Baum-Darstellung

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    Die blaue Blume (Novalis)

    Die blaue Blume (Novalis)




    Die blaue Blume ist ein zentrales Symbol der Romantik. Sie steht für Sehnsucht und Liebe und für das metaphysische Streben nach dem Unendlichen. Die Bedeutung der blauen Blume entwickelte sich später auch zum Zeichen für den Wunsch nach dem fernen Fremden und einem Symbol der Wanderschaft.

    Als reale Entsprechungen der blauen Blume werden oft in Mitteleuropa heimische blaublühende Pflanzen angesehen, wie etwa die Kornblume oder die Wegwarte. Novalis spricht allerdings vom blauen Heliotrop.

    Wikipedia
    Scardanellis Gedicht Blütenlese hat mich dazu angeregt, mich wieder mit Novalis' berühmtem Romanfragment Heinrich von Ofterdingen zu beschäftigen, vor allem mit der Bedeutung der blauen Blume. Und beim Lesen der entsprechenden Stellen kam mir die Idee, der blauen Blume eine Gedichtversion zu widmen. Dies geschah zum einen als Hommage an Novalis, zum anderen als ein Beitrag für die interessierten Leser dieses Forums. Ist das "Nachdichten" nicht auch eine Art der Aneignung von Literatur, eine quasi "interaktive"? Auf jeden Fall spielt die Liebe zu manchen Dichtern und ihren Werken sowie die Leidenschaft für unsere Sprache eine große Rolle.


    Die Eltern lagen schon und schliefen, die Wanduhr schlug ihren ringförmigen Takt, vor dem klappernden Fenstern sauste der Wind; abwechselnd wurde die Stube hell von dem Schimmer des Mondes.
    Seit Stunden schon schliefen die Eltern im Hause,
    das Pendel der Wanduhr schlug einsam den Takt,
    der Wind brauste mächtig ums klappernde Fenster,
    und wechselnd beleuchtete für eine Weile
    die schimmernde Scheibe des Mondes die Stube.

    Der Jüngling lag unruhig auf seinem Lager und gedachte des Fremden und seiner Erzählungen.
    "Nicht die Schätze sind es, die ein so unaussprechliches Verlangen in mir geweckt haben", sagte er zu sich selbst; "fernab liegt mir alle Habsucht: aber die blaue Blume sehn' ich mich zu erblicken.
    Der Jüngling lag ruhelos auf seinem Lager,
    gedachte des Fremden und seiner Erzählung.
    Er sprach zu sich leise: „Nicht weltliche Schätze
    erweckten in mir je dies tiefe Verlangen,
    als einmal die lichtblaue Blume zu schaun.

    Sie liegt mir unaufhörlich im Sinn, und ich kann nichts anders dichten und denken. So ist mir noch nie zumutegewesen: es ist, als hätt' ich vorhin geträumt oder ich wäre in eine andere Welt hinübergeschlummert; denn in der Welt, in der ich sonst lebte, wer hätte da sich um Blumen bekümmert, und gar von einer so seltsamen Leidenschaft für eine Blume hab' ich damals nie gehört..."
    Sie liegt mir im Sinn, nichts anderes kann ich
    mehr dichten noch denken, so ward mir noch nie;
    mir ist auch, als wäre im Traum ich soeben
    in einer mir seltsamen Landschaft gewesen,
    so fremd ist die Leidenschaft für eine Blume“
    .

    Endlich gegen Morgen, wie draußen die Dämmerung anbrach, wurde es stiller in seiner Seele, klarer und bleibender wurden die Bilder. Es kam ihm vor, als ginge er in einem dunkeln Walde allein...
    Es dünkte ihn, als umflösse ihn eine Wolke des Abendrots;
    Und endlich, am Morgen, es dämmerte draußen,
    da wurde es stiller dann in seiner Seele,
    und klarer und bleibender wurden die Bilder,
    es war ihm, als ging er im Walde allein,
    umflossen im Abendrot von einer Wolke.

    eine himmlische Empfindung überströmte sein Inneres; mit inniger Wollust strebten unzählbare Gedanken in ihm sich zu vermischen; neue, niegesehene Bilder entstanden, die auch ineinanderflossen und gut sichtbaren Wesen um ihn wurden...
    Ein himmlisches Fühlen durchströmte sein Innres,
    mit inniger Wollust bestrebten Gedanken
    in ihm sich zu mischen und niemals gesehene
    Bilder entstanden und flossen zusammen
    und wurden allmählich zu sichtbaren Wesen.


    Was ihn aber mit voller Macht anzog, war eine hohe lichtblaue Blume, die zunächst an der Quelle stand und ihn mit ihren breiten, glänzenden Blättern berührte. Rund um sie her standen unzählige Blumen von allen Farben, und der köstlichste Geruch erfüllte die Luft.
    Dann nahe der Quelle, da zog voller Macht
    eine höhere lichtblaue Blume ihn an,
    sie ragte im Kreise von prächtigen Kelchen,
    und köstliche Düfte erfüllten die Luft,
    und mit glänzenden Blättern berührte sie ihn.

    Er sah nichts als die blaue Blume und betrachtete sie lange mit unnennbarer Zärtlichkeit. Endlich wollte er sich ihr nähern, als sie auf einmal sich zu bewegen und zu verändern anfing; die Blätter wurden glänzender und schmiegten sich an den wachsenden Stengel, die Blume neigte sich nach ihm zu, und die Blütenblätter zeigten einen blauen ausgebreiteten Kragen, in welchem ein zartes Gesicht schwebte...
    Er sah voller Zärtlichkeit auf diese Blume,
    trat näher, als jäh sie begann sich zu regen;
    noch glänzender wurden die Blätter, sie schmiegten
    sich längs an den Stengel und in ihrer Blüte
    erschien ihm ganz plötzlich ein zartes Gesicht.


    Mit lieben Grüßen

    Friedrich
    Geändert von Friedrich (18.05.2011 um 17:35 Uhr)

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