1. #1
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    Wettbewerbsbeiträge 2011 - Prosa

    Hier sind die Prosabeiträge zum Wettbewerb 2011.
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    Geändert von MisterNightFury (07.07.2011 um 17:11 Uhr)

  2. #2
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    'Krupp' von circus zum Thema Vision

    Platzierung: 1
    Autor: circus


    Krupp klabautert durch die weichen Wellentäler. Sich umblickend, sieht er Figuren wie diffuse Gasgestalten, wie zerrissene Schleier über Deck ziehen. Man sucht und forscht, verlässlich an den falschen Stellen. Die Tradition der Diskontinuität macht sich bezahlt, scharf schneidet der Rumpf der Instabilität durch die Welt etablierter Erscheinungen, waberndes Halo.
    Krupp indes übt Kunststücke auf der Krücke Improvisation, balanciert auf dem Stock und gleichzeitig den Stock auf seiner Nasenspitze, übt sich in der Nachäfferei eines ernsten Menschen ... wie witzig, das alles, allein schon sein Name, aber nein, es passt, schließlich sezierte er Dutzende mit dem geschärften Federkiel und protokollierte, was er fand: spiralförmige Deformationen auf dem Pumpmuskel, in den Situationen kreishaft, führte aus der Entfernung die Bewegung nach oben; so soll es sein, denn die rotschwarzmarmorierten Lungenflügel: mit denen konnte nicht mehr geflogen werden ...

    Zeugungsmomente. Bei jeder Sektion masturbiert er seinen Samen in die wahnhafte Wirklichkeit, für jedes tote Kind ein neues erschaffend, sie wachsen auf und verschlingen ihn - aber nein!, das ist ein Trugbild - eine Prophetie? er würde höchstens verschlungen werden, noch steht er hier und fest. Verschlungenwerden allerdings hat verdient, wer die Verschlinger nicht zur Strecke bringt. Krupp wartet, noch ist es nicht an der Zeit. Erst wird er sehen, wie sie heranwachsen, stark und schnell sollen sie werden, diese hässlichen Kreaturen, so absurd und widersprüchlich. Alle, die Sezierten und die Heranwachsenden, sind er, Krupp.

    Als er von Süden heraufkam, machte ihm das zu schaffen, die kalte Luft mit den klaren Wahrheiten, mittags, nach dem Niederlegen, spürte er einmal, wie die Entropie sich anschlich, einen vollgepissten Leichensack über seinen Brägen legend, die Luft wurde sauer und schal, der Kehlkopf dünn und dünner - japsend fuhr er auf und musste lachen. Das bin ich, Krupp, erinnerte er, sterblich und verfallend, sündig und schuldig, in herrlichster Einsamkeit und Eintönigkeit reise ich gen Norden, stets mein Urteil erwartend, doch wer will mich richten? Das wird sich zeigen.

    All das Großartige. Erkenntnisse treiben vorbei, er glaubt, sie entdeckt zu haben, das mag sein, und retten zu müssen, ach verkappte Selbstliebe, wer wäre schon vor Kindereien gefeit? Krupp holt sie als Schiffbrüchige an Bord, zwingt sie zur Maloche und wirft sie in die schäumende See zurück, erinnernd, dass alles nichts ist, er selbst eingeschlossen, dass man sich nicht binden soll, auch nicht an Ideen. Alles wird verschlungen vom Strudel der Jahre. Unsterblichkeit, wie lange war sie her? Krupp wird nachdenklich, blickt über die Kämme der Zeiten und stellt sich sein Gesicht als Totenschädel vor, bis das Fleisch fault und endlich die Haut in Fetzen vom Gerüst der Knochen hängt. Für jetzt ist alles gezeigt, erkennt Krupp, und nichts ist klarer.

  3. #3
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    'Unter der Blauen Kuppel' von Wegesanfang zum Thema 'Fragment'

    Platzierung: 2
    Autor: Wegesanfang




    Unter der blauen Kuppel

    Vorrede

    Dies ist die Reise des Kaufmanns,
    bezeugt von des Kaufmanns Wort.

    Manch einer hat es bezweifelt,
    wenige haben‘s geglaubt
    anfangs.

    Die Reden der Andern sind leer,
    sie kennen nicht seine Gedanken.

    Ich machte mich selber auf
    hinter den grauen Nebel
    von Dichtung und Wahrheit
    mit einer Fackel bewaffnet
    suchend und forschend zu spähn:

    Ich habe ihn selbst getroffen
    und seine Augen gesehn:
    Ein Leuchten war tief darin
    und ein geheimer Glanz.

    Weder fanatischer Schein
    noch leises Nagen des Wahnsinns
    Wähnte ich in seinem Blick.

    Die Stimme war ruhig und bedacht
    und lächelnd ließ er mich horchen
    die Worte ein weiteres Mal,
    wenn ich es drängend verlangte.

    Am dritten Tag war er fertig
    und hatte mich überzeugt,
    dass jenes die Wahrheit ist:

    Ich habe die Rede gehört,
    sie ernst und geduldig geprüft
    und sie für wahr befunden.

    Nicht mit des Geistes Schneiden,
    nicht mit Gefühles Wein,
    sondern mit einer viel höhren
    Erfahrung ging ich dann heim.

    Spottet mir nicht, ihr Weisen!
    Folgendes frage ich Euch:

    Was kann ein Einzelner wissen
    ganz und mit Sicherheit?

    Selbst wenn wir alles haben,
    was uns der strenge Beweis
    fordernd hat abverlangt,
    können wir immer noch zweifeln
    und das gewundene Band
    in sich geschlossener Wägung
    an einer Stelle durchtrennen,
    wo es uns eben gefällt.

    Wahrheit ist immer nur Urteil,
    das man vor sich beschließt -
    Doch Wege, in führender Form,
    bis zum Beschlusse sind viele.

    Nichts kann Gewißheit uns geben,
    stets bleibt ein letzter Sprung
    über den Abgrund der Frage,
    ob es auch sicher so ist.

    Keine gestaltete Brücke,
    die unsre Schritte auch hält,
    lässt sich zur anderen Seite
    setzen und wirken und bau‘n.

    Darum wollte ich selbst
    fragen und forschen und wissen
    und habe ihn selbst besucht:

    Und aus des Kaufmanns Augen
    und seinen Worten auch
    und seiner ganzen Gebärde
    gründet sich mir ein Gefühl,
    dass da nichts Falsches ist
    und auch die eitle Verblendung
    dort nicht verwirrend wütet.

    Weder betäubend-rot
    wie der umspielende Wein
    ist dieses wahre Gefühl
    noch ist es blendend und leer
    wie der verkleidende Schmuck:
    Wie eine kühle Quelle
    ist seines klaren Wassers
    immer erleuchtender Fall.

    Darum bin ich dort gern
    bis an den Abgrund gewandert,
    habe hineingeblickt
    und bin dann lachend und frei
    über das Nichts gesprungen
    und auf der anderen Seite
    sicher und gut gelandet.

    Ob dies Euch auch gelingt,
    ob ihr dies überhaupt wollt
    nach meinen folgenden Worten,
    weiß ich so sicher nicht
    wie ich das Andere weiß.

    Aber ich will Euch den Blick
    auf seine Welt nicht verwehren,
    nur weil es sein kann, dass
    ihr sie gering erachtet.
    Das ist des Menschen Recht.

    Wollt ihr die Reise wagen?
    Hört ihr mir immer noch zu?
    Dann kommt mit mir auf die Wege,
    die ich schon tausendmal ging.

