenn ich aus männlicher Perspektive schreibe? Ah ja, klar, dann ist es politisch, weil ich mich von meiner Sozialisation abkehre und versuche, den männlichen Part nachzuempfinden.

    Ich denke, man sollte hier die Begrifflichkeiten auch nicht munter zusammenschmeißen, sondern diese vorher klären, bevor man sie zur Diskussion stellt.
    Und selbst wenn man politisch als gesellschaftlich sozialisiert versteht - selbst dann widerspreche ich - denn bestimmte Themen werden über Jahrhunderte, in verschiedenen Kulturkreisen und unabhängig von Sachen wie Geschlecht, Religion, usw. auffallend oft sehr ähnlich bis gleich umgesetzt. Inwiefern sind sie dann politisch?

    LG
    gott

  5. #5
    Florestan Guest
    Zitat Zitat von gott
    Und selbst wenn man politisch als gesellschaftlich sozialisiert versteht - selbst dann widerspreche ich - denn bestimmte Themen werden über Jahrhunderte, in verschiedenen Kulturkreisen und unabhängig von Sachen wie Geschlecht, Religion, usw. auffallend oft sehr ähnlich bis gleich umgesetzt. Inwiefern sind sie dann politisch?
    Um dagegen anzustinken, musst du mir Beispiele geben . Das gewisse Thematiken ähnlich behandelt wurden, liegt doch auch nur an der sozio-kulturellen Prägung und das behaupte ich so lange, bis du mir die Gegenargumente um die Ohren haust .
    "politisch" ist in diesem Zusammenhang tatsächlich erst noch genau zu definieren, sonst wird die Diskussion unscharf, denn ich spreche vielleicht in einem anderen Zusammenhang davon.

    Malwin z.B. spricht von dem politischen, engagierten Gedicht, das ich fast immer ablehnen würde, wegen den besonderen Strukturen, die es häufig aufweist -> anderes Thema. Das meine ich explizit nicht.

  6. #6
    Registriert seit
    Oct 2006
    Ort
    in der Nähe von Düsseldorf
    Beiträge
    457
    Hallo Kajn,
    ich glaube meine Meinung deckt sich mit dem, was Florestan sagen will.

    Die Texte, die ich schreibe, stehen eigentlich nicht direkt in einem politischem Zusammenhang, würde ich sagen. Aber da wir uns als Autoren von unserem Leben inspirieren lassen, ob das nun Werte der Zeit, der Eltern oder Großeltern sind, haben wir uns irgendwie beeinflussen lassen.
    Wenn ich die Texte von Usern lese, von denen man weiß, dass sie älter sind und ihre eigenen Kindheitserinnerungen zu Kriegszeiten verarbeiten, werden solche Text sehr schnell auch politisch.

    Wenn ich mein lyr. Ich eine allein erziehende Mutter werden lasse, wird dies wahrscheinlich auch politisch werden, wenn beispielsweise finanzielle Benachteiligung oder die Andeutung von Burn-out oder bio-Brot drin angedeutet wird, weil es Probleme oder Thematiken dieser Zeit sind.

    Ob so Texte, wie du ihn angedeutet hast, auch eine politische Richtung bekommen können, hängt wahrscheinlich vom Leser ab. Je nachdem mit welchen geschichtlichen oder politischen "Erinnerungen"/Hintergründen man die Zeilen interpretiert, lassen sich unter Umständen auch solche Natur-Momentaufnahmen-Texte in politische Blickrichtungen übertragen, auch wenn der Autor dies nicht in den Text hinein legen wollte.

    Liebe Grüße,
    Sternstaub

  7. #7
    Registriert seit
    Feb 2006
    Ort
    Bierladen
    Beiträge
    573
    Der Autor ist tot.
    Der Text ist noch da.
    Und außerdem: ein Leser.
    Ergo: Der Leser entscheidet, was er aus dem Text macht, wie er ihn kognitiv aufbereitet. Daher sage ich: Ja, jedes Gedicht kann politisch sein. Aber selbst ein Gedicht des Users "Politikfan" mit dem Inhalt, die Nationalhymne mit aktuellen Themen zu persiflieren, kann nach dieser Theorie unpolitisch gelesen und verstanden werden.
    "Ich lief vom Pontius zum Pilatus. Pontius /
    War weggereist. Pilatus war im Bad."
    Brecht, Ui

    Mehr

  8. #8
    Longshanks Guest
    Hallo Kajn,

    ausgehend davon, dass wir alle nicht in einem Elfenbeinturm leben, wieso gerade Politik? MAn könnte ganz genauso sagen: Gibts Dcihtung frei von Sex, Drugs and Rock 'n Roll, Aldi, Becks oder was auch immer.

    Selbst wenn sich die Frage beantworten lässt, so what?

