Thema: Wie verrückt

  1. #1
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    Wie verrückt

    Literaturinformation 8 Uhr:

    Gido: „Doktor Gärther, was halten Sie von Professor Dr. Symsyno’s Theorie, das Schreiben zu
    verbieten?“

    „Da müssen Sie ihre Frage schon anders stellen, oder repräsentieren sie hier seine Nieten?“

    Gido:„Sollen alle Wähler schreiblos bleiben, oder bloß nach Professor Dr. Symsyno’s Selektion...?“

    „Es ist ja so... man kann eben in der Wüste keine Bäume fällen, und ein Kanarienvogel ist kein
    Hund, lernt er auch das Bellen... nur...“

    Gido: „Bitte... sehr geehrter Herr Mr. Dr. Gärther .... Millionen Zuschauer hängen an ihren
    Lippen...“

    „Ach so... also... die allgemeine Konfusion liegt an den Schweinerippen und an des Ebers Hauer,
    jede Sekretärin kann sich mal vertippen und das Buch enthält keine Interpunktion... Das wär
    dann schon... das eigentliche Leben... äh!... Wesen... “

    Gido: „Werter Herr Dr. Gärther... “

    „Haben sie das Buch etwa gelesen?“

    Gido: „Nein! nein... ein Schüler hat mir ein Resümee verfaßt, das hab ich... na ja, hab ich fast
    kapiert, er hat mir dann noch, für ein paar Euro mehr, was ich sage drunter geschmiert... “

    „Zeigen sie mal her... die Schrift kenn ich doch... das... “

    Gido: „Ziemlich unleserlich, was...?“

    „Werner Teuerling?“

    Gido: „Ja!... ja...“

    „Na das ist ja ein Ding! Ha! Das ist mein Sohn! Der schreibt mir ständig, wegen der Pension...“

    Gido:„Doktor Gärther...! Millionen Zuschauer hören Sie in der Emission... “

    „Huhu!!! Huhu!!! Werner!!! Siehst du mich? Ist deine Mama auch da? Huhu! Gerti! Ich liebe
    dich...!!!! “

    Gido: „Aber... aber... Herr Doktor...“

    „Jetzt lies doch mal vor, du Tor!“
    ...

    9 Uhr. Die Freunde laufen schnell.
    Es ist Sommer und noch hell.


    Erzähler – LI: „Was hat der Mensch hier zu sagen? Was sind seine Worte?“

    Gitti: „Ausdruck einer Sehnsucht, die einen jeden Menschen mit den anderen verbindet.“

    Manu: „Ist diese Sehnsucht so unerfüllbar, daß man sie töten muß, damit sie nicht mehr zum
    Bewußtsein kommt?“

    Werner: „Versuche mit ihr zu leben, und du wirst sehen, sie macht dich kaputt.“

    Manu: „Bist du nicht auch kaputt wenn du sie tötest? Wenn du einen anderen Menschen aus
    dir machst?“

    Erzähler – LI: „Hat die Bibel Recht, wenn sie sagt Leben = Leiden = weg?“

    Werner: „Ist es nicht ein Betrug, wenn du dich zwingst glücklich zu sein?“

    Gitti: „Vielleicht findest du sogar das Glück, wenn du leidest.“

    Erzähler – LI: „Doch verharre nicht mehr in dieser Stille.“

    Werner: „Du lebst, du lebst und denkst vielleicht du bist glücklich;“

    Erzähler – LI: „lebst = leidest?“

    Manu: „Sie töten, sie töten schon wieder.“

    Werner: „Aber ich brauche nicht mehr zu töten, denn es ist schon tot.“

    Gitti: „Verrückt?“

    Werner: „Denkst du vielleicht ich sei verrückt?“

    Manu: „So! Dann bedenke aber auch, daß Verrückte vielleicht die glücklichsten Menschen sind.“

    Werner: „Sie leben im Einverständnis mit sich. Sie sind eben nur verrückt.“

    Manu: „Was aber bist du? Ja, du weißt es nicht und das ist schlimm!“

    Gitti: „Sei traurig oder heiter, aber nur eines und das immer.“

    Werner: „Ein Mensch ist allein, wenn er still ist.“

    Manu: „Weine, und du wirst sehen, ein Mensch weint mit dir. Lache, und du wirst sehen, viele
    Menschen lachen mit dir.“

    Werner: „Sie lachen, weil auch dieses Lachen tötet.“

    Gitti: „Sie lachen alle, weil sie glücklich sein wollen.“

    Werner: „Doch nur einer wird mit dir weinen. Einer, der sich nicht tötet.“

    Manu: „Einer, der sagt: Ich brauche nicht töten.“

    Gitti: „Ich weine, und die Tränen machen mich glücklich.“

    Werner: „Denn mein Leben ist ein Weinen, weil ich sterben muß.“

    Manu: „Ach, es ist schon wieder tot. Ein Mensch hat gelächelt!"

