Liebe Karoline,

Jim Morrison scheint Dich in seinen Bann geschlagen zu haben. Da säuberst Du Deinen Kühlschrank und hast plötzlich den Impuls, Jim in einem Konzert in New York zu sehen. Und dann bist Du völlig überwältigt und willst Dich mir mitteilen. Ich versuche einmal, den Unterschied zwischen meiner und Deiner Herangehensweise zu analysieren.

Meine Interpretation hält sich an den Text. Sie geht Zeile für Zeile vor und ordnet sie sinngemäß zu einem Ganzen. Dem Text nach handelt es sich um den Abschied von einem "beautiful friend", weil das Mädchen nicht mit Jim an die Pazifikküste fahren will. Für Dich ist das zu wenig, zu banal, es muß mehr dahinterstecken als nur das. Doch Jim hat auch andere leicht verständliche Songs geschrieben. Ich denke dabei an "Let's swim to the moon", in dem er vorschlägt mit seinem Mädchen ein nächtliches Bad im Pazifik zu nehmen. Ähnlich ist auch "Light my fire" zu verstehen. Das "Baby" soll ihn "heiß" machen.

Der Eindruck, den Du von Jims Auftritten hast, ist ein anderer. Ich habe den Eindruck, Du erlebst Jims Show wie einen Gottesdienst, in dem es um metaphysische Belange geht. Gott teilt sich in Morrisons Texten mit. Von ihm geht noch immer eine Faszination aus. Ein gutes Beispiel bist Du.

Nun ist es ein Unterschied, was wir aus dem Text lesen, und was der Auftritt für Emotionen in uns weckt. Mir scheint, Du bist auf der Suche nach Dir selbst. Die 08-15-Auslegung des Lebens genügt Dir nicht. Diese Suche nach einem höheren Sinn ist einer Seinsweise vorzuziehen, die sich mit dem Angebot eines smartphones begnügt.

In den siebziger Jahren kam mir mit Jim Morrison auch eine Orientierung meiner selbst entgegen. Ich träumte, aus meinem langweiligen Leben auszubrechen. Wir werden geboren, gehen zu Schule, machen eine Ausbildung, arbeiten in einem Beruf solange bis wir in Rente gehen können. Und dann schauen wir zurück und fragen uns: Ist das alles? Jim ist der Künstler, der sich unabhängig macht, von den gesellschaftlichen Vorgaben, von all den Erwartungen, die zeitlebens an uns herangetragen werden. All das ist etwas, das mir in der Begegung mit Jim entgegengekommen ist. Heute frage ich mich allerdings, ob es sich lohnt, so radikal mit den Erwartungen unser Mitwelt zu brechen. Er selbst ist ja daran zerbrochen.

Alles in allem ist Jim Morrison eine Jahrhunderterscheinung, die in der Musikindustrie einen Platz neben Elvis Presley, Michael Jackson und John Lennon verdient.

Liebe Grüße

Friedrich