    Gern gehe ich sie noch einmal:
    Jedes Mal strahlt sie mir neu
    wie eine Quelle dem Wandrer
    unter verschiedenem Licht
    eintausend jüngere Bilder
    jedes Mal schenkt
    und seine zehrende Zunge,
    seine gerissenen Lippen
    und seinen durstigen Gaumen,
    jedes Mal voller erfrischt.

    Ihr seid dabei? Dann auf!
    Seid ihr bereit für den Weg?
    Wirklich? Dann brechen wir auf
    zu der gewundenen Fahrt.

    Und die nun folgenden Worte
    vor dem Beginn des Berichts
    seien Begründung und Schwur -

    Weil ich dem Worte des Kaufmanns
    von seiner Reise vertraue,
    will ich mit Sorgfalt berichten,
    was er darüber erzählt -

    In meinem weiten Wort
    spiegeln sich, tief und genau,
    alle Stationen der Weges.
    Auf meinem kühlen See
    zeichnen die Taten des Kaufmanns
    langsame treibende Wellen:
    I. Unter der Sonne zur Stadt

    Der Mittag ist zwingend und grell.

    Du gehst über steinige Wege,
    neben Dir Büsche und Schlangen,
    und sprichst zu Dir selbst,
    vom leuchtenden Glühen benommen:

    'Viel zu eng schnürst Du mich, Horizont,
    weit und umgrenzt, Ring,
    den die Sonne nicht sein lässt und den
    sie mit flammenden Wellen erschüttert.'

    Eine Qual ist der Weg, doch ein Ziel
    treibt Dich beständig an:
    Der Markt, der Markt, immer näher
    bist Du ihm:

    Lauteste Rufe, leisestes Flüstern,
    Preise und Handel,
    Gold von der einen
    Hand in die andre –

    unter den wachenden Augen
    des Fürsten,
    der auch am Abschaum verdient.

    Bunteste Tore, beiderseits löwenbewacht,
    hast Du schon oft auf dem Hügel gesehen,
    wenn Du Dich nähertest,
    freudig.

    Fahnen über den Mauern, scheinend
    wie mächtige Rufe zu allen:

    "Er herrscht! Tritt ein ihn zu loben,
    durchstreife die blühenden Gärten
    und sitz an der Quelle aus Blau,
    Kristall unter Bäumen,
    Raststatt der Weisen. Komm,
    bist Du auch Händler, warenbeladen,
    sei uns willkommen wie der Poet,
    alle sind eins unter seiner Ägide.
    Komm - und tritt ein!"

    II. Zögern - und Umkehr

    Oft ist er gerne gefolgt, unser Händler,
    den lachenden Rufen.

    Nun - zögert er leise:
    Hat er nicht, einsam am Weg,
    fern, dass man's grade nicht sieht,
    vor eines halben Tages
    glühender Wandrung
    nahe den Hügeln
    ein Zelt
    stehen gesehn -
    und auch nahe dem Zelt
    ein Feuer, das dort noch brannte,
    ein Feuer, um das man am Abend
    sitzt und einander erzählt.

    Doch etwas war dort anders.
    Ein Schrecken, ein Leid und ein Grauen
    spielten sich unscharf ab
    im flirrenden Tanzen der Ferne:

    'War dort nicht Blut um das Feuer?

    Lagen darum nicht alle
    geschlachtet -
    alle, die glücklos schlafend,
    vom Schwerte erwacht,
    mit einem Schrei wieder schliefen?

    War dort ein blutiger Kreis?'

    Doch weil es ihm nicht so sicher
    und weil der Weg noch weit
    und weil es Stunden wohl kostet,
    dort durch das hüglige Land
    bis zu dem Zelte zu kommen,
    ließ er es liegen und sah,
    nach einem wägenden Zögern,
    nur noch nach vorne mit Macht -

    Doch will das Zelt ihn nicht lassen:

    'Leben sie noch, treibend
    wie eine Barke, schwankend
    zwischen den Meeren der Zeit:
    Bunter und wirbelnder Klang –
    Schwarze umschließende Stille?

    Arme, Verletzte, Verlorne!
    Habt ihr mich reiten gesehn
    an Euch vorbei, wie ein Lachen?
    Schloss sich das Auge am Ende
    mit einer sterbenden Hoffnung,
    weil dieser Kaufmann nicht kam?

    Geld will zu Geld, wie man's kennt!
    Dumm war es, auch nur zu hoffen!
    Wäret ihr schneller gestorben,
    hättet ihr mich nicht gesehn,
    wie ich Euch blutend betrachte,
    zögre - und mich nach vorne doch wende.

    Waren bei Euch auch noch Kinder?
    Mit einem Zucken, gekrümmt,
    haben sie meine Gestalt
    über die Wege erblickt
    und sich gefreut, dass ein Andrer
    doch noch ein Mensch ihnen ist.
    Ist dann der Funke erloschen
    in diesen Augen jung,
    als ich den Zug dort nach vorne
    trieb mit vergessender Hand?
    War meine Feigheit das letzte
    was dieser Junge sah,
    noch seine Mörder vor Augen?

    Ach!
    Nein! So einer will ich nicht sein!'

    Und plötzlich dreht er sich um,
    spricht zu den Dienern und allen:

    "Reitet nur eilig voraus,
    ich habe hinten, beim Berge
    einen Bekannten gesehn,
    der mir noch Manches schuldet.
    Habe zunächst noch gezögert,
    weil unsre Zeit so eilt:
    Habe mich aber entschlossen,
    ihn an den alten Vertrag,
    von seiner ehrlichen Hand
    brüderlich einst unterzeichnet,
    mit einem ehrenden Wort
    brüderlich auch zu erinnern.
    Reitet nur vor, ich komm nach!"

    Doch wieso schweigt er?

    Leicht war es, Diener zu nehmen,
    dass man gewisser helfe
    mehreren Sterbenden dort -
    dass sie nicht sterben müssen.

    Doch:
    Genau hat er alles gewogen,
    denn jede weitere Hilfe
    hätte die Zwecke der Fahrt,
    Handel und Gelder, gefährdet:

    ‚Menschen erbarmend zu retten
    ist eine edle Pflicht –

    Aber den goldenen Dank
    für ein erfülltes Geschäft

    und den vertrauten Ruf
    neuer erworbener Diener

    und den verehrenden Blick,
    den Dir die Frauen schenken,

    und auch die leichte Last
    kunstvoll geschnittener Stoffe

    und jenen feinen Wein
    aus den gelobtesten Häusern

    und die erhabene Stellung
    über den Tagelöhnern

    schenk ich nicht her!
    All diese singenden Dinge
    haben Gewicht.
    Sie mit Verstande zu wahren
    und sie, gewahrt, zu mehren
    und sie, gemehrt, zu erhalten
    gilt mir, nach prüfendem Sinn,
    ebenso viel wie die Wahrung
    anderen Lebens –
    Keiner verlange von mir,
    dass ich den fügenden Dom,
    der sich so himmelhoch spannt
    über mein eigenes Leben,
    Gold, mit dem Geiste verdient,
    freiwillig gerne verlasse
    hinaus in die kalte Nacht:
    Nur dass ein Anderer atmet.