    Werner: „Lächeln ist auch Ausdruck von Glück auf dieser Welt.“

    Gitti: „Schon meine ich, auch glücklich zu sein. Aber vielleicht ist es das Beste, wenn man so
    denkt,...“

    Werner: „Wenn man nicht denkt!“

    Manu: „Denn wenn man nicht weint, nicht sieht was Leben ist, kann man vielleicht auch
    glücklich sein?“

    Werner: „Wie der Verrückte!“

    Gitti: „Ist das ein Drama?“
    ...

    Das Jahr ist vergangen,
    das Neue hat angefangen.


    ... Ich gehe durch den Schnee. Er ist vermischt mit Straßendreck , der auch an meinen Schuhen
    haftet. Schuhe von breiter Form mit dicker Sohle, die bis über die Knöchel reichen. Ich laufe
    ziellos. Eigentlich liege ich ja im Bett, aber ich muß wieder daran denken, wie es im vorigen
    Winter war. Gedanken, die mich nicht schlafen lassen, die entstanden sind, durch Erlebnisse,
    die sich tief eingefressen haben, ein Merkmal hinterlassen haben. Jetzt spielen sie mir wieder
    jene Szene vor, ich sehe es, ich erlebe es noch einmal. Nur, daß ich eben im Bett liege...

    "Sie sind ja alle verrückt."

    ...
    Geändert von Farbkreis (15.10.2011 um 22:08 Uhr) Grund: image

  2. #2
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    lernt man ihm auch das Bellen... ist nicht richtig!
    lehrt man ihn auch das Bellen... müsste es heißen!

    gute Persiflage!

    Gruß G. Heimer

  3. #3
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    Zitat Zitat von G. Heimer Beitrag anzeigen
    lernt man ihm auch das Bellen... ist nicht richtig!
    lehrt man ihn auch das Bellen... müsste es heißen!

    gute Persiflage!

    Gruß G. Heimer

    Hallo G. Heimer

    Vielen Dank, den Fehler werde ich gleich verbessern... in "lernt er auch"...

    Wir hatten mal zwei erstaunliche (asiatische?) Vögel in der Nachbarschaft, die sprachen
    zusammen. Der eine sagte z.B. zum andern: "Wie macht die Katze?" und der andere
    antwortete "Miau! Miau..." Angeblich gibt es auch "sprechende" Raben...

    Das Wort "Persiflage" habe ich schon irgendwo gelesen, habe diesmal in den Duden geschaut.
    Es ist eben ein zerstreuter Professor...

    LG Farbkreis

  4. #4
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    ...
    7 Uhr. Student Gerhard Gärther erwacht, schaut aus
    dem Fenster. Es ist dunkel...


    Er war etwa um 4°° über seinem Buch eingeschlafen, nimmt eine Met*** - Pille und verschlingt
    den Lesestoff in Minutenschnelle, um 9°° hat er ein Examen...

    8 Uhr. Es wird nicht hell... es wird Sonntagnacht...

    „Ich würde dich einsperren.“

    „Ich würde sterben,“ sagte Gerti

    und sah einen Turm, Wendeltreppen, ein vergittertes Fenster, das aufs Meer führte.
    Höhlenartige Wände, eine leere Steinhöhle und sich darin, verschlossen. Sie wünschte,
    er täte es.

    „Wir reisen, wohin du willst“

    Gerti: „Auch in den Libanon?“

    „Wohin du willst“

    „Aus dem Libanon kehren wir nie mehr zurück.“

    Er durchbohrte sie mit seinen schwarzen Augen, öffnete sie und lockte ihre Seele in seine Tiefe
    und sie legte sie hinein. Seine Augen blitzten auf. Er hatte sie im Turm gesehen. Wie sie auf
    ihn wartete, durch das Gitterfenster aufs Meer schaute und auf ihn wartete.

