Thema: Das Projekt.

  1. #1
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    Das Projekt.

    (Eine Geschichte in drei Teilen)


    Das Projekt.

    Ob es wohl möglich sein würde, alle Variationen eines Fußballspieles zu berechnen?
    Genau von dieser Idee war ein jahrzehntelanger Fußballfan, am Stammtisch Kai genannt, schon seit langem besessen.
    Er war seit zwei Jahren pensioniert, besaß einen Pc und hatte sich schon immer mehr oder weniger mit Mathematik beschäftigt.
    Seine Stammtischkumpels hatten Wind davon bekommen und so kam eines Abends auch sein Vorhaben zur Sprache.
    Erich, der mit Mathematik nicht viel am Hut hatte, frug ihn:
    "Stimmt es, was ich gehört habe? Du willst alle Möglichkeiten eines Fußballspiels berechnen? Wie muß man das verstehen; die Ergebnisse oder was?"
    "Nein, nicht die Ergebnisse, da gäbe es ja nicht allzu viele. Ich möchte alle möglichen Positionen und Abläufe, die bei dem Spiel passieren, berechnen."
    "Wie, du meinst also..."
    "Genau, wie ich´s gesagt habe. Also den gesamten Bewegungsablauf eines Spiels. Und wieviele Möglichkeiten es dafür gibt."
    Erich schaute ihn erstaunt und ungläubig an:
    "Aber das kann man doch gar nicht berechnen. Da gibt es doch unendlich viele Möglichkeiten."
    Kai hob bedeutungsvoll die Hand:
    "Ich denke nicht. Klar, es ist eine wahnsinnig hohe Anzahl, die möglicherweise an die Grenze des Unendlichen kommt. Diese Zahl möchte ich berechnen".
    "Das geht doch gar nicht. Wie willst du das anstellen?"
    Kai begann zu erklären, daß er ungefähr 150 Fußballspiele auf Video und Disc besäße, um sie zu analysieren. Daß er natürlich seinen Pc für die Berechnungen brauchen würde. Zu Anfang würde er das Fußbaldfeld gittern. Er sprach auch von einem teuren Programm, das er sich bei einer bekannten Software-Firma habe anfertigen lassen.
    "Sagen wir mal ich gittere in 4-qm-Felder. Dann wird zunächst einmal ein typisches Feld herausgesucht. Was darin passiert wird beobachtet, gespeichert und so weiter und wird dann zum Schluß nach allen möglichen Kriterien hochgerechnet."
    Weitere einzelne Felder sollten dann in Folge dazukommen.
    "Sollte es funktionieren, so wäre das erst der Anfang. Stellt euch die Grundlage für diese Anfangsberechnung sozusagen nur als Fläche vor, auf der sich Punkte bewegen."
    Ungläubiges Grinsen machte sich in der Runde breit. Kai fuhr fort:
    "Später möchte ich dann Schritt für Schritt weitere Parameter hinzufügen. Arm- u. Beinbewegungen, Frisuren, Gesichtsausdrücke... Die Zahl wird dann dem Unendlichen immer näher kommen".
    Einer in der Runde konnte sich das Lachen nicht mehr verkneifen und prustete los:
    "Na dann viel Glück. Wir sind alle gespannt."
    Kai verriet ihnen nicht, daß es ihm insgeheim in nicht geringem Maße auch darum ging, in´s Guinness-Buch der Rekorde zu kommen...

    (Teil 2 und Teil 3 folgen jeweils im Abstand von 2 Tagen)

  2. #2
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    So endete Teil 1:

    "Na dann viel Glück. Wir sind alle gespannt."
    Kai verriet ihnen nicht, daß es ihm insgeheim in nicht geringem Maße auch darum ging, in´s Guinness-Buch der Rekorde zu kommen...