    Menschen erbarmend zu retten
    ist eine edle Pflicht,
    die zwar den Einzelnen zwingt
    und auf vergessene Pfade
    zwingend ihn führt,
    aber die weltlichen Dinge
    geb ich nicht auf:

    Den alle weltlichen Dinge
    bleiben und haben Bestand.
    Lügen der Sinne? Wahrheit
    schenken sie jedem Mensch
    und nur der eitle Geist
    freut sich an Nebelgeschichten
    über die Schattenwelt,
    freut sich an wägendem Denken,
    wie man sich besser verhält:

    Leer und ein Flüstertraum
    sind doch die größten Gedanken,
    wenn man nur hungern kann.‘

    Darum lebt unser Kaufmann
    nach einem klaren Prinzip:

    ‚Für ein gerechtes Leben
    ist das gerechte Gold
    passende, wahre Belohnung:
    Denn keine höhere Macht
    will wohl die Schlechten beschenken,
    dass sie das Paradies
    sich schon auf Erden bau‘n.
    Darum sind jene erwählt,
    die um die Mächtigen sind
    und die mit Beutel und Münze
    Wunder erschaffen am Tag
    und in der kurzen Nacht
    Wunder sich kaufen zur Freude.
    Hast Du ein hohes Haus,
    hast Du auch hohen Segen
    und einen frommen Rang,
    den Dir das Schicksal verliehen.‘

    Darum:

    ‚Gefährdest Du schnell
    nur eine Unze von Kupfer
    für eine nötige Sache,
    die Du auch nötig allein
    gut oder besser erfüllst,
    lacht Dir das heilige Gold
    bald nur noch aus der Ferne,
    aus Deiner Feinde Hand,
    lachend und scheinend entgegen.‘

    So hat er also gewogen:

    ‚Keiner der Diener soll mit,
    weil ihre Aufgaben klar
    untereinander verteilt.
    Keiner kann einfach sein Werk
    ohne Bedenken verlassen:
    Ohne den stützenden Balken
    wankt auch das mächtigste Haus
    und viele stützende Balken
    hab ich um mich geschart.

    Ich bin alleine entbehrlich
    für eine kurze Zeit,
    will man den hohen Sinn
    dieser so wichtigen Reise,
    mächtigen, harten Profit,
    nicht ohne Not entehren.

    Sollen sie treu mir die Ladung
    bis zu den Toren ziehn,
    um nicht den Markt zu versäumen.

    Ich aber reite alleine,
    sprech von dem Feuer kein Wort
    und von dem grausigen Bild,
    dass nicht das strebende Glück
    meiner Gemeinschaft weicht
    haltender, bindender Sorge

    - „Mögen wir jenen nicht helfen?“ -

    und die Gewinne schmälert.‘

    Und:

    ‚Hab ich die Armen gefunden,
    unter den Zelten dort,
    findet sich sicher auch nah
    zwischen den Hügeln ein Dorf,
    das sie dann gütig pflegt.

    Ich will zurück dann eilen
    zu meinem großen Zug
    und meine gute Tat
    ohne ein weiteres Wort,
    stumm,
    lohnen mit künftigem Gold.‘

    So also denkt unser Kaufmanns,
    alles zugleich will er sein
    und alle Wunder haben:
    Zwischen den hohen Türmen
    beider Notwendigkeit,
    goldner Gewinn und Leben,
    tausendfach weit auseinander,
    hat er sich nicht entschieden,
    sondern sucht beide zu fassen
    über die Ebene weit
    mit einem Strecken der Arme.

    Sieh:

    Zwischen den Türmen steht er,
    wo es wohl besser wär
    alle zum lebenden grünen
    Kreise geschlossen zu führen
    und seine drehenden Stufen
    bis ganz hinauf zu gehn:
    Manchmal ist weniger nichts
    und nur ein voller Ton
    klingt unsern Ohren gerecht.

    Aber zurück zu dem Kaufmann,
    der nur zur Hälfte strebt
    und sich schon heilig sieht,
    heilig und reich und weise,
    weil er sich jubelnd denkt,
    dass er so beides hat
    aus den geschiedenen Reichen:
    Gelder und Opfergeist.

    Sehen wir, was es ihm bringt,
    zwischen den Reichen, den Türmen
    zu wandeln mit tanzendem Schritt:

    III. Hin!

    Schnell sind die Zügel gerafft,
    schnell hat das Pferd sich gewendet,
    peitschend bestürmt er den Weg
    zu seinem Ziel in der Ferne.
    Stunden um Stunden so weiter,
    taub für den durstigen Ruf
    aus seiner Kehle: Zu trinken
    hieße zu rasten, und so
    einen Moment zu verlieren.
    Niemals mehr soll es so sein!

    Nach einem quälenden Ritt
    trägt ihn geschunden das Pferd
    endlich zur Biegung des Weges
    tief in die Hügel hinein -
    Büsche und Dickicht zur Rechten,
    links eine fallende Schlucht
    mit einem Fluss, sie zu füllen
    bis in die Ferne hinein,
    hinter das Meer.

    Und wie das Wasser, beständig,
    von seinem Ziele beseelt,
    treibt er das Tier wieder an -
    Größer und größer das Zelt,
    dunkel am Abend und kaum
    ist die Kontur zu erkennen,
    lange verschlang schon das Schwarz
    Menschen, ob tot oder lebend.

    'Näher ist's! Näher und näher
    komm ich dem Schlächterort.
    Wartet und lebt, bis ich komme:
    Wasser für Wunden, so tief,
    bring ich und wasche sie aus,
    rein ist der heilende Balsam
    und die Verbände bereit!
    Und Eure Seelen pflege
    ich mit dem tröstenden Wort,
    schenkend und ohne Belohnung
    selbst zu erhoffen dafür …'

    Seinen bald goldenen Zug,
    lang schon den Augen verborgen,
    sieht er im Geiste nur kurz
    und eine Ahnung von Marktes
    schreiendem Drängen
    und eine Stimme spricht:

    'Knapp ist die Zeit, so eile
    Dich mit der Hilfe dort,
    dass Du die Waren behütest
    und sie am Markte verkaufst!'

    Lästig und schrill tönt die Stimme
    seinem erbarmenden Lauf,
    doch will er ganz sie nicht lassen,
    drängt sie nur grade zurück,
    dass sie ihn nicht mehr stört:
    Will sie nicht gänzlich vergessen ...

    IV. Am Glutkreis

    Dichter die Nacht - Nur noch Schritte
    trennen ihn - Nahe der Glut,
    Rest aus gewaltigem Feuer,
    hält er das Pferd an, das gute.
    Schwer und in schnellen Zügen
    atmet es und sein Dienst
    war ohne Beispiel erfüllt.
    Helfer der helfenden Hand!

    "Freunde, ich komme für Euch:
    Ist da noch jemand, so melde
    er sich mit einer Bewegung,
    mit einem leisesten Ton:
    Fürchtet mich nicht, denn kein Räuber
    reitet dort einsam heran,
    sondern ein heilender Engel!"

    Stille. Nur die Geräusche der Nacht
    sprechen vom ewiggleichen
    Tanz in der schlafenden Zeit.

    (Was seine Diener wohl machen
    mit ihrer Ladung schwer?

    ‚Führen sie alles verständig,
    Pferde und Weib und Kind
    und die so wichtigen Waren
    hin zu der fernen Stadt?‘

    Doch nun zum Kreise zurück
    aus den geteilten Gedanken

    Zwischen den Schatten steigt er
    tastend, vom Pferde herab
    und seinem suchenden Auge
    hilft noch der Rundschein der Glut:
    In ihrem schrumpfenden Kreis
    sieht er nur Staub, unbefleckt
    von jeder schwärenden Röte.