    Gerti: „Ich gehe wirklich in den Libanon“

    „Bist du Krankenschwester?“

    Gerti: „Nein, ich werde Medizin studieren, ich werde als Ärztin gehen.“

    Jetzt lachte er, nicht spöttisch, aber warm und ergreifend, verschlingend lachte er.

    „Auf einen Menschen, der jetzt dort stirbt, werden dreihundert kommen und sterben, wenn
    du es tust.“

    Er befreite den Sturm aus seinen Augen, den Orkan, der ihr Inneres in Stücke riß, es
    heraufwirbelte und er sog es ein. Sie war in ihm, aufgerissen, bloß. Er erkannte sie, ihre
    Schwäche, ihre Angst, wie sie wünschte und versuchte stark zu sein, sich Ziel und Zukunft
    zu zeichnen, in die Luft hinein, mit Worten zu bauen und sich dahinter zu verstecken. Sein
    Sturm drang durch kleinste Ritzen ihrer Mauer, riß alles heraus, sog alles ein. Er legte leise
    ihre Stücke zurück in ihre Mauern, erwärmte ihr Gefängnis, hüllte es ein, umarmte sie mit
    den Augen, öffnete sich und lud sie ein in seinen Schutz zu treten, sich zu erwärmen und
    sie empfand keine Scham, hörte sich sagen:

    „Ich glaube an Treue“

    Er gab ihr seine Telefonnummer.

    "Wie lang ist es her?"

    Die Zeit rennt, kennt keine Pausen. Sie brachte den Schnee und läßt das Wasser zu Eis
    erstarren. Alles entfernt sich vom Feuer. Was ist wahr von dem, was wir gewöhnt sind?
    Die Zeit hat nur ihre eigenen Probleme und wir meinen uns in der Zeit wiederzufinden,
    aber sie hat keine Zeit Probleme zu lösen. Stetige Veränderung, Bewegung...

    "Wie verrückt"

    Ein Tag vergeht, ein anderer beginnt...

    "Ist es wirklich ein anderer Tag?"

    Werner: „Ich glaube nicht, daß ein Mensch ohne Grund mit bestimmten Talenten oder
    Äußerlichkeiten ausgestattet ist.“

    Manu: „Man sollte, ja man muß sie erkennen und sie ausnutzen.“

    Gitti: „Egal welche es seien?“

    Werner: „Es wäre Sünde, sie zu übersehen oder sie aus Bequemlichkeit oder aus Scham
    zu unterdrücken.“

    Manu: „Man sollte sich bewusst werden, dass man lebt und zuerst sich fragen und dann
    die anderen, was man tun möchte.“

    Werner: „Wie fern sie sind. Wie dumm geordnet ihr Leben. Ja dumm, denn es ist ja nicht
    ihr wirkliches Leben.“

    Manu: „Warum versuchen sie nicht, sich zu finden?“

    Gitti: „Ich glaube, ich finde langsam mein Leben.“

    Werner: „Der erste Schritt ist getan.“

    Manu: „Tja, wie man sich doch verlieren kann.“

    Werner: „Wie war es doch schwer, die Tür zu finden.“

    Manu: „Ein kleiner Schritt in die Tiefe und schon diese...“

    Gitti: „Bin ich zu anspruchslos? Nein, ich glaube, ich will es so.“

    Manu: „So und nicht anders?“

    Gitti: „Die Welt kann so schön sein, wenn man versteht, auf ihr zu leben.“

    Werner: „Ein jeder Mensch kann dein Freund sein, wenn du verstehst ihn zu nehmen.“

    Gitti: „Das schönste auf der Welt, ist ein Kind zu sein. Ein Kind, das Eltern hat und Träume.“

    Werner: „Mutter, dein Kind lebt wieder. Es war tot, und da du nicht geweint hast, hast du
    nun einen Freund.“

    Gitti: „Wenn ich doch nur weinen könnte.“

    Manu: „Weinen befreit nicht, es erleichtert nur. Aber frei ist niemand auf dieser verdammten
    Welt.“

    Werner: „Wer ist Schuld an diesen Menschen?“

    Gitti: „Ich wehre mich zu glauben, daß jeder Mensch allein ist, mit seinen Gedanken
    und Gefühlen.“

    Werner: „Der Körper findet schnell einen Freund.“

    Gitti: „Meine alten Bekannten sind alle nett und freundlich, aber ein Treffen mit ihnen lohnt
    sich nicht mehr!“
    (Freundliches Händeschütteln, = Abschied.)

