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Thema: Emmy

  1. #1
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    Emmy


    Als Kinder mußten wir immer ganz leise sein, vor allen Dingen durften wir nicht weinen, wenn
    Tante Emmy zu Besuch kam.

    Sie selbst sagte kein Wort, saß im Sessel und lächelte. Ihre Augen waren trotzdem traurig.

    Ach Tante Emmy, wenn ich doch heute –

    Es nutzte nichts. Sie hatte mich schon gesehen. Stur blieb ich hinter der Litfaßsäule, als die
    anderen Kinder riefen:

    Du, die da drüben winkt die ganze Zeit. Kennst du die? – Nee.

    Bevor sie über die Straße kam, rannte ich in den nahen Rosenpark, die anderen folgten.

    Ihr müßt das verstehen. Ich konnte nicht zugeben, daß es meine Tante Emmy war, die, mit
    der Hakennase und dem krausen schwarzen Haar. Wäre das mal alles gewesen – Sie strickte
    oder häkelte bunte Sachen und zog die dann an.

    Als Tante Emmy in die Irrenanstalt kam, strickte ihr meine Mutter eine dicke gelbe Jacke. Ich
    bewunderte meine Mutter deshalb, sie konnte nämlich gar nicht stricken, kaufte ein Wollknäuel
    nach dem anderen in einem Geschäft, in dem die Verkäuferin jedes Mal weiterhalf. Wenn eine
    Masche gefallen war, holte sie die wieder rauf. Die Strickjacke hatte ein kompliziertes Muster,
    und alles mußte genau abgezählt werden, abgenommen, zugenommen, für Ärmel und Kragen.
    Die Knöpfe waren perlmuttweiß.

    Ich freute mich, als wir endlich im Besucherraum saßen. Draußen im Park, vor dem Gebäude,
    waren mir die Kinder mit ihren eigentümlichen Gesichtern, ihren unverständlichen Lauten, und
    ihrem schaukelnden Gang unheimlich. Drinnen, bei Tante Emmy, war es sehr still, man wußte
    Bescheid. Ich strahlte sie wortlos an. Meine Mutter stellte fest, daß die Jacke etwas zu groß
    geraten war, und krempelte die Ärmel zweimal hoch, dabei lächelte Tante Emmy glücklich, so
    lieb, wie immer.

    Verrückt war sie nicht, das hatte man schon festgestellt, aber da sie nun einmal dort war –
    Jemand hatte die Kriechende, irr Stammelnde, vor der Wohnungstür gefunden, und die Anstalt
    angerufen. Es war ein Schlaganfall, meinten die Ärzte, doch der laute Krankenhausbetrieb –
    Alle mochten Tante Emmy. Ich auch.

    Eines Tages, als wir ins Besucherzimmer gingen, lag die gelbe Jacke in einer durchsichtigen
    Plastikhülle verpackt auf dem Tisch.

    Ach, Tante Emmy.

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  2. #2
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    Die dicke Katze ließ sich nicht streicheln. Angeblich kam sie sofort unterm Bett hervor, sobald
    sich der Besuch verabschiedete.


    Da liegt ’n Toter!

    Gemeinsam waren wir Kinder mutig, rannten die Schienen entlang, bis zum Kadaver. Fette
    weiße Maden wühlten genüßlich in den Eingeweiden des Bastarden. Er lag auf seiner linken
    Seite. Das rechte Auge starrte wie die Glaspupille einer Schildkrötenpuppe vor sich hin, die
    gelblichen, entblößten Zähne verliehen der Schnauze ein Grinsen.

    Das ist ja gar kein Mensch!

    Ein Glück, keine Taube!

    Der Arme!

    Wir weinten ein Weilchen, hätten uns gewünscht, es wäre ein Mensch gewesen. Ein totes Tier,
    das war zu grausam.

    Purzel starrte mich an. Ich hatte noch nie eine lebende Katze gestreichelt, aber wahrscheinlich
    hätte er mir das Gesicht zerkratzt, wenn ich unters Bett gekrochen wäre. Nein, das sagten sie
    nur so, die Erwachsenen. Ich war ein gehorsames Kind. Weil ich ihn nicht rufen sollte, da der
    Kater sonst gestresst worden wäre, flüsterte ich kaum hörbar seinen Namen:

    Purzel, Purzel, Purzel.

