Thema: Zuversicht

  1. #1
    Registriert seit
    Nov 2010
    Ort
    La Croisée
    Beiträge
    1.357

    Zuversicht

    **********
    Zuversicht

    Der alte Baum in meinem Garten
    ist kräftig, hoch und hebt
    die Äste in das Sonnenlicht
    Wie jeden Frühling wird er warten
    aufs Blühen, voller Zuversicht
    Er hat den Winter überlebt

    und ich, so nackt wie dieser Baum
    geschunden von den Wintertagen
    ich trage meine Zuversicht
    mit Armen, die gen Himmel ragen
    und träume meinen alten Traum
    vom Blühen und vom Frühlingslicht

    Ich werde deine Blüten sehen
    und von deinen Früchten essen
    und in deinem Schatten stehen
    Träumen werd ich und vergessen
    daß ich so nackt im Freien stand
    ohne Wurzeln und ganz starr
    bis ich eine Hoffnung fand
    die im alten Baume war

    Ich will doch lieber selber blühen
    Früchte tragen
    Schatten geben
    In der Sommersonne glühen
    und in kalten Wintertagen
    hoffen, auf ein neues Leben


    *

    ...

    *Den Baum hat bald der Blitz entzweit
    Und Früchte gibt’s zu jeder Zeit*


    ...
    Geändert von Farbkreis (15.04.2011 um 14:41 Uhr) Grund: Form u. *...*

  2. #2
    Registriert seit
    Jul 2011
    Ort
    RLP
    Beiträge
    8
    Es ist mir unverständlich, warum bisher niemand dieses wundervolle Gedicht mit einer Rezension bedacht hat, denn das hat es definitiv verdient.
    Vielleicht liegt es daran, dass dein Werk so vollkommen wirkt (zumindest auf mich) und es einem glatt die Sprache verschlägt.

    Dennoch will ich versuchen aufzuschreiben, was ich beim lesen deines Gedichtes gedacht habe.

    Anfangs habe ich mich in dem Glauben verloren, dass es in dem Gedicht einzig um eine Jahreszeit geht. Um einen Baum der trotzig dem kalten Winter entgegen blickt und ihn überlebt. Doch schon in der zweiten Zeile brichst Du aus meinen bekannten Bahnen und lässt mich etwas neues entdecken. Eine innere Verbundenheit und einen Vergleich von dem lyrischen Ich und dem Baum. Im dritten Absatz kommt diese Verbundenheit besonders gut zur Geltung während im vierten Absatz der Vergleich beginnt. Es liest sich, als habe sich das lyrische Ich das Ziel gesetzt, selbst Leben in die Welt zu bringen. Gerade der letzte Absatz lässt mich gerade vermuten, dass das lyrische Ich weiblich sein könnte.

    Jedenfalls hast Du hiermit ein sehr schönes und befreiendes Gedicht verfasst.
    Es gefällt mir sehr!
    Geändert von Deep and Dark (15.07.2011 um 06:37 Uhr)
    » Es gibt keine Schatten..
    ~
    ..in einer Welt ohne Licht «

  3. #3
    Registriert seit
    Feb 2011
    Ort
    in der Südsteiermark (Österreich)
    Beiträge
    1.027
    Ja, wunderschön.
    Ich kann nicht begreifen, daß das von Farbkreis ist. Die schreibt ja sonst eher mehr ausgeflippt.
    Dieses Gedicht ist so was von schön. Und in sechs Zeilen reimen sich unterschiedlich die Endwörter, das macht den grossen Zauber auch aus.
    Nur eine Strophe hat 8 Zeilen, aber schmiegt sich wunderbar an die anderen an.
    Dieses Gedicht ist ein grossartiges Werk.
    E.Chatterfield

    Viel Früher, als du noch jünger warst, war manches ausgeflippt - kam mir halt vor. In letzter Zeit empfinde ich deine Text als ausgeglichen wie ein
    schöner Tag nach einem wilden Sturm.
    Geändert von LadyChatterfield (17.07.2011 um 12:06 Uhr)

