Thema: Dies Irae

  1. #1
    Registriert seit
    Jul 2004
    Ort
    Bielefeld
    Beiträge
    373

    Dies Irae

    Dies Irae


    Wenn der Verdammten Seelen fluchend wieder auferstehen
    und Racheengel zornig durch den schwarzen Himmel schweben,
    wenn Gotteskinder angsterfüllt um Jesu Gnade flehen,
    versiegt der Strom der Sünde mit der letzten Menschen Leben.

    Der alte Drache steigt dann in den schwarzen Himmel auf;
    sein Feuerschweif zerstört die Sterne in der letzten Nacht.
    Verändert werden soll des prophezeiten Schicksals Lauf
    Der Höllen Meister reitet lachend zur Entscheidungsschlacht.

    Zu Luzifers Dämonenheer aus gottverdammten Seelen.
    Die Teufelsbrut wird aufersteh'n an diesem letzten Tage.
    Der Antichrist versucht nochmal den Gottesthron zu stehlen.
    zerbrochen liegt am Boden schon die alte Richterwaage.

    Doch Gottes Zorn vernichtet sie mit Napalmhimmelsfeuern
    und wirft den Teufel in den Pfuhl aus tausend Schwefelflammen.
    Dort wartet sein Prophet auf ihn, das Bündnis zu erneuern.
    Das schwarze Tier brennt lichterloh mit beiden dort zusammen.

    Dann hält der Herr das Strafgericht und liest aus Lebensbüchern.
    Die Toten sie versammeln sich aus Gräbern, Meer und Hölle.
    Kadaver stinken widerlich, verfault in Leichentüchern.
    und Löwen, sie erbrechen sie, wie Eulen das Gewölle.

    Die Frommen sind die Seeligen, die andern müssen brennen.
    Die Qualen währen ewiglich im Pfuhl aus Schwefelflammen.
    Es dauert eine Ewigkeit das Gut' vom Bös' zu trennen.
    Denn wer nach dieser Rache schreit ist selber zu verdammen.
    Geändert von demon17 (07.08.2009 um 16:38 Uhr)
    O ein Gott ist der Mensch, wenn er träumt, ein Bettler, wenn er nachdenkt, und wenn die Begeisterung hin ist, steht er da wie ein missratener Sohn, den der Vater aus dem Hause stieß, und betrachtet die ärmlichen Pfennige, die ihm das Mitleid auf den Weg gab.
    Friedrich Hölderlin

    Dead Poems
    Höllenlyrik

  2. #2
    Registriert seit
    Jan 2008
    Beiträge
    161
    Hallo, demon17 -

    da läuft es mir kalt den Buckel runter.
    Faszinierend.
    Vor allem die guten Reime gefallen mir.

    Herzlich
    Klabauter

  3. #3
    Longshanks Guest
    Hallo Demon17,

    das rockt, diese Adaption des klassischen Liedes. Diese Langzeilen sind gewöhnungsbedürftig, teilweise habe ich das Gefühl von "Überlänge" wenn

    Racheengel tobend durch den schwarzen Himmel schweben
    da ist das "Tobend" und "schwarz" einen Tick gedoppelt, zum einen wegen des Titels, dem Tag des jüngsten Gerichts "Himmel udn Erde werden sich spalten etc" da ist der Himmel vermutlich nicht mehr blau, und dass Racheengel nicht freundlich sind, ergibt sich zwanglos aus dem Namen. Ob sie "toben" ist dann die zweite Frage. "zürnend" würde mir hier z.B. mehr gefallen.

    Und so könnte ich weiter durch das Gedicht und mal an dem einen und mal an dem anderen Adjektiv zupfen. Das ist das PRoblem an so epischen Zeilen, das eine oder andere Wort kriegt da "Füllselgeschmack". Aber insgesamt finde ich es doch sehr beeindruckend.

    Das einzige, was mich wirklich stört ist "Napalm". Zu modern, zu technisch.
    Gruß

    Longshanks

  4. #4
    Registriert seit
    Jul 2004
    Ort
    Bielefeld
    Beiträge
    373
    Hallo Ihr Beiden,

    vielen dank für die netten Kommentare.

