Thema: Schritte

  1. #1
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    Schritte

    Was ist das für eine Ruhe, die an Gewohnheit
    erinnert, in die ich tauche und aus der ich mich
    so gern wieder erhebe. Am gleichen Ort gab es
    einmal Stürme, unbekannte Winde, mit denen
    ich gern geflogen wäre. Nun ist mir so wohlig
    in meiner Ruhe und ich gehe meiner Wege.


    Ich war schon als Kind abgebrüht, wortwörtlich. Wenn ein Schmerz zu unerträglich wird, über-
    windet man die Grenze des Erträglichen. Reißt man sich später die Haut vom Bein, weil man
    von einer Mauer rutscht, einer Sandkastenmauer, dann sucht man nur nach einem Taschentuch,
    damit das Blut nicht die weißen Strümpfe verfärbt. Wie nutzlos Weinen ist, weiß man dann
    schon, und automatisch entfernt man sich betrachtend von seinem Körper.

    Ich bin ein Wunderkind. Mir bleiben keine Narben von der Verbrennung dritten Grades. Als alle
    Ärzte sich um mich versammelten, vergaß ich meine Schüchternheit und freute mich für meinen
    Vater, schließlich wollten sie ihn ins Gefängnis stecken, da er mich aus dem Glaskasten entführt
    hatte, weil ich immer so schrie; aber auch weil ich meine Beine nicht mehr spürte und sie wollten
    sie abschneiden. Sie haben so fürchterlich gedroht:

    "Sie kommen ins Gefängnis!"

    Ich hätte gerne meine Beine gegeben, damit mein Vater nicht ins Gefängnis kommt, aber ich
    konnte noch nicht sprechen. Meine Mutter sagte immer:

    "Er bewegt seine Backenknochen."

    Das tat er jetzt, und blieb ganz ruhig; niemand hätte es geschafft, mich von seinem Arm zu
    nehmen.

    Schwarze glänzende Lackschuhe mit silbernen Schnallen waren mein sehnlichster Traum. Ich
    hörte meine Eltern fast streiten, meine Mutter sagte immer für alles zuerst:

    "Nein, das geht nicht!"

    Aber wenn mein Vater etwas wollte, gab es gewöhnlich nie eine lange Diskussion, und eines
    Morgens erschienen beide mit einem weißen Schuhkarton vor meinem Gitterbett. Eigentlich
    wußte ich doch schon... als sie die schwarzen Lackschuhe herausnahmen, konnte ich es vor
    Freude kaum ertragen...

    "Anziehen kannst du sie aber noch nicht... "

    sagte meine Mutter; das übertraf allerdings jede erdenkliche Seelenfolter, das durfte nicht...
    Sie zog sie mir doch an, und ich wurde wie eine Puppe auf den Fußboden gestellt, irgendwie
    hatte ich erwartet, daß man nur Schuhe brauchte um zu laufen, ich war überzeugt davon,
    wenn sie mich nur losließen... Ich schaffte tatsächlich einen Schritt mit dem rechten Bein, aber
    es gab keinen Boden, ich trat in ein tiefes Loch... Die Schuhe verschwanden mit meinem Traum,
    ich wollte sie auch gar nicht mehr sehen.

    Jeden Tag fuhr mich meine Mutter zu einer Ärztin, die mir beim Verbandwechseln die Haut
    wieder abriß; sie wohnte in einem alten Haus, viele Treppen hoch. Eines Tages war sie sehr
    zufrieden und verschrieb mir das Treppensteigen bis zu ihrer Tür, selbst meine Mutter schien
    Mitleid zu haben, aber wir wurden überwacht. Genau auf der Treppe, an der ich nicht mehr
    weiter konnte und eine neue nicht erahnte Schmerzengrenze vor mir erschien, sprang die Tür
    auf. Ein riesiger Mann mit einem grauen Bart und einem Stock erschien und brüllte, klopfte mit
    dem Stock auf die Stufen, blieb hinter mir:

    "Na warte, ich krieg dich schon...! Wirst du wohl...!"

    Er hat mich dann doch nicht gekriegt, meine Mutter hatte auch Angst vor ihm, das sah ich an
    ihren Augen.

    Es wurde Winter und ich bekam gefütterte Hausschuhe mit Reißverschluß. Damit lief ich
    Sonntags mit meinem Vater durch den Schnee bis zum Kiosk Zeitung holen. Alle Leute waren
    der Meinung meiner Mutter:

    "Er spinnt!"

    Auch die Kioskdame meinte... Es hatte einen Vorteil; ich bekam Süßigkeiten von ihr geschenkt,
    sie bedauerte ihre Bemerkung zutiefst.

    Später, als ich Mini trug und meine Beine sehr schnell bräunten, sagte man mir ab und zu:

    "Du hast ein Loch in der Strumpfhose..."

