1. #1
    Registriert seit
    May 2008
    Beiträge
    4.447

    Kritik in Theorie und Praxis

    Tja, die Anmeldung ist erfolgreich bestanden. Der erste Text gepostet. Und man wartet auf Antworten. Und wartet. Und wartet. Tja,... Und dann hört man von den 'alten Hasen', dass man selbst kommentieren soll, um auch wiederum selbst Kommentare zu erhalten. Die Frage ist nur: Wie geht das? Und genau der Frage widmet sich dieser Thread.



    Dieser Thread dient in erster Linie dazu, allgemeine Frage zum Schreiben einer Kritik zu klären. Dieser Thread zielt dabei besonders auf neuere und unerfahrenere Mitglieder ab. Dieser Thread dient nicht dazu, Dinge wie Metrik et cetera von neuem zu erklären. Gegebenenfalls wird aber auf solche Fäden verwiesen werden.
    Der Faden erster Wahl ist dabei: http://www.gedichte.com/showthread.p...Einf%FChrungen

    Die Fragen, die in diesem Thread beantwortete werden sollen, lauten
    1. Warum sollte man Kritiken verfassen? Was und wem nützt eine Kritik?
    2. Was sind die grundlegenden Voraussetzungen, um eine Kritik zu schreiben?
    3. Wie schreibt man eine Kritik? Die Dos und Don'ts?
    4. Welche Punkte sind besonders wichtig?
    5. Gibts dazu Beispiele? Weiterführende Links?




    1. Warum sollte man Kritiken verfassen? Was und wem nützt eine Kritik?



    Kritik bedeutet, dass man etwas beurteilt bzw einschätzt. Kritik ist nicht von per se positiv oder negativ. Um etwas entsprechend - das heißt vor allem: fair - beurteilen zu können, sollte man sich natürlich auch entsprechend mit dem vorliegenden Text auseinandersetzen. Daher ist auch gleich klar, dass - und noch wichtiger: warum - Spamkommentare a la "Super toll!!!" unerwünscht sind. Nun, zurück zur Auseinandersetzung mit einem Text. Die Frage, die sich hier natürlich stellt, ist die in der Überschrift: Warum sollte ich andere Texte kritisieren und analysieren?
    1. Eine ausführliche Kritik ist für den Autor ein deutliches Zeichen für Interesse. Schließlich geht es hier um Textarbeit.
    2. Das Verfassen von Kritik eignet sich hervorragend zum besseren Verständnis von Metrik, Reim, Stilmitteln et cetera. In einer Kritik beschäftigt man sich natürlich auch mit deren Wirkung - und genau davon profitiert man auch selbst als Autor.
    3. Kritiken sind das, was das Forum am Leben hält. Aus einer durchdachten Kritik entwickelt sich nicht selten eine interessante Diskussion, die für alle Beteiligten und ihre Leser eine Bereicherung darstellt.
    4. Die Kritik ist für den Autor ein wichtiger Indikatior bezüglich der Qualität seines Textes. Eine ehrliche begründete Meinung hilft dem Autor bei seiner Entwicklung.
    5. Schließlich sind wir genau wieder oben bei der Einleitung: Wer selbst viel kritisiert, erhält in der Regel auch mehr Feedback.



    2. Was sind die grundlegenden Voraussetzungen, um eine Kritik zu schreiben?


    Eine Kritik bzw eine Analyse sollte stets fair und ausgewogen sein. Der Grundton kann von nüchtern und trocken bis hin zu freundlich gehen - aber auf jeden Fall korrekt. Ein zu rauher Ton erschwert es oft, eine sachliche und textbezogene Diskussion zu führen. Beleidigungen dienen nicht als Argumente, außer vielleicht für die eigene Inkompetenz. Anbiederung - als das andere Extrem - ist aber genauso zu vermeiden, weil das peinlich ist und der Lerneffekt gering.