    Dann schlich ich mich an Tante Emmys Nachttisch. Das blütenweiße Stickdeckchen darauf
    diente einem schweren glänzendschwarzen Buch als Unterlage. Die erste Seite war für mich
    kaum zu entziffern, die Druckbuchstaben der folgenden Seiten hatten wir in der Schule noch
    nicht gelernt, außerdem war ich darauf konzentriert, auf Schritte zu lauschen, denn ich sollte
    weder die Katze noch sonst irgendetwas berühren, und wollte mich auf keinen Fall ertappen
    lassen. Die Rückseite des ersten Blattes war ebenfalls mit dieser gleichmäßig schönen, doch
    fast unleserlichen Handschrift beschrieben. Da standen Namen und Daten, sorgfältig gelistet.
    Geboren am: _ , Gestorben am: _ . Obwohl ich noch nicht richtig rechnen konnte, erkannte
    ich doch, daß es sich um Kinder, oder um Babys, oder um Totgeburten handelte. So viele.

    Erschrocken legte ich das Buch vorsichtig an seinen Platz zurück.

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    Geändert von Farbkreis (22.10.2011 um 03:15 Uhr) Grund: image

  3. #3
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    Ich bin ein Berliner !

    Manfred trug auch an diesem Tag die lange Halskette. Er war ein Schlüsselkind, doch einen
    Vater hatte er sich nie gewünscht. Der kleine Dicke von Klemens döste in der Sofaecke vor
    sich hin, während seine hagere Frau auf die Kinder einprügelte.

    Zu dieser Zeit hoppelten noch Wildkaninchen über Berlins Rasen. Es gab nicht viele Autos,
    doch schwere Unfälle. Zebrastreifen fehlten auch auf stark befahrenen Hauptstraßen, wie
    die Ampeln an Kreuzungen, und die Kinderfeindlichkeit kam zumeist von den älteren Leuten,
    jedenfalls dort, wo Manfred lebte.

    Ulla! Ulle! Ullekin!

    Helle stieß wie ein wütender Stier seinen blonden Schädel in den Polizistenbauch, nahm immer
    wieder Anlauf, bis er schließlich zur Unfallstelle durchgelassen wurde. Seine kleine Schwester
    lag in einer Blutlache regungslos im Rinnstein.

    Das geschieht dir recht!

    Hatte die dickliche Frau vom Nachbarhaus kurz nach dem Tod seiner Mutter vom Balkon
    des Erdgeschosses gerufen, und Helle rannte fluchend weg. Immer rannte er irgendwohin.
    Wie jetzt, ohne auf die Frage nach Name und Adresse zu antworten. Helle weinte nie.

    Wach auf! Du bist kein Engel!

    Als man Ulla erzählte, die Mutter schlafe nun und würde vom Himmel aus über sie als Engel
    wachen, stürmte sie ans Krankenbett und wiederholte immer wieder die gleichen Worte. In
    der Nachbarschaft tuschelten die Frauen, sie sei an einer gepfuschten Abtreibung gestorben,
    ihr Mann hätte schon eine Freundin gehabt. Die saß inzwischen in Helles Wohnzimmer. Ulla
    überlebte zwar, wurde aber nie eingeschult.

    Manfred sah seinen Schulfreund flüchtig von der Seite an, die Hände in den Hosentaschen
    trippelte Helle von einem Fuß auf den anderen. Gleich würde er losrennen. Emmy zischte
    drei knappe Bravo durch die rot geschminkten Lippen, ihr olivgrüner Hut war in die Stirne
    gerutscht und drückte ihrem Gesicht Lockenbrauen über ihre gerupften, fein nachgemalten
    auf, so daß sie beinahe grimmig aussah, aber ein leicht hochgezogener Mundwinkel deutete
    ein Lächeln an. Trotzdem ließ Manfred die Arme hängen, als es unter rauschendem Beifall
    noch einmal tönte:

    Ich bin ein Berliner!

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  4. #4
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    Man nannte es den kalten Krieg.