    Friedlich ist's hier, doch das Zelt
    steht eine Weile entfernt.
    Sternlose Schwärze dazwischen:

    'Dort müsst ihr liegen, verborgen,
    Freunde, gleich bin ich bei Euch!'

    "Sagt, seid ihr dort und versteckt Euch
    hinter den Steinen, gehüllt
    in einen Mantel des Abgrunds,
    schwarz wie die Schwärze um uns?"

    Wieder nur Stille. Zwei Handbreit
    sieht er nach vorne - Das Zelt
    hebt sich zwar gegen den Himmel
    wenig noch ab, doch der Boden
    ist wie in Tinte gehüllt,
    von einer bergenden Feder
    gleich über alles verteilt.

    Zwischen den Steinen erfühlt er
    nichts, auch kein Kleben von Blut,
    wo er die Erde berührt
    mit seiner helfenden Hand
    wie ein geblendeter Geist.

    Mehrmals umsucht er die Gegend,
    kennt sie im Inneren schon,
    hat weder Kleider noch Haare
    unter den Fingern erfühlt
    und atmet einsames Schweigen
    unter den Kleidern der Nacht.

    Wieder zum Zelt sich gewendet:

    'Haben sich alle versteckt
    in seinem haltenden Schutz,
    auch um die Kälte zu fliehen
    mit ihrer letzten Kraft?'

    Schon sieht er, in seinem Geist,
    alle geruhsam gebettet
    auf ihre Kissen gut,
    wohl von den Dienern versorgt,
    die in die Hügel geflohen
    und dann zurückgekehrt,
    um ihre Herren zu pflegen.
    So wird es sein!

    Säh er es, könnt er sich gleich
    wieder zum Zuge wenden
    und seine Waren zähln,
    dass auch kein gieriger Geist
    eine geheim ihm entwendet!

    Plötzlich ein Licht in dem Zelt!

    'Eine entzündete Lampe
    kann's doch nur sein …'

    Keinen Gedanken vom Gold mehr ...

    'Lauf zu dem Eingang, so lauf!'

    V. Gewißheit und Schrecken

    Noch sieht er keine Bewegung
    hinter den Stoffen ziehn.

    Kurz nur ein Zögern, dann reißt er
    vor sich das Stofftuch hinweg
    mit einem kurzen Ruck -

    Unter der brennenden Lampe,
    dort in der Mitte hoch
    unter der Öffnung zum Himmel,
    ist alles ewig alt:
    Staub über Staub und zerfallen
    die Kissen – Und auch der Stoff,
    der dort einst hing, ist verfallen
    und nur Verwüstung singt
    über der Leere, doch Menschen
    haben das nicht gemacht:

    Das war die Zeit -
    Viele einhundert Jahre
    sind hier schon um,
    ohne ein menschliches Regen.

    'Wie kann ein solches sein?
    Was hat mich hierher genarrt?

    War es ein listiger Scherz
    eines der anderen Händler,
    der meine Gütigkeit
    täuschend zum Vorteil genutzt?'

    All seine Zeichen deutet
    er vor dem goldenen Grund
    seiner Erfahrung und Laster.
    Tief sind sie in ihn geknüpft.

    Als er sich immer noch fragt,
    nähert sich schleichend am Boden
    eine geheime Gefahr,
    tastet sich windend heran,
    zeigt ihre zielenden Waffen,
    spannt sich kurz an und zuckt -
    und findet sicher das Fleisch:

    'Schmerz!
    Dort
    am Bein,
    wie ein Stich -
    Zwei sind es,
    nebeneinander:
    Etwas schießt in mich hinein,
    flüssig gewoben aus Übel -
    Dort an der Wade hängt,
    mit ihrem Kiefer geöffnet
    und um mein Fleisch gewirkt,
    eine sanft pochende Schlange:
    Nur auf das Beißen gerichtet
    blickt sie gestochen nach vorn.'

    Sanft, wie zum Kusse geöffnet,
    hält ihn ihr Schädel fest
    und die umarmenden Kiefer
    lassen ihn nicht mehr los:

    'Gierig umschließt Du mich, Tier,
    drückst mir Dein Gift in die Adern …
    Doch nur bis jetzt!'

    Schnell schlägt sein Säbel zu,
    trennt ihren Leib von dem Kopf,
    der sich ihm leise genähert:

    'Immer noch zuckst Du, ich heble
    weit Deine Kiefer auf,
    breche sie weg bis nach hinten,
    dass auch Dein Schädel bricht.
    Zähne verlassen die Wunde
    und nur ein Knochenwerk
    bleibt von dem jagenden Unheil,
    immer noch zuckt es allein.'

    Der Rest ist Fieber:

    Schon schwillt die Wunde
    rot und noch röter,
    mit einem flammenden Kranz
    um beide Stiche.

    Was er nicht weiß:

    Dieser durchdringende Biss
    hat mit dem ätzenden Feuer
    auch jenen Hunger nach Gold
    aus seiner Seele gebrannt.
    Nur noch ein Glimmen bleibt.

    Erstmals erblickt er die Welt,
    wie sie am Anfang gemacht
    und seine Sorge ist ehrlich.

    'Schnell aus dem Zelt -
    Vorher ein kurzes Suchen,
    dass ich nicht doch noch vergaß
    einen Verletzten zu finden
    hinter den Kissen dicht,
    unter der löchrigen Decke,
    zwischen den Stoffen der Wand!'

    Doch da ist lachende Leere,
    tanzend um ihn wie ein Grab.

    VI. Die Kälte kriecht her

    'Schnell aus dem Zelt - Durch die Schwärze
    hin zu der Glut und dem Pferd.
    Schnell muss ich wieder zu Meinen,
    schnell muss die Heilung sein -
    Pochen erfasst mich schwankend,
    nahe der singenden Glut -
    Sink ich zu Boden, die Knië
    tragen mich grade noch.

    Wo ist das Pferd?
    Nur noch Dunkel,
    um dieses Feuer herum,
    das lang kein Feuer mehr ist,
    nur noch ein Sterben, wie ich:
    Aus meiner atmenden Flamme
    hat der verwirrende Biss
    nur eine Glut und ein Flirren
    übriggelassen - und beide,

    Du,
    bernsteingleich glühende Kohle,
    ich,
    fiebrig entzündeter Mensch,

    werden wir schwächer und schwächer.
    Schon schlingt das kriechende Schwarz
    sich um die die Beine und drängt
    gierig und geifernd noch näher,
    weil in der heiligen Mitte
    nur noch ein Summen ist
    statt eines mächtigen Liedes.

    Kühl ist's um mich und ein Frieren:

    Für einen letzten Halt
    richt ich den schwankenden Blick
    tief in den Hügel der Kohlen,
    gelb und orange ist sein Klang …

    VII. Ein Stein in den Kohlen

    Doch was ist dort in der Glut?
    Zwischen den hölzernen Steinen,
    gut vor den Blicken geschirmt,
    klar wie das Wasser und blau,
    ruht eine andere Form:

    Klar und geschwungen die Linie:
    Mit einem Umriss von Stolz
    und einer Demut des Anfangs
    auch eingewoben darin,
    seh ich ein einzelnes Teil
    von Mosaik - Eine Blume,
    sanft noch von Ranken umgeben:

    Ewig und endlich und schön
    wie die Essenz aller Wellen,
    wie eine Stimme nah
    und wie ein Wort aus dem Garten,
    in dem ich wandelte einst
    vor meinen Zeiten auf Erden.

