1. #1
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    Warum ich hier ganz bestimmt kein Mundartgedicht einstellen werde

    Es ist schon ziemlich abwegig, in welchen Kontext hier die Mundartdichtung gestellt wird, und es ist zugleich der Nachweis von Unkenntnis und Ignoranz.

    Mundart ist weitaus mehr als komisch - derb - volkstümlicher, weitgehend kunstloser Klamauk und schon gar keine Fremdsprache. Die deutschen Dialekte sind vielmehr die Wurzeln unserer Sprache und sogar unserer Nation.

    Die auf echtem Dialekt basierende Mundart setzt sich bewusst gegen das eher synthetische, emotionsärmere, überreglementierte Hochdeutsche ab. Sie hat das Selbstbewusstsein, dass sie die eigentliche Quelle unserer gemeinen Hochsprache ist. Wer das Hochdeutsche als stilistisch oder sonst irgendwie höherwertig ansieht, weiß wenig von unserer Sprachgeschichte, und missversteht vor allem das Platt als „niedere“, also geringerwertige Sprachvariante. Hochdeutsch ist sprachgeschichtlich aber nichts anderes als „oberdeutsch“, und oberdeutsch ist nur eine ältere Bezeichnung für süddeutsch, und bezeichnet lediglich eine Mischung süddeutscher Dialekte, die in der Meißener / Erfurter Gegend zur heutigen Schriftsprache verschmolzen, sich von dort aus über ganz Norddeutschland verbreiteten (die Lutherbibel hatte entscheidenden Anteil daran) und die nieder-, also norddeutschen Dialekte weitgehend verdrängten. Von daher ist es geradezu grotesk, wenn Norddeutsche in Unkenntnis ihrer eigenen Geschichte das von ihnen gesprochene Hoch(=Süd)deutsch als „ihre“ Sprache betrachten.

    „Deutsch“ wiederum kommt von „thiodisk“, zum Volk gehörig, und „deutsche Sprache“ bezeichnet ursprünglich die „Volkssprache“ im Gegensatz zur lateinischen Amtssprache und schloss dabei das Hoch-, Mittel- und Niederdeutsche ein. Die deutsche Nation definierte sich quasi als Sprachfamilie, lange bevor ihr das normierte Hochdeutsch verordnet wurde.

    Dass sich Deutsch letztlich gegen das Latein der Kirchenfürsten und das „Französieren“ der deutschen Regionalfürsten durchsetzte, ist das Ergebnis der Emanzipation des deutschen Bürgertums. Damit wurde das Hochdeutsch aber gleichzeitig die Sprache der Herrschenden und damit ein Mittel der Gleichschaltung, Normierung, Unterdrückung. War doch noch vor kurzer Zeit Lehrern die Verwendung des Dialekts vor Schülern untersagt.

    Moderne Mundartdichtung ist sprachskeptisch, kritisch, emanzipatorisch und vor allem erlaubt sie sich Emotionalität und Unkorrektheit. Sie ist philosophisch, naiv, romantisch, realistisch, unbekümmert und nachdenklich. Sie ist im modernen Sinne konservativ, ist eine Rückbesinnung auf die Wurzeln unserer Sprache, ja unserer Identität.

    Sie hat damit nichts in diesem Kontext verloren. Sie bei den Fremdsprachen anzusiedeln, ist absurd.

  2. #2
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    Ins Sprechzimmer verschoben.

    Woitek
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  3. #3
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    hallo Hiltricher
    ich versteh dein entsetzen nicht ganz.
    es gibt ein unterforum (entschuldige das "unter") weil wir ja versuchen, den laden hier strukturiert zu halten, und weil man da dann auch findet, was man sucht. das ist doch nicht abwertend gemeint, aber klar ist, dass nur wenige mundarttexte gepostet werden. das hast du vielleicht schon festgestellt.
    das kann sich auch wieder ändern, wenn zb. das mundartliche plötzlich viel mehr verwendet wird; dann bekommts auch die entsprechende aufmerksamkeit, und ev. mal eine rubrik für sich alleine. schön, wenn du dazu beitragen willst.

    es wäre ja auch möglich gewesen, mit deinem anliegen an die moderation heranzutreten, ohne dem forum, in dem du bislang stolze 3 beiträge verfasst hast, ignoranz und unkenntnis vorzuwefen!

    lepi-mod

  4. #4
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    Es ist schon ziemlich abwegig, in welchen Kontext hier die Mundartdichtung gestellt wird, und es ist zugleich der Nachweis von Unkenntnis und Ignoranz.
    Das sollte dich aber gerade NICHT daran hindern, ein Mundartgedicht hier zu posten.