    Ein weißer Kreidestrich zwischen den beiden Hauseingängen bedeutete Krieg. Steinschlachten.
    Manfred machte einen Umweg durch den Parkweg. Micha stand wie erwartet vor der Haustür,
    quatschte mit der alten Frau, die tagtäglich am offenen Fenster hing. Er galt als Waschweib,
    doch heute sehnte sich Manfred danach, irgendeinem beruhigenden Gequassel zu lauschen.

    Ich komm gleich!

    Sie schlugen sich in die Büsche, dort, wo sie der Parkwächter nicht sah, denn das Betreten
    des Rasens war Kindern verboten. Die beiden Dackel der Witwe Klink hinterließen hier jeden
    Tag ihre Häufchen, aber auch Schäferhunde von den anliegenden Häusern tummelten sich
    ab und zu auf der gepflegten Wiese.

    Nicht anfassen!

    Das Kaninchen blieb regungslos sitzen. Micha zog seine Hand zurück, warf einen kleinen Stein
    nach dem Tier, ohne es zu treffen. Es rührte sich nicht.

    Es war vielleicht ein Deutscher.

    Es dämmerte. Micha wurde gerufen. Auch in Manfreds Hausflur roch es nach Bratkartoffeln.
    Er schloß die Tür auf. Emmy legte Karten.

    Willst du noch ein Zuckerbrot?

    Am nächsten Tag war die Wiese mit Kaninchen übersät. Mit hervorquellenden Augen, die an
    die Schildkrötenaugen der Schildkrötenkropffraunachbarin erinnerten, saßen sie da.

    Damals, als wir uns oben glaubten,
    über Gräser ragend, und ineinander verbunden
    wie ein Pilzgeflecht, erzitterten wir mit der Natur.
    Hinter jedem Baum das Geheimnis des Lebens.
    In jedem Grashalm die Größe der Natur.
    Auf jedem Weg die Möglichkeit des Todes
    und der Glaube an Unsterblichkeit.


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  5. #5
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    Charles James schrieb einen letzten Brief.


    Russen waren für Manfred Monster, wilde Mongolen, die sich gestohlene Uhren umbanden,
    übers Ticken lachten, Pianos aus den Fenstern warfen und jubelten, wenn diese melodisch,
    wie das Porzellan am Polterabend der unheimlichen Nachbarin aus dem obersten Stockwerk
    vom anderen Hauseingang, auf dem Pflaster zerschepperten. Es war ihre fünfte Hochzeit,
    die vier verstorbenen Männer waren alle wohlhabende Witwer gewesen, so munkelte man,
    wie lange der neue Fang am Leben bleiben würde. Sie war Krankenschwester. Eine große,
    hagere, blondgefärbte Frau ohne Alter, die sich auch um Ulla sorgte.

    Was hast du denn an der Hand?

    Meine Mama kommt jede Nacht wieder.

    Komm nachher zu mir rauf, ich salb das ein, bevor sich die ganze Haut pellt.

    Meine Mama macht das nachher.

    Schon gut, mal sehn, ob dein Vater da ist.

    Heini zog ins Haus, zu seiner Oma. Sein Vater war hinterm eisernen Vorhang und die Mutter
    arbeitete mal in einer Fleisch- mal in einer Fischfabrik. Bald darauf kam Schwester Ilona zur
    Welt. Eine Sensation. Der Erzeuger war so schwarz, daß auf dem Foto nur das weiße Hemd
    zu erkennen war. Wie viele Kinder in der kleinen Wohnung schliefen, wußte man nicht genau.
    Peter war verschwunden, seitdem er der Oma im Hausflur beim Ringen eine Rippe gebrochen
    hatte, die schöne Kathy verbrachte die Sommertage im Liegestuhl am Schwimmbecken, kam
    aber manchmal noch zu Besuch, meist um ihre beiden kleinen Kinder abzuladen. Inge, Heinis
    Mutter, war die einzige Tochter. Die anderen hatte der Stiefopa mit in die Ehe gebracht, d.h.
    sie wurden alle wiedergefunden. Kathy wollte nicht von ihrer reichen Pflegefamilie weg. Als
    sie ihre schicke Garderobe mit einer Dickbebrillten, Behinderten, einer Schwester, die nichts
    aus dem Heim mitbekommen hatte, teilen sollte, war das Geschrei groß.

    Stellen wir auch eine Kerze ins Fenster?

