1. #1
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    poetry slam-Text

    Ich weiß nicht, ob ich den Text hier richtig einsortiere. Wo würde er eurer Meinung nach besser hingehören? Er hat keinen Titel, daher benenne ich ihn nach dem, was er ist: ein poetry slam-Text. Er ist zwar für den Vortrag gedacht, dennoch würde ich gerne wissen, was ihr denkt.


    Ich habe mir gestern einen neuen Fernseher gekauft. Das Teil kann mehr als eine Milliarde Farben darstellen. Ich glaube zwar nicht, dass es überhaupt so viele Farben gibt, aber okay .
    So ein Regenbogen zum Beispiel, der hat ja auch einen begrenzten Farbraum. Sieht aus wie ein gebogenes Testbild. Dass es ja auch nicht mehr gibt.
    Warum schon? Was will man denn noch testen. Man macht einfach. Auf Fernsehern mit einer Auflösung, die derart scharf ist, dass man die Realität blinzelnd in Frage stellt, kann man alles zeigen. Jumbos Würstchenmillionär auf kabeleins zum Beispiel.
    Wenn eine Kultur es soweit gebracht hat, dass sich Millionen anschauen, wie jemand Würstchen brät – dann muss alles andere schon erreicht sein. Dann muss alles schon dagewesen und gesehen worden sein.
    Eine Kultur auf dem Höhepunkt ihrer Entwicklung.
    Bei Jumbo in der Pfanne erreicht das Abendland den Moment seiner größten Erhabenheit.
    Eigentlich kann es jetzt nur noch bergab gehen. Nun… Das tut’s ja auch:
    Ovid, Shakespeare, Goethe – das sind Größen vergangener Tage. Das Kapitel „Literatur“ liegt in seinen letzten Zügen, kann bald schon zu den Akten gelegt werden. Dass allein im letzten Jahr mehr Bücher veröffentlicht worden sind als in der gesamten Zeit bis 1850, das ist ja egal. Das kriegt man ja nicht mit. Ich bin ein Kind neuer Medien, ich habe ein beschränktes Blickfeld. Das ist mein gutes Recht. Und außerdem: 2500 Jahre Dichtung und Inhalt haben gereicht, die Menschheit twittert nun.
    Das ist modern. Das ist zeitgemäß. Zusammenhängende Texte hatten ihre Chance, jetzt sucht man Zerstreuung in Zersplitterung.

    Twitter also. Ein Leben, auf 140 Zeichen reduziert.
    Das ist ja erstmal nichts schlechtes. Mit 140 Zeichen kann man allerhand anstellen. Zum Beispiel ein prima Haiku verfassen:
    Ein Grashalm weht im
    morgentauschwangerem Wind
    Wühlmaus huscht vorbei.
    Das ist zwar der letzte Dreck, hat aber Form und Tradition. Twitter hingegen ist noch ziemlich neu und somit einfach scheiße.
    Twitter, das ist die Antwort auf die ständige Mitteilungsgeilheit. Auf den Redeflusszwang. Hochgezüchtet in sozialen Netzwerken, provoziert von einem omnipräsenten Medium, dass uns vorgaukelt, unser triviales Leben vor der ganzen Welt ausbreiten zu müssen.
    Ich versuch’s ja gar nicht erst. Wer will schon wissen, was ich beim Arzt mache.
    Früher haben sich die Menschen wenigstens auf Bühnen gestellt, um irgendetwas mitzuteilen. Heute stellen sie den Rotz einfach online.

    Die Bretter, die Welt bedeuteten, sind ausgetauscht.
    Stattdessen hocken wir alle auf der Stange:
    Wir sitzen unserem Umfeld als kleiner, blauer Vogel im Ohr.
    plustern unser Gefieder auf und meinen,
    dass unser Gekrächze das schönste ist.

    Wir haben uns von WLAN-Netzen einwickeln lassen,
    sind zu touchscreen-Symbionten verkommen.
    Technokraten, die wir sind, lassen wir uns
    lifestyle und trends diktieren.
    Dabei immer das Individuelle betonend.

    Im Datenwahn der Gegenwart
    verrennen sich Kultur und Originale.
    Aber alles was bleibt, ist ein Tintenstrahlausdruck unserer Selbst.
    Ein Lebensgefühlscan ohne Tiefenwirkung.

    Wir spicken unseren Alltag mit applications,
    verschicken HD-Momentaufnahmen mit smartphones.
    Handys gibt es ja nicht mehr.
    Immer verfügbar, immer erreichbar.

    Wir kalibrieren unsere Herzen und folgen
    dem Syntaxtakt von Datensätzen.
    Uns ständig aktualisierend, ergeben
    wir uns letztelich ganz.
    Auf voller Bandbreite.

    Privatsphäre ist eine Idee des 20. Jahrhunderts.
    Nicht mehr tragbar in einer modernen Gesellschaft.
    Mit fliegenden Fingern führen wir uns also der Welt vor
    und Google macht das Foto dazu.
    Man muss nur lächeln bei drei.
    Geändert von Plaristo (17.11.2010 um 16:58 Uhr)
    Man muss noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern gebären zu können. (F. Nietzsche)

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