1. #1
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    Weihnachtswunder

    Weihnachtswunder

    Verwirrt durchtaumle ich die die vollen Gassen,
    fast blind vom Prunk, der unerträglich ist,
    seh in den lemmingleichen Menschenmassen
    den Lindwurm, dessen Maul sein Schwanzstück frisst.


    Ich schau entsetzt in leere Teiggesichter.
    Sie wanken wachsweich starr und fischweis stumm
    im Fadenschein und Trug der harten Lichter,
    das Antlitz lobotomisch glatt, herum.


    Doch an den Händen nährt ein frohes Hoffen
    ein Lachen, das dies Blendwerk überstrahlt.
    Den Kindern steht das Weihnachtswunder offen,
    für das man als Erwachsener bezahlt.







    Geändert von Gegenwind (10.12.2009 um 22:11 Uhr)
    Mancher sucht den Sinn des Lebens
    Zeit desselben ganz vergebens,
    bis in ihm die Einsicht siegt,
    dass sein Sinn im Suchen liegt.

  2. #2
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    hallo Gegenwind,

    thema und bildsprache sprechen mich an.
    Anmerkungen:
    was ist lobotomisch ( Lob-anatomisch)?
    fischweis-fischweiß? weißwieeinfisch oder fischweise. ich sehe fische in weißen scharen-bleichen scharen---fischbleich!! statt fischweis?
    Sie wanken.....herum/glatt herum oder ..lobotomisch glatt, herum?
    Für das man als Erwachsener bezahlt...holpert am Gaumen....weiß nicht warum....ERWACHSENER..... vielleicht : wofür der große Wurm bezahlt?

    wundersame Weihnacht
    moorvolk

  3. #3
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    Hallo Moorvolk,

    erstmal Danke fürs lesen und Kommentieren.

    Hier ein paar Hinweise:

    ich habe natürlich ein bisschen mit der Sprache gespielt -
    eine Lobotomie ist eine Hirnoperation, bei denen ein Durchtrennen bestimmer Nervenbahnen, meist bei der Behandlung schwerer seelischer Störungen, die Emotionalität und der Antrieb des Patienten beeinträchtigt werden bzw. wurden.
    Das "Wanken" war eine Assoziation, die sich über die Idee des Zombiehaften ergeben hat, das man in dieser Form hirnoperierten zu Recht oder Unrecht andichten kann.

    "fischweis" war schon so Absicht und kein Schreibfehler - ich hab mich da auf "fischweise" (andere Beispiele: naseweis, paarweise) bezogen, das "nach Art der Fische" bedeuten soll.

    Ich gebe zu, dass der "Erwachsene" nach puristischer Sichtweise womöglich ein kleines Problem macht, weil er den Jambus verlässt - betonen müsste man streng genommen:

    für DAS man ALS er WACH se NER bezahlt, wobei hier die letzte Silbe eigentlich keine Hebung kennt. Üblicherweise bemühe ich mich, wo elegant möglich, diese Dinge zu beseitigen, aber ich schreibe ja in natürlicher Sprache und da akzeptiere ich auch schon mal, dass drei- oder vierslibige Worte im Deutschen vom Versmaß abweichen.

    Außerdem hat der letzte Vers die inhaltlich Form einer Quintessenz und soll "ausgleitend" gelesen werden, ähnlich wie bei dem Fade Out eines Pop- oder Rocksongs, damit er in der gedanklichen Wirkung noch nachhallt.

    Ich benutze dieses Stilmittel recht oft, und manchmal ist ein Bruch des Versmaßes an dieser Stelle paradoxerweise genau das richtige Verfahren:

    "für DAS man ALS - ER WACH se ner be ZAHLT"

    Der Vers startet "normal" bis zur Hebung auf dem "ALS" (klitzekleine Sprechpause), Aufschwung zum "ER WACH", Ausgleiten ins dynamisch gelesene: "se ner be", und ein letzter Tusch auf dem betonten "ZAHLT" - und dann ausatmen und reflektieren...

    Ob ein Literaturprofessor mit echter Ahnung von Lyrik das gutheißen würde? Ich weiß es nicht, aber ich finde es angemessen und gut so.
    Allerdings kann man über derlei Fragen der Metrik gerade im Deutschen ausgiebig und heißköpfig streiten...

    LG, Thomas
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  4. #4
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    Hallo Gegenwind,

    leider finde ich an Deinen Zeilen nichts zu kritisieren.
    Dennoch wollte ich dir schreiben, dass es Dir herrlich gelungen ist, die Verbindung zwischen dem Weihnachtseinkaufsglitzerwahn und der eigentlichen Bedeutung der Weihnacht zu schaffen. Den Kindern ein Staunen in die Augen zu zaubern, das ist ein herrliches Gefühl. Leider ist von unsern Weihnachtsgefühlen, welche wir als Kinder hatten nichts oder nur wenig zurückgeblieben, doch Deine Zeilen haben mir zumindest einen kleinen Hauch davon geschenkt.
    Eine Frage hab ich aber dann doch, was verstehst Du unter Teiggesichtern? so blass, so schwammig oder verzerrt?
    Ich hab in der letzten Zeile beim Lesen vor Erwachsener eine Zäsur gemacht, hat sich von Anfang bis Ende flüssig gelesen.

    sehr sehr gern gelesen

    liebe Grüße Susi
    Susi`s Sammlung

    Wie das Wetter ist mein Leben
    viel Regen, wenig Sonnenschein.
    Und all die ungelebten Träume,
    müssen Regenbogen sein.

  5. #5
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    Hallo Susi,

    danke für deine lobenden Worte. Mir war wichtig, in aller Kritik das durchscheinen zu lassen, was Weihnachten immer war und verschüttet noch ist. Es scheint nur so zu sein, als hätten wir "Großen" den intutiven Zugang zum "Geist der Weihnacht" verloren, und dabei schließe ich auch Ungläubige wie mich ein, die aber in der Tradition des Festes als Fest der Liebe aufgewachsen sind.

    Und - es ist noch nicht zu spät, immer noch ein Teil staunendes Kind zu sein, auch wenn das Erwachsenenleben uns mit seinen Sachzwängen verschraubstockt.
    Kritiker sagen ja gerne über z.B. Weihnachten, oder auch Karneval, dass es blödsinnig ist die Menschen auf Knopfdruck zu lieben, oder auf Kommando lustig zu sein, weil man das doch besser das ganze Jahr täte.

    Blöd nur - dass diese Kritiker das Jahr über genau jenes nicht tun und ZUSÄTZLICH im Dezember und Februar die Spaßbremse geben. Klar wäre es besser, Liebe und Frohsinn das ganze Jahr auszuleben, aber der Alltag ist manchmal hart und vieles kommt in dieser Hinsicht leider zu kurz, obwohl es von absolut existentieller Bedeutung ist.
    In finde deshalb, dass man derlei Tage der Besinnung und der Ausgelassenheit braucht - um wieder zu sich zu kommen und sich die wahren Werte wieder vor Augen zu halten. Dabei liegt es dann an jedem selbst, wie weit er diese Gefühle mit in die nächsten Monate nehmen möchte.

    Allerdings - je intensiver ich bewusst zulasse und mich öffne, und je reflektierter ich das tue, desto länger hält die Kraft. Diejenigen, die Weihnachten nur kaufen und essen, und die Karneval nur saufen und sich berauschen, sind hinterher müder, als zuvor...

    Liebe Grüße, Thomas
    Mancher sucht den Sinn des Lebens
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