    Oft liest man auch: Fachwissen, Fachvokabular, Germanistikstudium
    All dies mag auch ein Vorteil sein - Nachteil ist es sicher keiner. Und trotzdem ist es nicht unbedingt vonnöten. Ob man jetzt Paarreim oder AABB schreibt, ist für die Aussagekraft einer Kritik komplett egal. Was aber wichtig ist - Fachvokabular hin oder her -, ist die Begründung. Dies ist die vermutlich wichtigste Vorraussetzung: Nämlich der Wille, die eigene Einschätzung mit Belegen, Beweisen und Argumenten zu untermauern. Oft hört man dann ein 'Aber das ist doch eh klar' oder 'Aber das weiß man doch eh' - nein weiß man nicht und wer ist man?
    Das erfordert Einfühlungsvermögen und die zentrale Frage dabei ist: An wen richtet sich die Kritik?
    Die Begründung sollte aber durchaus an die eigenen Fähigkeiten (klarerweise) und auch an die des Kritisierten angepasst sein. Eine Kritik - so fundiert sie auch sein mag - ist absolut unbrauchbar für einen Neuling, wenn sie nicht so geschrieben ist, dass notfalls kompliziertere Themen (Was ist ein Daktylus? Was ist ein Parallelismus? ...) kurz erklärt ist. Hingegen ist auch klar, dass einem sehr erfahrenen User eine Kritik relativ unberührt lassen wird, wenn man zu erklären beginnt, was zB der Paarreim jetzt eigentlich ist.

    Ein weiterer Punkt ist sicher noch das Thema Hilfsbereitschaft. Natürlich kann eine Kritik einen Text regelrecht zerpflücken - aber dies soll in guter Absicht als Hilfe und Verbesserungsmöglichkeit geschehen und so verstanden werden. Die Einstellung "Dessen/Deren Gedichte verreiß ich jetz mal - der/die wird sich noch wünschen, sich nicht mit mir angelegt zu haben" ist da nicht umbedingt nützlich (auch hier sei auf 5.Weiterführende Links: Praktische Tipps in Gedichtform verwiesen).

    Kurzum: Die Voraussetzung für eine Kritik ist meiner Meinung nach die Begeisterung am Thema Lyrik.



    3. Wie schreibt man eine Kritik? Die Dos und Don'ts?

    Einiges davon findet sich schon in Punkt 2. Auf manches will ich hier aber noch näher eingehen.

    Die Form, wie man eine Kritik schreibt, ist je nach Text (Thema, Umsetzung, Stil, ...) anders. Die Qualitätsoffensive (siehe weiterführende Links) hat hier beispielhaft schon ein sehr konkretes Muster einer idealen Kritik ausgearbeitet.

    Als Tipp zum Schreiben einer Kritik kann ich nur empfehlen, den Text auch wirken zu lassen: Den Text lesen, Notizen machen, lesen, .... (bis man der Meinung ist: Halt, jetzt passts) - und dann die Analyse schreiben.

    In einer Kritik sollte unbedingt stehen, warum ein Text gut oder schlecht ist. Die Begründung des Urteils ist der Schlüssel zu einer guten (im Sinne von 'qualitativ brauchbar') Kritik. Dazu gehört logischerweise die Analyse der Charakteristika des Textes: Was findet sich so in diesem Text? Wodurch wird der Text gut/schlecht? Was ist das besondere an diesem Text - bzw. ist der Text überhaupt in irgendeiner Weise herausragend? Was sticht hervor und welchen Eindruck hat der Leser?
    Ein paar Punkten, bei denen sich eine nähere Analyse lohnt:
    • Klangmittel:
    • -Reim: Vorhanden? Qualität? Originalität? Inwieweit passen die Reime zum Inhalt? Wirkung?
    • -Metrik: Schema? Kadenzen? Wirkung?
    • -Weiteres: Assonanzen, Allierationen, Vokalhäufungen, ...
    • Stil:
    • -Allgemein: Was macht den Stil aus? Was sind die Besonderheiten? Passt der Stil?
    • -Wortwahl: Passend? Besonderheiten?
    • -Stilmittel: Welche Stilmittel? Wie wirken sie? Inwieweit wir dadurch die Aussage unterstützt?
    • -Sprachliche Bilder: Welche Bilder werden verwendet? Wirkung? Inwieweit sind die Bilder passend? Inwieweit sind sie innovativ und originell?
    • Formales:
    • -Titel: Passend? Aussagekräftig?
    • -Struktur: Strophen? Verseinteilung?
    • -Interpunktion: Richtig? (ev. Wirkung? --> zB auf die Interpretation)
    • -Rechtschreibung

