1. #1
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    Karottenkuchen


    Dieter klingelte eines Tages an meiner Tür. Er schlug sich auf den Bauch. Er sah wüst aus.

    "Es ist für dich!",

    sah mich meine Mutter erschrocken an. Eigentlich hätte sie ihn abwimmeln müssen, aber mein
    Vater war nicht da. Ich schaute zu Dieter hoch. Wir waren gleichaltrig, aber hatten mindestens
    25 cm Höhenunterschied. Es ist nicht vorteilhaft, zu schnell zu wachsen; wer groß ist, muß
    vernünftiger sein als der kleinere Ältere. Ich wollte nicht, daß er an meiner Tür steht. Wir waren
    befreundet gewesen, bis er mir ein schönes Gedicht schenkte, über das ich mich zuerst riesig
    freute. Dann mußten wir es in der Schule lernen. War es von Hugo von Hofmannsthal? Es war
    jedenfalls nicht von Dieter. Danach nahm er Drogen.

    "Dieter, was willst du noch?"

    "Sag mir bitte, ob ich ein Mensch bin."

    Ich kann nicht lügen. Ich sah ihn nie wieder.

    Einige Jahre später. Cindy klingelt an der Tür. Sie ist sehr fröhlich, redet dabei zu viel.

    "Ich war zufällig in der Nähe, wollte nur Tag sagen... "

    In einer halben Stunde erzählt sie mir ihr ganzes Leben. Wir kannten uns nur flüchtig, sie hatte
    gerade einen Wettbewerb gewonnen, einer Karriere als Sängerin stand eigentlich nichts mehr im
    Wege. Jedes Mal lacht sie hell und froh:

    "Mit 13 bin ich vergewaltigt worden, das hab ich inzwischen gut verarbeitet... "

    "Kam er ins Gefängnis?"

    "Nein, ich kam ins Heim."

    "Und deine Familie...?"

    "Ich verstehe mich nicht gut mit meiner Mutter, aber jetzt habe ich ein Studio."

    Wir sprachen übers Essen und ich versprach ihr einen Karottenkuchen. Sie kam noch einmal bei
    mir vorbei, ich hatte aber keinen Karottenkuchen.

    In der Todesanzeige standen viele Anteilnahmen von Stiefmüttern und Stiefvätern, Brüdern und
    Schwestern, Onkeln und Tanten, sogar aus Italien und Amerika. Wir waren gerade in Paris und
    hatten unser Handy ausgestellt, als Cindy von der Brücke sprang. Dann kam der Zug.

    Karottenkuchen macht man mit geriebenen Karotten, Eiern, Mehl, Mandeln, Zucker, ohne Fett.
    Man muß nur alles in eine Schüssel haun und tüchtig kneten. Schmeckt wirklich gut.

    ________________________________________________________________________________

    4 Möhren raspeln und mit dem Saft einer Zitrone vermischen.
    Den Backofen auf 180° vorheizen.
    4 Eier trennen. Eigelb mit 250g Zucker und 3 EL warmem Wasser cremig rühren.
    1 Msp Zimt, 1 Prise Nelkenpulver, 1 TL abgeriebene Zitronenschale dazugeben.
    Möhren, 125 g gemahlene Mandeln und 100 g (mit 1 TL Backpulver gemischt) Mehl unterrühren.
    Das Eiweiß (mit 1 Prise Salz) steif schlagen. Den Eischnee unter die Teigmasse heben.
    Den Teig in eine mit Backpapier ausgelegte Springform [26 cm (/)] füllen und glatt streichen. Etwa 45 Minuten auf mittlerer Schiene backen.
    Auskühlen lassen und mit Puderzucker bestreuen.

    Ps.: Ich nehme braunen Zucker und Vollkornmehl, geriebene Zitronenschale aus der
    Gewürzabteilung. Jedenfalls früher, vor drei Jahren.
    _________________________________________________________________________________
    Geändert von Farbkreis (15.10.2011 um 22:44 Uhr) Grund: ajout

  2. #2
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    Hallo Farbkreis,

    hab dann mal Karottenkuchen gelesen. Kratzt irgendwie alles noch sehr an der Oberfläche wie ich finde. Dieter da, Dieter Probleme, Dieter weg. Cindy da, Cindy Probleme, Cindy weg. Dahinter konnte ich nichts erkennen aber zur Beruhigung gibts ja Karottenkuchen. Das Rezept war gut!