  4. #4
    Registriert seit
    Nov 2009
    Ort
    München, Berlin, London
    Beiträge
    6.055
    7 mal ICH geschrieben, das muss einfach selbstlos sein Der Baum als Projektionsfläche könnte von der naturalistischen Betrachtungsweise her als Symbol wohl verstanden werden, aber ist natürlich auch gerade in unseren Zeiten, fast nur noch Rohstofflieferant und eben Projektionsfläche weil so einfach umzusetzen in ein reines gutes Verlangen, was den Kommentatoren das schiere Lob auf die Lippen treibt, weil alles so schön gefühlt ist...

    LG RS

    PS: Kannst dich ja an meinem "ein bisschen zu logisch...?" schadlos halten.
    Der Roman: "Verballistik"
    Die Gedichte: "Auf dem Silbertablett"

  5. #5
    Registriert seit
    Nov 2008
    Beiträge
    7.731

    Zuversicht

    Hallo Farbkreis,

    die Zuversicht im Vergleich zu einem Baum wird mit diesem Gedicht in einer wunderbaren weise dargestellt. Die 6zeiligen Strophen mit wechselndem Reimschema lesen sich flüssig und lassen uns ein vergleichendes Naturbild erleben das Kraft und Hoffnung ausstrahlt. Bin von diesem Gedicht begeistert.

    LG Hans
    Mein erster Gedichtband Einmal durchs Leben mit Hans Plonka ist nun beim Daniel Gockel Verlag erhältlich. Bei Interesse schaut in mein Profil unter Homepage.

  6. #6
    Registriert seit
    Nov 2010
    Ort
    La Croisée
    Beiträge
    1.357
    Guten Tag, allerseits

    @Deep and Dark

    Mit "befeiend" hast du es in einem Wort treffend gesagt, deine Gedanken hierzu...

    Anfangs habe ich mich in dem Glauben verloren, dass es in dem Gedicht einzig um eine Jahreszeit geht. Um einen Baum der trotzig dem kalten Winter entgegen blickt und ihn überlebt. Doch schon in der zweiten Zeile brichst Du aus meinen bekannten Bahnen und lässt mich etwas neues entdecken. Eine innere Verbundenheit und einen Vergleich von dem lyrischen Ich und dem Baum. Im dritten Absatz kommt diese Verbundenheit besonders gut zur Geltung während im vierten Absatz der Vergleich beginnt. Es liest sich, als habe sich das lyrische Ich das Ziel gesetzt, selbst Leben in die Welt zu bringen. Gerade der letzte Absatz lässt mich gerade vermuten, dass das lyrische Ich weiblich sein könnte.
    ... sind die eines aufmerksamen Lesers und freuen mich sehr. Obwohl das LI weiblich ist, ist es nicht unbedingt sein Ziel, Leben in die Welt zu bringen im Sinne der Leibesfrüchte, sondern auch das eigene Potential, ungebunden und befreit, zu nutzen, das Wesentliche zu erkennen, das Leben an und in sich. Daß dies schmerzvoll ist, wird durch die schon vorhandene Zuversicht "überdichtet", obwohl es noch Winter ist, ist diese schon unerschütterlich.

    Vielen Dank und liebe Grüße
    Farbkreis
    ***

    @LadyChatterfield

    Danke für deinen Kommentar. Vielleicht hast du die winterlichen Sonnenstrahlen gespürt, ich habe das Gedicht in 1000m Höhe geschrieben, da kann man wirklich im Winter mit nackten Armen im Freien stehen.

    Ich kann nicht begreifen, daß das von Farbkreis ist. Die schreibt ja sonst eher mehr ausgeflippt.
    Ansonsten schreibe ich sehr unterschiedlich, würde mich allerdings interessieren, welche Texte du von mir als "ausgeflippt" begreifst, das ist eine interessante Ansicht.