    Wichtig dabei ist: Für das finale Urteil sollte man sich auch mit solchen Details vertraut machen - ohne dabei das Ganze aus dem Auge zu verlieren. Das heißt: Kongruenz von Form und Inhalt, inhaltliche Stringenz, Gesamteindruck, ...
    Dabei soll auch auf wesentliche Punkte wie Verdichtung, Innovation, Stimmung, ... nicht außer Acht gelassen werden.

    Auch der Inhalt soll berücksichtigt werden. Dabei stellt sich die Frage: Ist der Inhalt klar und eindeutig? Werden Doppeldeutigkeiten und verschiedene Interpretationen zugelassen (und warum ist das so?)? Worum geht es im Text? Passen Titel und Inhalt zueinander?

    Schließlich schafft es eine gute Kritik auch, die formalen Aspekte und den Inhalt zu verbinden: Inwieweit passen Form und Inhalt zusammen? Welche formalen Aspekte unterstreichen den Inhalt? Wenn sie nicht zusammenpassen: Warum ist das so?



    Die Dos und Don'ts:

    Was man tun soll:

    I. Begründung: Eine gute Kritik - egal ob lobende oder tadelnde Worte - ist begründet und schlüssig. Sie ist logisch nachvollziehbar und nicht widersprüchlich. Die Begründung sollte dabei in angemessender und vernünftiger Weise erfolgen: Komplexe Problemstellungen können lang und intensiv besprochen werden, banale einfache Dinge ruhig auch kürzer.
    II. Fairness: Wie schon oben geschrieben, ist eine ausgewogene Beurteilung des Gedichtes von entscheidender Bedeutung. Die objektive Bewertung ist eine grundlegende Voraussetzung. Fehler suchen ist okay - was nicht okay ist: Das Finden von Fehlern, die offensichtlich keine sind. Schlussendlich ist eine Kritik ein Zeichen von Wertschätzung und Interesse.
    III. Korrektheit: Das überschneidet sich jetzt mit I. Zusätzlich ist zu sagen, dass neben der (fachlich) korrekten Analyse auch ein korrekter - freundlicher, höflicher, kollegialer - Umgang zu einer guten Kritik gehört. Ein wichtiger Bestandteil ist dabei das Beachten der offensichtlichen Fähigkeiten des Autors.
    IV. Bemühen: Eine Kritik sollte stets versuchen, einen Text in seinen verschiedensten Facetten abzubilden. Das erfordert Zeit, Interesse und das grundlegende Bemühen, sich nach besten eigenen Möglichkeiten mit einem Text auseinanderzusetzen. Je ausführlicher eine Kritik ist, desto hilfreicher ist sie im Normalfall.
    V. Genauigkeit: Eine gute Kritik ist genau. Wo passt was nicht und was passt dort nicht? Warum passt es nicht. Ein 'da und dort" kann zwar durchaus der Einstieg in eine Diskussion sein - letzten Endes sollte der Kritiker aber auch erklären können, wo da und wo dort ist.

    Was man eher nicht tun sollte:

