1. #1
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    Sind unsere Gedichte unterdrückte Sexualität?

    Seitdem Freud behauptet hat, dass jegliche Kulturleistung, also auch die Literatur und damit unsere Gedichte, eine Ersatzhandlung für einen unterdrückten Sexualtrieb darstellen, hat sich bestimmt jeder Kulturschaffende gefragt, ob dies bei ihm auch der Fall sein könnte.

    Nun, habe ich bei mir weder einen kausalen Zusammenhang noch ausreichend dokumentierte zeitliche Koinzidenz gefunden (zw. Schreibaktivität & Sexualität). Außerdem lebe ich meine Sexualität relativ frei aus (meiner Ansicht nach).

    Bemerkenswert ist aber, dass ja auch die umgekehrte Theorie existiert, dass viel Sex zu viel Geschreibsel führt.

    Interessant sind hierzu folgende zwei Diskussionen:
    http://www.gutefrage.net/frage/gibt-...-ausschliessen
    http://www.wer-weiss-was.de/theme52/article5236841.html

    Was mich nun umtreibt bzw. besorgt, ist: Meine schreiberische Produktivität hat in der Vergangenheit abgenommen hat. Ich habe jedoch das Gefühl, dass ich jetzt wieder viel schreiben könnte, wenn ich mir Zeit & Raum hierfür einplanen würde. Vor diesem Schritt schrecke ich jedoch zurück, weil ich denke, dass ich damit meine Sexualität unterdrücken könnte oder zumindest meinen 'aktiven' Lebensstil (viel unternehmen, häufig unter Leute gehen) auf ein inaktiveres Maß reduzieren würde. Als ich in der Vergangenheit viel schrieb, war ich eher ein Einzelgänger, heute bin ich (zumindest äußerlich) viel 'sozialer'.

    Was haltet ihr davon?

    1. Von den zwei gegensätzlichen Thesen bezügl. Kultur/Sex generell?

    2. Von meiner konkreten Lebenssituation? Ich möchte einfach nicht wieder in alte, inaktive Muster zurückfallen, ob mit Sex oder ohne ist dabei vlt. sogar zweitrangig, ich möchte noch weiter viele Dinge unternehmen und kein "einsamer Schreibtischhengst" werden, der vergisst wie man 'sozial' ist.
    Es hört doch jeder nur, was er versteht. ~~ Goethe

  2. #2
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    ich sage dazu nur:

    wenn du alles richtig machst...dann macht dich deine -exorbitante- kulturleistung so attraktiv, dass du gar keine andere wahl hast...als deinem sexualtrieb folge zu leisten....

    alles andere ist entschuldigung übers lamentieren...

    ich mach jetzt noch gedichtlesestunde im schwesternwohnheim des örtlichen krankenhauses....tschüssie
    "das copyright auf eure beiden häuser!"

  3. #3
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    Freud war kein Dichter und hat m.W. nie Gedichte gelesen.
    Er schrieb zwar als junger Mann "brennende" Liebesbriefe an seine Verlobte (und spätere Ehefrau), die jedoch von Kokain beflügelt waren.
    Dem er merkwürdigerweise nicht zum Opfer fiel.

    Ich habe nun nächtelang darüber gegrübelt, wo in dem Gedicht

    "Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland"
    (Theodor Fonate)

    auf unterdrückte Sexualität zu schließen wäre.
    Doch ich fand keine dementsprechende Stelle.
    Genau d a s läßt mir keine Ruhe.
    Bin ich eventuell für sexuelle Unterströmungen nicht sexualisiert genug?

    Was mag bloß aus mir werden?
    Der ewige Begriffsstutzer.....


    Barbarossa

  4. #4
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    Hallo ihr alle,

    @Barbarossa,

    Ich kenne das genaue Zitat Freuds nicht, aber ich verstehe die Ausführung von Peter eher so, dass man als Ersatz für Sex schreibt und nicht, um seinen Sexualtrieb auszuleben, also seine Zeit aufzufüllen, statt sie mit Sex zu verbringen.... Oder so ähnlich. Aber gerade bei Fontane wäre diese These sehr glaubhaft, da dieser viel reiste, somit viel von zuhause weg war und dann viel Zeit hatte.
    Du brauchst also m.E. keine angst um dein Empfinden von "sexuellen Unterströmen" haben.

    nächtlicher Gruß, gutes nächtle und carpe noctem
    Nachteule
    Meine Sydnatur:
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    Hier stehe ich! Ich kann nicht anders! Gott helfe mir! Amen!
    (Der Buchstabe)
    Du verstehst Nachteules Kommentar nicht? Lyrisches Lexikon der Nachteule; für Einsteiger: der Kommentarfaden; wenn dir ein Kommentar besonders gefällt, kannst du ihn zur Kritik des Monats nominieren
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  5. #5
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    Na,

    dann kann ich ja beruhigt schlafen!
    Meine Gedichte laufen ergo nicht unter Ersatzhandlung.
    Meine Freundin hätte mir ansonsten den Marsch geblasen, getrommelt und gepfiffen.