    Manu: „Das Mädchen ist unglaublich.“

    Werner: „Ich sehne eine Gelegenheit herbei, ihr einmal ganz freundlich etwas klar zu machen.“

    Manu: „Es gibt nichts, was mir bei ihr nicht gegen den Strich geht.“

    Werner:„Das Wichtigste ist, sich ständig zu verändern und ständig an sich zu arbeiten.“

    Manu: „Erfahrungen zu verwerten und so langsam erwachsen zu werden, das heißt, aus sich
    eine feste Persönlichkeit zu machen.“

    "Sie sind ja alle verrückt"

    ...
    Geändert von Farbkreis (04.03.2011 um 10:13 Uhr)

  5. #5
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    ...
    Heute, Morgen, endlich,...

    Sie saß ausgebreitet vor ihm, füllte die Luft, den Raum, war ein Gas, hatte sich verflüchtigt,
    dehnte sich aus, verbreitete Geruch, erfüllte den ganzen Raum, durchflutete ihn, befühlte
    jede Zelle seines Körpers, war befreit.

    „Bleib...“

    wollte Gerti schreien, aber sie flüsterte es nur so leise, als wär’s für einen Moment...

    Er fühlte sich überflutet, eingefangen, übermächtigt und schrumpfte, zog sich zusammen um
    zu explodieren, um sie aus seinem Körper zu pumpen, sie aus sich hinauszupusten, sich zu
    vergrößern. Er brauchte Platz und sagte:

    „Ihr Frauen seid doch alle gleich. Erst ziert ihr euch und dann freßt ihr einen auf, saugt und
    verschlingt uns.“

    Die große Erwartung ans Neue Jahr.

    Gerti: „Bin so gut wie krank. Schon seit Tagen ist mir furchtbar übel.“

    Wendy: „Ich habe dreizehn Stunden gearbeitet. Nun bin ich kaputt.“

    Gerti: „Bin nicht arbeiten. Nachmittags beim Arzt. Sagt mir, daß ich schwanger bin, sonst
    aber ziemlich blöd.“

    Wendy: „Was gibt es denn schöneres auf dieser Welt, als Leben zu schenken.“

    Gerti: „Es ist eigenartig, aber ich muß daran denken wie meine Mutter, heute vor beinahe
    neunzehn Jahren, gefühlt haben muß mit diesem Kind im Leib. Wenn ich daran denke, bin ich
    sehr glücklich. Glücklich und dankbar, daß sie mir das Leben schenkte.“

    Wendy: „Ich erwarte mit Sehnsucht diesen Tag, an dem ich das gleiche fühlen kann.“

    Gerti: „Bin immer noch krank. Übergebe mich,“

    Berni: „scheußlich“

    Gerti: „Ich suche keinen Sinn mehr fürs Leben, denn der Sinn des Lebens ist zu leben. Liebe,
    die ich damals als Sinn des Lebens zu finden glaubte, ist doch nicht so erfüllend. Natürlich ist
    die Liebe ein sehr bedeutender Teil davon. Mißt man ihr jedoch zuviel Bedeutung bei, so ist
    sie enttäuschend“.“

    Berni: „Es gibt keine Einzelheit, die den Sinn darstellt. Alle Einzelheiten zusammen ergeben
    den Sinn, denn sie ergeben das Leben.“

    Gerti: „Es ist noch nicht besser. Fühle mich zum Kotzen.“

    Wendy:: „So, wie jeder Mensch essen muß, um zu leben, braucht jeder Mensch Liebe und
    muß lieben um auch seelisch zu leben.“

    Gerti: „Ich glaube, ich habe jetzt endlich gelernt, daß man einem Menschen nicht das Wort
    glauben darf und daß es viel Gemeines gibt, für das ich mich schämen würde.“

    Wendy: „Wie man vernünftig essen muß, um sich körperlich wohl zu fühlen, muß man auch
    vernünftig lieben, um sich wohl zu fühlen.“

    Berni: „Man wechselt die Speisen, man wechselt die Menschen, die man liebt... Die meisten
    langweilen mich, ich bin lieber allein.“