    Zwei Stellen bleiben immer hell, das ist für mich wie ein Schönheitsfleck. Ich freue mich immer
    noch über meine Beine, kein bißchen Orangenhaut... keine Krampfader... wie kann man nur Lackschuhe mögen...


    Schnee, du versperrst mir verbotene Wege. Ich schaufle,
    bis ich schwitze und trete ein, in Verbotenes.
    Versperre mir nun den Rückweg, decke mich.


    Der Schnee ist geschmolzen
    Die Sonne geht unter
    Alle Farben
    schluckt die Dunkelheit
    Was nicht schmilzt
    nicht untergeht
    nicht verblaßt
    begleitet mich bis zum Morgen

    _________________________________________________________________________________
    Geändert von Farbkreis (08.06.2011 um 08:29 Uhr)

  2. #2
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    Hallo Farbkreis,

    den Text habe ich gestern schon gelesen. Ich wollte nicht direkt, quasi frisch beeindruckt einen Kommentar hinterlassen und ließ dies also erst mal eine Nacht ruhen. Aber auch heute kann ich sagen, dass mich das Gelesene zu beeindrucken vermag.
    Ich finde toll, wie hier erzählt wird: Bruchstückhaft, sprunghaft. Es sind Einzelbilder, die eine Geschichte ergeben, die aber auch so viel Weißfläche zwischen sich lassen, die man selber füllen muss, dass es für mich umso spannender und – umso persönlicher wird. Das finde ich kunstvoll.
    Der Erzählerin nehme ich die Kindrolle ab; mag sein, dass sie das viel viel später erst erzählt hat, lange erwachsen geworden, aber dann doch zumindest schlüpft sie in ihre damalige Augenhöhe zurück und erzählt, wie es das ganze erlebte. Solcherlei Erinnern aus damaliger Perspektive gibt es; es tritt meist dann auf, wenn außergewöhnliche Umstände sehr prägend auf das Kind einwirkten. Das setzt Du hier im Text um und das ist einer der Gründe, warum ich ihn gelungen finde.

    Der Einstieg in die Geschichte macht es dem Leser erst einmal nicht leicht, Sympathie aufzubauen – zumindest mir als Leser nicht. Dies selbstüberzeugte Wesen „ich bin abgebrüht“ / „ich bin ein Wunderkind“ vermittelt etwas görenhaftes und gleich darauf beginnt man sich ob seiner Vorverurteilung zu schämen; da hat wirklich ein Kind was durchgemacht und es ist klar, dass solcherlei prägend wirkt. Damit baut der Text also in mir als Leser ein Gewissen auf und das ist allemal eine Seltenheit.

    Ausgerechnet der Unfall, der zu den schweren Verbrennungen führte, bleibt ausgeklammert. Traumatische Erlebnisse werden aus dem Erinnern verbannt, denk ich da und dass auch das also echt auf mich wirkt. Ich hab mich gefragt, ob der Vater damit etwas zu tun hatte, und dies durch spätere Fürsorge wettzumachen sucht. Ich glaub, eher nicht, hab ich entschieden. Jedenfalls ist es bemerkenswert, dass es fehlt, weil 95% aller Schreiber so etwas nutzen, um ordentlich auf die Tränendrüse des Lesers zu drücken. Tut der Text also nicht, tut es auch weiterhin nicht; erzählt wird neutral. Die Geschichte mit den Schuhen ist das, was mich am ehesten berührt, gerade weil es so nüchtern ist. Die Feststellung: „… ich wollte sie auch gar nicht mehr sehen.“ trifft mich gerade ob der Nüchternheit.

    Das Ende kehrt irgendwie wieder an den Anfang zurück: Das Wunderkind ist stolz auf seine Beine – und der Leser weiß jetzt warum und mag nicken dazu.

    Umrahmt wird der Text von Gedichtpassagen; ich bringe sie schwerlich mit dem Text überein, wenngleich beide für sich stehend einen großen Sog auf mich auslösen. Der erste weckt Widerspruchsgeist: Wie kann einer, der um die Lust zu fliegen weiß, die Ruhe als „wohlig“ empfinden? Wattebauschdenken passt irgendwie nicht. Die Abschlußzeilen scheinen mir hingegen, als könnten sie aus der Hand der Protagonistin geflossen sein: Ein eingeschlagener Weg erfordert manchmal den Kampf; je mehr und je weiter man sich auf diesem vorkämpft, desto eher ist eine Rückkehr ausgeschlossen. Ja, keine großartige Erkenntnis, aber in schöne gelungene Bilder gefasst. Und ja, es passt zu ihr wirklich.

    Das sind jetzt ein paar Eindrücke, keine Textarbeit – verzeih.
    Nina
    .
    .

    "gesammelte Empfehlungen" von linespur
    Du vermisst einen Kommentar zu Deinem Gedicht?