    Emmy stand dicht am Koksofen, befühlte die gelben Kacheln. Dann öffnete sie ihn, blies
    einige Male in die Glut und warf den Brief aus Amerika in die auflodernden Flammen.

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    Geändert von Farbkreis (10.11.2011 um 12:58 Uhr) Grund: Geändert von Kalinka (01.11.2011 um 14:45 Uhr) Grund: Tippfehler "Unheuer", ersetzt durch Monster; image size / image centrée

  6. #6
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    Emmy war sehr jung.

    Was riskiert man beim Schreiben? Es gibt keine Sicherheit, plötzlich ist alles weg. Das Fahrrad,
    die goldene Uhr, der Schmuck, der Ehering und die teuren Modellkleider von Charles James.
    Für einen Sack Kartoffeln oder für ein bißchen Milch ging man hamstern.

    Cousine Anny lag damals im Sterben. Jetzt war ihr Mann Vopo. Manchmal träumte Manfred
    von einem großen Bruder. So einen wie den jungen blonden Mann von Cousin Hansi, mit einem
    Motorrad, hätte er schon gerne gehabt, selbst vom Russen.

    Walter! Walter! Wenn er pupt dann knallt er!

    Walter, der ewige Student, rannte der Bande ein kleines Stück hinterher, und Nikolaustag
    war nur einmal im Jahr. Nach den mütterlichen Rutenschlägen für die jährlichen Sünden gab
    es für Klemens dann doch noch Süßigkeiten. Eierkopf wurde er von Bruder Walter genannt.
    Sein Vater, ehemaliger Heizer, kochte Zucker mit wenig Wasser zu Karamellbonbons, sang
    dabei das Lied von der müden Eisenbahn, die den Aufstieg nicht mehr schafft, und zischend
    und pfeifend stehen bleibt:

    Ich kann nicht mehr, ich kann nicht mehr, ich kann nicht mehr.

    Seine Frau war meist in der Kirche oder auf einer Putzstelle. Sonntags durften Klemens und
    seine jüngeren Geschwister nicht mit ins Kino, der Film lief zur gleichen Zeit wie die Messe.
    Emmy sah Manfreds Umgang mit Klemens nicht gerne, Klemens war ein Schläger. Sie waren
    nach einer Schlägerei zu Freunden geworden, Manfred, der sich eigentlich nie prügelte, hatte
    auf Klemens, der ihn wie ein wildes Tier grundlos angefallen hatte, so wütend eingeschlagen,
    daß eine junge Frau vom Balkon schrie:

    Nun laß doch den armen Jungen los!

    Emmy rannte ständig auf irgendwelche Ämter. Ihre Mutter lag im Sterben und wartete auf sie.
    Manfred hatte nur verschwommene Erinnerungen an die alte Frau, die ihm Betthupfer unters
    Kissen legte, damit er freiwillig ins Bett ging, wenn Emmy mit ihrer Schwester, einer Tante Irmi,
    unterwegs war.

    Der Koks reicht nicht. Geh noch mal schnell in den Keller.

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  7. #7
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    Das schmeiß ich jetzt lieber weg.


    Das Sparbuch mit dem Hitlerkreuz landete im Ofen. Emmy wärmte ihre Finger, die jeden
    Winter immer wieder wie Würste aufplatzten. Die Nase puderte sie. Die Röte kam nicht
    vom trinken.

    Wenn Fliegeralarm war, standen die Gefangenen draußen barfuß im Schnee.

    Manfred mußte noch einmal in den Keller. Am Nachmittag spielte dort die Hausband der
    Oberschüler mit Topf- und Deckelschlagzeugen, sang Lieder gegen einen Paragraphen
    und englische Texte.

    Was ist Beat?

    Schlagen.

    Manfred verpfiff seine Angst, bis er mit dem schweren Metalleimer die letzte Stufe erreicht
    hatte und die Tür hinter sich zuknallte. Es roch nach Kakao und Eistullen. Klemens tat ihm
    leid.

    Ich räum das ab, weil Besuch da ist, aber morgen wird alles gegessen!

    Bei dem Gedanken wurde ihm schlecht. Der Kakao war Klemens an seinem Geburtstag aus
    beiden Nasenlöchern auf die Eierscheiben gespritzt. Danach gab es Torte.

    Wir hatten damals nichts zu essen.