    Wendy: „Verdammter Heini“

    Berni: „Werden und Vergehen, das ist Leben.“

    Gerti: „Ich bin nicht stark genug für dieses Leben. Ich will frei sein, frei von allen Lasten, frei
    wie ein Kind.“

    Berni: „Sich stellen und kämpfen ist besser als fliehen. Wer flieht, gibt freiwillig auf. Kämpfen
    heißt siegen, wenn man für das Recht kämpft.“

    Gerti: „Und nie wieder will ich mich in diese furchtbare Abhängigkeit begeben. Ich will keine
    Bequemlichkeit mehr, ich will kämpfen. Ich will mein Leben leben und mich nicht für andere
    verlieren. Ich will sehen, daß ich etwas tue, etwas, was wirklich gut ist. Und wenn ich sehe,
    daß ich ewig auf der Stelle trete, dann kommt mir alles wieder hoch, diese Abwehr gegen
    das Leben, die ich in mir trage. Ich kann nicht vorwärts, ich kann nicht zurück, ich kann nur
    kotzen...“

    Berni: „Man darf niemals einen Schritt zurück tun.“

    Nun ist es soweit,

    wieder ist der Kreis geschlossen. Wiederholung, und doch anders; schon bekannt, daher
    gewappnet, mit Erfahrung, daher mit Kraft kann man beginnen, neu die gleiche Linie
    wiederholen; und auf jeder Tour wird es besser. Es lohnt sich... wie verrückt

    Sie taten als sähen sie einander nicht, dabei hatte er die Tage gezählt. Als sie eines Tages
    an seiner Tür stand, weil sie plötzlich das Gefühl gehabt hatte ihn sehen zu müssen und
    deshalb ihre Angst vor vereisten Straßen überwand, durch Schneegestöber fuhr... Er breitete
    die Arme aus und sagte:

    "Ich habe auf dich gewartet, ich wußte, daß du heute kommst."

    Wo ich die Zeit vergaß.

    Vergangenheit oder Zukunft, Zeit eines Menschen verstummt in Ehrfurcht, löst sich auf,
    weil immer ist. Dort ist die Zeit. Jeden Tag kann neuer Schnee kommen. Neue Spuren
    auf unberührten Wegen...

    „Ich weiß, ja ich weiß“

    „Du entfernst dich, glaubst nicht an Illusionen.“

    „Ich auch nicht.“

    „Wär ich gestorben...“

    „Es ist schön, dich anzuschauen“

    sagte er als sie sich im Dunkeln am Tisch gegenübersaßen und sie antwortete:

    „Du siehst gar nichts, du bildest dir ein, was du sehen willst.“

    Und er lachte. Sein Körper war Mittelpunkt, seine Fröhlichkeit war bestimmend.

    „Ich spucke alles aus, bin offen, du schließt alles ein.“

    Sie gingen zu Bett wie zwei Kinder und ihre Berührungen waren vorsichtig und leicht,
    zärtlich, liebevoll und unschuldig, erwärmten und trennten ihre egoistischen Kinderseelen.
    Sie erwachte voll Scham und tastete sich durch die Dunkelheit.

    „Tritt auf mich“

    sagte er und sie fiel auf ihn.

    „Du bist verschlossen. Du mauerst dich selbst ein, weil du nicht über dich sprichst.“

    Und sie ging an seinem Garten vorbei und er fühlte nicht den leisen warmen Hauch, der ihn
    umstreifte; fühlte nicht, daß er die Mauer einreißen könnte, daß seine Pflanzen über die Mauer,
    die Gräser durch die Ritzen dringen und ihre Wüste in einen blühenden Garten verwandeln
    könnten, in dem riesige Baumstämme wachsen und die Mauer bersten würden. Er sah nicht,
    daß der Boden darauf wartete, nach Samen verlangte, daß er fruchtbar war. Und sie hatte
    Angst an sein Tor zu treten und sagte nur:

    „Ja, so bin ich“

    Die Luft stand still.

    „Ich spucke alles aus, bin offen. Du schließt alles ein.“

    Sagte er und sie sah seine verschlossene Gartentür, wie er davor stand und sie bewachte. Er
    reichte ihr nicht eine Blume seines Gartens. Er redete die Mauer herbei, baute sie mit seinen
    Worten und merkte nicht, daß sie ihn sah. Er war ein Fremder und sie bekam Angst vor seinen
    Augen, vor seinem ungestümen Wesen, vor seiner Leidenschaft, vor seinem allesverschlingenden
    großen Mund. Anspruchsvoll war er, fremd und sehr stark. Eine fremde Stärke, eine Gefahr. Er
    würde sie verschlingen und wieder ausspucken.

