Thema: 2. Geburtstag

  1. #1
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    2. Geburtstag

    Es ist Dienstag, noch sehr früh, vielleicht halb fünf. Ein leichtes Ziehen im Bauch weckt mich
    halb. Es ist beinahe ein angenehmes Gefühl. Sind das Wehen? Ich lege mich in eine unbequeme
    Lage um es deutlicher zu spüren, so leicht, so unwirklich. Ich will es aber ganz stark spüren,
    damit ich sicher bin. Ich sehe auf die Uhr. Ja, es wiederholt sich alle zehn Minuten. Michel
    schläft ganz friedlich. Ich möchte einfach liegen bleiben und stelle mir vor, wie Michel von einem
    brüllendem Menschlein geweckt wird. Ich will nicht in die Klinik, schlafe wieder, aber nicht tief.

    Es ist bald sechs Uhr. Ich wecke Michel. „Es kommt, ich habe Wehen, alle fünf Minuten, aber
    so leichte.“ Ich ziehe Laurent an, packe die letzten Sachen in den Koffer. Wir fahren in die Klinik.
    „Warum haben sie nicht telefoniert? Der Saal ist besetzt, es ist nichts bereit.“ Michel fährt
    Laurent zu den Großeltern. Ich setze mich auf einen Stuhl und warte, habe fast ununterbrochen
    Wehen. „Wollen sie sich nicht hinlegen?“ Will ich nicht. Der Saal ist fertig. Endlich, es wurde
    unbequem auf dem harten Stuhl. Ich lege mich hin, höre Deinen Herzschlag, warte auf etwas
    Unbestimmtes. Hab ich doch geträumt, es ist schon ein paar Tage her, ich habe Dich auf einem
    Ladentisch geboren, neben der Kasse, in zweiundzwanzig Minuten. Ich glaube, ich muß stoßen.
    Wieso denn schon jetzt? Ich habe noch gar nicht von der Atemtechnik Gebrauch gemacht. Die
    Hebamme ist nicht da und hat vergessen, mir die Klingel übers Bett zu hängen. Machen wir’s
    eben allein. Warum bewegst du Dich plötzlich so stark, stößt gegen meine Rippen, unten sollst
    du raus. Ich habe gehört, nur ganz winzige Babys bewegen sich noch während der Geburt. Bist
    Du wirklich so klein? Ich raufe mir die Haare, will die Hebamme rufen, mach es aber nicht.

    Da kommt endlich Michel, im richtigen Moment; er holt die Hebamme, wir gehen zum anderen
    Bett. Ich stoße mit meiner ganzen Kraft, aber es geht sehr langsam voran. „Oh, was für ein
    Brocken,“ höre ich die Hebamme sagen. Ich sehe Dich, Deinen kleinen runden Kopf, die Haare
    ganz verschmiert, und die Schultern, was für runde, kräftige Schultern. Da steckst Du also fest,
    auf halbem Wege. Die Hebamme hat sich hingesetzt, zieht und zerrt an Dir. Plötzlich geht es
    sehr schnell. Sie hebt dich hoch. Wie groß und schön Du schon bist. Ich höre Dich schreien,
    möchte dich in die Arme nehmen, aber sie haben Dir schon die Schläuche in die kleine Nase
    gepflanzt und auch in den Mund. „Laßt es zufrieden, tut ihm nicht weh.“ 4 kg 200 höre ich
    sagen, ich halte Dich in den Armen. Du bist schön verpackt, schläfst erschöpft und zufrieden.
    Mir ist plötzlich so kalt, ich fühle mich so leer, aber ich halte Dich in den Armen, kleines Paket, mein Kind...

    ...
    ...
    Geändert von Farbkreis (01.03.2011 um 22:45 Uhr)

  2. #2
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    Die Geschichte gefällt mir sehr gut.
    Ist es ein anderes Kind als in der ersten Geschichte, oder? (Geburtstag)
    Es sind wieder so sehr leichte Wehen. Aber diese Geschichte wirkt etwas kühler, distanzierter als die andere. Ein bisschen nachdenklicher, trauriger, abgeklärter. Die Mutter ist allein, der Raum ist nicht fertig, die Hebamme vergisst die Klingel, der Mann ist weg. Das klingt mehr so nach 2. Kind. "Machen wir es eben allein", als wäre da schon Routine. Hier geht es mehr um die Mutter, die alleingelassen ist und ihr Ding durchzieht. Sie hat die Atemtechnik nicht angewndet, sie fragt sich, ob das Kind vielleicht zu klein ist. Ist es dann aber nicht.
    Sehr interessant, wie dieselbe Person dasselbe Thema 2x auf eine ganz andere Art und Weise erzählt. Im Grunde die gleiche Geschichte, aber ganz andere Stimmung.

    "Ein leichtes Ziehen im Bauch erwacht mich" - da würde ich lieber "weckt mich" nehmen.

  3. #3
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    Hallo 101010

    Zitat Zitat von 101010 Beitrag anzeigen
    Ist es ein anderes Kind als in der ersten Geschichte, oder? (Geburtstag)
    Es sind wieder so sehr leichte Wehen. Aber diese Geschichte wirkt etwas kühler, distanzierter als die andere.
    Bei „Geburtstag“ ist das Kind sehr klein, zu früh geboren, zwischen Leben und Tod. Es gibt natürlich Frauen, die stundenlang starke Wehen haben, das will ich nicht banalisieren und ich denke mal, das jede Geburt ein einzigartiges Erlebnis ist.

    Sie hat die Atemtechnik nicht angewndet, sie fragt sich, ob das Kind vielleicht zu klein ist. Ist es dann aber nicht.
    Nein, es ist eigentlich zu groß. Ihr ist kalt, und sie fühlt sich leer, sie verblutet...

    Sehr interessant, wie dieselbe Person dasselbe Thema 2x auf eine ganz andere Art und Weise erzählt. Im Grunde die gleiche Geschichte, aber ganz andere Stimmung.
    Und heute ist Dienstag, ich hab’s diesmal in der Gegenwart geschrieben.

    "Ein leichtes Ziehen im Bauch erwacht mich" - da würde ich lieber "weckt mich" nehmen.
    Vielen Dank, der Fehler passiert mir öfter.

    Lieben Gruß
    Farbkreis

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