    Klemens Mutter kam aus einem Heim. Wie in fast allen Familien, gab es auch hier ein erstes
    verstorbenes Kind, das jedoch kein Grab zu haben schien.

    Emmy begann zu stricken.

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    Geändert von Farbkreis (07.11.2011 um 20:53 Uhr) Grund: Der Kakao war "ihm" durch "Klemens" ersetzt / (Ei-)Stullen sind belegte Brote in Berlin

  8. #8
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    Laß die Toten bei den Toten, flüsterte es aus dem Kindergrab.


    Emmys Katze saß auf dem Fensterbrett. Wilfrieds Katze war wieder heimgekehrt, wie hatte
    sie auf der großen Einkaufsstraße nur überlebt. Sie brachte fünf Junge zur Welt, alle sahen
    aus wie Patty, schwarzweiß, mit einer hellrosa Nase. Wenn Wilfried über den Hof kam, hatte
    Emmy Tränen in den Augen. Der große, blondgelockte Student erinnerte sie an Manfred.

    Hallo, ist alles in Ordnung?,

    rief er schon von weitem, wenn er ihre Silhouette hinter der Fensterscheibe vermutete.

    Dann komm ich gleich hoch, ja?

    Sabine ging schon hinein, Wilfried sprang die Treppen hinauf, Emmys Wohnung war dunkel.

    Patty hat gestern fünf Junge bekommen.

    Ach, hast du ein schönes Mädchen, ihr seht aus wie ein Hollywoodpaar.

    Er schraubte ihr neue Glühbirnen in die Deckenlampen.

    Mannmann, stinkt das da,...

    Sabine drehte die Stereo lauter, The night of destruction...

    Was machen wir mit den Katzen? Meine Oma hat die Neugeborenen immer einfach gegen
    die Kellerwand geklatscht.

    Glaubst du, daß Katzen reden?

    Wie kommst du darauf? Ach, sind die süß! Behalten wir sie, ja?

    Die Alte von oben hat mir erzählt...

    Die ist doch stumm.

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  9. #9
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    Es gab auch ein altes Photo von Tante Emmy. Ich sehe sie noch winkend über die Straße
    laufen, soll man die Toten nicht lebend
    in guter Erinnerung behalten?

    Jetzt gab es keine sonntäglichen Familienbesuche mehr und Emmy vergaß das Kochen. Als
    Manfred eines Tages nicht aus der Schule, und überhaupt nicht mehr heimkehrte, verstummte
    sie.

    Dann stellte man endlich eine Ampel an der Kreuzung auf.

    Als auch Emmys Neffe nur noch Asche war, verscharrt in einer Dose, Manfreds Grab längst
    verjährt war, Helle, kurz vor der Wiedervereinigung an Krebs gestorben, Ulla, in einem Heim
    verschwunden, schon vergessen waren, erinnerte ich mich an die gelbe Jacke.

    In Erinnerung an alle Kinder, die ohne Namen sterben.
    An alle Greise, die ein Buch auf dem Nachttisch lassen.
    An alle zerrissenen Photos, die im Ofen landen.
    Auch der Schmuck war weg.

    Sie redet mit ihrer Katze.

    Sabine lachte hell auf, Wilfried nahm sie oft auf den Arm.

    Und mit dir?

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    Geändert von Farbkreis (12.11.2011 um 21:59 Uhr) Grund: Zeile

  10. #10
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    Ja wer tot ist, redet nicht mehr, aber Sprachlosigkeit ist kein Beweis für den Tod.
    Ist Schweigen kriminell? Für die Mafia schweigen war einige Zeit lang Thema der
    Kinematographie.


    Auch das professionelle Geheimnis gehört dazu, welche Stellung nimmt dabei der Beichtstuhl
    ein? Sind unterlassene Hilfe und Mitwisserschaft keine Vergehen? Manipulation im zarten
    Kindesalter keine Vergewaltigung, oder gar kein Raub, der Seele? Angst oder Resignation,
    Hilflosigkeit, was ist es, das Schweigen?

    Damals gab es noch den Bunker oder die Bunker, von Pflanzen überwuchert, mit vermauertem
    Eintritt hinter den Büschen. Wege führten durch die Verwachsungen, dunkle. Exhibitionisten
    trugen lange Mäntel. Auch der Schulweg führte durch den Park.

