Thema: Fetzen

  1. #1
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    Fetzen

    .
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    Beseelen kannst du mich stets,
    mir zart die Gedanken entlocken,
    wenn Zornesfalten sich strecken.

    Sanftsam hältst Du acht
    während ungestüm Deine Gedanken,
    sich tief in mich treiben.

    Oftmals hast Du getrocknet,
    was selten perlte an Wimpern
    in trübender Zeit.

    Heute will ich Dir sagen,
    wie sehr Du kein Teil bist
    von meiner vergeudeten Welt.
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  2. #2
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    Hallo Nina,

    welch schönes hintergründiges Liebesgedicht ...

    ja, es ist ein Liebesgedicht, doch für wen, darüber lässt Du uns im Unklaren -

    ich sage mal ... es ist der Lebenspartner,
    so so, er ist kein Teil der vertanen Tage, nein im Gegenteil, er hat sich sinnvoll und bereichernd eingebracht als Dein Begleiter, hat Deine Tränen getrocknet in dunklen Tagen, regelt behutsam die Dinge, kann aber auch ein starkes impulsives Wort führen, wenn es sein muss,
    beseelen kann er, welch schönes Wort, soll heißen, er kann mit Gedanken zaubern, verführen und die Zornige wieder glätten ...

    es war mir jetzt eine Freude, Deine Zeilen aufzuwirbeln wie Blütenblätter und sie zu enttarnen - jetzt zieht wieder Ruhe ein - denn ich geh

    lieben Gruß
    Merlin

  3. #3
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    Zitat Zitat von linespur Beitrag anzeigen
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    Beseelen kannst du mich stets,
    mir zart die Gedanken entlocken,
    wenn Zornesfalten sich strecken.

    Sanftsam hältst Du acht
    während ungestüm Deine Gedanken,
    sich tief in mich treiben.

    Oftmals hast Du getrocknet,
    was selten perlte an Wimpern
    in trübender Zeit.

    Heute will ich Dir sagen,
    wie sehr Du kein Teil bist
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    Hallo Linespur

    Wahrscheinlich ist hier jedes Wort so durchdacht gesetzt, das man nichts ändern könnte. Ich habe sogar versucht, durch xXxX... etc. der Metrik auf die Schliche zu kommen, es aber aufgegeben. Die letzte Strophe ist ergreifend, als wirft sich das LI mit einem Vers dem LD zu Füßen, oder löscht sich selbst aus, vorher das LD vor der niederschmetternden Verzweiflung trennend, schützend, schuldlos sprechend... Nach Vers 1 erwartet man beinahe eine Liebeserklärung, nach Vers 2 klagende Vorwürfe, doch es kommt zum das LI selbstvernichtenden Vers 3 und .

    Ich sehe hier keinen Schluß, sondern eher eine befreiende Selbsterkenntnis, eine Öffnung, ein Verlassen, sich fallen lassen, ... im Gedicht steht es besser ausgedrückt.

    Ich stolpere über das Wort "Sanftsam", wegen der Aussprache fts, habe aber keinen Verbesserungsvorschlag, für mich habe ich sammet gelesen, was es als Adjektiv allerdings nicht gibt, dann samtsam, aber das klingt wiederum nicht besonders, fts, ein zu lösender Knoten?

    Gern gelesen
    Farbkreis

  4. #4
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    Hallo Farbkreis,

    das ist ein Fetzen, ergo ist hier kein Wort wirklich durchacht, sondern eher runtergeschrieben; und in der Tat würde ich gern manche davon ersetzen, weil Dinge wie "zart" und "sanft" und das ausgelutschte Wimperngeperle mir nicht so gänzlich zusagen. Aber es fällt mir schwer, weil letztendlich die Worte eben doch dafür stehen, was da oben stehen sollte; impulsiv und trotzdem zulassend sollte das ld wirken - ich mag Deinen Ausdruck "sich fallen lassen" da gern hören.
    Das sanftsam ist in der Tat auch noch ein Zungenstolperer; wenn ich jetzt sage, dass ich Dein "sammet" sehr mag, es aber metrisch unpassend finde, muss ich selbst fast lachen. Denn bezüglich der Metrik hast Du schon recht, wenn Du ein festes gleichförmiges Schema vermisst; ein paar klangliche Präferenzen habe ich aber sicherlich verfolgt, als ich das Textchen ordnete und hier wäre mir die starke Betonung auf der ersten Silbe wichtig, weil die Zeile nur so sich gegen das "ungestüm" behauptet... Ich überleg nochmal, wenngleich das wichtiger würde, würde ich aus diesem Fetzen ein echtes Gedicht machen wollen

