Mein Vorstellungsgespräch lief ganz gut. Es war das Erste, dass man mir gewährte. Die Absagen flatterten ansonsten tagtäglich ein, im besten Fall
bekam ich wenigstens die Mappe wieder, wenigstens konnte ich sie dann nocheinmal abschicken. Im schlechtesten Fall meldete sich niemand zurück. Neben mir gab es noch 2 Bewerberinnen auf die Friseurausbildung, ehemalige Klassenkameradinnen. Ich fühlte mich trotzdem überlegen, schließlich war ich besser in den Hauptfächern, hatte sogar noch freiwillig eine Fremdsprache erlernt und dafür meine Nachmittage geopfert. Nicht unbedingt von Nachteil im Grenzgebiet.
3 Tage später rief der Chef an. Es tue ihm wirklich sehr leid und eigentlich würde er am liebsten alle drei einstellen, aber ich passe nicht "ins Geschäftsmodell". Welches Geschäftsmodell verfolgt wurde, erfuhr ich nie wirklich, allerdings
war außer dem Chef kein einziger männlicher Mitarbeiter im Betrieb. Ich weiß nicht, was mich an dem Tag mehr schockiert hat, die Ansprache meines Vaters, der es schon längst geahnt habe und insgeheim erleichtert schien oder die Häme meiner Freunde, die mit ihrer Meinung über Friseure nicht lange mauerten. Ein Jahr ohne Ausbildung kam für mich nicht in Frage, ich war ja nie schlecht gewesen. Ein Realschulabschluss, Schnitt 2,3, in den Hauptfächern keine einzige Note schlechter als Befriedigend. Auf gut Glück bewarb ich mich bei verschiedenen Banken. Es war für mich nie sehr interessant gewesen Bilanzen zu schreiben, aber man verdiente angeblich gut und der Job sei krisensicher. Meine guten Noten überzeugten, vielleicht tat die Bekanntschaft meines Vaters mit dem stellvertretenden Geschäftsleiter sein Übriges, auf jeden Fall bekam ich einen Ausbildungsplatz. Fleißig und beliebt gelang mir ein guter Start und nach meiner Prüfung wurde ich direkt übernommen. Zum Abteilungsleiter wurde ich sechs Jahre später sogar vorgeschlagen, allerdings stach mich dann doch eine Quereinsteigerin aus. Offiziell wegen ihrer Qualifikation. Intern wusste jeder Bescheid, dass in den oberen Etagen eine Frauenquote festgesetzt worden war.
Sind ja auch stets benachteiligt, die Frauen. Es folgte eine Betriebswirts-weiterbildung. Mir war die Arbeit nicht wirklich verhasst und ich gehörte zu den Leistungsträgern in meiner Abteilung.
Gestern dann, auf dem Weg zur Arbeit traf ich meine alte Schulkameradin, die die Friseurstelle bekommen hatte wieder und spontan lud ich sie auf einen Kaffee am Nachmittag ein. Ich war nichtmehr wütend auf sie, auch ich hatte schließlich
meinen Weg gefunden. Sie erzählte mir von ihrem Beruf, dass sie wohl bald eine neue Stelle suchen müsste, weil die Bezahlung nicht ausreichte.
Wir Männer hätten es da besser. Jeder wisse doch, dass Männer im Beruf für die gleiche Arbeit mehr Geld bekäme und generell bevorzugt würden. Ich mit meiner Bankenkarriere sei ja das beste Beispiel.
Es war das einzige Mal meines Lebens, dass ich eine Frau schlug.
Meine Frau veranlasste dies dazu, zwei Wochen lang kein Wort mit mir zu wechseln. Warum ich es getan habe, fragte sie nie. Im Büro erwiderte man meinen Gruß nur, wenn es sich nicht vermeiden ließ. Ich hegte den Verdacht, dass mein Vater seine Finger im Spiel hatte, damit ich wenigstens nicht rausgeschmissen wurde, denn die Frauen im Betrieb reichten Beschwerde ein. Das Schmerzensgeld von 3000 Euro bezahlte ich, ohne mich groß zu beklagen,
nur zum Kaffee habe ich nie wieder eine Frau eingeladen.