    LG Farbkreis
    ***

    @Robert Schulz

    7 mal ICH geschrieben, das muss einfach selbstlos sein
    "7 mal in der Woche will ich ausgehn..." so Lieder findet man auf dem Flohmarkt, aber man braucht einen Plattenspieler. Interessant, ich habe jetzt das Gedicht zweimal daraufhin gelesen, mir fällt kein einziges "ICH" auf. Keine Wiederholung ist hier überflüssig.

    Der Baum als Projektionsfläche könnte von der naturalistischen Betrachtungsweise her als Symbol wohl verstanden werden, aber ist natürlich auch gerade in unseren Zeiten, fast nur noch Rohstofflieferant und eben Projektionsfläche weil so einfach umzusetzen in ein reines gutes Verlangen, was den Kommentatoren das schiere Lob auf die Lippen treibt, weil alles so schön gefühlt ist...
    Unten links unter dem Gedicht stehen noch zwei Zeilen. Wenn ein Blitz einen Baum entzweit, kann die "Kohle" schlecht zum Tisch verarbeitet werden, und logischerweise wäre der "Verkohlte" selbst als Kaminfutter ungeeignet. Ich habe es eher "gesehen", als gefühlt. Das Bild entsteht auch noch, wenn ich das Gedicht jetzt lese.

    Danke für deine Reflexion
    LG Farbkreis
    ***

    Hallo Hans Plonka

    die Zuversicht im Vergleich zu einem Baum wird mit diesem Gedicht in einer wunderbaren weise dargestellt. Die 6zeiligen Strophen mit wechselndem Reimschema lesen sich flüssig und lassen uns ein vergleichendes Naturbild erleben das Kraft und Hoffnung ausstrahlt. Bin von diesem Gedicht begeistert.
    Es ist, wie du sagst, ein "erlebtes Naturbild", und es freut mich, daß es die Kraft und Hoffnung vermittelt, die hier zum Ausdruck kommen sollte.

    Vielen Dank für deinen Beitrag
    LG Farbkreis

  7. #7
    Registriert seit
    Nov 2009
    Ort
    München, Berlin, London
    Beiträge
    6.055
    Dank deines Kommentars fallen mir noch 2 unangenehme Deutungen ein Es zeigt wie egoman unsere Gesellschaft ist und dass Eigenlob um so lieblicher stinkt, je schlechter ein Text ist, der aber gut sein soll und vor allen Dingen muss, was der "Zuversicht" eine so verzweifelte Note gibt , wie ich es zu schätzen weiss und nun auch in den angehängten Zeilen erkenne. Also Annäherung über die Extreme, wenn das kein Trend wird, müsste ich ja daran fest halten, das sehen zu wollen , was die schreibende Entität mit Sicherheit nicht gemeint hat. Dazu fällt mir endlich auch ein lange missverstandenes PSB Zitat ein, dank Farbkreis!!!

    LG RS
    Der Roman: "Verballistik"
    Die Gedichte: "Auf dem Silbertablett"

  8. #8
    Registriert seit
    Mar 2007
    Ort
    Deutschland
    Beiträge
    128
    Hallo, ja ich muss sagen dein Werk hat mir sehr gut gefallen. Dank dafür
    lg Scambia

  9. #9
    Registriert seit
    Nov 2010
    Ort
    La Croisée
    Beiträge
    1.357
    @Robert Schulz

    Zitat Zitat von Robert Schulz Beitrag anzeigen
    Dank deines Kommentars fallen mir noch 2 unangenehme Deutungen ein Es zeigt wie egoman unsere Gesellschaft ist und dass Eigenlob um so lieblicher stinkt, je schlechter ein Text ist, der aber gut sein soll und vor allen Dingen muss, was der "Zuversicht" eine so verzweifelte Note gibt , wie ich es zu schätzen weiss und nun auch in den angehängten Zeilen erkenne. Also Annäherung über die Extreme, wenn das kein Trend wird, müsste ich ja daran fest halten, das sehen zu wollen , was die schreibende Entität mit Sicherheit nicht gemeint hat. Dazu fällt mir endlich auch ein lange missverstandenes PSB Zitat ein, dank Farbkreis!!!