    "Wir sprachen übers Essen und ich versprach ihr einen Karottenkuchen. Sie kam noch einmal bei mir vorbei, ich hatte aber keinen Karottenkuchen."
    Dazwischen fehlt was. Ich würde an dieser Stelle Karottenkuchen empfehlen. Vielleicht kannst du Dialog und Rezept ja auch mischen.

    '4 Möhren raspeln

    "Dieter, was willst du noch?"

    "Sag mir bitte, ob "

    und mit dem Saft einer Zitrone vermischen.
    Den Backofen auf 180° vorheizen. 4 Eier trennen.

    "ich ein Mensch bin."

    Ich kann nicht lügen. Ich sah ihn nie wieder.'

    Guten Appetit,
    Herr Burke

    P.S: Ich bin für den braunen Zucker und Vollkornmehl.

  3. #3
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    Guten Tag,

    @HerrBurke
    Ja, das Fehlende ist vielleicht der Grund für Selbstmord. Dein Vorschlag gefällt mir sehr gut, es könnte ein Drehspiel sein, man hört das Teigrühren, es spielt im Innern und würde eher lustig werden. Verschiedene Rezepte, zu jedem eine lebendige Geschichte, fiel mir dazu ein. Schade, hatte ich die Idee nicht selber.

    P.S: Ich bin für den braunen Zucker und Vollkornmehl.
    Zitronenschalen enthalten oft zuviel Giftstoffe, es war mir auch wichtig die getrockneten zu empfehlen, weil die geprüft sind. Man kann den Kuchen mit Marzipankarotten dekorieren.

    Danke für den netten Kommentar
    LG Farbkreis

    @Niwlam
    Die Oberflächlichkeit ist ein weiterer Grund, aber sie wird meist nur als solche empfunden, vor allem vielleicht von Menschen, die gerade sehr mit sich selbst beschäftigt sind und die anderen als oberflächlich empfinden.

    Du schreibst, dass das LI und Dieter gleichalt sind, also müsste es heißen:
    "wer groß ist, muss vernünftiger sein als der Kleinere, auch wenn er gleichaltrig ist."
    Ja, es ist sehr ungeschickt ausgedrückt. Ich wollte damit mit einem Satz Dieter und die Situation erklären. In der Nachbarschaft wohnte ein Lehrer über den die Leute tuschelten: "Der arme,... " Man hielt seine Tochter für geisteskrank. Ich auch, bis ich erfuhr wie alt sie ist. Sie war noch ein Kleinkind, war nur zu schnell gewachsen, Sprache und Verhalten paßten nicht zur Größe. Jungs sehen oft noch kindlich aus mit 14, Dieter sah aus wie ein Mann, da kommt eben manchen Eltern der Gedanke: Was will der von meiner Tochter? Er muß vernünftiger sein als die Älteren, die kleiner sind als er, ist dann gesellschaftsbezogen. Der Satz gehört unbedingt hinein, allerdings anders ausgedrückt, da hast du recht.

    Danke für den Hinweis und die positive Kritik
    LG Farbkreis

    Zum Rezept:
    Die vage Beschreibung der Zubereitung war mir für ein Ende zu emotional, so empfand ich es jedenfalls. Man kann ohne Detail die Zutaten nicht wirklich zum Teig verarbeiten, es fehlte wieder etwas. Es ist auch ohne Moral. Die Verbindung besteht darin, daß im Text ein zerstörter Körper von den Schienen gekratzt wird, im Rezept alles auf die Schiene geschoben wird und zum Ganzen gebacken. Man kann zum Essen übergehen.
    ________________________________________________________________________________

    Erweiterung:

    Ça fait chier quand même. Außerdem bin ich ein Monster, weil ich nicht geweint habe, petite, pourquoi t’as fait ça ? Seitdem backe ich keinen Karottenkuchen mehr, denn es war ein Lieblingskuchen pour les anniversaires. Y en a plus, loin c’est loin, que veux-tu, on reprend le train. Auf YouTube könnt ihr das Lied für Cindy hören, wenn ihr ihren Namen kennt, Sandrine war eine Sängerin. Meine Katze heißt Pescor. Qu'est-ce, la mort?

    _________________________________________________________________________________
    Geändert von Farbkreis (17.08.2011 um 20:01 Uhr) Grund: Erweiterung

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