    Gruß

    Longshanks

  9. #9
    ReinART Guest
    ein interessantes Thema, in das der Kleine Prinz ja auch vor einiger Zeit mit seinem Werk, dessen Titel ich nicht mehr weiß, weil es so viele rechtslastige Interpretationsmöglickeiten gab, und ich es gerne vergaß, involviert wurde. Lyrik kann so schön sein
    Aus Wikipedia:Der Begriff Politik wird aus dem griechischen Begriff Polis für Stadt oder Gemeinschaft abgeleitet. Er bezeichnet ganz allgemein ein vorausberechnendes, innerhalb der Gesellschaft auf ein bestimmtes Ziel gerichtetes Verhalten. Hauptsächlich wird mit diesem Begriff die Gestaltung der Ordnung in der Welt bezeichnet. Allerdings gibt es letztlich bis heute keine Einigkeit darüber, ob Macht, Konflikt, Herrschaft, Ordnung oder Friede die Hauptkategorie von Politik ausmachen.
    Ich bin kein Lateiner und habe mir diese Definition bei Wikipedia kopiert.
    Für mich war vorher schon klar, dass man bei der Beantwortung dieser Frage, eigentlich vom Menschen ausgehen muß, einem seiner selbst bewußten Wesen. Tiere sind weitestgehend unpolitisch, denke ich. Pflanzen auch, trotz unterschiedlicher Farben wie rot, grün auch schwarz etc.
    Ich gehe von meiner Sicht aus und finde sie, zumindest was meine Interpretation angeht, in dem Wiki Text wieder.
    Jeder einzelene Gedanke eines Menschen nimmt Einfluß auf die gesamte Menscheit. Da gibt es sogar eine Untersuchung über die morphogenetischen Felder von Sheldrake.
    Wenn wir alle nur an den Mond denken würden , dann wäre Politik, die sich eines anderen Inhaltes verschreiben würde, zum Scheitern verurteilt.
    Nun denken wir Menschen in einem breiten Spektrum und in dieses Spektrum gehören auch "unpolitische"Dichter. Auch diese beeinflussen das Denken der Anderen. ...
    Lange Rede kurzer Sinn: Es geht um Macht . Wenn wir kein Öl bräuchten, würden viele Kriege nicht stattgefunden haben. Wenn wir alle "unplolitisch" wären und keinerlei materielle Bedürfnisse hätten, gebe es die Formen der Politik, wie wir sie heute erleben gar nicht.Wir alle tragen, egal wie, zu dem Denken und Fühlen dieses gesellschaftlichen Gesamtköroers bei und entsprechend gestaltet sich die Politik. Somit gibt es keine unpolitischen Gedichte. Auch in der Lyrik und Prosa etc. spiegelt sich das Gesamte wieder und umgekehrt.
    Nunja- vielleicht versteht irgendwer, was ich meine
    Alles Gute
    reinhard

  10. #10
    Longshanks Guest
    @ niwlam

    Wieso hat die Frage nach der Politik mehr Berechtigung als z.B. nach Musik oder Sex? Oder nimm Atmung, Mobilität etc.

    Ich kann in jeder abstrakten Zeichnung auf die Frage was siehst du da auch sagen, ein weibliches Becken. Und wennschon.

    Egal ob nun Politik oder keine in Gedichten ist. Das ist für mich des Kaisers neue Kleider.

    in diesem Sinne verabschiede ich mich hier aus dem Thread und lass kluge Köpfe sich dieselben zerbrechen. Vielleicht kommt am Schluss eine Prozentangabe raus, dass jedes Gedicht soundsoviel Politik enthält.

    Gruß

    Longshanks

  11. #11
    Registriert seit
    Dec 2004
    Ort
    Narrennest Nod
    Beiträge
    1.607
    Krek-krek,

    hm, unscharf formuliert... Soweit ich das verstehe, wird mein Anliegen als unscharf betrachtet, weil ich hier eine rein parteipolitische Komponente von Politik hätte meinen können. Aber ganz ehrlich, werde ich hier für so deppert gehalten, dass ich hier versuchen wollte, einen Nachweis zu liefern, dass Goethe ein Parteiprogramm für die SPD, Heine eins für die PDS und Mörike eins für die CDU geschrieben hat? Na schönen Dank auch. Ausserdem hätte ich gedacht, dass man mir die Unterscheidung zwischen Behauptung und "Argumentiere jetzt gleich fundiert" zutraut.

    Nein, ich meinte politisch, ganz klar politisch und an den Antworten sehe ich auch ganz klar, dass der Begriff so verstanden wird, wie man ihn auch nur meinen kann. Eine philologische Debatte wollte ich hier nicht lostreten, ich wollte eine möglichst pluralistische Diskussion anregen und - vielen Dank, Prediger, für dein Einschreiten - das soll auch gemeinsam geschehen.