    Um die Seriösität von Mundart zu zeigen.

  5. #5
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    Da möchte man auf zB Yarasa verweisen, die, soweit ich mich recht erinnere, mehrere durchaus ernsthafte Gedichte in Mundart verfasst hat.

    LG
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  6. #6
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    Hallole,

    ich habe dort sicherlich schon 10 schwäbische Gedichte gepostet und recht ordentliche Resonanz erfahren.

    Gruß W.
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  7. #7
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    Guten Abend!


    Wenn ich mir den Beitrag von Hiltricher durchlese, bekomme ich als historischer Linguist Bauchschmerzen.
    Die Geschichte des Deutschen und die Herausbildung des Standarddeutschen im 16. und 17. Jahrhundert ist wesentlich komplexer und schwieriger, als es der betreffende Nutzer oben versuchte darzustellen. Ganz zu schweigen von den inhaltlichen Fehlern, die sich dort finden lassen. Denn bspw. hatte die Luther-Bibel nachweislich keinen entscheidenden Einfluss auf die Herausbildung des Standarddeutschen. Das wäre zu einfach. Um es einmal in Zahlen zu verdeutlichen: Bis zum Tod Luthers 1546 erschienen über 90 Bibel-Ausgaben auf niederdeutsch, d. h. die Luther-Bibel musste für den Gebrauch im Niederdeutschen Raum auf niederdeutsch übersetzt werden. 1621 erschien die letzte niederdeutsche Luther-Bibel in Goslar. Das bedeutet letztlich, dass der Einfluss Luthers auf den niederdeutschen Sprachraum wesentlich geringer ausfällt, als es viele gern hätten.

    Damit würde ich auch Dir, Hiltricher, raten, nur von Dingen zu reden bzw. zu schreiben, von denen Du etwas verstehst. Schließlich kann hier alle Welt mitlesen und es muss doch nicht sein, dass Du mit derlei falschen Aussagen zur Weltverdummung beiträgst.


    Herzlichst
    Tyrfing

  8. #8
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    Ich werde einige Mundartgedichte mal reinstellen wenn ich dazu komme.
    Muss ich erst raussuchen.
    Ich schreibe sehr gerne in Mundart, weil ich in meiner Muttersprache einfach besser ausdrücken kann, was ich fühle.
    Manchmal bin ich mir allerdings nicht sicher, wie ich Dinge schreiben soll, bzw. ob es andere Varianten gäbe, ein Mundart-Wort zu schreiben.
    Naja, mal sehen wie es bei euch ankommt.
    Meine Muttersprache ist ja eigentlich Oberösterreichisch weil meine Mutter aus Steyregg kam und ich dann später auch 7 Jahre in Oberösterreich lebte und dort verheiratet war.
    Allerdings bin ich im niederösterreichischen Mostviertel geboren und aufgewchsen und lebe jetzt auch wieder hier- und so vermischte sich meine Sprache und manche hören das auch raus.

    Liebe Grüße, Sonja

  9. #9
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    ... und ich finds irgendwie etwas ärgerlich, wenn jemand von ignoranz anderer erzählt, eine diskussion lostritt, und sich dann überhaupt nicht mehr blicken lässt.

    für kinderlider hab ich auch schon gemundartet. und wenn man dann weiss, dass es zb. ein zürcher kinderchor ist, der singen soll, und man sich nicht nur im eigenen dialekt bewegt, wirds besonders knifflig und bereichernd
    dass die rechtschreibung im dialekt zum abschuss freigegeben ist, (es gibt glaub immer bemühungen, so ne art basis zu schaffen) finde ich toll.