    Genie ist weniger eine Gabe denn aus blanker Not geborener Erfindungsreichtum.
    Jean Paul Sartre

  3. #3
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    Hallo linespur,

    So mache ich es auch oft und manchmal ergibt sich dann mein Kommentar, weil jemand anderes zuvor kam, verfolge dann nur die Diskussion, besonders gerne bei Texten oder Gedichten, die ich nicht sofort verstand und die meine Fragen beantworten.

    Bruchstückhaft, sprunghaft. Es sind Einzelbilder, die eine Geschichte ergeben, die aber auch so viel Weißfläche zwischen sich lassen,
    Ja, es sind Zeitsprünge, wobei ich jetzt einige Schwierigkeiten hätte, die Bruchstücke zu datieren. Stieg das Kind die Treppen ohne Schuhe? Diese Weißfläche könnte ich nicht ausfüllen, zögerte auch einen Moment... fehlt hier nicht etwas?

    Solcherlei Erinnern aus damaliger Perspektive gibt es; es tritt meist dann auf, wenn außergewöhnliche Umstände sehr prägend auf das Kind einwirkten.
    Das dachte ich auch, oder wie kommt es, daß sich manche Menschen nicht erinnern? Dies widerspräche doch der Behauptung, daß schöne Erlebnisse in der Erinnerung bleiben, schmerzhafte von der Zeit geheilt werden. Leider erinnere ich mich nicht mehr an Namen von Autor und Experiment (die aber sicher noch bekannt sind) eines Buches, das ich vor langer Zeit gelesen habe. Das wissenschaftliche Experiment (es handelt sich um eine Tatsache) ergab: Gibt man einem Säugling die beste Pflege und die gesündeste Ernährung, verweigert ihm dabei jedoch jegliche menschliche Zuwendung (Sprache, Wiegen etc.) stirbt er. Quantitativ bewiesen (mit Waisenkindern?)

    görenhaftes
    Diesen Ausdruck finde ich sehr treffend, er hat für mich einen liebevollen Ton.

    Ich hab mich gefragt, ob der Vater damit etwas zu tun hatte, und dies durch spätere Fürsorge wettzumachen sucht. Ich glaub, eher nicht, hab ich entschieden.
    Das freut mich, ich habe beim Schreiben an meinen Vater gedacht, na, ich will mal ehrlich sein. Ich habe gedacht: Meinem Vater gewidmet.

    Die Geschichte mit den Schuhen ist das, was mich am ehesten berührt, gerade weil es so nüchtern ist. Die Feststellung: „… ich wollte sie auch gar nicht mehr sehen.“ trifft mich gerade ob der Nüchternheit.
    Ich schreibe Texte allgemein ohne Emotionen, man kann sie zerreißen Die Schuld wird hier auf das Objekt geschoben, weg damit... War es nun eine überlegte "Therapie" der Eltern, dem Kind die Illusionen zu nehmen, oder glaubten sie auch an die Wunderwirkung der Lackschuhe?

    Das Wunderkind ist stolz auf seine Beine – und der Leser weiß jetzt warum und mag nicken dazu.
    Was ich jetzt auch sagte, es würde "schulmeisterisch" wirken. Wir sehen vieles nicht mehr, weil wir es als selbstverständlich hinnehmen und aus Gewohnheit vergessen. Man will immer irgendetwas haben, anders sein etc., aber gegen was tauschte man seinen Arm, sein Bein...?

    Wie kann einer, der um die Lust zu fliegen weiß, die Ruhe als „wohlig“ empfinden? Wattebauschdenken passt irgendwie nicht.
    Hier habe ich auch gezögert, war mir über die "Einleitung" nicht schlüssig. Vielleicht spürt das der Leser? Das habe ich einmal geschrieben und im Nachhinein unter "Wege" geordnet. Eigentlich gehört es auch zu einem Text "Fliegen". Es ist nicht so klar, aber in Beziehung zum Rückweg, zum Schnee und zum Traum... da liegt man auch im Bett, läuft (fliegt) aber trotzdem.

    Die Abschlußzeilen scheinen mir hingegen, als könnten sie aus der Hand der Protagonistin geflossen sein: Ein eingeschlagener Weg erfordert manchmal den Kampf; je mehr und je weiter man sich auf diesem vorkämpft, desto eher ist eine Rückkehr ausgeschlossen.
    Vielen Dank für deinen schönen Text.

    Lieben Gruß
    Farbkreis

    ***

    Ausgerechnet der Unfall, der zu den schweren Verbrennungen führte, bleibt ausgeklammert.
    Ich habe die Geschichte wohl ein wenig zu schnell geschrieben, einige Veränderungen vorgenommen, die ich nicht unbedingt als Verbesserungen ansehe, sondern als den Beginn einer "Bearbeitung". Vielleicht fehlt wirklich einiges, aber ich muß selbst noch Abstand zur Geschichte bekommen, es bleiben einige Jahre ausgeklammert, mal sehen... der Unfall ist eine Erinnerung an eine Großmutter...
    Geändert von Farbkreis (13.04.2011 um 11:43 Uhr) Grund: ***

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