    I. Tonfall: Beleidigungen sind zu unterlassen. Neben der Tatsache, dass sie einen Verstoß gegen die Grundregeln darstellen, erlauben sie es dem Autor nicht, die Kritik als objektiv und fair anzunehmen. Und damit ist die Zeit und Mühe, die ein Kritiker eventuell aufgewendet hat, für den Autor nutzlos.
    II. Spekulation und Halbwissen: Spekulationen sind auch nicht zielführend. Dies bezieht sich auch auf 'angebliches Wissen': Wenn man sich wo nicht sicher ist, ist es keine Schande das in der Kritik zu sagen. Es ist immer noch besser, als felsenfest und voller Überzeugung Schwachsinn zu verbreiten.
    III. Spam: Reine Beifallsgekundungen helfen niemandem. Dadurch erfährt die Mühe des Autors keine Wertschätzung, im Gegenteil: von vielen werden Spamkommentare als ärgerlich empfunden. ad Bausteinkritiken: Kritiken aus dem Baukasten zusammengebastelt, um sich Zeit zu sparen, sind ganz klar ein Zeichen mangelnder Wertschöpfung. Und außerdem Spam.
    IV. Überforderung und Unterforderung: Eine Kritik soll durchaus ausführlich sein, dabei sollte (s.o.) stets der Autor aber beachtet werden. Es macht keinen Sinn, einen absoluten Neuling mit Fachvokabular wie Dichoriambus, et cetera zu bombardieren. Ebenso ist es sinnlos, geübten Dichtern die Grundlagen zu erklären. Eine Kritik soll durchaus an die Bedürfnisse des Autors angepasst sein, und dabei gilt eben mitunter: Weniger ist mehr.
    V. Selbstdarstellung: Eine Kritik ist in erster Linie ein kollegialer Austausch von Meinungen und Gedanken. Die Darstellung, wie gut und toll man nicht ist, sollte nicht zum Zweck der Kritiken werden.



    4. Welche Punkte sind besonders wichtig?

    Das Um und Auf einer Kritik, der Schlüssel zum Erfolg:
    I. Begründen der eigenen Meinung
    II. korrekter Umgangston
    III. Nützlichkeit des Beitrags: Was sagt meine Kritik Neues? Was wurde schon besprochen?
    IV. Erkennen der charakteristischen Stellen
    V. Interesse an der Lyrik

    Schließlich bleibt noch zu sagen, dass eine gute fundierte Kritik ein deutliches Zeichen für Wertschätzung ist und eine entsprechende Antwort eigentlich auch zum guten Ton gehört. Ignorieren oder Beleidigtsein, weil die unfassbare Genialität des eigenen Textes nicht erkannt wurde, sind ein Zeichen für mangelnden Respekt und in extremen Fällen eine Frechheit. (siehe dazu: 5. weiterführende Links: Praktische Tipps in Gedichtform)

    5. Gibts dazu Beispiele? Weiterführende Links?

    Praktische und theoretische Sprechzimmerfäden zum Thema

    Das ist wertvolle Kritik von fatcat
    http://www.gedichte.com/showthread.p...n-beachten!%29
    Ein wertvoller Diskussionsfaden rund um das Thema Kritik: Ebenso finden sich (wenn auch schon etwas ältere) Empfehlungen zu besonders gelungen Kritiken.

    Warum meine Kritiken nicht unangemessen sind von Levampyre
    http://www.gedichte.com/showthread.p...ngemessen-sind
    Ansprüche und Grundsätze der Kritik: Grundlegende Überlegungen zum Schreiben einer Kritik werden vorgestellt und diskutiert.

    Über die Schwierigkeit dichterische Qualität zu erkennen von Levampyre
    http://www.gedichte.com/showthread.p...nnen-Ausz%FCge
    Ein lehrreicher Faden über die Qualitätsmerkmale eines lyrischen Textes: Es geht um die Frage, wodurch und wie man die Qualität eines Gedichts erkennt.

    Wie schreibe ich eine Kritik von Danse Macabre
    http://www.gedichte.com/showthread.p...ch-eine-Kritik
    Ein praktischer Leitfaden zum Verfassen von Kritiken: Hier erfährt man, wie man eine Kritik schreibt, und was zu beachten ist.

    Praktische und theoretische Wohnzimmerfäden zum Thema

    Die Macht der drei R's: Qualitätsoffensive.com von Jamzee
    http://www.gedichte.com/showthread.p...soffensive.com
    Ein praktischer Faden zur Qualitätssteigerung von Kritiken: Der Faden behandelt die Möglichkeiten, gehaltvolle Kritik zu verfassen, und bietet selbst ein passendes Schema für gute Kritik.