    Alte Erinnerung:
    Wer hat Dich, Edles, geschaffen?
    Bist Du von Menschenhand?'

    Zögern - wie vor dem Zelte -

    'Wartet auch hier nur ein Biss
    anderer täuschender Geister?
    Ist denn das Feuer
    nicht eine Heimstatt des Dämons?
    Ruht er in diesem Fragment?'

    Und diese zweifelnde Stimme
    mischt sich mit jenem Lied,
    das das umsingende Gold
    in ihm noch einmal anhebt –
    Leise umspricht ihn das Flüstern,
    das von dem mächtigen Ruf
    nach jener giftigen Zehrung,
    nach jener reinigend-heißen
    doppeläugigen Flamme
    in ihm noch übrigblieb:

    'Schmerz wartet dort in den Steinen:
    Meide ihn weise und so
    bist Du auch schneller
    zurück bei dem Zuge
    Deiner Geliebten, dem Gold.
    Fliehe und greife!
    Sichre und rette
    Dich selbst.
    Übel und Irrlicht
    ist dieser Stein,
    und Deine Zeit wär verschwendet,
    wenn Du sein Dunkel ergreifst:
    Ruht er nicht tief in den Schatten
    sterbender Glut,
    von ihrer Hitze umgeben:
    In diesem langsamen Tod,
    der von des Feuers Größe
    quälend am Ende bleibt,
    wartet Dein eigner!'

    Doch er hält inne:
    Ist in der Stimme
    ein Zischen?

    Spricht sie nicht selbst aus dem Dunkel?

    Einmal noch greift sie ihn fest,
    will ihn zum Golde reißen
    und zu der feigen Flucht -
    doch er hält stand,
    stemmt sich dagegen und endlich
    löst sich der Griff und verlässt
    seine Gedanken. Der Sieg
    über das Gold ist gewonnen!

    Edler als aller Schein
    matt und verloren glänzender
    Münzen und Ketten
    ist er um ihn.

    Und mit Bestimmtheit spricht er:

    ‚Nein! Schlecht
    kann es nicht sein!

    Weder ein Geist noch ein Irrlicht
    schafft einen solchen Schein:
    Innerste Wahrheit ist mehr
    als nur ein Abglanz der Schatten
    und kann aus Schatten nie sein.

    Wie eine Schlange, ein Zucken,
    kommt meine Hand Dir nah,
    kurz hält sie nur vor Dir inne,
    bittet gebeugt um Dein Licht:
    Sanft ist Dein Summen, bejahend -
    und ich ergreife Dich zart.

    In meiner Hand das Stück -
    Vist von so fremden Zauber,
    aber nicht ungekannt:
    Schon in der ersten Sekunde
    war es mir urvertraut
    und ich erkenne, wohin
    ich mich nun wende, mein Ziel
    ist mir vollkommen gewiss!'

    VIII. Durch Hügel und Dünen

    Und er erhebt sich vom Kreise
    sterbender Glut und läuft,
    frei von dem Gift, wie ein Knabe
    eilend noch weiter fort,
    und jeder neue Schritt
    weitet den Abstand zum Wege,
    der zu den Seinen führt.

    Nichts, was ihn kümmert: Das Neue
    leitet ihn gütig an,
    tief in die Wüste - Die Dünen
    sind nur ein Wellenschlag:

    Ohne ein Rasten und Warten
    strebt er viel Tage vor,
    um dann nach reifem Maße
    vor einer Brücke zu sein.

    Über ein helles Nichts
    führt sie - Er schreitet darüber,
    und auf der Mitte schon
    merkt er, wie alles sich ändert:

    Woher er kam, ist fern,
    nur ein verschleiertes Dunkel
    zeigt sich den Blicken zurück.

    IX. Der Garten und weiter

    Vor ihm der Garten!
    Inmitten
    seiner allmächtigen Pracht
    ruht eine Kuppel aus Schwärze.

    Durch das begrüßende Tor,
    an allen Brunnen vorbei
    zieht es ihn hin zu der Kuppel
    und er hält inne davor:

    Ganz ohne Eingang ist sie.
    Nur einen Mann hoch zieht
    säumend ein Gürtel aus Steinen
    sich um das währende Rund:
    Singendes Gleichmaß strahlt
    aus seinem glatten Kreis.

    An seinem oberen Ende
    ragt eine Reihe von Steinen
    weiter hervor - Wie ein Saum.

    Oberhalb jener Borte
    fängt dann die Kuppel an:

    Lichtlos und saugend und weit
    spannt sich ihr Mosaik
    über die ganze Fülle -

    'Warte, dort oben ist hell
    von einer freien Stelle!
    Dort fehlt dem Werk noch ein Stein!
    Nahe der Wölbung der Kuppel,
    an ihrem fernen Dach,
    ist dieses Netz noch geöffnet,
    fehlt dieser Melodie
    noch die vollendende Note!'

    Ohne zu denken springt er
    an das umsäumende Band,
    Stufen sind immer, wo eilend
    jeweils die Füße er setzt
    und seine Hände greifen
    suchend das Mosaik:

    Und auch die schlingenden Steine,
    denen das Licht nicht flieht
    und die die Kuppel formen,
    geben ihm Halt - und schneller,
    schneller steigt er hinauf.

    'Nahe ist's, noch eine Länge,
    noch einen Arm, eine Hand:
    Endlich! Ich ruhe am Dache
    nur einen Augenblick lang -
    Halte mich stark mit der Linken,
    greif mit der Rechten hinein,
    in meine haltende Tasche:

    Hole das Stück dort heraus -
    Blaues und kühlendes Feuer
    atmet die Blüte aus.

    Mit einem ruhigen Jubel
    setz ich das Stück nun ein:
    Finde die Form und ich füge
    leicht es hinein –
    und es passt.

    Schweigen ist um mich, der Garten
    wartet wie ich, was geschieht:

    Dann ist nur Licht: Tausend Flammen
    züngeln wie eins über mich,
    brennen mich, zehr‘n mich und halten
    unversehrt doch mich dabei.

    Kühl ist die Flamme und blau.

    An der sich spannenden Kuppel
    seh ich mit Freude hinab:
    Blau ist auch sie geworden.

    Ewige Blüten, in Zahl
    wie die Geschöpfe, umgeben
    ihre Gestalt und umschmückt
    von grünen, rankenden Fingern
    und von dem weißen Strich
    einer allwissenden Feder:

    Dies hat ein Künstler gemalt,
    der auch am Anfang der Dinge
    seine Gedanken gefügt
    zu einer großen Stimme,
    die in uns allen singt.

    Langsam nun steig ich hinunter,
    bis an das steinerne Band,
    nehme es lächelnd - Den Boden
    fühle ich fest unter mir:

    Halt wie die Höhe der Kuppel.'

    X. Unter der blauen Kuppel

    Und noch ein Weiteres wird:
    In dieses mannhohe Rund
    webt sich ein Tor aus Smaragden
    und einem edlen Holz:

    ‚Wie einen reinen Gesang
    höre ich staunend sein Öffnen,
    das mir den Blick gewährt
    auf jenes Innre der Kuppel:

    Hundertfach schönere Muster
    hat sie im Innern gewölbt
    und ein lebendiges Licht
    spiegelt sich hauchend in allem.

    Ebenso leuchtet der Boden
    in vielen Mustern aus Blau
    und allen anderen Farben
    in einer Melodie,
    die kein Vergangner gespielt hat.