    [Zwischenbemerkung] Florestan, ich habe deinen Essay zum Eskapismus gelesen. Wat meinste, wie mein Herz höher schlug? Ich bin nur leider noch nicht dazu gekommen, dir dort zu antworten. Die dir dort vorgeworfene - ich sag mal Unschärfe - halte ich für unwesentlich, aber dazu später irgendwann mal dort. Wäre vielleicht ganz gut, hier erst einmal diese Frage zu klären Auf Gottes Beweise bin ich ja auch gespannt.[/Zwischenbemerkung]

    Kennen Tiere Politik? Das sollte sicher andernorts diskutiert werden. Aber es erinnerte mich an Gottschedts "Versuch einer critischen Dichtkunst vor die Deutschen", wo er erklärt, dass sich der Mensch das Singen von Vögeln abgeguckt haben sollen. Warum singen Vögel? Klar, weil sie vögeln wollen.
    Warum schreiben Dichter Lieder? Gut, ich kann natürlich nur für mich sprechen, dennoch behaupte ich, dass zumindest bei uns männlichen Dichtern der Vogel immer mitsingt. Beweisen kann ich das natürlich nicht...lasse ich das also als Behauptung hier stehen.
    Worum geht es dem Vogel? Triebhaft geht es ihm um eine genetische Vormachtsstellung*.
    Eine interessante Parallele gibt es nun beim Menschen. Bei der Frage, wie menschliche Intelligenz entstanden sei, gibt es folgende anthropologische These, die mir einleuchtet: Die Männchen prahlten vor den Weibchen in aller Regel durch Muskelspiele. Wäre das so weiter gegangen, sollte klar sein, wo das hingeführt hätte...
    Dagegen gabs dann einige schmächtige Kerle, die auch poppen wollten. Da mussten sie sich was einfallen lassen, um den Weibchen aufzufallen. So also kam dann irgendwann der erste Homo Erectus oder weiß der Geier was, auf die Idee, Späße zu machen, Melodien zu trällern, sprich, der erste Lyriker war geboren.

    Dies ist jetzt eine Seite, um an das Thema heranzugehen. Inspiriert wurde ich hierzu von Prediger, Longshank und ReinArt. Jedoch möchte ich anmerken, dass ich Sex, Drugs and Rock'n'Roll lediglich für ein Politisches Statement halte, dass nicht allein diesen Komplex abhandeln kann, aber....nur mal schon soviel: Eigentlich war dieser Satz ja als Lebensgefühl gemeint

    liebe Grüße
    Kajn



    *Für die Philologen: Eine bewußte hyperbolische Wortwahl, um die politische Dimension deutlich zu machen.
    Geändert von Kajn Kokosknusper (29.06.2009 um 00:52 Uhr)
    wer deutsche versbrecher findet, darf sie behalten
    oder: warum mein rechtschreibprogramm dem genitiv sein toast iszt...

    "Ein Lyriker, der glaubt, unabhängige Kunst zu schaffen, ist ein Narr, aber ein Mensch, der nicht fähig ist, seine Erfahrungen auf ein anderes Niveau zu abstrahieren, ist kein Künstler."

  12. #12
    Registriert seit
    Dec 2004
    Ort
    Narrennest Nod
    Beiträge
    1.607
    Krek-krek,

    sicher, Prediger, diese Ansicht lehne ich nicht ab. Hier sind wir schließlich beim interessanten Punkt. Die Sehnsucht des Menschen, Teil einer Gesellschaft zu sein. Es ist doch genau das, weshalb wir, wie horstgrosse2 meinte, "senden".

    liebe Grüße
    Kajn

    PS.: Ich hoffe, Du hast nicht verschlafen
    wer deutsche versbrecher findet, darf sie behalten
    oder: warum mein rechtschreibprogramm dem genitiv sein toast iszt...

    "Ein Lyriker, der glaubt, unabhängige Kunst zu schaffen, ist ein Narr, aber ein Mensch, der nicht fähig ist, seine Erfahrungen auf ein anderes Niveau zu abstrahieren, ist kein Künstler."

  13. #13
    Registriert seit
    Nov 2006
    Ort
    Daheim
    Beiträge
    209
    Um mal zum Thema zurückzukommen: klar, schon Kinderabzählverse grenzen aus, schließen ein: ausgezählte müssen raus, der Rest bleibt drin. Wer ist besser dran? Natürlich ist der Mensch immer ein gesellschaftliches Wesen, natürlich ist auch das private politisch. Und da wird es unsinnig: wenn alles, was der Mensch macht, politisch wäre, gäbe es auch ausschließlich politische Malerei, Musik, Prosa, wäre jedes Gespräch politisch. Das ist aber Quatsch, da es überaus private Gebiete gibt, isolierte Biotope, aus denen nichts zurückfliesst in die Polis. Das erinnert mich an Beuys, jeder ist ein Künstler. Das stimmt dann auch und ist belanglos: wenn alles Kunst ist, ist nichts mehr Kunst. Ohne Berge keine Täler meint: wenn ein Leser ein Gedicht nicht politisch gemünzt lesen möchte, dann ist es nicht politisch. Gedichte sind schließlich nicht das, was der Schreibende schreibt, sondern das, was der Lesende liest. Sonst wären es Gebrauchsanweisungen, Handreichungen. Insofern ist die Frage arrogant, als sie dem Dichtenden die Deutungshoheit über sein Werk überlassen möchte.
    Um erneut auf das Thema zurückzukommen: Weder sowohl als auch noch. Den Rest regelt der Markt.
    Ich darf das.