    „Er hat Angst wie ich,“

    dachte sie. Angst einen Teil zu geben oder zu bekommen. Angst vor Erkennung.

    „Ich werde mich in deinem Garten verirren und du dich in meinen Mauern finden.“

    „Nein,...“

    „Es gäbe kein Entrinnen mehr.“

    Jetzt öffnete er die Tür und das Fenster.
    Die eisige Luft verscheuchte die letzte
    Wärme und ihren Duft.


    Sie spürte ihn bevor sie ihn sah. Ihre Augen trafen sich in der Masse und erkannten sich. Als er
    näher kam, stieß sie ihn zurück. Sie lachte leicht, spöttelte, ließ seinen Sturm an ihren Mauern
    vorbeigleiten, mauerte alle Ritzen zu, verstopfte die Poren, ließ nichts hinein und nichts hinaus.
    Sie sah seine geöffnete Tür und warf sie ins Schloß.
    ...
    ...
    Geändert von Farbkreis (08.03.2011 um 12:51 Uhr) Grund: Erweiterung

  6. #6
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    Literaturinformation 8 Uhr 10:

    „Meine sehr geehrten Zuschauer, entschuldigen sie bitte die Unterbrechung, Herr Dr. Gärther
    konnte leider nicht pünktlich eintreffen. Sie sahen inzwischen zur Unterhaltung den Schauspieler
    Ernst Polle, er bereitet sich gerade auf seine Rolle in dem Feuilleton < Vater vom Neffen > vor,
    fürs nächste Jahr in Bearbeitung... Ah! Die Werbung...“

    „Was soll denn das ganze Affentheater...!?“

    Er ging ins Ausland,
    sie träumte von ihm.


    Er wurde zur Gestalt ihrer Träume, einer Gestalt von vielen. Er wurde der Prinz aus dem Märchen
    ihrer Kindheit. Groß und herrlich. Schwarze Augen und sinnlicher Mund, mächtig, ergreifend,
    gefährlich, zärtlich und beschützend. Sie war seine Gefangene im Turm, erfüllt mit Warten.
    Warten, daß er sie küßt, erweckt, daß sein Sturm ihr Leben dem Tod entreißt, sie öffnet,
    verschließt, öffnet. Im Traum war er der Prinz. Im Traum begehrte sie ihn. Er sah ihre Träume
    nicht. Sie fühlte sich sicher.

    „Hallo?“

    „Hallo Wendy, ist mein Werner bei dir?“

    „Nein, Gerti, Gitti ist zur Tür rein und hat sich eingeschlossen...sie ist allein... er ist nicht hier...“

    „Hast du den Fernseher an? Hast du die Literaturinformation... ?“

    „Ja, Werner hat mir gesagt, das müßt ihr sehn... Gerti... was sagt dein Mann?“

    „Der liegt auf dem Sofa rum... Berni! Beeerrrnniiii!!!!“

    „Nanu...? Wie...?“

    „Schläfst du?“

    „Nein, ich denk nach... warum?“

    „Er schläft schon.“

    „Gerti, jetzt beruhig dich doch, es ist nun mal Gerhards Sohn und Werner hat doch...“

    „Wie kommst du dazu... alte Kuh!...“

    „Gerti, Gitti hat nach ihrem Vater gefragt, da...“

    „Du hast mir doch selbst gesagt...“

    „Na ja, Berni und ich... wir haben uns... du hast ihn eben manchmal in meine Arme gejagt...“

    „Und der Kanadier? Unbekannt verzogen? Wendy! Du hast mich jahrelang belogen!? Und was
    hast du dir dabei gedacht... wieso hast du das mit Werner gemacht... wieso?“

    „Er wollte nicht glauben, das Gitti seine Halbschwester ist.... danach war er irgendwie froh...“

    „Mist!“

    „Willst du behaupten, daß du das Unschuldslamm der ganzen Story bist?“

    „Weiß Berni von Gitti...ist dem das egal? was soll ich denn jetzt Werner sagen? Woher hat der
    die Adresse...“

    „Gerhard fragte nach dir... er war auf der Durchreise, du warst doch grad mit Berni in Spanien...
    ich hab ihm gesagt... er wurde ganz leise, sagte nur, er müsse nach Asien... Dann kam eine
    Postkarte von irgendwo, die hab ich dem Werner gegeben... “

    „Und wie hat er reagiert?“

    „Er hat gesagt: Dem Berni hau ich eins auf die Fresse, und wie... irgendwas von einem Stamm... er hat dann aber nur in die Tür geschlagen... und er danke mir dafür... und das irgendwas passiert..., ihr könntet was erleben...“

    „Wendy! Wo ist Werner? Sag mir sofort wo!“

    „Gittiiiii... !!!“

    „Berniiii... !!!“

    Er verliert.
    Frische Luft, befreite Erde.