    Steck ihn schnell wieder rein, sonst bekommt er einen Schnupfen!

    Klemens Schwester konnte noch stärker zuschlagen als ihr kleiner Bruder. Selbst gegen ihren
    Hausflurvergewaltiger hatte sie sich gewehrt, als er ihr mit dem Messer die Wange aufschlitzte,
    biß sie ihm den Finger fast ab. Er rannte davon und wurde nie gefunden. Die Narbe blieb. Über
    gerupfte Engel schrieb schon Wilhelm Busch. Die Zeichnungen sind eindeutig, aber wie bei
    Rotkäppchen und der böse Wolf, will man Kinder davon fernhalten? Quo vadis?

    Spring! Spring!

    Sensationell, wenn jemand vom Dach springt. Irgendwann verbat man den Schleier. Am
    gleichen Tag verhüllte sich ein Jugendlicher in ein Laken und sprang in den Tod. Noch ein
    Grab, noch mal klingendes Geld für die Totenmesse, noch einmal fröhliches Hoffen auf
    Vergebung aller Sünden?

    Sybille und Klemens und Manfred und andere Kinder sahen zu, wie der Nachbarjunge am
    Bunker von dem Mann am Hosenbund gepackt wurde. Niemand kannte ihn wirklich.
    Vielleicht war er fünf? Die Zeitung lag auf dem Küchenschrank. Es war der Tag, als die
    über Nacht eingemauerten Hausbewohner aus dem Fenster sprangen, einige in den Tod.
    Niemanden störte das. Alle schwiegen. Wem hätte man es auch erzählen sollen? Eine
    Reportage gibt das Geschehen wieder. "Warum? Was wird jetzt?" spielt dabei keine Rolle,
    sensationelle Fotos wecken Emotionen, wortlose?


    Wo warst du?

    Emmy sah Manfred prüfend an.

    Bei Klemens. Darf ich dann mal die Zeitung haben? Ich brauch was für die Schule.

    Emmys Blick verlor sich, verschwamm.

    ...


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    Geändert von Farbkreis (19.11.2011 um 17:45 Uhr) Grund: ß (biss), Photos (F), Cinematographie (K) / Zeilenlänge

  11. #11
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    Wir haben nichts zu essen mehr, und die Bananen sind auch alle!


    Manfred kannte jede Geschichte zu jedem Bild. Da Emmy selten sprach, hörte er
    sich zur Adventszeit die immer gleichen Worte an, an Emmys Lippen hängend, die
    wunderbar dufteten. Es war der Duft des Morgens. Lippenstift, Puder, vermischt
    mit der Frische ihres Körpers, den sie in der Frühe kalt duschte. Seit seiner Geburt
    kämpfte sie gegen ihre Krampfadern. Auch die Wohnung roch weihnachtlich nach
    Bohnerwachs. Die Fenster waren so blank, mit Zeitungspapier so lange gerieben,
    daß sogar ein schwarzer Vogel an ihnen zerschellte.

    Dann strich sie ihm auch über sein störriges, blondes Haar. Er war eine Steißgeburt
    und alle sagten:

    Du hast einen schönen Hinterkopf.

    Er erinnerte sich an Irmi, schämte sich ein wenig seiner Freude, daß sie nun hinter
    der Mauer blieb, denn Emmy war traurig, sehnte sich nach ihrer Schwester, trotzdem
    lachte sie zärtlich über den Begrüßungssatz, den Manfred ihr entgegnete, als Emmy
    ihm erklärte:

    Das ist deine Tante Irmi, sie schläft jetzt eine Zeit lang in deinem Zimmer.

    Irmi roch nach Schokolade. Oft wartete Manfred auf das Trippeln der Pfennigabsätze
    auf dem Pflaster. Irmi kam immer unangemeldet. Sie saß dann, geheimnisvoll lächelnd,
    im Wohnzimmer, die Lederhandtasche auf dem Schoß, die sie irgendwann öffnete.

    Popel nicht, sonst wächst dir die Nase in die Höhe.