    LG RS
    Zugegeben, es fällt mir nicht leicht, deine Texte zu verstehen. Im "neuen Schulduden" steht das Wort egoman (lat.; griech.) ohne Angabe der Stammwörter, das lasse ich nicht gelten. Ego ist Latein das ICH, OK. Woher kommt "man"? Man pers. ist ein altes persisches Gewicht, 2 kg und mehr (Fremdwörterlexikon). Und jetzt? Was zeigt es? Das wir dabei sind, Analphabeten zu werden? Maybe. Dann sprichst du von unserer Gesellschaft, von Eigenlob, schlechten Texten, und von der "Zuversicht". Ich habe den Titel gewählt, weil ich nicht an Hoffnung glaube, weil für mich Hoffnung nonsense ist. Verzweiflung? Zuversicht ist für mich ein Zustand des Vertrauens.

    Noch ein Fremdwort: Entität. Was soll das heißen? Ah! Diesmal habe ich Glück, es steht im alten Duden, auch ein lateinisches Wort = Das Dasein, die Seinshaftigkeit eines Dinges. Das soll schreiben können? Oder etwas gemeint haben? Wahrscheinlich habe ich alles falsch verstanden, oder käme nach Recherchen im Lateinwörterbuch, etc. auf den Sinn der Aussage? Dazu habe ich keine Lust. Vielleicht sagst du, was du sagen möchtest, noch einmal in Deutsch?

    Was bedeutet die Abkürzung PSB? Warum hast du das Zitat nicht zitiert? Was hat Farbkreis damit zu tun? Hey!!! Was regt dich so auf, an "Zuversicht"? Ich kann nicht auf deinen Kommentar eingehen, wenn du mir nicht sagst, was du zu sagen hast. Schade. Schade auch, falls es alle anderen verstanden haben, daß niemand drauf eingeht.

    Ich bitte dich höflichst um Entschuldigung, falls ich deinen Kommentar falsch verstanden habe, ich kann nur sagen: Ich habe ihn nicht verstanden.

    LG
    ***

    Hallo scambia

    Zitat Zitat von scambia Beitrag anzeigen
    Hallo, ja ich muss sagen dein Werk hat mir sehr gut gefallen. Dank dafür
    lg Scambia
    Danke fürs Lesen und einen schönen Tag
    LG Farbkreis

  10. #10
    Registriert seit
    Jan 2011
    Ort
    Unterwasserhöhle
    Beiträge
    62
    Hallo liebe Farbkreis,

    ich habe mir dein Gedicht mal ein wenig näher angeschaut und meine Gedanken und Fragen hierzu da gelassen.

    Der alte Baum in meinem Garten
    ist kräftig, hoch und hebt
    die Äste in das Sonnenlicht - sehr schönes Bild von Auferstehung und Kraft. Hier hast du mich mit deinen Zeilen erstmals gefangen.
    Wie jeden Frühling wird er warten
    aufs Blühen, voller Zuversicht
    Er hat den Winter überlebt

    und ich, so nackt wie dieser Baum - hier darf der Leser erstmals überlegen: Warum nackt? Ein Baum hat RInde und ist geschützt vor Kälte, Hitze und Beschädigung. Außerdem wird er in den vorangegangen Zeilen als stark beschrieben. Was hat der Mensch zum Schutz? Dünne Haut und Kleidung. Doch das Wort "nackt" lässt eigentlich auf ein Fehlen letzteren denken. Auf den ersten Blick kann ich also keine Ähnlichkeit zwischen dem Baum und dem lyrischen Ich sehen.
    geschunden von den Wintertagen
    ich trage meine Zuversicht
    mit Armen, die gen Himmel ragen
    und träume meinen alten Traum - Thema Sehnsucht / Unerreichbares / nie erfülltes
    vom Blühen und vom Frühlingslicht - Thema Hoffnung und Erfüllung. - Die Themen stehen aber nicht unbedingt in Konflikt. Nur der Begriff "alten Traum" könnte missverständlich interpretiert werden.

