Thema: Tiefenträume

  1. #1
    Jazemel Guest

    Tiefenträume




    "Versuchst du etwa zu lachen?", fragte der Kolkrabe und beäugte mich mit schräg geneigtem Kopf.
    "Möglich", erwiderte ich und deutete auf den Alchimisten, der mit einem Regenschirm und einem Degen bewaffnet, kleine Löcher in die Meere bohrte.
    Schwebende Katzen umkreisten ihn wie Monde einen Planeten, fingen die kleinen Fische, die von den Meeren fielen und verspeisten sie.
    "Ist bei Traumgespinsten eher unüblich", nuschelte der Rabe, während er sein Gefieder putzte.
    "Wenn du wüsstest, was auf der anderen Seite alles unüblich ist. Zum Beispiel pendeln von der einen Erdkrustenseite zur anderen. Ich wäre nicht hier, wenn ich Wert darauf legen würde, was üblich ist und was nicht", gab ich zu bedenken und setzte mich auf eine der pulsierenden Adern.

    "Was sucht er da eigentlich?", fragte der Rabe, hüpfte auf der Ader etwas hin und her, bis er eine Stelle gefunden hatte, an der man leise die neun Töne der Erde hören konnte.
    "Zutaten für Tiefenträume", antwortete ich. Der Rabe gab ein leises Schnalzen von sich.
    "Was?"
    "Ach...", sagte der Rabe und brachte es fertig, dass eine Bewegung der Flügel wie ein Schulterzucken aussah, "ich frage mich nur, wie du ihn dazu gebracht hast, den alten Knauser".
    "Mh, ich denk mal, es ist einfacher Tiefenträume zu mischen, als ein Unwesennetz zu reparieren." Der Rabe starrte mich an.
    "Was willst du mit einem Unwesennetz? Das ist Sache der Albschupser".
    "Die sind unzuverlässig", wandte ich ein.
    "Trotzdem", sagte der Rabe und plusterte sich auf.
    "Trotzdem was...?"
    "Es ist gefährlich."
    "Weiß ich".
    "Und?"
    "Ist mir gleich."
    "Du spinnst!"
    "Das ist die allgemeine Meinung, ja", bestätigte ich und der Rabe schnaubte. Ich fragte mich kurz, wie man es mit einem Schnabel fertig bringen konnte zu schnauben.
    "Ich werde ja nicht losziehen und nach einem Unwesen suchen, ich probiere es mit Tiefenträumen. Die letzten drei Träume haben wunderbar funktioniert und wenn die Tiefenträume wirken, ist ein Netz nicht nötig", erklärte ich dem Raben.

    "Jaja, jaddajaddajadda", nölte er, "und wenns nicht funktioniert wirst du hier wieder auflaufen um ein Netz zu holen, oder?" Ich nickte.
    "Spinnerin."
    "Naja, gehört wohl dazu als Traumgespinst." Wieder das erstaunliche Schnabelschnauben.
    "Falls du losziehst, also mit Netz und so ... sag mir gefälligst Bescheid."
    "Warum?"
    "Weil ich dann mitkomme." Ich sah den Raben an, er starrte zurück auf eine Art, die ich sehr gut von mir selbst kannte.
    "Einverstanden", ich nickte und stand dann auf, der Alchimist hatte den Regenschirm zugeklappt.



    Geändert von Jazemel (18.03.2011 um 12:52 Uhr)

  2. #2
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    6.639
    Liebe Jazemel,
    eine würdige Nachfolgerin (diese Kurzgeschichte) Deines Schlafhandels. Wenn das Geschichten schreiben den Sinn hat, die Leserinnen in eine nicht reale, meinetwegen auch surreale Welt zu entführen, hast Du es hier wieder einmal geschafft. Die "Albschupser" sind mit Sicherheit eine Erfindung von Dir - köstlich! Ich habe mein Adlerauge vergebens bemüht - es ist kein Fehlerchen zu finden. Damit will ich sagen: Inhalt und äußere Form passen zusammen und ich glaube, ich muss auch mal wieder was in Prosa schreiben. Du inspirierst.
    Liebe Grüße und ein dickes Lob!
    Heinz

  3. #3
    Jazemel Guest
    Hallo Heinz,

    schön, dass du in das Mini eintauchen konntest und dir die Umkehrwelt gefällt und das dicke Lob freut ohnehin. Und wenn die Geschichte dann noch musische Auswirkungen hat - klasse! Nur zu!

    Vielen Dank fürs Lesen und Kommentieren, lieber Gruß,

    Jaz

  4. #4
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    Dec 2004
    Beiträge
    1.734
    Hey Jaz,

    das ist Kurzprosa nach meinem Geschmack. Mir gefallen eigentlich alle surrealen Wendungen, Assoziationen und Anspielungen Deiner Umkehrwelt sehr gut. Besonders gelungen ist die dezent-klare Zeichnung der Hauptfiguren der Geschichte. Einziger Kritikpunkt wäre meinerseits, dass der Text zur Mitte mehr Länge bekommt als es die Kürze erwarten liese, sprich: Der reine Dialogteil im eigentlich Herz Deiner Prosa ist mMn etwas zu farblos im Vergleich zu den Höhen an Beginn und Schluss. Aber das ist ein Klagen auf hohem Niveau .

    Gruß, Jamzee

  5. #5
    Jazemel Guest
    Hallo Jamzee,

    ich hab erst jetzt deinen Kommentar entdeckt, sorry.
    Jap, ich weiß, was du meinst mit der Länge in dem Kurzen hier. Ich wollte das Augenmerk mehr auf die Umgebung legen, als auf den Dialog - so eine Art Kamerafahrt durch die Gegend, während die Stimmen aus dem Off kommen. Nur hin und wieder geht ein kurzer Blick zu den Dialogpartnern. Kann sehr gut sein, dass darunter das Herzstück gelitten hat und so ganz kommt es auch mit meiner Kamerafahrt nicht hin, da müsste ich noch mehr hineinbauen. Ich lass es sacken und schau, wie ich da noch rumbasteln kann.

    Danke dir fürs Lesen und Kommentieren.

    Lieber Gruß,

    Jaz

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