    Schon schmilzt er dahin, arm und zerfallen, kraftlos,
    am Ende. Kälte, Eis, Schnee und lange Nächte,
    alles gehört der Vergangenheit. Vergessen,
    vergessen Wie hässlich er ist, der fliehende.

    Wie lächerlich die Verachtung,
    da taut er und vermengt sich mit Schmutz und merkt es nicht.
    Da spuckt er auf den fruchtbaren Boden. Es nutzt nichts,
    Er ist nutzlos jetzt und jetzt verliert er. Die Erde
    will er vernichten und ist selbst schon längst vernichtet.
    Niemand tröstet den Stolzen, der die Liebe haßt.

    "Und wie verrückt schreibe ich weiter."

    ...
    ...
    Geändert von Farbkreis (08.03.2011 um 12:56 Uhr)

  7. #7
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    9Uhr29

    „Sehr verehrte Zuschauer, sie sahen die Literaturinformation 8Uhr und wir bitten noch einmal
    um Entschuldigung für die unvorgesehenen Zwischenfälle, die leider die Verschiebung unserer
    beliebten Sendung < Abendplausch Glückesrausch > zur Folge hatte. Sie beginnt um 9Uhr35
    nach der Werbung und... Bleiben sie dran! Viel Spaß!“

    „Nein Wendy, dein Kaffee ist zu stark, hast du noch den Bordeaux von... wie hieß der noch
    mal... Mensch, weißt du noch, ich lach mich heut noch schief und krumm...“

    „Zur Feier des Tages... ja Gerti, doch... so geht die Zeit herum...“

    Trümmer.

    Das Haus stürzt ein. Zerstörung des Zwanges, Vernichtung des Gefängnisses, Leere und Weite.
    Er räumt das Haus und trägt das Unglück hinaus. Blind auf allen Augen, abgestumpft und alt
    verschwindet er und weicht mit dem Winter. Die Trümmer sind sein. Er trägt sie mit sich.

    Werner: „Ich baue mit neuen Steinen.“

    Manu: „Den Weg will man nicht dazu beschreiten, er ist zu steinig.“

    Werner: „Der Miserable hat keinen Stand, er gehört zur gleichen Klasse, nur er träumt davon,
    oder er arbeitet sich ehrgeizig voran,... heraus aus der Masse.“

    Manu: „Ich lebe nur einmal. Das Leben ernst nehmen?“

    Werner: „Mein Leben, mich selbst vergessen. Vergessen, daß meine Welt < Ich selbst > ist.“

    Manu: „Ein Spiel...“

    Werner: „... ein Spiel, in dem ich mich selbst betrüge.“

    Manu: „Es ist das Leben ein wahrer Traum.“

    Werner: „Aber eben doch nur Dunst und manchmal ist der Himmel klar.“

    Manu: „Die stillen Wasser...“

    Werner: „die brauch ich noch nicht.“

    Manu: „Manchmal steigt es etwas empor, dann fühle ich ungeheure Kräfte in mir...“

    Werner: „Ich sollte sie nutzen.“

    Spiel ohne Regel, ohne Kampf.
    Kein Gewinner, kein Verlierer, nur ein Spiel, das irgendwann enden wird.


    Eine Stadt, verregnet. Menschen mit Blicken, starr, gleichgültig, abweisend. Autos, die nervös
    vorwärts drängen, hupen. Habe kein Ziel, nur eine Hoffnung einem Blick zu begegnen. Augen,
    in denen eine Antwort steht, ein Lächeln, menschlich. Ich suche vergeblich, auch ich dränge
    vorwärts.

    „Werner ist nach Kanada gegangen.“

    „Was macht er da?“

    „Gerhard meinte, Füchse fangen.“

    ***

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