    Freiwillige Selbstverpflichtung 3:1 von Woitek
    http://www.gedichte.com/showthread.p...pflichtung-3-1
    Ein Faden zur Aktivitätssteigerung: Der Faden geht der Frage nach, wie viel Kritik und wie viele eigene Gedichteman posten soll.

    Praktische Tipps in Gedichtform

    Kritiker-Retour Tabu von Jamzee
    http://www.gedichte.com/showthread.p...er-Retour-Tabu
    Ein Gedicht, das in humorvoller Weise auf die Motivation mancher Kritiker Stellung bezieht: Dieser Beitrag bezieht sich auf die Unsitte, auf schlechte Kritik mit Gemeinheiten und Fehlersuchen zu reagieren.

    Das 'Vorbildliche-Kritiken'-Verzeichnis
    Hier werde ich in nächster Zeit in meinen Augen besonders gelungene Kritiken verlinken. Eigene Kritiken werde ich gegebenenfalls in eigenen Beiträgen näher erläutern. Ebenso bitte ich die Leser dieses Threads diesen Platz zu nutzen, um selbst auf gehaltvolle und nützliche Kritiken zu verweisen - dabei wäre mir aber auch eine Begründung, warum diese Kritik nützlich und gelungen ist, recht. Spambeiträge und der Verweis auf Spambeiträge unter dem Vorwand, auf nützliche Kritik hinzuweisen, sind ausdrücklich unerwünscht.

    -to be continued-

    (Ich freue mich auf eine hoffentlich spannende Diskussion zum Thema gehaltvolle Kritik, Anregungen, und zahlreiche Meldungen, die auf beispielhafte Kritiken hinweisen.)
    Geändert von MisterNightFury (23.04.2011 um 15:46 Uhr)

  2. #2
    Registriert seit
    Sep 2008
    Beiträge
    797
    Hallo maXces (und sonstige Leser dieses Fadens)!

    Was Du da oben aufgeführt hast, würde ich zwar weitestgehend so unterschreiben, handhabe sie aber eigentlich anders. Und, und da hapert es meiner Ansicht nach, Du stellst derart geballt Forderungen auf, was eine Kritik soll oder auch nicht soll, dass ich denke, ein unerfahrener Kritiker wäre an dieser Stelle schlicht überfordert. Und daher stelle ich ein wenig in Frage, ob dieser Faden auf diese Weise hilfreich ist?

    Wie schreibe ICH eine Kritik? Ich schreibe niemals reine theoretische Analysen, für die man durchaus problemlos ein festes Schema festlegen könnte; das sind Dinge, die man in schulischen Aufgaben erledigen mag, die aber meiner Ansicht nach weder mir noch dem Autor wirklich weiter helfen. Ich schreibe auf tausendundeine unterschiedliche Weise, niemals nach Schema-F und keineswegs nach einer "Dos und Don't - Liste". Das liegt daran, dass sowohl Text als auch Autor immer eine individuelle Behandlung erfordern bzw. eine individuelle Reaktion in mir hervorrufen. Deshalb wäre ich auch nicht in der Lage, jemandem ein tatsächliches Schema an die Hand zu geben. In erster Linie gäbe ich aber diesen Ratschlag:

    Kritisiere stets ein Werk, das in der Lage ist, dich als Leser emotional zu berühren; das darf auch ein Berühren in negativer Form sein und ist ganz gewiss nicht auf pure Begeisterungstaumel beschränkt.

    Eine solche Emotion kann man nämlich für sich selbst hinterfragen – warum rührt mich der Text / stößt er mich ab / möchte ich nach dem Lesen fröhlich durch die Gegend steppen etc. Um diese Frage zu klären, wird man sich den Text ein zweites Mal ansehen, ihn ggf. laut lesen; man überprüft die verwendeten Bilder, den Klang, den Rhythmus.
    Nun stellt man vielleicht fest, dass der Text einen fröhlichen Klang hat und könnte für sich hinterfragen, warum das so ist => ergo schaut man auf Silben, Reime, Vokalhäufungen. Oder man spürt beim erneuten Lesen ein innerliches Aufzucken bei genau einer Zeile des Gedichtes: Was steht da, welches Bild lässt mich zucken; warum lässt es zucken (Erinnerung, reine Bildhaftigkeit, gelungener Stimmungsträger etc.).
    Natürlich funktioniert das eben auch, wenn mir ein Text negativ auffällt mit ähnlichen Fragen: Was passt am Klang nicht, warum haut mich der Text an manchen Stellen immer wieder gänzlich raus (rhythmisch oder bildlich), warum transportiert er für mich kein stimmiges Ganzes?