    Ich werde deine Blüten sehen
    und von deinen Früchten essen
    und in deinem Schatten stehen - Das lyrische Ich sucht oder besser: genießt den Schutz des Baumes. Bedient sich sogar seiner Früchte. Der Begriff "in deinem Schatten stehen" finde ich sehr interessant gewählt! In dem Lesefluss des Gedichtes mag es zunächst als etwas sehr positives erscheinen, aber bedeutet "im Schatten stehen" in diesem Zusammenhang nicht auch vielmehr unbelichtet sein, und somit Benachtilgung, und eigentlich Grund für eine weitere Nicht-Erfüllung des Wunsches nach Frühlingslicht?
    Träumen werd ich und vergessen
    daß ich so nackt im Freien stand
    ohne Wurzeln und ganz starr
    bis ich eine Hoffnung fand - die Zeilen erschließen sich mir auch nicth bis auf Weiteres... "Träumen werd ich" verweist auf ein Genießen des Zustandes. "und vergessen, dass ich so nackt im Freien stand" bestätigt dieses Bild: Altes, Schlechtes wird vergessen, dafür wird jetzt von Neuem, Guten gerträumt. ABER: dann kommt diese Zeile "bis ich eine Hoffnung fand". Das Wort "bis" beendet diesen positiven Zustand, obwohl das lyrische Ich "Hoffnung fand". Hoffnung auf was? Und warum beendet Hoffnung einen positiven Zustand? Und warum überhaupt diese plötzliche Wende? Schließlich ist ja nichts in der Handlung passiert. Hoffnung findet man meiner Meinung nach nicht auf einmal. Diese plötzliche Risse in der Gemächlichkeit und Kontinuität, eingeleitet durch das Wort "bis", verwirrt mich doch etwas. Post Scriptum: Nach nochmaligem Lesen ist mir aufgefallen, dass es vielleicht Hoffnung FÜR das LI gewesen sein könnte, die hier gemeint ist. Also: Hoffnung auch so zu werden wie der Baum. Vielleicht wäre da auch "Bis ich meine Hoffnung fand" besser... Mh.
    die im alten Baume war

    Ich will doch lieber selber blühen -
    Früchte tragen
    Schatten geben
    In der Sommersonne glühen
    und in kalten Wintertagen
    hoffen, auf ein neues Leben - wunderschöner Abschluss eines wunderschönen Gedichts!

    Im Nachhinein denke ich mir, dass diese Diskrepanz des lyrischen Ichs nicht perfekt deutlich wird. Auf der einen Seite trägt es ja die Zuversicht gen Himmel und hofft und träumt, aber es tut ja faktisch nichts. Es bedient sich immer noch vom starken Baum. Bis ( ) es irgendwann die Hoffnung findet, es ihm gleichzutun. Diese Diskrepanz zwischen träumen & hoffen und hoffen & auch machen muss sich der Leser erst ein wenig erarbeiten.
    Alles in allem hoffe ich natürlich, dass meine Kritik nicht mein Respekt vor deinem Werk überschattet. Es ist tatsächlich einer dieser vielen kleinen Juwele dieses Forums und ich danke dir sehr, dass du ihn mit uns teilst

    Liebe Grüße, Placido
    Es ist schwer mit Menschen zu leben, weil das Schweigen so schwer ist...
    Friedrich Nietzsche

  11. #11
    Registriert seit
    Nov 2010
    Ort
    La Croisée
    Beiträge
    1.357
    Hallo lieber Placido