    gruass lepi
    .
    .
    "Vielleicht fing ich an zu dichten, weil ich arm war und einer Nebenbeschäftigung bedurfte, damit ich mich reicher fühlte." ROBERT WALSER

  10. #10
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    Moin Moin,
    Ik wull og menen, dat hier en Plattdütsche Link fehln deit. Plattdütsch snaken de Lüd op´e ganze Welt, glööv man nich dat dat ener vun Canada ünner disse Link söken deit. Mi dünkt se doon de Resonanz ünnerschätzen de son Link bring´n kunn. Plattdütsch deit alln´s op´e Punkt bring un is ümmer n witzige Spraak. Dat Plattdütsch snaken is Lyrik an sik.
    Butenlänner

  11. #11
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    Yo!
    Keine Signatur ist auch eine. Die andere wurde gelöscht.

  12. #12
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    he seggt Yo.

    MEin Zauberwort.

    Es scheint so, dass die oberdeutsche Mundart von Himmel und Erde mitgeboren ist, die Niederdeutsche Mundart das Meer in sich trägt.
    Luther sprach und schrieb seine Mundart, Sächsisch. Er kreierte keine neue deutsche Hochsprache aus einem Wurzelgeäst deutscher Mundarten, sondern nutzte seine Heimatsprache, seine Mundart.
    Zitat: Ich habe keine gewisse, sonderliche, eigene Sprache im deutschen, sondern gebrauche der gemeinen deutschen Sprache, daß sie mich beide, Ober- und Niederländer, verstehen mögen. ..Ich rede nach der sächsischen Kanzelei, welcher nachfolgen alle Fürsten und Könige in Deutschland. Alle Reichsstädte, Fürstenhöfe schreiben nach der sächsischen und unsers Fürsten Kanzelei, darum ist´s auch die gemeinste deutsche Sprache. –Zitatende- (Tischreden Seite 699, Ausgabe 1723)
    Ich vermag nicht zu sagen ob seiner Mundart etwas elitäres zufällt, kann aber behaupten, dass man Luther heutzutage für die Einigung Deutschlands lobpreist, weil er mit „seiner“ Sprache die Deutschen vereinigt haben soll.
    Dazu fällt mir eine andere sehr bekannte Zeile ein:
    Einigkeit und Recht und Freiheit.
    Sprich wenn wir uns nicht Einig sind, dann gibt es kein Recht und auch keine Freiheit.
    Wie schön da doch die Mundart ist, sie kennt derlei Unehrlichkeit nicht. Sie ist direkt und Ehrlich, grob oder warm, als sei sie direkt der Seele entsprungen. Das Hochdeutsche, oder eben vielmehr das Schriftdeutsche nutzt man bei uns allenfalls um seine Steuererklärung zu besprechen oder um einen Hartz 4 Antrag zu stellen. Die pure Lebensfreude äußert sich Platt. Manchmol og 2Platt.
    Ich denke auch Luther hat aus vollem Herzen gesprochen, in seiner Mundart, nicht aristokratisch, wissenschaftlich, sondern er hat dem Volk aufs Maul geschaut.
    Sagte er doch selbst:
    Man muß die Mutter im Hause, die Kinder auf den Gassen, den gemeinen Mann auf dem Markte fragen und denselben auf das Maul sehen, wie sie reden.

    Ich wünsche mir mehr Platz für die Sprachen der Herzen, zb dem Plattdeutschen. Sogar hinter Osnabrück und weit hinter Berlin sprechen die Menschen Plattdeutsch. Gerade die älteren Internetuser wünschen sich mehr Raum für Ihre Traditionen.
    Dabei denke ich als Nordfriese natürlich erstens an die Plattdeutsche Mundart, möchte damit aber auch den Oberdeutschen Mundarten mehr Zuspruch geben. Ich möchte den Erstschreiber ünterstüzen und wäre erfreut wenn mein bescheidener Eintrag zur weiteren Diskussion beitragen könnte.

    Nachtrag: Habe einige Übertreibungen abgeändert.
    Geändert von Butenlänner (28.09.2010 um 00:26 Uhr)

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