  14. #14
    Registriert seit
    Dec 2004
    Ort
    Narrennest Nod
    Beiträge
    1.607
    Vielleicht nochmal ein Hinweis. Die Frage lautet nicht, ist Dichtung immer politisch gemeint und deshalb als solche zu verstehen?...Die Frage lautete: Gibt es unpolitische Dichtung?

    Ich gebe dir da im Übrigen vollkommen recht:
    Gedichte sind schließlich nicht das, was der Schreibende schreibt, sondern das, was der Lesende liest.
    Das ist auch meine Maxime beim Schreiben und bei der Rezeption von Texten.

    Natürlich ist der Mensch immer ein gesellschaftliches Wesen, natürlich ist auch das private politisch. Und da wird es unsinnig: wenn alles, was der Mensch macht, politisch wäre, gäbe es auch ausschließlich politische Malerei, Musik, Prosa, wäre jedes Gespräch politisch. Das ist aber Quatsch, da es überaus private Gebiete gibt, isolierte Biotope, aus denen nichts zurückfliesst in die Polis. Das erinnert mich an Beuys, jeder ist ein Künstler. Das stimmt dann auch und ist belanglos: wenn alles Kunst ist, ist nichts mehr Kunst.
    Diese Passage verstehe ich nicht. Kannst Du mir das genauer erklären.

    liebe Grüße
    Kajn
    wer deutsche versbrecher findet, darf sie behalten
    oder: warum mein rechtschreibprogramm dem genitiv sein toast iszt...

    "Ein Lyriker, der glaubt, unabhängige Kunst zu schaffen, ist ein Narr, aber ein Mensch, der nicht fähig ist, seine Erfahrungen auf ein anderes Niveau zu abstrahieren, ist kein Künstler."

  15. #15
    Registriert seit
    Nov 2006
    Ort
    Daheim
    Beiträge
    209
    Gerne: der Mensch ist immer eingebunden in ein Netzwerk aus menschlichen Aktivitäten, so wie die Biene oder die Ameise. Das macht ihn aber keinesfalls zum ausschließlich politisch handelnden Wesen, er wird immer ein klein wenig vom Überfluss für sich selber behalten. Wenn man jetzt auch dies zum politischen Handeln erklären wollte, würde nichts mehr übrigbleiben von einer Idee des Menschen als autonomem Individuum, das seine Reflektionen nicht nur einer Gesellschaftigkeit schuldet, die ihn zum Rädchen im Getriebe erklärt. Das heißt, dass ein Einzelner, der sich nicht politisch erklärt und sich aus dem Zusammenhang entfernt, als Einziger zu verstehen wäre, ohne Netzverbindungen in eine imaginierte Gesellschaft. Oder: wenn alles ein Ding ist, ist alles kein Ding oder: jeder Jeck ist anders oder: die Fragestellung ist ebenso Banane wie jede Antwort. Krek Krek
    Ich darf das.

Seite 1 von 3 123 Letzte

Was dich vielleicht auch interessieren könnte:

  1. Weil es gibt, was es gibt
    Von Volker LL im Forum Humor, Satire und Rätselhaftes
    Antworten: 6
    Letzter Beitrag: 18.08.2019, 16:35
  2. Dichtung
    Von Walther im Forum Minimallyrik
    Antworten: 1
    Letzter Beitrag: 08.09.2017, 18:03
  3. die dichtung
    Von hawemundt im Forum Hoffnung und Fröhliches
    Antworten: 0
    Letzter Beitrag: 22.09.2013, 11:57
  4. Die Dichtung
    Von Jasper Tautorus im Forum Humor, Satire und Rätselhaftes
    Antworten: 0
    Letzter Beitrag: 29.04.2013, 12:57
  5. Dichtung
    Von Volker LL im Forum Humor, Satire und Rätselhaftes
    Antworten: 4
    Letzter Beitrag: 10.05.2008, 12:57

Berechtigungen

  • Neue Themen erstellen: Nein
  • Themen beantworten: Nein
  • Anhänge hochladen: Nein
  • Beiträge bearbeiten: Nein
  •  

Anmelden

Anmelden