    Was das tobend angeht, das ist wirklich etwas übertrieben. Ich habe es in zornig geändert. Bei dem Napalm scheiden sich die Geister ein bisschen. Du bist schon der Zweite den das stört Longshanks. Aber Schwefel und Hölle fallen ja nun einmal flach und heisse Himmelsfeuer sind ein bisschen schlapp. Also ich denke da nochnal in Ruhe drüber nach, weil irgendwie musste ich an einen Verstoß gegen die Genfer Konvention denken, als ich die Stelle in der Offenbarung des Johannes las, wo Gott die Leute die zu Gog und Magog beten aus der Luft auslöscht. Insofern hat es schon eine tiefere Bedeutung, die sich allerdings nicht unbedingt aufdrängt.

    Liebe Grüße

    demon17
    O ein Gott ist der Mensch, wenn er träumt, ein Bettler, wenn er nachdenkt, und wenn die Begeisterung hin ist, steht er da wie ein missratener Sohn, den der Vater aus dem Hause stieß, und betrachtet die ärmlichen Pfennige, die ihm das Mitleid auf den Weg gab.
    Friedrich Hölderlin

    Dead Poems
    Höllenlyrik

  5. #5
    Registriert seit
    Dec 2008
    Beiträge
    141
    Hallo Demon 17,

    ich bin auch, wie meine Vorredner, sehr beeindruckt von deinem Werk, der Kampf der Giganten in der alles entscheidenen Schlacht.

    Die erste Stropfe liest sich für mich, wie die Weissagungen eines amerikanischen Indiandervolkes: erst wenn der letzte Baum gefällt, der letzte Fisch gefangen....
    (in der zweiten Zeile dort ist dir wohl ein kleiner Typo unterlaufen, zornig müsste es heißen)
    Für besonders wertvoll halte ich die allerletzte Zeile.


    Gruß Hanno

  6. #6
    Registriert seit
    Jul 2004
    Ort
    Bielefeld
    Beiträge
    373
    Hallo Hanno,

    vielen Dank für deinen netten Kommentar. Es ist auch ein starkes Stück Mythologie, was da in der Bibel steht. Wenn man bedenkt, das da viele der Mythen und religiösen Ideen welche die frühen Hochkulturen im nahen Osten über Jahrtausende entwickelten in die Bibel eingeflossen sind und nun seit 2000 Jahren überliefert werden, so ist das schon ein einmaliger Glücksfall in der Geschichte.

    Liebe Grüße

    Demon17
    O ein Gott ist der Mensch, wenn er träumt, ein Bettler, wenn er nachdenkt, und wenn die Begeisterung hin ist, steht er da wie ein missratener Sohn, den der Vater aus dem Hause stieß, und betrachtet die ärmlichen Pfennige, die ihm das Mitleid auf den Weg gab.
    Friedrich Hölderlin

    Dead Poems
    Höllenlyrik

  7. #7
    Registriert seit
    Dec 2004
    Ort
    Narrennest Nod
    Beiträge
    1.607
    Krek-krek,

    Napalm halte ich noch für das Spektakulärste am Text, ansonsten beweist mir der Autor zwar, dass er viel in der Offenbahrung des Johannes und Werke wie Paradise Lost und Ähnliches gelesen hat, da ich aber Ähnliches in meiner Jugend tat und dementsprechend mal Ähnliches zu Papier brachte - nur das bei mir nie der Himmel am Ende siegte - kann mich der vorliegende Text gerade deshalb nicht von den Socken reißen. Da stehen in einer reinen Verknappung der apokalyptischen Story die typischen Floskeln, die schon diverse Kirchenväter durchexerziert haben.

    Hm?!, na Hanno Urban machte noch auf etwas aufmerksam:
    Denn wer nach dieser Rache schreit ist selber zu verdammen.
    Ist das jetzt wenigstens kritisch zu lesen, oder tatsächlich noch so ein Haudrauf auf Heiden wie meinereiner?

    liebe Grüße
    Kajn
    wer deutsche versbrecher findet, darf sie behalten
    oder: warum mein rechtschreibprogramm dem genitiv sein toast iszt...

    "Ein Lyriker, der glaubt, unabhängige Kunst zu schaffen, ist ein Narr, aber ein Mensch, der nicht fähig ist, seine Erfahrungen auf ein anderes Niveau zu abstrahieren, ist kein Künstler."