    Was der olle Freud nicht so alles unter die Sublimierung eingeordnet hat ....... lach!


    Barbarossa

  6. #6
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    Huhu!
    Woher die sexuelle "Aufladung" kommt, wird sich in einigen "Körnchen" wohl unserem Bewußtsein entziehen. Vieles kann "Anima" sein und vieles kann auch "Depri" sein. Zum Wohlfühlen gehört wohl auch, daß man Zeit für das einräumt was man liebt und "Erfolg" hat...und sicher gibt es da auch ne Hierarchie .
    Manche schreiben Texte um eine Herzensdame zu bezirzen...andere haben "danach" den großen Textredeschwall...wiederum andere "wissen" (Wünsche/ Fanatsie /Neid /....) nur daß es soetwas gibt. Wo und ob jemand "Anima" antrifft ist viel spannender...hoffentlich dort wo das Leben tobt...und nicht am PC oder so...
    Das pure Leben findet immer noch außerhalb von Lyrikforen statt.

    Liebe Grüße
    gitano

  7. #7
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    Freuds Aussage „Manchmal ist eine Zigarre nur eine Zigarre.“ könnte man wohl auch auf Gedichte übertragen.
    Was ist demnach das beste Rezept für ein Erdenleben überhaupt, oben wie unten ? : "Aufs Dorf ziehen. Doof sein. Rammeln. Maul halten. Kirche gehen. ...... Arno Schmidt

  8. #8
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    Zitat Zitat von PeterAssmann Beitrag anzeigen
    [B]Seitdem Freud behauptet hat, dass jegliche Kulturleistung ...eine Ersatzhandlung für einen unterdrückten Sexualtrieb darstellen, ...
    Hallo Peter,

    Jetzt habe ich mich durch den Großteil von Freuds "Die Zukunft einer Illusion" durchgelesen. Harter aber interessanter Tobak zu so später Stunde.
    In seinem Text ist zwar vielerlei von "Ersatzbefriedigung", "Trieben" und "Kulturverzicht" die Rede, aber niemals im Zusammenhang mit dem zwischenmenschlichen Geschlechtsverkehr.
    Vielmehr geht es hier um die Zähmung der Libido (siehe das Instanzenmodell) zur Ermöglichung eines sozialen Miteinander unter Menschenmassen einer gemeinsamen Kultur.

    Von daher brauchst Du also keine Angst zu haben, dass Deine lyrischen Werke in Freuds Sinne nur ein Schrei nach Sex sind. Weitermachen.

    Ob und wie Sex im Zusammenhang mit der Qualität deiner Werke steht, ist so individuell verschieden wie du und ich. Manche Denker hatten reife Äpfel in der Schublade (da der Duft sie inspirierte), manche einen Skorpion im Glas, einige schrieben nur unter Rauschmitteln. Gewiss gibt es auch welche, die nur schreiben können durch den Verzicht oder das unmittelbare Ausüben von Sexualpraktiken.

    Zu deiner Stellung als Außenseiter:

    Wer schreiben will, braucht Erfahrung. (Kann man eine Flamme schildern, wenn man niemals Feuer sah? Sicherlich, aber nicht authentisch.)
    Ein soziales Leben kann also auch sachdienlich der Materialbeschaffung sein.

    Du sagtest, du hast viel geschrieben als du einsam warst. Was in dem Sinne logisch erscheint, da du durch fehlenden sozialen Kontakt die Kommunikation mit dem Papier gesucht hast.
    Es kann also durchaus sein, dass du deine Gedanken mit deinem (sogenannten) sozialeren Leben anders verarbeitest und daher der Drang zu schreiben schwächer ist.

    Nach wie vor bleibt aber zu sagen: Finde den Grund, weshalb du schreibst. Willst du dich mitteilen, erheitern, belehren? Für wen schreibst du?
    Wenn du erst einmal für dich diene Zielgruppe gefunden hast, wird es sicherlich leichter, sich in deiner künstlerische Arbeit zu fokussieren.

    Viel Freude dabei!

