1. #1
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    Symphonie I: Wort und Klang

    .






    Symphonie I: Wort und Klang

    Du setzt Dich langsam an das schwarze Tier,
    Du hebst den Umhang an und lässt ihn fallen,
    die Finger setzen an - es wartet sanft.
    Da streicht die Hand lebendig über alles
    und plötzlich klingt die Taste, klingt und webt
    und nichts kann Deinen Lauf hinauf mehr halten:
    Weiter und weiter und schneller und wilder und reiner und klarer und höher und
    aus.

    Eine Pause, ein Atem. Gelingen, jetzt.

    Gelassener findest Du tastende Pfade,
    die Note erhebt sich aus fließendem Stahl
    und zittert
    und wandelt sich heilig und atmet und will und begehrt Dich, Du bist ihr Erschaffer
    und hörst sie. Hörst Du sie um Dich,
    wenn sie schon lange verblasst,
    die Farbe des Musters?

    Still.
    Schläge und Pochen.
    Da! Die Hände bewegen sich selbst und sind süchtig nach singendem Sausen und strömender, saugender Flut.
    Warte -
    Weiter, und leise -
    weiter, und lauter -
    weiter, und wilder
    und strebender, drängender, führender, suchender, findender: Ja!
    Schwebend,
    Schwingen aus Luft,
    gebogen, gewoben,
    leblos unsterblich,
    fallend und frei
    und steigend
    hinauf in den goldenen Blick
    aus Feuer, aus Armen und Augen,
    hinauf in den leuchtenden Halt:
    Wo Töne niemals verklingen.

    Nun
    ein Letztes:
    Tappen, mit Vorsicht,
    tanzen und drehen,
    wirbeln und wachsen,
    summen und surren,
    lachen und brüllen,
    schreien und kreischen,
    kichern und flüstern
    und bunter und laut
    voll Gleichmaß und Stärke
    wird aus dem schnellen und jagenden Fliehen sich windender Töne,
    sich bindender, endender, werdender, kommender Größe
    ein Ganzes,
    wird aus der Flamme Idee
    und aus Gedanken Feuer
    und aus der Stimme der Welt
    spricht eine lehrende Quelle
    wie ein umhüllendes Meer
    aus Kühle und Kraft und Frieden.

    Da -
    Inmitten des Friedens ist ein Umkreisen, ein allgegenseitiges Sichunterweisen,
    ein Sich-in-dem-andern-Betrachten und eine Musik,
    tiefer und weiter und höher und größer
    und blau wie die Sonne und grün wie der Himmel und grau wie das Meer und hell wie das Leben und wahr und im Ganzen nur Klang.
    Atme den letzten Gesang
    aus jener Mitte
    und kehre zurück
    unter die hölzerne Halle, zwischen die schirmenden Wände,
    in die gelassene Haltung
    über dem Tier.

    Da lässt Du es los, lässt es wieder zu sich,
    erhebst Dich und blickst kurz herum, Wellen drängen so nah, Wellen ...
    Dann drehst Du Dich um, tust einen Atemzug
    und gehst wieder lächelnd hinaus
    aus dem Tempel der Zeit
    und trägst ihn nach draußen
    in die stumme Welt,
    schweigend
    und klingend zugleich.
    Geändert von Wegesanfang (07.09.2011 um 22:28 Uhr)

  2. #2
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    Hei Wegesanfang,

    das hast du gut heraus gearbeitet, ich bin fasziniert! So also fühlt sich ein Pianist!

    Liebe Grüße
    Ragnar
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  3. #3
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    Hey Wegesanfang,

    als ich gestern Dein Gedicht las, da war ich, ähnlich wie Ragnar, fasziniert.

    So sehr, dass ich garnicht richtig wusste, wie ich es Dir im Kommentar rüberbringen sollte, ohne spießig zu wirken neben Deinem großartigen Gedicht,

    eigentlich wollte ich Dich fragen, Du hattest doch beim Schreiben ein bestimmtes Werk im Ohr, oder?