    Man kann unzählige Fragen an einen Text stellen, die sich ohne weiteres Fachwissen beantworten lassen, und man wird für sich selbst so eine ganze Menge lernen. Schreibt man diese Antworten dem Autor auf, erhält der wertvollen Einblick darin, wie sein Text tatsächlich auf einen Leser wirkt, was man schreibend nämlich oft nicht ermessen kann.
    Man kann aber natürlich auch den Autor fragen, wenn man allein nicht weiter kommt: „Das da oben klingt so fröhlich, ich komme nur nicht dahinter, warum das so ist. Kannst Du Autor mir da vielleicht was erklären?“ Denn, warum sollte eine Kritik nicht schlichtweg Fragen aufwerfen?

    Je mehr Kritiken man auf diese Art und Weise verfasst, desto mehr Zugang erlangt man fraglos auch zu theoretischem Wissen; wenn ich das sechste Mal in einem Text feststelle, dass betonte und unbetonte Silben sich abwechseln, was einen gewissen Klang ausmacht, werde ich irgendwann auch drauf kommen / drauf gebracht werden, dass diese Wechselfolge als Trochäus bezeichnet wird. Und da ich dann merke, dass durch die Nutzung dieses einen Schlagwortes ich viel Drumherumgeschreibe mir sparen kann, werde ich es vermutlich in meinen Sprachgebrauch übernehmen, und mir also künftige Kritiken leichter zu machen.

    Kritiken wandeln sich, je nachdem ob man mit dem Autor schon des öfteren kommuniziert, oder diesen erstmalig vor sich hat. In der zwanzigsten Kritik muss ich einem Autor nicht unbedingt wieder und wieder auseinander klamüsern, dass er den Jambus beherrscht. Allerdings, und das sollte man als Kritiker auch nie vergessen: Text und Kritik sind hier nicht reiner Meinungsaustausch zwischen zwei Menschen, sondern werden von vielen Usern gelesen, hinterfragt und bestenfalls nachvollzogen. Aus dem Lesen fremder Kritiken kann man nämlich wiederum sehr viel für sich lernen – wahrscheinlich sogar wesentlich eingängiger, als dies aus reinen Lehrfäden meist möglich ist.

    Noch einen Punkt finde ich wichtig: Mit dem Einstellen der Kritik bin ich nicht fertig; mir ist die Reaktion des Autors oder eben anderer Leser auf meine Einlassung immens wichtig, denn nur über diese wiederum kann ich feststellen, ob ich Kernpunkte getroffen habe, ob Spekulationen meinerseits zur Intention bestimmter Wendungen/Klangfolgen und –farben etc. in die richtige Richtung tendierten; nur über diese kann ich aber auch erfahren, ob ich den korrekten Tonfall gewählt habe, oder doch irgendwo ungewollt verletzend wurde. Eine Reaktion auf meine Kritik gibt mir erneut sehr viel Weiterentwicklungspotential: Was hab ich übersehen, wo hab ich mich vergaloppiert, wo den Kern des Ganzen getroffen? Es wäre immens schade, wäre dies Forum nicht kommunikativ. Insofern wäre mein Wunsch: Nutzt es nicht als Pinwand, an dem Ihr Eure Gedichte annagelt und wieder geht und gleichermaßen, nagelt nicht nur Eure Kritiken als Selbstdarstellung irgendwo dran und verschwindet dann wieder. Hat man einmal ein Gedicht als „kritikwürdig“ erachtet, sollte man bei diesem auch bleiben, bis alles gesagt ist.