    Ich danke Dir für Dein spürsamens Lesen!
    Nina

    Liebe Georgia,

    es freut mich, dass Du neben der Wärme die Impulsität einzufangen vermagst, auf die es mir hier so sehr ankam. Solange man noch laut gibt, ist alles gut; erst wenn es still wird, scheint das Schlimme Einzug gehalten zu haben?!

    Herzliche Grüße an Dich
    Nina
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  5. #5
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    Zitat Zitat von linespur Beitrag anzeigen
    das ist ein Fetzen, ergo ist hier kein Wort wirklich durchacht, sondern eher runtergeschrieben; und in der Tat würde ich gern manche davon ersetzen, weil Dinge wie "zart" und "sanft" und das ausgelutschte Wimperngeperle mir nicht so gänzlich zusagen. Aber es fällt mir schwer, weil letztendlich die Worte eben doch dafür stehen, was da oben stehen sollte; impulsiv und trotzdem zulassend sollte das ld wirken - ich mag Deinen Ausdruck "sich fallen lassen" da gern hören.
    Das sanftsam ist in der Tat auch noch ein Zungenstolperer; wenn ich jetzt sage, dass ich Dein "sammet" sehr mag, es aber metrisch unpassend finde, muss ich selbst fast lachen. Denn bezüglich der Metrik hast Du schon recht, wenn Du ein festes gleichförmiges Schema vermisst; ein paar klangliche Präferenzen habe ich aber sicherlich verfolgt, als ich das Textchen ordnete und hier wäre mir die starke Betonung auf der ersten Silbe wichtig, weil die Zeile nur so sich gegen das "ungestüm" behauptet... Ich überleg nochmal, wenngleich das wichtiger würde, würde ich aus diesem Fetzen ein echtes Gedicht machen wollen
    Hallo linespur,

    dann setz ich mich noch mal ran. Mit den "Fetzen" ist also die Gedichtsform, und nicht der Inhalt tituliert? Ich erlese auch aus dem Stil, deshalb mein Verdacht auf unverbesserlich durchdacht, eine Selbstdisziplin, oder besser, die extreme Selbstbeherrschung, mit der sich das LI Gefühle bis zum Schluß untersagt, bis sozusagen die ganze Welt zusammenbricht, sich eher abrupt auflöst, als sich langsam zu zerfetzen.

    Beseelen kannst du mich stets,
    mir zart die Gedanken entlocken,
    wenn Zornesfalten sich strecken.
    Die erste Strophe als Fetzen betrachtend, also ohne nach metrischen Gleichklang der Verse in den nächsten zu suchen, behindert hier für mich das "stets" den Lesefluß, auch gibt es eine kleine Unreinheit in den beiden anderen, sonst zueinander harmonisch stehenden, Versen. Es ist ein Versuch, über dessen Kritik ich mich freuen würde, die Metrik zu verstehen.

    x Xx Xxx X
    x Xxx Xxx Xx
    x Xx Xxx Xx

    Beseelen kannst du mich stetig, mir zart Gedanken entlocken, wenn Zornesfalten sich strecken.