    Zitat Zitat von Placido Beitrag anzeigen
    Hallo liebe Farbkreis,

    ich habe mir dein Gedicht mal ein wenig näher angeschaut und meine Gedanken und Fragen hierzu da gelassen.
    Vielen Dank für deine Bemerkungen.

    und ich, so nackt wie dieser Baum
    - hier darf der Leser erstmals überlegen: Warum nackt? Ein Baum hat RInde und ist geschützt vor Kälte, Hitze und Beschädigung. Außerdem wird er in den vorangegangen Zeilen als stark beschrieben. Was hat der Mensch zum Schutz? Dünne Haut und Kleidung. Doch das Wort "nackt" lässt eigentlich auf ein Fehlen letzteren denken. Auf den ersten Blick kann ich also keine Ähnlichkeit zwischen dem Baum und dem lyrischen Ich sehen.
    Ein nackter Baum ist ein blätterloser. Die Rinde ist nicht unbedingt ein Schutz, man kann sie leicht einritzen und ich weiß jetzt nicht, welche Bäume man extra einritzt, weil die herausfließende Flüssigkeit für die industrielle Verarbeitung irgendwelcher Produkte nützlich ist, erinnert mich auch an die angezapfte Galle der Bären, da weiß ich auch nicht mehr, wozu das gut sein soll. Die Nacktheit des LI ist hier vielleicht so zu verstehen, daß es sich schmucklos selbst erkennt, sich der "nackten Wahrheit" hingibt.

    geschunden von den Wintertagen
    ich trage meine Zuversicht
    mit Armen, die gen Himmel ragen
    und träume meinen alten Traum
    - Thema Sehnsucht / Unerreichbares / nie erfülltes
    Eher wird hier auf die Wiederholung hingewiesen. Seit Menschengedenken, seit das LI denken kann, träumt man von einer besseren Zukunft, jedes Neujahr, jeden Frühling... obwohl der Mensch nicht, wie der Baum, nur zu einer bestimmten Zeit blüht, Früchte trägt, die Blätter verliert etc., hofft er doch auf bessere Zeiten.

    vom Blühen und vom Frühlingslicht
    - Thema Hoffnung und Erfüllung. - Die Themen stehen aber nicht unbedingt in Konflikt. Nur der Begriff "alten Traum" könnte missverständlich interpretiert werden.
    Der "alte Traum" ist die Vergangenheit. Jedes Jahr hat man sich irgendetwas erhofft, sich auf den Frühling gefreut, auf die Sommerferien, aufs Skifahren, und nichts ändert sich.

    Ich werde deine Blüten sehen
    und von deinen Früchten essen
    und in deinem Schatten stehen
    - Das lyrische Ich sucht oder besser: genießt den Schutz des Baumes. Bedient sich sogar seiner Früchte. Der Begriff "in deinem Schatten stehen" finde ich sehr interessant gewählt! In dem Lesefluss des Gedichtes mag es zunächst als etwas sehr positives erscheinen, aber bedeutet "im Schatten stehen" in diesem Zusammenhang nicht auch vielmehr unbelichtet sein, und somit Benachtilgung, und eigentlich Grund für eine weitere Nicht-Erfüllung des Wunsches nach Frühlingslicht?
    Jein. Wenn man schon mal in einer Gegend war, in der die Sonne unerbittlich brennt, dann weiß man, was es heißt, einen schattenspendenden Baum zu finden. Es ist zuerst etwas Positives, drückt aber auch die Passivität des LI aus. Benachteiligung würde ich nicht sagen, eher ein Profit. Nehmen was man kriegt und selbst nichts geben.