    Ich glaube, mir würde noch viel zu dem Thema einfallen, mache aber hier erst einmal einen Punkt.

    Lieben Gruß
    Nina
    .
    .

    "gesammelte Empfehlungen" von linespur
    Du vermisst einen Kommentar zu Deinem Gedicht?

    Genie ist weniger eine Gabe denn aus blanker Not geborener Erfindungsreichtum.
    Jean Paul Sartre

  3. #3
    Registriert seit
    Nov 2010
    Ort
    La Croisée
    Beiträge
    1.350
    Hallo maXces, Guten Tag allerseits

    das Thema Kritik in Theorie und Praxis finde ich sehr wichtig und hier auch gut präsentiert, allerdings habe ich es nicht sofort wiedergefunden. Ich habe dazu eine allgemeine Frage, die vor einigen Jahren schon gestellt wurde, den Faden habe ich vor längerer Zeit gelesen und finde ihn nicht wieder, habe auch folgendes gelesen, das ich zum Thema passend finde:

    6. Read The Fullsize Manual! (RTFM!)
    Ziehe unbedingt zuerst alle verfügbaren Referenz-Materialien (Handbücher, Zeitschriften, Hilfe-Dateien, FAQ,...) zu Rate, bevor Du entsprechende Fragen stellst! In unserem Falle bedeutet das: Lies Dich durch die >FAQ<, die >vb-Erklärungen<, das >Grundlagen-Board<, die zahlreichen Frage-Topics im >Moderations-Board< und nutze schlußendlich auch die Forum-Such-Funktionen. In so gut wie allen Fällen wurde die Frage schon mindestens zwei, oftmals auch drei Mal gestellt und beantwortet, eine vierte Wiederholung ist unnötig:

    "Das Forum besteht überwiegend aus Leuten, die etwas Neues durch das Lesen von interessanten Fragen, Antworten und Diskussionen lernen wollen; sie wollen aber nicht immer wieder und wieder dieselben Fragen lesen, die für sie schon längst geklärt sind. Bevor Du eine Frage an das Forum sendest, immer zuerst nachschauen, ob diese Frage nicht schon von jemand anderem in das Forum gestellt wurde und ob ihre Antwort nicht schon zu finden ist. Bevor Du eine Antwort an das Forum sendest, solltest Du immer zuerst nachschauen, ob nicht schon jemand anderer diese Frage richtig beantwortet hat. Sende Deine Frage oder Veröffentlichung nur in das Board, das für Dein Thema am besten geeignet ist, damit Du die richtige Zielgruppe erreichen kannst."

    Existiert die Frage jedoch noch nicht - immer frei heraus damit!
    Dann kann sie uns alle nur weiter bringen.
    Ja, die Frage existiert irgendwo schon, aber m.M.n. wurde sie nicht beantwortet: Wäre es möglich, den Kritiken eine eigene Rubrik zu gewähren? Eine Rubrik, in denen Kritiken geschrieben werden und der Autor bereit ist, über diese Kritiken nachzudenken und darauf zu antworten? Diese Kritiken dürften nicht gelöscht werden, auch wenn der User seine Beiträge löscht und stünden somit als praktisches Beispiel konstruktiver Kritik im Forum, auf alle Zeiten

    Es wurde schon gesagt, auch von linespur, wenn ich mich nicht täusche? dass den Kritikern die Lust vergangen ist, sich die Mühe zu aufwendigen Kritiken zu machen, da die Fäden einfach gelöscht werden können, oder der Autor sich gar nicht dafür interessiert. Für mich persönlich möchte ich hinzufügen, dass mir praktische Beispiele fehlen, um das Kritisieren zu lernen, um mir Fachkenntnisse anzueignen. Die mitunter biestige Antwort des Autors per PN, oder das Ignorieren meines Kommentars stören mich dabei nicht, aber ich kann die guten Kritiker verstehen, wenn sie sich rar machen.