    Manchmal nahm sie Manfred an die Hand und führte ihn in die Schaufensterwelt, stritt
    leidenschaftlich mit den Verkäuferinnen und bezweifelte die Qualität der Ware. Er hatte
    es aufgegeben, seinen Geschmack zu äußern. Dreimal im Jahr kleidete ihn Irmi neu ein.
    Dieses Jahr froren seine Füße auf dem Schulweg in den zu engen Sommerschuhen.
    Emmy wärmte sie in ihren Achselhöhlen. Irmi kam nicht mehr.

    Die hat Marmelade auf den Fingern!

    Darauf folgte, wie üblich, der Vergleich mit Prinz Charles. Irmi hatte ihn "mein Prinz"
    genannt. Der bunte Teller neben dem Adventskranz, den er in der Schule gebastelt
    hatte, gehörte ihm allein. Emmy blätterte weiter versunken im Album, als Manfred
    leise in sein Zimmer schlich, aus dem flackernden Kerzenschein. Später hörte er
    Emmy in der Küche mit dem Abwasch scheppern, schlief wohlig ein und meinte noch
    im Halbschlaf zu vernehmen:

    Schlaf schön, mein Schatz.

    ...

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    Geändert von Farbkreis (21.12.2011 um 14:02 Uhr) Grund: Zeile

  12. #12
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    Werner, mußt du scheißen!?


    Heini besuchte die erste Klasse des Technischen Zweiges, bevor man ihn auf den
    Praktischen strafversetzte. Dort gab es weniger Wortgewalt. Werner war ein
    Schwächling, er ließ das Gelächter der Klasse über sich ergehen, sah mit seinem
    hochroten Kopf tatsächlich so aus, als leide er unter Verstopfung. Das Grinsen des
    Lehrers veranlaßte Heini dazu, seinen Stuhl an die Tafel zu schleudern, mit einem
    lauten

    du altes Nazi-Schwein!

    Schrei. Das bescherte ihm den Herausschmeiße-Tadel. Heini war ein gefürchteter
    Bandenchef. Manfred stand unter seinem Schutz. Sobald es auf dem Schulhof oder
    auf dem Schulweg zu Schlägereien kam, rief garantiert irgendjemand:

    Faßt den da nicht an, das ist ein Freund von Heini!

    Mit seiner rothaarigen Lehrerin Frau Kornfeld hatte Manfred auch Glück, sie sah
    ihn oft staunend an, oder lächelte zufrieden über seine Antworten. Das komische
    Zwillingspärchen mit den dicken Zungen, das beim Lesen sabberte, verschwand
    bald, und Regina, die fast täglich kotzte, wurde nicht versetzt. Mädchen waren
    überhaupt eigenartige Kreaturen, die laut kreischten, wenn man ihnen die Röcke
    hochhob, doch enttäuscht zu sein schienen, lief man ihnen nicht hinterher.

    Marina, Marina, Marina, du bist doch die Schönste der Welt.

    Das war Marita wirklich, mit ihrem lang gewellten, schwarzen Haar, ihren blauen
    Augen. Niemand ärgerte sie, sie war ein richtiger Kumpel. Christina hatte lange,
    spitze Fingernägel, und Mädchen hatten immer recht. Die blutigen Kratzspuren
    auf den Gesichtern ihrer Klassenkameraden waren für ihre Mutter ein Beweis der
    legalen Selbstverteidigung , bis es Klemens erwischte. Seine Schwester Sybille
    bewaffnete sich mit einer Schere, fing Christina auf dem Nachhauseweg ein,
    nahm sie in den Schwitzkasten, schlug auf sie ein, sobald sie sich bewegte und
    schnitt ihr die Fingernägel so kurz, daß sie an einigen Fingern blutete.
    Unglücklicherweise hatte sie Sybille dabei gekratzt, die ihr daraufhin auch noch die
    langen Zöpfe abschnitt. Sybilles Kratzer war Beweis der legalen Selbstverteidigung.
    Selbst von ihrer Mutter bekam sie diesmal nicht den Rohrstock, sondern eine milde
    Rüge. Christina, die an der Hand ihrer furiosen Mutter an ihrer Tür heulte, bekam
    die übliche, für Sybilles Opfer vorgesehene Tafel Schokolade.

    Die Welt erschien Manfred am Ende doch gerecht und er liebte Emmy auf seine Art,
    konnte sich keine bessere Mutter denken, sie fragte nie:

    Hast du deine Schularbeiten gemacht?