    Sanftsam hältst Du acht
    während ungestüm Deine Gedanken,
    sich tief in mich treiben.
    Xx Xx X
    Xx Xxx Xxx Xx
    x Xxx Xx

    Im nachhinein bin ich geneigt, durch den Ausdruck "hältst du", eher an Wacht zu denken, sogar an Macht, mit der sich ein Hypnotiseur langsam seines Gegenübers bemächtigt, es dann durch seinen Willen bewegt. Natürlich kann die Betonung ( X Schema) auch anders sein. Nur nach dem Gehör, liest es sich für mich metrisch.
    ...
    ...
    mich tief im Innern ergreifen

    Oftmals hast Du getrocknet,
    was selten perlte an Wimpern
    in trübender Zeit.
    Xx Xxx Xx
    x Xx Xxx Xx
    x Xxx X

    Wenn ich richtig verstehe, sind es die Tränen, die nicht kullerten, sondern die Wimpern schimmern ließen, und diese raren Momente hat das LD oft bemerkt, um ein Weinen zu verhindern?... "getrocknet" klingt irgendwie trocken, als handele es sich um eine Beziehung, in der Gefühlsausbrüche nicht zugelassen werden.

    Heute will ich Dir sagen,
    wie sehr Du kein Teil bist
    von meiner vergeudeten Welt.
    Xx Xxx Xx
    Hier weiß ich nicht, für mich sind die letzten drei Wörter alle gleich betont, es kommt drauf an, ob der Vers beherrscht oder aufgewühlt gesprochen wird, sitze ratlos vor x X...
    xXxxXxxX

    Es entsteht für mich das Bild eines unerschütterlichen LDs,... mir gefällt diese Strophe, sie verlöre klangvoll verdichtet wahrscheinlich ihre starke Aussage, die Gravität dieser.

    Ich bleibe bei meiner Meinung, daß "Fetzen" gut durchdacht ist, und durch seine Form den Inhalt treffend und ausdrucksvoll, auf persönliche Weise, darstellt.

    LG Farbkreis

  6. #6
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    Hallo Farbkreis,

    Ich habe großes Interesse an der Wirkungsweise des rhythmischen Klangs eines Textes. Das beschränkt sich beileibe nicht auf Gedichte, auch nicht auf Lyrik. Ich habe nun einmal eine starke Affinität zur Musik und darum höre ich grundsätzlich jedes gelesene Wort irgendwie auch als Ton in mir wieder. Das Grundbestreben ist dabei nicht immer auf Harmonie zu drängen, sondern den Inhalt klanglich dingfest machen zu können. Nun ist der obige Text – wie die meisten inzwischen – nicht bewusst metrisch geformt worden, weshalb ich darauf angewiesen bin, wie bei einem fremden Text die klanglichen Dinge im nachhinein zu deuten (und natürlich dabei wohlwollend auf mein Textverständnis abzustimmen). Vielleicht interessiert Dich dennoch dieser Blick darauf?

    Deine Xe würde ich genauso selbst gesetzt haben; da sind wir uns also einig und es ergibt sich eine daktylische Tendenz. Für mich ein Rhythmus der Erregung, Bewegung, Leben und eben auch Impulsivität spiegelt. Gebrochen, gebremst wird er vielfach allerdings. Du sprichst S1Z1 an und würdest lieber mit einer weiblichen Kadenz enden, während ich intuitiv (nicht bewusst) dem „beseelen“, das so verkitscht die Eingangsstrophe einleitet ein abruptes Ende bereite.

    Ich hol mal weit aus: „Ich bin doch immer für Dich da!“ ist so ein Satz, den manche Menschen gern verwenden, um was? Um ein schlechtes Gewissen zu machen? Um ihre Omnipotenz herauszustreichen? Ich jedenfalls betrachte solche Sätze recht skeptisch, anstatt auf wahrhafte/selbstlose Fürsorge zu schließen. Und ich glaub, das schleicht sich hier ein wenig in der Strophe auch in meine Auslegung; das lyr.Ich will zornig sein, das lD wirkt dem entgegen, beseelt bekommt Weichspülcharakter, und wird immer dann ([b]stets[/i]) dem lyr.Ich überstülpt, wenn es sich emotional zornig zu zeigen droht. Ist das gut? Meine Antwort wäre ein klares Jein, lächel. Und ich glaube, diese Unsicherheit meiner selbst bezüglich der Bewertung dessen, was da vor sich geht, drückte sich in den metrischen Brüchen aus.
    Die zweite Zeile würde ich inhaltlich als durchweg positiv werten; jemandem Gedanken zu entlocken, dabei auch noch behutsam vorzugehen, so dass eben keine inhaltliche Einwirkung auf eben diese Gedanken erfolgt, ist gut. Die Metrik der Zeile ist entsprechend ungebrochen, ein auftaktiger Daktylus, der in seiner tänzerischen Art geneigt ist, hier einen glücklichen Impuls zu übertragen.