    Ich schreibe spontan und warte erstmal auf Antwort, am liebsten würde ich den Faden wiederfinden, denn dort wurde schon alles ausdiskutiert, das Für und das Wider für oder gegen eine Rubrik, die den Kritiken gewidmet ist. Ich finde sie nötig.

    LG Kalinka


    ***

    Hallo Chavali,

    Zitat Zitat von Chavali Beitrag anzeigen
    hallo zusammen,

    ich finde sie (in dieser Form) nicht nötig.
    Die wenigsten machen sich die Mühe, so ein umfangreiches Pamphlet zu lesen und werden am Ende auch noch
    von den Riesen-Buchstaben und den "Vorschriften" einer Kritikschreibung
    überrollt und eingeschüchtert und überfordert.
    Jeder macht seine eigenen Erfahrungen, wie man Kritik erlebt, verarbeitet und auch selber welche schreibt.

    Dass es hier eine derartige "Anleitung" gibt, will ich nicht verurteilen, aber man kann nicht erwarten,
    sie 1:1 umgesetzt zu sehen.

    LG Chavali
    du antwortest, indem du mich zitierst, ich träume wohl? Mein Kommentar ist keine Umfrage: Nötig oder nicht nötig? Das könnte jetzt aber von einigen, die deine Meinung teilen, so verstanden werden? Deshalb mein Off-topic Beitrag zu deinem Kommentar: Ich habe zum Thema geantwortet, dazu alles gesagt, meine Frage gestellt. Wenn sie niemanden interessiert, dann eben nicht.

    Ich bin aber der Meinung, dass Leute, die nicht lesen wollen

    Zitat Zitat von Chavali Beitrag anzeigen
    hallo zusammen,

    ich finde sie (in dieser Form) nicht nötig.
    Die wenigsten machen sich die Mühe, so ein umfangreiches Pamphlet zu lesen
    Kritiken für überflüssig halten, sich doch lieber DVD anschauen sollten, anstatt ihren Quark hier von Freunden? bejubeln zu lassen. Die Forumregeln waren wohl auch zu umfangreich? Vielleicht sollte man alles mit Bildchen erklären, mit Sprechblasen?

    LG
    Geändert von Farbkreis (03.12.2011 um 10:18 Uhr) Grund: Zusammenfassung ***

  4. #4
    Registriert seit
    Oct 2005
    Beiträge
    6.318
    Zitat Zitat von Kalinka
    Ich finde sie nötig.
    hallo zusammen,

    ich finde sie (in dieser Form) nicht nötig.
    Die wenigsten machen sich die Mühe, so ein umfangreiches Pamphlet zu lesen und werden am Ende auch noch
    von den Riesen-Buchstaben und den "Vorschriften" einer Kritikschreibung
    überrollt und eingeschüchtert und überfordert.
    Jeder macht seine eigenen Erfahrungen, wie man Kritik erlebt, verarbeitet und auch selber welche schreibt.

    Dass es hier eine derartige "Anleitung" gibt, will ich nicht verurteilen, aber man kann nicht erwarten,
    sie 1:1 umgesetzt zu sehen.

    LG Chavali
    Nickänderung: supikatzi wurde zu Chavali


    ~WÖRTERWUNDERTÜTE~

    Werkeverzeichnis (unvollständig - ruft nach Aktualisierung): Katzenspuren

    ©
    auf alle meine Texte!

Was dich vielleicht auch interessieren könnte:

  1. Provisorische Theorie
    Von wenigviel im Forum Minimallyrik
    Antworten: 0
    Letzter Beitrag: 23.07.2014, 21:54
  2. Meiers Theorie
    Von Guenter Mehlhorn im Forum Humor, Satire und Rätselhaftes
    Antworten: 8
    Letzter Beitrag: 12.10.2007, 10:21
  3. Theorie und Praxis
    Von DreamingLuna im Forum Archiv
    Antworten: 3
    Letzter Beitrag: 28.05.2002, 21:02

Berechtigungen

  • Neue Themen erstellen: Nein
  • Themen beantworten: Nein
  • Anhänge hochladen: Nein
  • Beiträge bearbeiten: Nein
  •  

Anmelden

Anmelden