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    The Real Life (1)

    Die Frau, die er nicht geküsst hat

    Er brachte sie noch bis zur Tür. Geküsst hat er sie nicht.
    Es war nicht wirklich sein Geburtstag heute, aber irgendetwas musste er erfinden, er wollte feiern. Mit irgendeinem Menschen. Zehn Jahre, dachte er. Zehn Jahre um und noch zehn vor ihm.
    Er kennt sie noch nicht lange. Und er glaubt auch nicht, dass es für lange sein wird. Die meisten stellen irgendwann zu viele Fragen. Sie wollen seine Wohnung sehen, mit ihm zusammenleben oder wissen, warum er manchmal verschwindet und manchmal tagelang nicht zu erreichen ist.
    Diese Frauen, sie fühlen sich so real an. Er wünscht sich oft, er wüsste nicht, wie das Spiel funktioniert. Aber er weiß es. Es ist nur ein Echo der Vergangenheit.
    Die Lichtgeschwindigkeit ist relativ konstant.

    Die DEMETER2 ist natürlich viel langsamer. Sie ist ein großes Schiff der Klasse 7. Eigentlich ist sie von der Größe her sogar ein Neuner. Dass sie als Siebener klassifiziert wird, liegt nur daran, dass die Waffensysteme und die Maximale Passagierzahl einem Siebener Schiff entsprechen. Das macht nicht wirklich Sinn, aber nun ist es eben mal so, wie es ist. Wozu sich darüber aufregen, denkt er sich oft. Bei wem sich beschweren.
    Sein Job ist nicht der verantwortungsvollste der Welt und auch nicht der einsamste der Welt, denn die Welt ist ganz egal hier draußen.
    Er arbeitet die Störungsfälle ab, einen nach dem anderen. Die meisten Probleme kann er vom Büro aus lösen, nur selten muss er mit dem Werkzeugkasten in der Hand runter auf Deck E5 fahren und an die Rechner gehen und noch seltener auf eines der M-Decks. Manchmal fällt die Heizung in irgendeinem Abschnitt des D-Sektors auf dem P-Deck aus. Das ist eine Lappalie, die anderen Abschnitte heizen mit und eigentlich mag er es gern ein wenig kühler. Es wurmt ihn nur ein wenig, dass er nie herausfindet, warum es immer im D-Sektor passiert.
    Vielleicht spielt er die Zahlen der Abschnitte mal als Lotto-Zahlen im RL, überlegt er. 2, 17, 18, 34, 44 und 47.

    Er ist ein bisschen süchtig nach dem RL, aber das ist auch kein Wunder, wenn man bedenkt, wie langweilig sein Job ist. Seit zehn Jahren macht er jeden Tag im Prinzip nichts anderes, als vor einem Rechner zu sitzen und Störungsfälle zu bearbeiten oder die Protokolle derjenigen Störungen zu lesen, die das System selbst repariert hat. Er schreibt auch Gedichte, so was macht er schon auch mal. Viele seiner Vorgänger haben welche hinterlassen. Kleine lustige Vierzeiler über die Sternensysteme, die von der DEMETER2 passiert werden in stoischer Ruhe. Die DEMETER2 sucht sich ihren Weg selbst und das klappt auch fast immer ziemlich gut. Wenn doch einmal etwas falsch berechnet wurde, weil die Messdaten, die man beim Start hatte, inzwischen überholt sind, dann hat er Tage oder Wochen Zeit, um den Kurs zu korrigieren. Und das passiert nur sehr selten, in den ganzen zehn Jahren bis jetzt kam das nur zwei Mal vor. Aber immerhin, es kam vor. Wäre er nicht gewesen, wären 70.000 Menschen in irgend eine Sonne geflogen und verglüht. Er geht manchmal auf das K-Deck und betrachtet die schweren Container, die Versorgungskabel, die Energiezufuhr. Er fragt sich, ob sie träumen. Obwohl er weiß, dass das technisch und biologisch nicht möglich ist, wünscht er es ihnen.
    Er könnte sie alle töten innerhalb von wenigen Minuten. Mit einem einzigen Knopfdruck. Darum ist es so wichtig, dass er psychisch gesund bleibt. Darum ist es wichtig, dass er jeden Tag Real Life spielt. Und mit Frauen schläft. Er weiß, es ist nur eine Illusion, aber kein Mensch kann 20 Jahre lang tun, was er tut, ohne den Verstand zu verlieren, wenn er nicht Real Life spielt. Das ist ein wissenschaftlich nachgewiesener Fakt und nicht eine neblige Theorie irgendwelcher Psychologen.