    Teil 2:

    Nach über drei Jahren sah man Kai mal wieder am Stammtisch. Er sah irgendwie übernächtigt aus. Hatte er am Tag zuvor ordentlich gebechert, fragten sich wohl die meisten.
    Er wurde mit großem Hallo begrüßt und einer sprudelte gleich mit der Frage heraus:
    "Wie siehts aus? Schon alle Fußballspiele berechnet?"
    Kai verzog ein bißchen das Gesicht:
    "Ja, ziemlich weit bin ich schon. Aber es wird immer schwieriger! Ne Menge Zeugs habe ich mir schon gekauft, Festplatten, Speicher, alles. Interessant ist es schon, aber auch anstrengend."
    Erich, der eigentlich nie einen Stammtisch versäumte, brachte es nun auf den Punkt:
    "Wieviele Möglichkeiten gibts denn bisher?" Dabei machte sich eine Mischung aus Neugier und hämischem Grinsen auf seinem Gesicht breit.
    Kai zog einen Zettel aus der Tasche:
    "Ich habe hier die Zahl. Es sind bis jetzt über hunderttausend Quadrillionen..."
    Schlagartig herrschte Ruhe in der Runde.
    Ein Neuer am Ende des Tisches meldete sich:
    "Hab ich mir gedacht. Genau meine Schätzung". Ironisch natürlich, dennoch eine überflüssige Bemerkung; jeder empfand das so.
    Kai wußte, dass niemand eine Vorstellung von der eben genannten Zahl hatte. Er erklärte deshalb:
    "Hunderttausend Quadrillionen, das ist eine Eins mit 29 Nullen. Die genaue Zahl geht natürlich darüber hinaus. Momentan habe ich als letzte Ziffer eine Eins. Da hat mal ein Torwart seine Mütze weggeworfen. Aber die Zahlen gehen immer weiter. Mir fehlt noch so viel: Trikotfarben, heruntergerutschte Kniestrümpfe, gelbe und sogar rote Karten..."
    Unterdrückte Heiterkeit und auch lautes Lachen machte sich am Tisch breit.
    "Mach einfach weiter!" rief ihm einer zu. Kai steckte den Zettel wieder in die Tasche und begann mit seinem Nebensitzer ein Gespräch über Kartoffelsorten.
    Auch bei den anderen versandete das Thema allmählich. Sie wollten Kai nicht provozieren.
    Am Ende dieses Stammtischs verabschiedete man sich wie immer freundschaftlich und herzlich.
    Horst, genannt Hotte, sah Kai beim Abschied mit Handschlag fest in die Augen und sagte:
    "Gib nicht auf, Junge!"
    Kai hielt es hernach für möglich, das Hotte dies ironisch gemeint haben könnte...



    Teil 3 folgt übermorgen.

  3. #3
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    So endete Teil 2:

    "Gib nicht auf, Junge!"
    Kai hielt es hernach für möglich, das Hotte dies ironisch gemeint haben könnte...


    Teil 3:


    Mit großem Eifer betrieb er sein Projekt weiter. Er legte sich nach Bedarf weitere Hard- und auch Software zu und scheute keine Ausgabe.
    An einem Stammtischabend, in dem Kai wie so oft durch Abwesenheit glänzte, war Hotte gerade dabei, die Anwesenden über ein persönliches Zusammentreffen mit Kai zu informieren. Nach längerer Vorrede war sein Bericht zu vernehmen:
    "...daraufhin ist ihm scheints sein Rechner verreckt. Er hat sehr viel gesabbelt. Wenn ich ihn richtig verstanden habe, hat das System festgestellt, dass innerhalb der analysierten Spiele zwei genau gleich waren."
    "Wie gleich? Zweimal das gleiche Spiel berechnet?" Diese Frage kam von Erich, der nie einen Stammtisch versäumte.
    Hotte beeilte sich, diesen Irrtum sofort auszuräumen:
    "Nein, dieser Fehler kam nicht vor. Er hat immer weitergemacht und neue Spiele analysiert. Dann muss eines gekommen sein, das haargenau einem anderen entsprach. Gegen alle Annahmen und mathematischen Wahrscheinlichkeiten. Das hat der Rechner nicht vertragen. Danach: ZACK! Alles zappenduster. Anscheinend hat er dann ungefähr 60 Prozent aller Berechnungen gerettet oder wiederhergestellt."
    Eine rege Diskussion entstand in der Runde. man hörte Wortfetzen wie: "der spinnt doch"...," ein Quatsch", "was soll der Scheiß"...
    Einer stellte an Hotte eine konkrete Frage:
    "Wieviele Spiele sinds denn jetzt?"
    "Er hats mir gesagt. Die Zahl ist zu kompliziert. Es seien mehr als doppelt so viel, seit er das letzte Mal hier war. Na ja, dann ists eben passiert mit dem identischen Spiel. Leute, lasst ihn doch, der hört schon von selbst auf, wenn er keine Lust mehr dazu hat.", sagte Hotte, der mehr Verständnis für Kai zu haben schien, als jeder andere hier im Lokal.
    Kai schien weiterhin in seinem Projekt ganz aufgegangen zu sein, denn auch die nächsten anderthalb Jahre erschien er nicht zum Stammtisch.
    Eines Tages erhielt Hotte zu seinem größten Erstaunen einen Brief von Kai, in dem er ihn am Ende bat, den Inhalt den anderen Stammtischlern bei der nächsten Zusammenkunft mitzuteilen.
    Der Brief hatte folgenden Wortlaut:
    " Hallo Horst und alle andere!
    Leider bin ich in letzter Zeit nicht dazugekommen, am Stammtisch teilzunehmen. Ihr wißt schon..:mein Projekt. Nach dem Rückschlag, von dem ich Dir erzählt habe, wollte ich schon aufgeben, aber ich dachte: jetzt erst recht. In der Folge riet mir die Anlage, die ich weiterhin um viele Hard- und Software erweitern musste (teuer,teuer), dass ich die einzelnen Gitter bei der Gitterung des Spielfeldes drastisch verkleinern sollte, um bessere und genauere Ergebnisse zu erhalten. Es war schwierig, aber es ist mir gelungen. Momentan stehe ich bei den fünffachen Möglichkeiten, die ich dir damals gesagt habe.
    Grüße an alle.
    Kai
    P.S.: ich hoffe, in absehbarer Zeit mal wieder zu Euch kommen zu können".
    Kai ließ sich nach wie vor nicht blicken, auch nach einem weiteren Jahr nicht.
    Dann erfuhr Hotte von irgendwoher, dass Kai seine Wohnung gewechselt hatte.
    Nach der langen Zeit war in ihm der Entschluß gereift, Kai einfach mal zu besuchen.
    Dem Entschluß folgte die Tat. Er traf Kai natürlich am PC an. Wo auch sonst; es war nichts anderes zu erwarten. Ihm fiel auf, dass er etwas abgemagert war, aber sonst eigentlich recht guter Dinge schien.
    Als Kai sagte:
    " Manchmal kotzt es mich richtig an. Ich weiß nicht, ob ich den Gammel noch lange weiter mache.", dachte Hotte, dass sein Gegenüber dieses Projekt eigentlich schon recht realistisch einschätzen würde. Er antwortete darauf:
    "Dann hör doch auf, wenn es Dir keinen Spaß mehr macht".
    "Ja, mach ich..", war die kurze Antwort darauf.
    Anschließend wurde noch über einige belanglose Dinge geredet.
    Kurz vor Sieben verabschiedete man sich.
    Der Pförtner lächelt freundlich und winkte, als Hotte an ihm vorbeiging.
    Die allgemeine Besuchszeit war nur bis 18 Uhr, jedoch in der Geschlossenen bis 19.30 ...
    Es mussten mit Kai gravierende Dinge passiert sein.

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