    Dort, in des Kreises Mitte,
    trägt dieser Boden das Herz,
    das von der Kuppel geschirmt,
    das in der Kuppel verborgen
    selbst vor dem Garten aus Grün:

    Edel und schlicht, hölzern und braun,
    steht dort ein Stuhl gestaltet -
    und ruft mich mit Stummheit an:

    Ich näh're mich ihm und gehorche.

    Ich setze mich wohl darauf
    und schließe voll Freiheit die Augen
    unter der Kuppel aus Blau.

    Was dann geschah, das ist Schweigen:

    Ich sprach mit dem Licht, das mich sieht,
    es kannte mich ewig schon
    und hatte mich prüfend gerufen.

    Es hüllte mich gnädig ein
    und weihte mich neu, es zu tragen
    zu allen, die träumend sind
    im Dunkel der Stadt und der Zelte.

    Ich hörte es wohl und schwor
    dem Licht eine Hülle zu sein,
    aus der es dann golden spricht –

    Ich hörte es wohl und schwor
    ein schimmerndes Schweigen werden,
    wann immer ein neues Lied
    sich sonnenumwunden auftut -
    und aus meinem Schweigen heraus
    die Strophen und Verse
    und klingenden Worte
    leuchtend Euch allen zu singen.‘

    XI. Gewißheit und Sendung

    So zog ich dann aus aus der Kuppel,
    verließ auch den Garten, das Tor,
    durcheilte die Weite der Brücke,
    die Dünen, das hüglige Band,
    und kam an das Zelt meiner Träume:

    Ein Feuer umloderte hoch
    die Menge erstrahlender Wesen,
    die dienend mich riefen voll Glanz.

    Sie säumten den Weg und die Schlange,
    sie beugte sich ebenso tief:
    Ihr Gift, das sonst alle verführt,
    hatte mich in seiner Prüfung
    reiner und besser gemacht.
    Ihr windender Bann war gebrochen.
    Sie sah mich vom Boden an
    und schwor, meine Wege zu meiden:
    Sie zog mit den Winden fort.

    Es blieben die edleren Diener.

    Am Ende des leuchtenden Reigens
    erwartete treu mich mein Pferd,
    mit goldenem Feuer gebunden.

    Ich löste das Band um den Hals
    und ritt über alle die Wege
    bis hin zu dem großen Weg
    und über die Steine und weiter
    und sah schon die Meinen nah.

    Ich habe sie freudig erreicht
    und ihnen von allem erzählt.

    Sie wurden mein erstes Gefolge
    und kündeten von meinem Gang
    zum Zelt, zu den Hügeln, zur Brücke,
    zum Garten, zur Kuppel, zum Stuhl
    und kündeten auch vom dem Lied,
    den Strophen, den fließenden Versen,
    den singenden Worten des Lichts.

    Und als ich die Meinen traf,
    waren die Pferde schon nahe
    dem dichtergepriesenen Ziel.

    Ich führte die Meinen hinein
    in diese schon wartende Stadt
    und blau war der kühlende Morgen.

    Es war dies der erste Schritt,
    der Same, aus dem sich bald
    die Blume das erste Mal öffnet
    und weitere Blüten treibt -
    und Ranken und heilendes Weiß
    fügen sich schmückend darum
    unter der Kuppel des Himmels,
    Quelle aus kühlendem Blau.

    XII. Herrscher, Du hörst mich

    Ich werde bald mit Dir sprechen,
    Herrscher des anderen Quells
    von einer weltlichen Farbe,
    die lacht in der Stadt,
    in dem weithin wachsenden Garten
    weltlicher Macht.

    Alle Bewohner verehren
    Deine Bedeutung und ehren
    all Deine Worte - Doch Mensch
    bist Du - und Mensch bin auch ich.

    Wenn ich vom Licht Dir erzähle,
    hoffe ich, dass Du wie ich
    weise das Knie vor ihm beugst
    und Deine Quelle ihm weihst,
    denn ihre Reinheit ist nicht
    unwiederbringlich schlecht,
    nur weil sie weltlich -

    Wenn sie in ewiger Ordnung
    ihren gemäßen Platz
    ehrenvoll anerkennt
    und mit gemäßem Rang
    demutsstill sprudelt,
    leuchtet sein segnendes Licht
    auch Deinem eitlen Garten
    und Deinen plärrenden Wassern
    und Deinen Freuden, Fürst,
    hier in der Stadt des Handels!

    Reich hat sie Dich gemacht -
    Die Stadt der ewigen Märkte.

    Ja, ein verwirrendes Locken
    ist so ein goldener Schatz:
    Ich habe es selber erfahren
    in einem früheren Leben.

    Halte Dein Urteil frei
    von dem Gesang der Erde
    und ihrer leuchtenden Farbe.

    Triff die Entscheidung früh,
    wenn weit unter unserem Himmel
    der Tag wie ein Wunder wächst -
    Triff sie mit klarem Blick.

    Tauch aus der täuschenden Nacht
    ein in den kühlenden Morgen.‘

    XIII. Ausblick am Morgen aus Blau

    ‚Noch liegt er vor mir, der Gang
    zu unsrem hehren Gespräch
    über die Welt und den Himmel.

    Ob ich zum Garten Dich führ,
    weil Du verstehend mir folgst,
    kann ich zur Stund noch nicht sagen:
    Hoffen nur kann ich es schon.

    Bald tret ich Dir gegenüber.
    Fürst eines weltlichen Lieds,
    unser Gespräch wird kommen,
    ob ich es will oder nicht,
    ob Du es willst oder nicht.

    Und weil es immer geschieht:

    Wie sich die Menschen auch stemmen
    gegen die tanzende Flut
    weltengewobener Wege,
    gegen den lachenden Sturm
    tausendfach fangender Netze -
    Wie man sich schlichtet und stellt,
    wie man sich windet und dreht
    wie man es zischend verflucht
    wird es doch immer gleich:
    Darum
    mag ich es kurz vergessen,
    was noch an Prüfungen kommt.

    Tief ist mein Atem und ruhig
    saug ich ihn in mich und ruhig
    strömt er aus mir wieder aus,
    ähnlich dem Gleichmaß der Quelle -

    Und dieser segnende Lauf
    strömend getragener Luft
    lenkt meine Sinne mit sich
    hoch in den fließenden Himmel:

    Sein ist der Morgen.

    Der Morgen ist kühlend und klar.

    Ich ahne, ich weiß:

    Meine mich prüfende Reise
    beginnt mit dem ersten Schritt.
    Es werden noch viele folgen,
    bevor mich das Licht wieder ruft -
    unter die blaue Kuppel.

    Der Morgen ist kühlend und klar.'

    ~°~



    Rückschau

    Das war die Reise des Kaufmanns,
    eilig durch Gift und Glut,

    der mit dem blauen Stein
    bis an die Kuppel kam,
    schwarz und gewölbt und tragend,

    der sie vollendete, weise
    mit dem geschwungnen Fragment,
    dass sie nun, über dem Garten,
    leuchtet, wie Quelle und Stein:
    Wassergeboren und scheinend.

    Das war die Reise des Kaufmanns,
    Diener und Schöpfer zugleich,

    der das smaragdene Tor,
    zwischen den Steinen durchschritt,
    bis in den ewigen Kreis,
    unter der Kuppel gezogen,

    der auf dem Stuhle ruhte
    in einer Hülle aus Flammen:
    Sie hat ihn schützend umfangen
    und ihn nicht aufgezehrt,
    sondern ihn weit erhöht.