    Träumen werd ich und vergessen
    daß ich so nackt im Freien stand
    ohne Wurzeln und ganz starr
    bis ich eine Hoffnung fand
    - die Zeilen erschließen sich mir auch nicth bis auf Weiteres... "Träumen werd ich" verweist auf ein Genießen des Zustandes. "und vergessen, dass ich so nackt im Freien stand" bestätigt dieses Bild: Altes, Schlechtes wird vergessen, dafür wird jetzt von Neuem, Guten gerträumt. ABER: dann kommt diese Zeile "bis ich eine Hoffnung fand". Das Wort "bis" beendet diesen positiven Zustand, obwohl das lyrische Ich "Hoffnung fand". Hoffnung auf was? Und warum beendet Hoffnung einen positiven Zustand? Und warum überhaupt diese plötzliche Wende? Schließlich ist ja nichts in der Handlung passiert. Hoffnung findet man meiner Meinung nach nicht auf einmal. Diese plötzliche Risse in der Gemächlichkeit und Kontinuität, eingeleitet durch das Wort "bis", verwirrt mich doch etwas. Post Scriptum: Nach nochmaligem Lesen ist mir aufgefallen, dass es vielleicht Hoffnung FÜR das LI gewesen sein könnte, die hier gemeint ist. Also: Hoffnung auch so zu werden wie der Baum. Vielleicht wäre da auch "Bis ich meine Hoffnung fand" besser... Mh.
    die im alten Baume war
    Hier findet der Wandel statt, die Erkenntnis aus dem Vergangenen, die Hoffnung, die eigentlich sinnlos ist und dadurch zum Auslöser der Entscheidung zur Selbstständigkeit wird. Die Hoffnung war, sie ist nicht mehr. Es ist ein Knotenpunkt, von der Zukunft in die Vergangenheit. Es bereitet mir Schwierigkeiten, darüber nachzudenken, da ich sowieso kein Zeitgefühl habe, das Gedicht ist vom letzten Jahr. Also bin ich in der Zukunft.. was die Sache noch komplizierter werden läßt.

    Zitat Zitat von Placido Beitrag anzeigen
    Im Nachhinein denke ich mir, dass diese Diskrepanz des lyrischen Ichs nicht perfekt deutlich wird. Auf der einen Seite trägt es ja die Zuversicht gen Himmel und hofft und träumt, aber es tut ja faktisch nichts. Es bedient sich immer noch vom starken Baum. Bis ( ) es irgendwann die Hoffnung findet, es ihm gleichzutun. Diese Diskrepanz zwischen träumen & hoffen und hoffen & auch machen muss sich der Leser erst ein wenig erarbeiten.
    Alles in allem hoffe ich natürlich, dass meine Kritik nicht mein Respekt vor deinem Werk überschattet. Es ist tatsächlich einer dieser vielen kleinen Juwele dieses Forums und ich danke dir sehr, dass du ihn mit uns teilst

    Liebe Grüße, Placido
    Der Baum kann nicht tun, was der Mensch tut. Über deine Kritik habe ich mich gefreut.

    Liebe Grüße
    Farbkreis

Was dich vielleicht auch interessieren könnte:

  1. Zuversicht
    Von Dr. Karg im Forum Nachdenkliches und Philosophisches
    Antworten: 0
    Letzter Beitrag: 19.01.2012, 07:01
  2. Zuversicht
    Von Terrorist im Forum Hoffnung und Fröhliches
    Antworten: 8
    Letzter Beitrag: 17.08.2011, 10:33
  3. Zuversicht
    Von Sophia-Fatima im Forum Hoffnung und Fröhliches
    Antworten: 6
    Letzter Beitrag: 07.05.2011, 13:31
  4. Zuversicht
    Von tanja 70 im Forum Nachdenkliches und Philosophisches
    Antworten: 0
    Letzter Beitrag: 20.05.2010, 06:45
  5. Zuversicht
    Von fort von hier im Forum Liebe und Romantik
    Antworten: 5
    Letzter Beitrag: 08.12.2003, 21:11

Berechtigungen

  • Neue Themen erstellen: Nein
  • Themen beantworten: Nein
  • Anhänge hochladen: Nein
  • Beiträge bearbeiten: Nein
  •  

Anmelden

Anmelden