Hallo,

gerade beschäftige ich mich mit dem Gedicht "An den Mond" von Goethe und zwar die erste Fassung von 1777/78. Vielleicht kennt es ja der eine oder andere:

AN DEN MOND

Erste Fassung


Füllest wieder’s liebe Tal
Still mit Nebelglanz
Lösest endlich auch einmal
Meine Seele ganz.


Breitest über mein Gefild
Lindernd deinen Blick
Wie der Liebsten Auge, mild
Über mein Geschick.


Das du so beweglich kennst,
dieses Herz in Brand,
Haltet ihr wie ein Gespenst
An den Fluß gebannt,


Wenn in öder Winternacht
Er vom Tode schwillt
Und bei Frühlingsleben Pracht
An den Knospen quillt.


Selig, wer sich vor der Welt
Ohne Haß verschließt,
Einen Mann am Busen hält
Und mit dem genießt,


Was den Menschen unbewußt
Oder wohl veracht’
Durch das Labyrinth der Brust
Wandelt in der Nacht.

Ich bin mir über die Bedeutung der zweiten Strophe nicht ganz im Klaren. In der Ersten betrachtet das lyrische Ich ja den Mond und löst dadurch seine inneren Spannungen.
Diese inneren Spannungen entstehen, wie der Leser in der zweiten Strophe erfährt, durch eine Liebesgeschichte "Wie der Liebsten Auge". Der Mond verschafft dem Ich durch seine Beständigkeit/Anwesenheit eine gewisse Linderung, "Lindernd deinen Blick".

Insgesamt klingt das nun so, als ob das lyrische Ich sich von seiner Liebsten getrennt hat und jetzt im Trennungsschmerz vergeht. Wie passt dann aber die zweite Strophe in das ganze Konzept? Was mich daran wundert ist, dass der Liebsten Auge mild auf ihn herab blickt. Soll damit ausgedrückt werden, dass das lyrische Ich immernoch etwas für seine einstige Liebe empfindet und er sie weder hasst noch verachtet?

Vielleicht könnte man es aber auch so sehen, dass die beiden noch zusammen sind und die Spannungen daraus resultieren, dass diese Liebe langsam, "mild", in die Brüche geht.

Für eure Vorschläge und Anregungen wäre ich sehr dankbar.

Grüße,
Zikiwi