    Das war die Reise des Kaufmanns:
    Er sah in den Flammen das Licht -

    und Lichtes prüfende Stimme
    hat ihn zum Munde erwählt.

    Das war das Lied des Kaufmanns,
    gehalten im wahren Wort,

    das war das Lied des Kaufmanns,
    des Tänzers über das Meer,
    dem alle Leuchtenden dienen

    und der mit den Herrschern sprach
    und der, in Gespräch und Frage,
    jedem der spottenden Herrn
    den guten und wahren Weg
    freudig und offen wies,
    ohne umschlingende Angst
    vor Rang oder Stand oder Name.
    Manch einen hat er bekehrt.

    Dies ist das Lied des Kaufmanns,
    der sich durch solche Bekehrung
    ein leuchtendes Reich erwarb:

    Seinen erlösenden Garten.

    Ich selbst war ein solcher Fürst
    und reiste zu ihm voller Neugier
    mit meinem stolzen Gefolge.

    Ich sah ihm mit Macht in die Augen
    und tief war die Quelle darin.

    Ich hörte die rauschenden Worte
    und tief war die Quelle darin.

    Und in jenen strömenden Wassern
    der Worte war ich verlorn -
    und fand mich befreit darin wieder.

    Aus Frieden erwächst mein Lied,
    kaum ist es nur zu hören
    in jenem hohen Sturm
    der Verse des Kaufmanns.

    Und ich bin eine kleine Flamme
    am Ufer des dunklen Sees,
    am Fuße des großen Baumes
    und ich bin ich immer dort und horche
    in seine Krone hoch,
    zwischen die schirmende Äste,
    zwischen die reichenden Zweige,
    zwischen die reichgrünen Blätter
    und höre ihn dort oben flüstern
    und lausche den singenden Worten
    des Kaufmanns und tauche hinein -

    Ich habe nun alles erzählt
    und ihr habt das Ganze vernommen
    und wisst es wie ich.

    Ihr kennt nun die Worte des Kaufmanns,
    den einst das Licht wieder rief -

    Und als er das Rufen hörte,

    war der Morgen kühlend und klar

    unter der blauen Kuppel.



    ~°~

  4. #4
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    'Umbruch' von Merlin* zum Thema Umbruch

    Platzierung: 3
    Autor: Merlin*





    Umbruch

    Eine Selbstfindung





    Ein letzter langer Blick zurück - dann zogst Du die Tür hinter Dir ins Schloss.

    Langsam verglimmt Deine Zigarette, zerdrückt im Aschenbecher, in ihren letzten Zügen.
    Noch umgibt mich Dein Geruch so vertraut, wie ein oft getragener Bademantel.

    In meinen Gedanken sinken hastig gesprochene Wortfetzen zu Boden wie abgestorbene Blätter, drehen sich im Fallen ein paar mal um sich selbst - und bleiben liegen. So, wie Deine Stimme noch im Raum verharrt, Abschiedsklang – leer und hoffnungslos.
    Was bleibt, ist das ständig sich wiederholende Echo des Unbegreiflichen in meinen Ohren.
    Es durchbricht die beklemmende Stille wie ein Nebelhorn.

    Ich sitze im Sessel, habe beide Arme auf die wulstigen Seitenlehnen des alten Ungetüms gelegt und fühle mich einsam und verloren darin. Ich halte die Luft an, vergesse fast wieder zu atmen, bin unfähig, mich zu bewegen, wie paralysiert.
    Vorbei...vorbei...vorbei...dumpf dröhnt es in mir mit jedem Herzschlag.

    „Ich muss gehen! Ja, ich habe meine große Liebe gefunden.“

    Der Widerhall Deiner Worte schwingt noch immer im Raum wie ein Pendel.

    Auch wir sagten uns einst: „Das ist die große Liebe, ja ...“
    Und mit der Zeit gewann doch unsere Beziehung noch an Wert, war es nicht so?
    Vertrauen, sich bis in den innersten Winkel zu kennen, auch über Dinge lachen können, die wenig schmeichelhaft sind ...
    Weißt Du noch, damals, als Du plötzlich mitten in der Nacht Durchfall hattest und dachtest, es währen Blähungen? Wir mussten das Bett neu beziehen. Mein Gott, wie haben wir gekichert. „Das bringt Glück!“, sagtest Du zu mir. Mir hat es nichts gebracht ...
    Manchmal bist Du Morgens ohne deine Zahnprothese herumgelaufen. „Na, spielst Du wieder Flusspferd?“, war dann immer mein Kommentar. Oh ja, wie sehr ich Dich liebte – schon allein deswegen ...
    Nimmst Du vor ihr auch die Zähne aus dem Mund? Der wird es egal sein, die hat ja nur Augen für Deinen Schwanz …. Mein Gott, wie vertraut er mir war, wenn ich ihn, so samtig weich, in meiner Hand fest umschlossen hielt.
    War ... es tut so weh …

    Ich wende mich zur Seite, meine erste Bewegung, seit Du gegangen bist. Aus den Scheiben des dunklen Verticos neben mir erschreckt mich mein Spiegelbild.
    Die schwarzen Locken mit den ersten, im einfallenden Sonnenlicht silberglänzenden grauen Haaren, wie immer ein wenig zerzaust … das bin ich. Ja, das ist mir vertraut. Doch die Augen, so ernst, wie übernächtigt, überdecken alles.
    Ich wende mich ab, kann meinen Blick nicht länger ertragen. Als wollte er mir sagen: „Warum hast Du es zugelassen … !“

    Neben der alten Truhe mit den schweren Eisenbeschlägen dort unter dem Fenster, fast versteckt in der Ecke, fällt mir plötzlich meine Staffelei ins Auge. Es ist, als sehe ich sie gerade jetzt zum ersten mal wieder.
    Damals, als ich sie kaufte, einer Eingebung folgend, war plötzlich, wie über Nacht, eine große Lust am Malen über mich gekommen. Und ich erinnere mich, wie unbekümmert ich damit begann.
    Erst war es ein vorsichtiges Herantasten, doch ich wurde von Mal zu Mal besser.
    Ich schwelgte in Formen und Gegensätzen und der unbändigen Lust, weiße Flächen großzügig mit Farben zu füllen und zu verbinden. Meine Phantasie kannte bald keine Grenzen mehr.
    Ja, es war eine kreative Zeit. Fast täglich schrieb ich in mein Tagebuch, führte es wie ein Feuilleton, locker und leicht. Ich schrieb über die kleinen Dinge meines Alltags, meine Lieben, die kamen und gingen und die nur ich kannte, über Einen, der blieb – und schließlich auch wieder ging. Sogar mit dem politische Weltgeschehen, Sport und kulturellen Höhepunkten befasste ich mich in meinen Aufzeichnungen.

    Eines Tages kamst Du in mein Leben – und überstrahltest alles. Da war kein Platz mehr für Eigenes. Erst ließ ich das Malen sein und das Schreiben wurde auch immer seltener. Bald war meine einstige Kreativität ganz verschwunden. Aber dafür fuhren wir zwei mal im Jahr in den Urlaub.
    In meiner Welt wurde es ruhiger, zu ruhig. Dafür warst Du stets der Mittelpunkt. Wo auch immer wir auftauchten, Du sprühtest vor Charme und Witz. Und ich? Ich sonnte mich gern in Deinem Schatten. Ich war so stolz auf Dich!
    Schließlich entdeckte ich eine neue Lust für mich, Kaufrausch. Eine Ersatzbefriedigung, wie mir irgendwann klar wurde. Doch zu spät, ich war bereits in meiner neuen Welt gefangen. Es lenkte ab von der inneren Leere, die sich nach und nach ausgebreitet hatte, tief in mir.

