Christine Bordeaux ist der Künstlername, den die Frau im mitternachtsblauen Kleid trägt, wenn sie anonym Geschichten veröffentlicht. Niemand weiß, wer sie wirklich ist und woher sie kommt, was sie mag und warum sie tut, was sie eben macht. Keiner kennt ihr wahres Gesicht, ihren richtigen Namen, denn sie bleibt nie wirklich lange an einem Ort und wenn doch, dann nur dort, wo das Böse herrscht, wo Verbrechen geschehen und in solchen Gegenden lassen sich gewöhnliche und vertrauenswürdige Gestalten eben nur selten blicken. Sie fotografiert all das Schlechte, auf das sie trifft. Die Kamera ist ihr Auge, ihr Blick. Anhand der geschossenen Fotos erfindet sie Geschichten, meist mit einem gewissen Happy End, um auch dem Sterben und den Schmerzen einen Sinn zu geben. Ihre Bilder sind Kunst und sie hat das Gefühl für den richtigen Ort im richtigen Moment. Hat sie einen Ort zur Gänze entdeckt und seine Leiden dokumentiert, dann lässt sie alles, wo es ist und wandert weiter.

Leise und beruhigend spielt Musik aus den 30ern aus unsichtbaren Boxen. Der Abend ist fortgeschritten, das Fest auf seinem Höhepunkt. Frauen in prunkvollen Kleidern und in auffälligen kurzen schmiegen sich an scheinbare Gentlemen, tanzen mit ihnen auf poliertem Parkett. Getrunken haben viele von ihnen, daher sind die meisten zur Zeit auch fast zu allem bereit.
Der Veranstaltungssaal ist groß, im Barockstil gebaut. Runde Tische und Stühle sind um die Tanzfläche verteilt. Es gibt auch eine kleine Bühne, auf der Frauen gekleidet wie Pin-up-Girls eine erotische Performance zum Besten geben. Einsame Ehefrauen trinken sich halb um den Verstand, verschmähte Männer machen sich an junge Dinger ran. Single Frauen rauben Ehemänner. Christine wartet, sie beobachtet, in ihrer Handtasche schlummert der Fotoapparat, allzeit bereit.
Als eine Frau zur Tür hereingestürmt kommt, spürt sie, es ist soweit. Auf der anderen Seite des Saales flirtet ein älterer Mann mit einer hübschen Blondine. Sie himmelt ihn an. An seinem Finger glänzt ein goldener Ring. Die Frau an der Tür verharrt bei ihrem Anblick. Ihr Gesicht zeigt tausend Emotionen. Ein Fotoapparat knipst. Sie fasst sich, eine Träne verlässt ihr Auge. Enttäuscht und bis ins Tiefste verletzt dreht sie sich um und geht.

Am nächsten Mittag erwacht Christine am Schreibtisch. Ihr dunkles langes Haar ist wirr und verknotet, ihr Gesicht voller Falten, ihr Nacken verspannt. Sie gähnt, streckt sich, geht ins Bad und taucht ihr Gesicht in eiskaltes Wasser. Der Schlaf aus ihren Augen wird vertrieben. Nun ist sie wach. Ein Brief kommt durch den Schlitz in der Tür geflogen und landet vor ihren nackten Füssen. Sie hebt ihn auf. Der Umschlag ist hellblau und in einer wunderschönen Handschrift steht in geschwungenen Lettern Christines Künstlername drauf. Keine Adresse, kein Absender.
Ziemlich geheimnisvoll. Die Frau trottet zur Küche, kocht einen Kaffee, nimmt aus dem einzigen Schrank die einzige Tasse, füllt sie mit der heißen schwarzen Brühe und lässt sich auf eine einsame triste Matratze im Zimmer daneben nieder, legt den Brief vor ihre Füße und starrt ihn an. Nach einer Weile der Stille, die dem Beobachter ewig vorgekommen wäre, unterbrochen durch vorsichtiges Schlürfen, stellte sie die leere Tasse zur Seite, nahm den Brief zur Hand und riss ihn auf.
Ich weiß, wer Sie sind. Ich habe Sie am Pier gesehen und bin Ihnen gefolgt. Doch keine Angst, es liegt mir nicht daran, Sie zu outen oder zu verraten. Ich möchte Ihnen eine Geschichte erzählen, von einem kleinen Mädchen, von dem, was sie erlebte, wogegen sie kämpfe, wie sie schließlich verlor und daran zerbrach. Ich möchte, dass Sie sie kennenlernen. …
Christine las den Brief, vom Anfang, bis zum Schluss, die vollen 16 Seiten. Sie erfuhr, wie das Leben diese unbekannte Frau geprägt und wie es ihr übel mitgespielt hatte. Sie las über ihre Kindheit, wie die Mutter unter den Schlägen des Vaters zusammenbrach und nicht mehr aufwachte, was sie durchgemacht hatte, als der Vater nach dem Tod seiner Frau nicht angeklagt wurde. Damals war sie erst 7 Jahre alt. Dann griff er zum Alkohol und missbrauchte ihren jungen Körper. Mit 14 Jahren floh die Jugendliche von zu Hause. Sie landete auf der Strasse, doch sie kämpfte sich durch. Mit 16 lernte sie einen Mann kennen und verliebte sich in ihn, doch er sah in ihr nur eine williges Mädchen. Er nutzte sie aus, nahm ihr den Stolz, er demütigte sie. Sie setzte sein Haus in Brand und floh. Doch sie war schwanger. Im 7. Monat verlor sie das Kind. Das geschah im Winter. Um über die Runden zu kommen und vielleicht irgendwann richtig leben zu können jobbte sie als Tänzerin in verschiedenen Clubs. Eines Nachts, auf dem Heimweg wurde sie überfallen und brutal zusammengeschlagen. In ihrem Leben ist ihr gar nichts Gutes widerfahren. Nun ist sie 25 Jahre alt und hat die Hoffnung aufgegeben.

