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    Über die alten Brücken

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    Über die alten Brücken

    Er tritt an das Fenster und achtet
    auf jedes verzerrte Gesicht,
    er wartet und wägt und betrachtet -
    und lächelnd tritt er ins Licht.

    Genüsslich saugt er ihr Schweigen
    so tief in die Seele ein
    und möchte sie alle beugen
    sein schlachtendes Volk zu sein.

    Er steht mit erhobenen Händen
    und alles dort unten ist still.
    Er kann sie gleich Zauber binden,
    weil er sie binden will:
    .
    .

    Über die alten Brücken
    hinein in das tiefe Land
    wollen wir Boten schicken
    in prächtigem Seidengewand.

    Sie sollen die Worte bringen
    vom Krieg und dem Heere groß
    und sollen auch warnend singen
    vom Tod und von Knechtes Los.

    Über die Jubelbrücken
    hinein in das nahe Land
    wollen wir Falken schicken
    mit ernster und mahnender Hand.

    Und bringen sie keine Kunde
    von Treue zu unserem Thron,
    dann töten in hellster Stunde
    wir Tochter und Frau und den Sohn.

    Und kommen dann Männer, Väter
    im Schwur und bereit zum Tod,
    dann brechen sie freudig später
    erneut mit den Ihren das Brot.

    Es finden sich keine Gerechten,
    denn unser sind allzuviel,
    in Worten und in Gefechten
    treiben wir unser Spiel.

    Hinein in die leeren Lande
    schicken wir unsere Flut
    und geben dem Seidengewande
    ein Zeichen von unserem Blut.
    .
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    Und als er geendet sein Brüllen
    und Wüten - und Flüstern auch -,
    da legt sich um ihren Willen
    ein rötlich schimmernder Rauch.

    Die Schreie der Freude steigen
    wie Messer hoch zu ihm auf,
    Gedanken wie Stiche neigen
    sich alle zu einem Lauf.

    Sie sind noch im Klange versunken,
    als er sein Lied gekläfft,
    und taub sind sie, blind und trunken
    von seinem Wintergift.

    Er kann sie wie einen lenken,
    sein Auge ist rauschend und kühl,
    ihr gleichgeschmolzenes Denken
    jubelt ihm überviel.

    Hat jemals ein Gott diese Seelen
    zu höherem Himmel geführt
    und jenes schwach-niedere Fühlen
    in reinerem Klange berührt?

    Sie wählen, was sie verdienen
    und gehen den eigenen Pfad.
    Der Eine ist ihnen erschienen
    und bindet sie auf sein Rad.

    Doch spannt jener Stern sein Leuchten
    um einen Kern aus Nacht.
    Er zieht aus dem Unerreichten
    seine verheißende Macht.

    Ein Buckliger ist er, ein Henker,
    der noch kein Beil gestemmt,
    ein Jedem-und-Alles-Schenker,
    vor dem sich die Erde krümmt.

    Im Lande der alten Brücken
    wütet ein dunkler Geist,
    er wird seine Kinder schicken,
    während er lauernd kreist.
    .
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    Geändert von Wegesanfang (26.07.2009 um 13:54 Uhr)

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