    An einer Stelle stockte ich beim Lesen:

    die Note erhebt sich aus fließendem Stahl
    Stahl tat mir weh beim Lesen, ich persönlich fände Klang besser

    Sehr beeindruckendes Werk -

    lieben Gruß
    Merlin

  4. #4
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    Hallo Wegesanfang,

    auch ich möchte mich in die Lobeshymne einreihen. Das ist einfach nur gut. Ich bin in deinem Gedicht geflossen, dass ich es nicht unterbrechen konnte, selbst wenn ich gewollt hätte. Faszinierend, toller Lesefluss und überhaupt. Man spürt die Musik, die der Pianist spielt.
    Ich glaube, das ist der kürzeste Kommentar, den ich je abgegeben habe, aber mehr kann man dazu nicht sagen. Respekt!

    nächtlicher Gruß, gutes nächtle und carpe noctem
    Nachteul
    Meine Sydnatur:
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    Hier stehe ich! Ich kann nicht anders! Gott helfe mir! Amen!
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  5. #5
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    Zitat Zitat von Merlin* Beitrag anzeigen
    Hey Wegesanfang,

    An einer Stelle stockte ich beim Lesen:

    Stahl tat mir weh beim Lesen, ich persönlich fände Klang besser
    .. naja dort das Wort KLang zu benutzen wäre irgendwie 0 8 15 finde ich, der "a-laut" in stahl passt meiner meinung nach sogar besser zum langezogenen a in "Pfade" ... davon abgesehen ist es für das gefühl, das wegesanfang hier erschafft, von wichtigkeit ... wir verfolgen als lyrisches ich das durchfließen der töne und harmonien, wir können spüren, wie die Hände sich beinahe von selbst die richtigen tasten suchen und was sich so sanft dramatisch schön ankündigt im ersten absatz wird jetzt schnell gesteigert... wir verfolgen den erregungszustand des pianisten, und dazu gehört auch der Klang aus dem Stahl, der Ton der nicht freiwillig, nicht selbstständig heraus kommen mag um sich unter den tastenden händen wie ein befreiendes seufzen zu entfalten, atem zu holen um sich erneut den händen zu ergeben, während sich die hände den tönen ergeben ... stahl ist perfekt

    wow ^^
    In der Tiefe ruht die Kraft
    In der Kraft ruht Bewegung
    In Bewegung ruht die Form
    In der Form ruht der Raum
    In dem Raum ruht die Tiefe

  6. #6
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    Lieber Wegesanfang,
    ein Kunstwerk eines bestimmten Genres in ein anderes zu transponieren ist ein schwieriges Unterfangen. Die Autor, Komponisten, Bildhauer, Maler usw. haben sich ja etwas dabei gedacht, als sie ihre Gefühle, Gedanken etc. als Gedicht, Musik, Statue oder Gemälde schufen. Nicht jeder Dichter ist grenzenlos begeistert, wenn er sein Gedicht vertont erlebt und nicht jeder Bildhauer mag sein Werk in einer anderen Kunstform wiederfinden.
    Dir ist etwas gelungen, auf das ich schon fast neidisch schiele. Da steht dieses "Tier" und wartet darauf von einem Pianisten gebändigt zu werden und Du schaffst es in faszinierender Weise, dass mir als Leser oder Hörer einer Rezitation die Klänge um die Ohren fliegen. Da lese/höre ich einen Vers wie diesen: "und blau wie die Sonne und grün wie der Himmel und grau wie das Meer und hell wie das Leben und wahr und im Ganzen nur Klang." Da klingt die Begeisterung durch und man möchte diesen Vers im schnellen Dreivierteltakt nur noch genießen. Chapeau, mein Lieber!
    Liebe Grüße,
    Heinz

  7. #7
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    hai hainz und jun´ai,
    danke euch fürs reaktivieren dieses fadens - da wäre mir ja fast eine richtige perle entgangen.