«Club «Lost dreams» am Samstag Abend 21 Uhr.
Bringen Sie Ihren Fotoapparat mit.»

Damit endete der Brief.

Gegen 20 Uhr machte sich Christine am Samstag auf den Weg. Sie trug eine enge Jeans und ein unauffälliges, aber figurbetontes Shirt. Ihr Haar hatte sie hochgesteckt und ihre Augen waren dezent geschminkt. Ihre Kamera befand sich wie immer in der kleinen schwarzen Tasche, die von ihrer Schulter baumelte. In einem Taxi fuhr sie zum Club. Den Bodyguards fiel sie nicht weiter auf. Sie winkten sie einfach durch. Drinnen war es schwül und stickig. Verschwitzte Körper rieben sich aneinander. Manche saßen, manche standen oder tanzten. Christine drängelte zur Bar, bestellte sich einen Drink und setzte sich an einen noch freien Tisch, weit vorne, doch am Rand, mit gutem Blick zur Bühne. Sie schaute sich um, beobachtete die Menschen, während sie unschuldig am Strohhalm saugte. Auf der Bühne wurden gerade Fackeln für die nächste Show aufgestellt. Ein Mann schaute interessiert zu ihr rüber. Verwundert betrachtete sie seinen Blick und wandte sich fast schüchtern ab. Kurz darauf stand er lächeln vor ihr.
«Kann ich Ihnen einen Drink ausgeben», fragte er, «mein Name ist Kevin.»
«Nein danke. Ich habe einen Freund.»
«Na, dann. War schön Sie kennenzulernen», sagte er, grinste und ging.
«Jetzt, meine Damen und Herren, folgt der Auftritt auf den Sie schon den ganzen Abend warten.
Lassen Sie sich von der wunderschönen Kaliope verzaubern. Sehen Sie sie heute als Herrin über die Flammen. K A A A L I O P E E E!» Die Frauen klatschten, die Männer jubelten und sabberten.
Der Vorhang hob sich.
Wie von Zauberhand fand der Fotoapparat seinen Weg aus der Handtasche heraus.

Ein Engel mit perfekter Figur und dunkelbraunem Haar kam mit anmutigen Bewegungen hereingeschwebt. Roter Stoff, so rot wie Blut war um ihren sonnenstudiogebräunten Körper geschlungen und verhüllte nur das Nötigste. Ihr Körper glänzte feucht, ölig. Alle Blicke waren gespannt auf sie gerichtet. Durch die Kamera wurde der traurige Blick der Tänzerin eingefangen und gebannt. Die Musik fing langsam und sinnlich an, dann dröhnten dumpfe Trommelschläge und der Takt wurde schneller. Elegant und erotisch wirbelte Kaliope herum, passte sich dem Rhythmus an. Talentiert und gekonnt zog sie das Publikum in ihren Bann, bis auch der letzte im Raum ihre Performance verfolgte. Die Musik gelangte langsam aber stetig zum Höhepunkt. Kaliope schaute zu Christine, direkt in die Kamera und nickte. Dann wandte sie sich den Fackeln recht und links zu, stellte sich zwischen sie, mitten auf die Bühne, streckte die Arme aus, berührte mit den Fingern leicht die Flammen und sie züngelten an ihr empor, wie an einer Kerze. Sie brannte.
Das Publikum schrie und schon bald rannten die meisten entsetzt zum Ausgang, während die Tänzerin verglühte und als Asche zu Boden rieselte und der Fotoapparat nicht zum Stillstand kam.
Für Christine war es Kunst. Sie erkannte das Bild und die Perfektion, die daraus entstand. Sie weinte der Schönheit und der Bedeutung wegen und dankte der Tänzerin für diesen Moment.
Sie war anders. Das Bild bekam einen extra Rahmen und eine extra Wand.