    Strophe zwei beginnt mit einer Trochäuszeile und auch die mein ich inhaltlich da haben zu wollen? Die acht haben wird zwar durch das „sanftsam“ verharmlost, und dennoch entwickelst Du gedanklich weiter => Wacht / Macht. Z2 und 3 ergeben einen durchgängigen Daktylus, der diesmal allerdings ohne die weiche Auftaktigkeit harscher wirkt, als in S1. Deine inhaltliche Auslegung geht denn auch in diese Richtung. Das lyr.Du übernimmt hier klar Führungsrolle, das lyr. Ich lässt dies zu. Ob das nun positiv oder negativ zu werten ist, hängt von immens vielen Faktoren ab, die hier nicht geschildert sind, kann also nicht bewertet werden.

    Die dritte Strophe ergibt zeilenübergreifend einen fast durchgängigen Daktylus, wird allerdings noch trochäisch eingeleitet und stockt kurz (betont?) beim „selten“. Klanglich wird es meiner Ansicht nach mit dem Fortgang der Worte wieder weicher; inhaltlich geht es freilich um bewegte Gefühle, das unterdrückte Weinen eben und das passt für mich zusammen. Inhaltlich stimme ich Dir zu, wobei mir allerdings der Einstieg, der ja auch durch den Trochäus stark betont wird oftmals sehr wichtig ist; eben nicht immer werden die Tränen weggetrocknet, manchmal aber dürfen sie da Perlen; nur die, die wirklich wichtig, die nicht vergeudet sind?

    Ja, ein starkes lyr. Du, dessen Einfluss auf das lI starke Ausprägung zu sein hat; so stark, dass am Ende die Abgrenzung in vergeudet/wesentlich getroffen wird und das lI dem Du die Position im Wesentlichen zusprechen kann…
    XxXxxXx
    xXxxXx
    xXxxXxxX
    Gixt käme damit endlich auf den reinen Daktylus (Auflösung, aufatmen und wie Du es nanntest: Fallen lassen) und die männliche Kadenz am Ende malt für mich klanglich das Ausrufungszeichen zum Schluss.

    *schmunzel grad über mich selbst*
    Nina
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    "gesammelte Empfehlungen" von linespur
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    Genie ist weniger eine Gabe denn aus blanker Not geborener Erfindungsreichtum.
    Jean Paul Sartre

  7. #7
    Registriert seit
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    Hallo Nina,


    Ich habe großes Interesse an der Wirkungsweise des rhythmischen Klangs eines Textes. Das beschränkt sich beileibe nicht auf Gedichte, auch nicht auf Lyrik. Ich habe nun einmal eine starke Affinität zur Musik und darum höre ich grundsätzlich jedes gelesene Wort irgendwie auch als Ton in mir wieder.
    Deine Gedanken finde ich sehr interessant, denn mir geht es ähnlich ... meine Texte müssen schwingen wie harmonische Musik - und je länger ich schreibe, um so
    stärker wird dieses Gefühl dafür, ich entdecke mich da fast neu wieder, sogar in meinen neuen Prosatexten bin ich gerade zu versessen darauf, den Text, auch durch Pünktchen oder Gedankenstriche, in einen gewollten Rhythmus zu bringen, da spielt wohl so eine gewisses Schönheitsempfinden eine gewisse Rolle und man muss arg aufpassen, dass man nicht zu Übertreibungen neigt
    mit Deinen obigen Gedanken im Hinterkopf habe ich Dein Gedicht mehrmals laut gelesen, sehr bewusst auf Sprache und Melodie achtend, dabei ist mir diese Zeile besonders schön über die Lippen geklungen

    sich tief in mich treiben.
    es gab übrigens mal einen User im Forum, glaube ich, volkerdicaios bei seinen Gedichten spürte man dies besonders stark

    lieben Gruß
    Georgia
    Geändert von Merlin* (09.06.2011 um 23:35 Uhr)

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