  8. #8
    Registriert seit
    Jul 2004
    Ort
    Bielefeld
    Beiträge
    373
    Hallo Kajn,

    ich weiß ja nicht ob Du schon mal den echten Dies Irae der Kirchenliturgie gelesen hast. Er handelt ausschließlich von der Furcht der Gläubigen vor dem Jüngsten Gericht. Das war mir zu schlapp. Sicher Du hast recht, als Vorlage dient die Offenbarung des Johannes, doch das ist halt Prosa. Ich bin mir allerdings nicht sicher ob Dir der Unterschied zwischen Prosa und Lyrik bewusst ist, nachdem ich eines Deiner Werke las.

    Liebe Grüße

    demon17
    O ein Gott ist der Mensch, wenn er träumt, ein Bettler, wenn er nachdenkt, und wenn die Begeisterung hin ist, steht er da wie ein missratener Sohn, den der Vater aus dem Hause stieß, und betrachtet die ärmlichen Pfennige, die ihm das Mitleid auf den Weg gab.
    Friedrich Hölderlin

    Dead Poems
    Höllenlyrik

  9. #9
    Registriert seit
    Dec 2004
    Ort
    Narrennest Nod
    Beiträge
    1.607
    Krek-krek,

    zumindest ist mir bewusst, dass Du die Begriffe Prosa und Lyrik unscharf gegenüberstellst.

    Aus deinem Kommentar erkenne ich, dass dir an Kritik nicht gelegen ist, und so darf ich mutmaßen, dass dies tatsächlich ein evangelikal-dogmatischer Text ist und wir Heiden uns vor dem Autor in Acht nehmen sollten.

    naja, trotzdem liebe Grüße
    Kajn
    wer deutsche versbrecher findet, darf sie behalten
    oder: warum mein rechtschreibprogramm dem genitiv sein toast iszt...

    "Ein Lyriker, der glaubt, unabhängige Kunst zu schaffen, ist ein Narr, aber ein Mensch, der nicht fähig ist, seine Erfahrungen auf ein anderes Niveau zu abstrahieren, ist kein Künstler."

  10. #10
    Registriert seit
    Jul 2004
    Ort
    Bielefeld
    Beiträge
    373
    Hallo Kajn,

    irgendwie bringt mich die Information, dass Du füher Ähnliches geschrieben hast nicht weiter. Das einzige, was ich aus Deiner Kritik herauslesen kann ist, dass es mir gelungen ist das Gedicht theologisch ambivalent zu halten. Dies lag in meiner Absicht. Deswegen verzeih mir meine ausweichende Antwort. Nachdem ich ein bis zwei weitere Werke von Dir las, bin ich mir aber sicher, dass Du den Unterschied zwischen Lyrik und Prosa kennst. Für die Unschärfe des Vergleichs kann ich doch auch nichts. Daran sind die letzten hundert Jahre schuld ... aber was sind schon hundert Jahre in Entwicklung der europäischen Lyrik?

    Liebe Grüße

    demon17
    O ein Gott ist der Mensch, wenn er träumt, ein Bettler, wenn er nachdenkt, und wenn die Begeisterung hin ist, steht er da wie ein missratener Sohn, den der Vater aus dem Hause stieß, und betrachtet die ärmlichen Pfennige, die ihm das Mitleid auf den Weg gab.
    Friedrich Hölderlin

    Dead Poems
    Höllenlyrik

Was dich vielleicht auch interessieren könnte:

  1. Dies irae oder Mozarts Wahnsinn
    Von Fero63 im Forum Trauer und Düsteres
    Antworten: 3
    Letzter Beitrag: 13.09.2010, 17:50
  2. par@dies
    Von rekar im Forum Liebe und Romantik
    Antworten: 0
    Letzter Beitrag: 28.09.2008, 04:21
  3. Dies Irae
    Von yarasa im Forum Trauer und Düsteres
    Antworten: 4
    Letzter Beitrag: 04.03.2008, 10:20
  4. dies und das ....
    Von zluschy im Forum Diverse
    Antworten: 0
    Letzter Beitrag: 05.05.2007, 19:30
  5. Dies und Das
    Von Pen im Forum Trauer und Düsteres
    Antworten: 8
    Letzter Beitrag: 11.04.2005, 09:05

Berechtigungen

  • Neue Themen erstellen: Nein
  • Themen beantworten: Nein
  • Anhänge hochladen: Nein
  • Beiträge bearbeiten: Nein
  •  

Anmelden

Anmelden