    Geduscht hat er schon lange nicht mehr, Wasser ist kostbar und niemand außer ihm stört sich an seinem Gestank. Aber nach dem Einloggen nimmt er immer erst einmal ein Bad, ein richtig schönes heißes Bad in seiner Wohnung. Die Wohnung ist nicht groß, er wollte was Kleines.
    Das Weltall ist nicht wirklich unendlich, aber es ist schon ziemlich schön, so eine kleine Wohnung zu haben mit Fenstern, die auf Hinterhöfe gehen und einem Balkon, auf den nur ein Stuhl passt.
    Nur seine Badewanne ist riesig, ein bisschen Luxus braucht der Mensch.
    Er hat vergessen, seine Schultern etwas breiter zu machen, aber das ist jetzt auch egal, denkt er. In die Sauna will sie erst morgen mit ihm. Heute hat sie keine Zeit.
    Am Anfang hatte er seinen Avatar über 2 Meter groß und muskelbepackt wie einen Kampfhund gebaut. Dazu ein sehr fein geschnittenes, ebenmäßiges Modelgesicht. Doch das wurde ihm bald langweilig und er fragte sich auch oft, ob dieses oder jenes Mädchen, mit dem er zusammen war, ihn auch mögen würde, wenn es wüsste, wie er wirklich aussieht. Zu seiner Verwunderung hatte er nicht weniger Glück bei Frauen, als er begann, seinen Avatar seinem eigentlichen Körper ähnlicher zu machen. Nicht zu sehr, die beginnende Stirnglatze, die bleiche Haut und der untrainierte Körper reichen ihm in einem Leben. Und völlig anspruchslos sind diese Simulationen auch nicht. Das hatte er auch gleich am Anfang schon herausgefunden, als er einen ganzen Tag lang als Quasimodo herumgelaufen war. Die Frauen sind nicht echt, aber sie verhalten sich wie echte Frauen. Sie wirken so real, dass man es nicht merken würde, dass sie nicht echt sind, wenn man es nicht wüsste. Sie bluten sogar, wenn man ihnen auf die Nase schlägt und sie zeigen einen an und dann kommt wirklich die Polizei und man muss weg laufen und den Avatar wechseln. Sonst kommt man ins Gefängnis und nicht mehr zurück. Man kann sich ohne Station nicht ausloggen. Man müsste sich dann vielleicht umbringen, das hat er noch nicht ausprobiert.
    Die Fachleute raten auch davon ab, weil es zu schweren psychischen und neurologischen Schäden führen kann und es sind auch früher Leute wirklich gestorben, weil sie in dem Spiel gestorben sind.
    Natürlich waren das ungeschulte Anfänger, die sich nicht korrekt verhalten haben, aber trotzdem ist es nicht risikolos. Das System würde in so einem Fall seinen Tod feststellen oder es würde feststellen, dass er „hängen geblieben“ ist, es würde seinen Körper entsorgen und einen neuen Techniker reanimieren. Und dabei könnte auch das ein oder andere schief gehen. Das wäre nicht wahrscheinlich, aber es könnte etwas schief gehen. Es gab auch zwei falsche Kursberechnungen in den letzten zehn Jahren. Bei einer Messung pro Minute mag das nicht viel sein, aber Fehler kommen eben vor, wenn da plötzlich Sterne sind, die kein Mensch eingeplant hat, weil man nichts von ihnen wusste oder weil man dachte, die sind ein paar Tausend Kilometer weiter weg. Jedes Risiko muss minimiert werden. Kein System ist perfekt, aber wenn man Risiken maximal minimiert, dann ist es fast perfekt. Und darum war es nicht nur dumm, sondern auch grob fahrlässig gewesen, diese eine Frau damals zu schlagen, um herauszufinden, ob sie dann blutet und weint. Aber er ist nun mal so ein technikbegeisterter Mensch. Er hatte nicht widerstehen können.