  9. #9
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    Ich halte nichts von Freud. Der Zusammenhang zwischen Fortpflanzung und Kunst (wenn er denn besteht) ist für mich ein rein biologischer. "Kunst herstellen" ist das Verhalten irgendeines Lebewesens, welches den Reproduktionserfolg steigert. Welches also unter Umständen dazu führt, dass ein reproduktiver Vorgang wahrscheinlicher in die Wege geleitet wird, als wenn keine Kunst hergestellt wird.
    Ich schreibe ein Liebesgedicht, werde erhört und habe dann Sex. Ich singe ein schönes Lied, beeindrucke jemanden damit und habe Sex.

    Nun ist der Mensch keine Nachtigall und es ist alles ein bisschen komplizierter als bei Singvögeln, aber das Grundprinzip ist wohl dasselbe.
    Wenn ich unglücklich verliebt bin, schreibe ich traurige Liebesgedichte oder male düstere Bilder oder singe traurige Lieder. Dieses Verhalten führt dazu, dass der nächste potentielle Partner mich mit größerer Wahrscheinlichkeit attraktiv findet, als wenn ich nur Bier trinken und fernsehen würde.
    Vielleicht errege ich auch Mitleid.
    Wenn ich eine Partnerschaft habe, kann meine Kunst oder auch andere Kreativität (definiert als die Fähigkeit, verschiedenste Probleme zu lösen) die Paarbindung stärken oder auch das Überleben sichern. Wer aus einem Schnürsenkel eine Angel bauen kann und einen Fisch fängt, der hat bessere Karten als ein unkreativer Mensch und der wird auch begehrter sein als Partner. Oder Partnerin.
    Natürlich hat man das nicht dauernd im Hinterkopf und es gibt sicher auch große individuelle Unterschiede bei den einzelnen Menschen. Ich will jetzt auch gar nicht auf Gruppenarbeiten usw. eingehen. Das führt zu weit.
    Ich glaube, dass man Freud nicht braucht, um sich seine Sexualität zu erklären in irgendeinem Zusammenhang.

    Das ist nur meine Privatmeinung.

  10. #10
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    Ich möchte mich hier auch noch kurz einmischen.

    Zu Freud: viele Dinge hätten sich durch ihn so einfach erklärt, Tatsache ist aber, dass seine Theorien heutzutage immer mehr als unwissenschaftliche Hypothesen abgetan werden (z.B. tiefenpsychologische Traumdeutung). Vielleicht hat er ja in einigen Punkten recht, aber so einfach, wie er es darstellte, lässt sich die Psyche dann auch nicht erklären.
    Von daher sind Fragen wie "Sind unsere Gedichte unterdrückte Sexualität" nicht mit Ja/Nein zu beantworten - eines könnte höchstens mit dem anderen korellieren.
    Schonmal daran gedacht, dass ein dritter Faktor eben das Gedichte schreiben und den Wunsch nach Sexualität (o.ä.) hervorrufen könnte und diese dann gar nicht voneinander abhängig sind?
    Die ganze Sache ist so schwammig, dass man sich am besten keine Gedanken darüber machen sollte.

    Ob soziale Aktivitäten unter dem Gedichteschreiben leiden könnten, ist in meinen Augen ein anderes Diskussionsfeld:
    Wenn man viel Zeit für "kulturschaffende" (persönlich finde ich den Begriff etwas übertrieben) Dinge verwendet, "leiden" natürlich die Dinge, für welche die Zeit vorher verwendet wurde - also z.B. die sozialen Aktivitäten. Ich denke aber, dass sich das mit einem Stückchen Vernunft regeln lässt. So passiv sind wir dann auch wieder nicht, dass wir uns durchs Gedichteschreiben unbewusst zu Außenseitern machen und nichts dagegen tun können.

    Schöne Grüße vom Odenwald an den Schwarzwald (?),
    Marc
    Geändert von BeyondtheEyelid (02.03.2011 um 15:52 Uhr)
    Nur ein weiteres Fragezeichen, das schwankend seinen Punkt sucht.

  11. #11
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    ich wäre eher dafür, dass viel Sex zu viel Geschreibsel führt aber nicht, dass diese Kunst eine Form eines unterdrückten Sexualtriebes ist.
    Kurt Tucholsky hat auch viel geschrieben und der hatte definitiv genug Sex für zwei Leben.
    Und hätte er länger gelebt bestimmt auch noch für ein halbes Drittes.
    Freud in allen Ehren, aber da stimm ich ihm eben so wenig zu, wie dass wir Frauen einen Neid auf das männliche Geschlechtsorgan hätten.

    Wenn du angst hast dich aus deinem sozialen Umfeld unbewusst zu entziehen, dann kauf dir einen kleinen LapTop und schreib dann wenn du im Zug sitzt oder Bus. Also wenn du Zeit zu überbrücken hast, mit der du eigentlich sozialtechnisch eh nichts anfangen könntest.

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