    Und nun stehe ich also wieder an einem Wendepunkt … dem Wendepunkt?
    Vielleicht hatte ich unbewusst schon längst einen Umbruch in meinem Leben herbeigesehnt, darauf gewartet, um wieder Raum für mich selbst zu finden, Luft zum Atmen, Visionen. Allein mir fehlte die Kraft und der Mut für eine tiefgreifende Veränderung.
    Jetzt hast Du mich ja zu diesem Schritt gezwungen… oder besser, ihn mir abgenommen.

    Ich bin aufgestanden. Nachdenklich gehe ich in unser Schlafzimmer und lehne mich an den Türrahmen, die Hände auf dem Rücken verschränkt. Noch erinnert mich der runde Abdruck in Deinem Kopfkissen an Dich.
    Wie oft stand ich hier, versunken in den Anblick Deines aufgedeckten nackten Körpers, während Du schliefst. Du warst so schön in diesen Momenten, bar jeder Anspannung.
    Energisch entferne ich den Bezug von Deinem Kissen. Ich muss plötzlich an die Schwalben denken, die bald wieder aufbrechen werden, um zurück zu fliegen. „Es währe jetzt gut, eine Schwalbe zu sein.“ Mein tiefes Seufzen verliert sich zwischen den Decken unseres einstigen Ehebetts.

    Vielleicht sollte ich froh sein, dass es so gekommen ist. Ich war auf dem besten Weg, mich selbst zu verlieren. Deine Egozentrik duldete neben sich keine Freiräume. Jeden freien Raum hattest Du für Dich beansprucht und ich war es schon müde, für mich zu kämpfen. Ich war wohl zu sehr Deiner großen selbstherrlichen Liebe verfallen ... bis hin zur Selbstaufgabe.
    Auch wenn ich noch nicht bereit bin, es so zu sehen, tief in meinem Innersten ahne ich, dass ich recht habe.

    Allmählich entweicht die innere Anspannung aus mir. „Ich muss mal wieder die Nägel lackieren ...“ denke ich und betrachte nachdenklich meine nackten Füße auf dem Parkettboden.
    Nein, einsam fühle ich mich in diesem Augenblick nicht. Es ist wie … ja, es ist ein wenig wie das Gefühl nach meiner erfolgreich überstandenen Operation: die erste Hürde ist geschafft, ab jetzt geht es aufwärts, auch wenn es noch so weh tut. Und es wird weh tun, am Anfang sehr. Doch langsam wird sich der Schmerz einbetten wie der einst verewigte Name in der Rinde eines Baumes – die Zeit heilt alle Wunden ...


    Noch immer steht mein zuletzt angefangenes Bild eingeklemmt auf dem Steg der Staffelei: Vase mit Kornblume im weit geöffneten Fenster, als Hintergrund: reifes Sonnenblumenfeld -

    Das Bild ist fast fertig, nur die volle blaue Blüte der Kornblume müsste ich noch hinzufügen ...

    Hm, mal überlegen, was ich da für Farben brauchen würde … Zinkweiß … Kobaltblau … Königsblau ...

  5. #5
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    'Der Umbruch' von anamolie zum Thema 'Umbruch'

    Platzierung: 4
    Autor: anamolie


    Der Umbruch

    Wie es wohl ist, ein Nigger Schamane zu sein? Wenn du mit Schaum vor dem Maul
    zuckend zusammenbrichst und wild um dich starrst mit rollenden Nigger-Augen?
    Wie es wohl ist, an Aids zu verrecken?
    Es gibt im Leben tausend Leben, tausend Welten. Und sie Alle haben eine Fläche,
    die man betrachten kann, und eine Kehrseite, die man nur leben kann.
    Wie es wohl ist, seinen Schwanz in eine Frau zu stecken? Wie es wohl ist, ihn ihr
    hintenrein zu stecken? Wie es wohl ist, wenn du Kinder gebährst? Wie es wohl ist,
    wenn du stirbst? Viele Menschen haben ihre Initiation schon erreicht:
    Der Mann der sich täglich rasiert, oben und unten rum, weil er die Haare jetzt hat.
    Der Verzweifelte, der weiss, dass er binnen einem Monat an Lungenkrebs verrecken wird,weil er jetzt Lungenkrebs hat und dann den Tod.
    Und der Nigger-Schamane, der weiss, dass Alles nur ein Fake ist.
    Er erreicht den hysterischen Trance-Moment nicht immer, und selbst dann ist es ein
    Schauspiel, sich selbst sich selbst glaubhaft zu machen.
    Sich selbst sich selbst und den Anderen. Wenn du mal drinsteckst in der Frau,
    ich vermute, ist es auch nur ein Loch von vielen. Ein feuchtes, klebriges, schlüpfriges
    Loch vieler Initiationen, Illusionen, Gefühle von Angst und Neugier, Schicksale,
    Schauspiele. Geheimnis, und Mysterium, und dann Banalität, Enttäuschung gar.

    Ist es nicht die Begierde, zu sein, um dann mit der erlebten Banalität zu sterben?
    Ich erinnere mich noch ganz genau an den Tag. Es war kein besonderer Tag.
    Ein scheiss Tag wie jeder andere Scheisstag. Aber er war wichtig für mein Leben.
    Wie es wohl wäre, ein Bettler zu sein? Und da zu sitzen wo ich sass, dicht an dem
    schmutzigen Plastik der Baustellen-Absperrungen, und die Grosstadt-Passanten
    mussten sich an meinem Elend vorbei mogeln. Gibt gutes Geld.
    Geld kann gut sein. Eine Erleichterung, eine Genugtuung zahlen zu können,
    eine Befriedigung, zu erhalten wofür man letztlich stirbt.
    Ob es denn wirklich Leben ist? Ich könnte schwören darauf, bei einer Flasche Schnaps.

    Ich erinnere mich noch ganz genau an den Tag. Bislang hatte ich gedacht,
    dies sei nur eine Phase. Hatte halt Pech im Leben und driftete nach und nach vor
    diese Baustelle. Aber an jenem Tag, an jenem scheiss Tag, da wusste ich auf einmal,
    dass das Leben keine Phase ist.
    Die Initiation schon im Mutterleib, wie auf der Kirmes: Und das Riesenrad zum Schluss.
    Zum schön Auskotzen, der Tod, der kaltlächelnd wartende, der unabänderlich thronende.
    Und dazwischen: Tausend Leben, tausend Welten, tausend Tode.
    Wie es wohl sein wird von dort droben, ganz oben auf dem Riesenrad?
    Wenn du kotzen möchtest aber Alles nochmal zurück drückst, und dir schwindlig ist
    und du weisst, du musst jetzt zu Ende fahren?

    Ich erinnere mich noch ganz genau an den Tag. Bis damals hatte ich noch gedacht,
    ich könne aussteigen und neu beginnen, aussteigen aus meinen Lumpen und einfach
    neu beginnen, als irgendwas Besseres. Das war ein seltsamer Umbruch, als ich
    zum Bettler wurde: Davor ein Opfer, das noch glaubte aussteigen zu können,
    und danach ein todgeweihter Sieger, ein Bettler bis zum Schluss.
    Wie das wohl ist, in der eigenen Pisse zu verrecken? Gleichmut, ich werde es wissen,
    und einmal König sein.

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