    Heute lächelt er darüber wie ein alter Mann über Lausbubenstreiche. Zehn Jahre sind schon eine lange Zeit. Er ist ein alter Hase. Er denkt an die anderen alten Hasen, manchmal trifft er sie, eine verschworene Gemeinschaft. Aber auch die sind nur Simulationen. Was andere Männer und Frauen auf anderen Raumschiffen im Real Life erleben, ist hunderte Lichtjahre entfernt. Kann nicht Teil seiner Simulationswelt sein. Er ist allein.
    Er ist der einzige lebende und denkende Mensch in Reichweite seines Servers. Gewiss, sie haben die echten Erinnerungen echter Menschen genommen. „Echte Persönlichkeiten“ wie es so schön heißt. Sie haben alles so perfekt gemacht, kein Pixelfehler trübt die Illusion. Es riecht wie Leben, es schmeckt wie Leben, der Wind ist kalt und der Regen nass, der Wein macht sogar ein bisschen betrunken. Kann man aber abstellen.
    Hätte man ihn nicht glauben lassen können, sein wirkliches Leben sei das Spiel? Nein, denn so ein bescheuertes Spiel wie sein wirkliches Leben würde er ja nicht spielen. Vielleicht mal ein paar Tage lang wäre es interessant, mit einem Raumschiff durch irgendwelche Galaxien zu kreuzen und die Technik in Ordnung zu halten. Dann würde er sich wieder ins Leben stürzen in der Fehlannahme, das sei sein wirkliches Leben und die DEMETER2 würde in eine Sonne fliegen und alle wären tot. Das ginge nicht.
    Aber es ist dieses Wissen, dass alles nicht real ist, welches ihm das ganze Real Life mehr und mehr verleidet. Das Wissen, dass ein Computer die Gedanken der Menschen weiter denkt, ihr Verhalten berechnet. Wenn er damals schon das Spiel gekannt hätte, dann hätte er sich sicher auch begeistert dafür gemeldet, seine Persönlichkeit aufzeichnen zu lassen. Dann könnte er jetzt wenigstens mit sich selbst Schach spielen oder reden. Falls er sich finden würde. Er hat noch nie jemanden getroffen, den er von der Erde kennt. Noch nie. Sich selbst hätte er vielleicht gefunden, weil er sich eben einfach so gut kennt und weiß, wo es ihm gefallen hätte. Aber es gibt ihn ja nicht als virtuelle Simulation. Damals hatte er andere Sorgen als Spiele. Das Examen zu schaffen war nicht gerade einfach und er wollte unbedingt mit auf diese Mission. Er wollte irgendwo anders mit anderen Menschen etwas ganz Neues beginnen.
    Wer weiß, ob es die Erde überhaupt noch gibt. Vielleicht war die DEMETER2 eines der letzten Schiffe, das noch raus gekommen ist? Die Funksprüche von der Erde werden immer seltener und immer undeutlicher und irgendwann kommen keine mehr an.
    Irgendwann ist jeder mal ganz allein, diese 20 Jahre lang. Das sind jetzt seine 20 Jahre. Jeder einzelne Wartungstechniker auf diesem Schiff macht all das irgendwann einmal durch. Er erwacht, wird von seinem Vorgänger eingewiesen, kümmert sich dann um das ordnungsgemäße Versorgen des Vorgängers, was eine ganze Woche in Anspruch nimmt und dann fängt er an, zu arbeiten. Er arbeitet 20 Jahre lang und dann weckt er seinen Nachfolger auf.
    Sein Vorgänger hat die Nummer 114. Er ist 115. Der nächste ist demnach die 116. Es sind 10.000 Wartungstechniker an Bord.
    Aber es ist eben so, wie es ist. Bei wem soll er sich beschweren?

    Die Frau, die er gestern nicht geküsst hat, hat vor etwa 2290 Jahren gelebt. Sie war schön, sie war warmherzig, sie hatte Humor. Sie kochte miserabel und hasste französische Filme, das fand sie pseudo-intellektuell und langweilig. Sie kämmte ihre Haare mit einem Läusekamm, weil sie fand, dass sie dann besonders schön glänzen. Was auch so war. Wenn sie jetzt noch lebt, dann ist sie doppelt so weit weg wie die Erde und liegt in einem todesähnlichen Schlaf. Dass sie auch hier auf diesem Schiff ist, ist auszuschließen, sie hielt nichts von der Expansion. Sie war der Meinung, dass der Mensch auf die Erde gehört und dass er, wenn die Erde untergeht, mit untergehen sollte.
    Vielleicht hat sie ihre Meinung irgendwann geändert, aber dann ist sie sicher nicht auf diesem Schiff. So schnell kommt man nicht auf so ein Schiff. Dieser Frau, die er nicht geküsst hat, wird er nie wirklich begegnen. Und sie, egal, wohin es sie verschlagen hat, wird ihm nie begegnen, denn er existiert nicht als Figur im Real Life. Vielleicht hat er sie darum nicht geküsst.

  2. #2
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    Hallo 101010,

    ich finde, diese "Kurzgeschichte" hätte gut in die Sparte "Trauer und Düsteres" gepasst. Wo spürt man diese Story ... "im Kopf, im Herz, im Hals" (eine Zeile aus einem Tim Fischer-Song). Deine Geschichte ist sehr gut zu lesen und um so schwerer zu schlucken, ich "fürchte" mich fast ein wenig vor der Fortsetzung, aber werde sie natürlich lesen, falls Du sie schreibst.
    Mein "Lieblingssatz", bei dem mir, bei allem "Schock", ein breites Grinsen kam, ist: "aber wenn man Risiken maximal minimiert, ist es fast perfekt." Grins! So ist das Leben ... Kompliment mit (für) drei Dekaden.

    Lieber Gruss, C.B.

  3. #3
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    Freut mich, dass Du was damit anfangen kannst. Es ist meine erste Sci-Fi-Geschichte und es wird ganz bestimmt eine Fortsetzung geben und noch viele tolle und spannde Dinge werden geschehen im Leben des namenlosen Wartungstechnikers.
    In "Trauer und Düsteres" poste ich lieber Erheiterndes, denn wer in dieser Rubrik liest, muss dringend auf andere Gedanken gebracht werden. Ich selbst bekam dort schon nach nur 2 Gedichten schwere Depressionen.
    Liebe Grüße, 101010

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