    hai wegesanfang,
    ganz großes tennis!
    ich hab deine symphonie grade laut (ja) gelesen - und sie schwingt und sie klingt und sie singt und sie bringt mich und zwingt mich zum singen und klingen und schwingen - so in etwa gings mir dabei.
    das passt: diese teilweise ausufernden aufzählungen, der singsang, den sie erzeugen, die vereinzelt irgendwo und unerwartet und in dem moment dann doch irgendwie erhofft auftretenden reime, die zentrierte darstellung (eigentlich hasse ich sowas), die die jeweiligen entwicklungen/steigerungen/crescendi der strophen auch optisch unterstützt - all das erzeugt das bild eines mit/gegen sich/das schwarze tier/die musik kämpfendenschwitzendenrackernden, sich völlig hingebenden positiv(?) wahnsinnigen - ein highlight!

    gruß,
    wortsport.
    ach, aber mit versen ist so wenig getan, wenn man sie früh schreibt. man sollte warten damit und sinn und süßigkeit sammeln ein ganzes leben lang und ein langes womöglich, und dann, ganz zum schluss, vielleicht könnte man dann zehn zeilen schreiben, die gut sind. denn verse sind nicht, wie die leute meinen, gefühle (die hat man früh genug) - es sind erfahrungen. (rilke)

  8. #8
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    @ Jun'ai Kamiko,

    ich las mir gerade eben nochmals das Werk und meinen diesbezüglichen Kommentar durch und ich gestehe, von mir eine totale Fehleinschätzung, na klar ist Stahl an dieser Stelle genau richtig,
    jetzt, beim beim Lesen hatte ich Aram Khatchaturians Säbeltanz und Masquerade in den Ohren,
    gut, dass Du es nochmals aufgegriffen hattest, Jun`ai und ich meinen Kommentar revidieren konnte

    liebe Grüße
    Merlin
    Geändert von Merlin* (10.12.2011 um 11:27 Uhr)

  9. #9
    Maria König Guest
    Lieber Wegesanfang,

    es ist schon viel Lobendes gesagt worden und ich möchte mich anschließen.
    Besonders gefällt mir, wie man beim Lesen durch die verschiedenen Tempi getragen wird, man kann eigentlich gar nicht anders.

    LG
    Maria

  10. #10
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    Lieber Wegesanfang,

    Auch Deine pulsierenden Zeilenlängen sind stimmig. Die Sinuswellen lassen die Augen mithören, so ist es eine gute Leseanleitung... mit geführtem Atem... Und Deine Distanz im "Du" lässt dem Leser so viel Platz für Eigenes, und auch das Luftholen am Ende ist spürbar... Danke... wirklich gelungen!

    Ulrike

  11. #11
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    Zitat Zitat von wortsport Beitrag anzeigen
    ich hab deine symphonie grade laut (ja) gelesen - und sie schwingt und sie klingt und sie singt und sie bringt mich und zwingt mich zum singen und klingen und schwingen [...]
    [...] ein highlight!
    Nach Jahren ... immer wieder mache ich eine kurze Rast ...

    Und ja, dieses Gedicht habe ich nicht nur mir selbst schon laut vorgelesen - mehrmals. Es hat so einige Fans hier ... auch Leute, die sich vielleicht gar nicht für Gedichte interessieren, aber Klavier spielen.

    Großes Kino.

    @Merlin: Verzeih, habe ich nicht mehr gesehen, sonst wärest du mir sehr sympathisch geworden und ich hätte dir gestanden, dass mir Ähnliches mit Sicherheit auch schon geschehen ist.

    Hallo Heinz!

    Licht & Liebe
    Jun'ai
    In der Tiefe ruht die Kraft
    In der Kraft ruht Bewegung
    In Bewegung ruht die Form
    In der Form ruht der Raum
    In dem Raum ruht die Tiefe

  12. #12
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    Dieses Gedicht ist so klar wie ein stiller Bergsee, so mystisch verschwommen, es spielt mit
    den Worten wie der Komponist mit den Klängen. Hier haben die Worte einen Meister gefunden
    oder der Meister einfach nur Worte!

    Gruß Charisma!

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