    ...

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    Geändert von Farbkreis (21.12.2011 um 14:01 Uhr) Grund: Zeile

  13. #13
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    Ich will nicht in die Schule!


    Onkel Pauls Tee war bitter. Er hatte keinen Zucker. Emmy süßte nicht den Tee,
    sie fügte dem Zucker Tee hinzu, ihr Malzkaffee schmeckte wie Erdbeeren in rosa
    Milch, auch die Zahnpasta hatte Erdbeergeschmack. Onkel Paul sah aus wie ein
    König aus Tausend und einer Nacht.

    Sei vorsichtig, das ist echtes Porzellan!

    So trank Manfred schluckweise den bitteren Tee aus Onkel Pauls handbemalter
    Antiquität.

    Herr Kieselwetter war ein schwedischer Künstler. Du ähnelst ihm,

    pflegte man ihm dann zu sagen. Doch Manfred hatte nur eine Sorge, durch die
    Erzählungen der größeren Kinder abgeschreckt, wollte er nicht eingeschult werden.
    Als Emmy die Blumen in Pauls Garten bewunderte, nahm er allen Mut zusammen:

    Onkel Paul, ich will nicht in die Schule.

    Seine Augen strahlten, als er antwortete:

    Das brauchst du auch nicht.

    Manfreds Herz hüpfte vor Freude, er rannte in den Garten und rief Emmy zu:

    Ich gehe nicht in die Schule, ich brauche nicht in die Schule zu gehen!

    Doch, das ist Pflicht, du wirst ganz sicher nicht durch den Schultest fallen.

    Onkel Paul hat gesagt...

    Emmys Gesicht verschloß sich. Sie ging ins Haus, Manfred folgte ihr.

    Wie kannst du dem Jungen nur so etwas erzählen? Er glaubt es doch.

    Ich meine es ernst. Er will nicht in die Schule. Das ist gut so.

    Emmy wurde bleich, erwiderte kein Wort. Nun war Onkel Paul hinter der Mauer
    und Manfred ging gerne zum Unterricht. Beinahe hätte er den Schultest doch
    nicht geschafft, und Emmy wurde von den Männern in weißen Kitteln befragt,
    bevor er seine zweite Chance bekam.

    Du hast den Schwanz mitgezählt?

    Manfred nickte, doch Onkel Pauls Worte bleiben in seinem Gedächtnis graviert:

    Der Hund hat fünf Beine.

    ...

    Ps: Das dafür vorgesehene Bild erscheint leider nicht. Es erschienen aber inzwischen
    Bilder, die dies gut ausdrücken. Ich glaube aber nicht an irgendeine "Macht", die das
    Internet manipuliert, wer es versucht, ist, lol, klar erkennbar. Achtung! Wir werden
    beobachtet

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    Geändert von Farbkreis (21.01.2013 um 13:38 Uhr) Grund: Doppelpunkt / brauche... + zu

  14. #14
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    Was gehen uns die Römer an? Wo ich als Deutsche hingehe, ich muß damit rechnen als Nazi,
    als Bosch – was dies Wort zu bedeuten hat, weiß ich auch heut noch nicht, garantiert es nicht
    die Qualität einer Waschmaschine? – bezeichnet zu werden.


    Weihnacht ist obligatorisch. Eine Tanne oder Fichte soll dran glauben. Industrielle Herstellung
    künstlicher Weihnachtsbäume schützt ebenso wenig den Baumbestand der Amazonen wie die
    Produktion eines Autos, das mit der Dritten Welt fehlender Alimentation angetrieben wird.

    Schon Moses sollte getötet werden. Das verfolgte Kind im Viehstall präsentiert man jetzt noch
    im Fernsehen, unterm Fenster des Palastes, aus dem die gestreckte Hand – wie einst die Hand
    von Cäsar oder Nero oder – mit triumphierendem Heil- oder Ave - Gruß salutiert, benediziert.
    Auch Emmys Bruder fiel herein. Mit 17 hat man noch Träume? Es war nicht immer so, wage
    ich zu behaupten.

    Die Männer waren schön in ihren Uniformen. Die junge Frau stolz auf ihren Bräutigam, als er
    mit- und losmarschierte. Auch Emmy applaudierte, als ihr Bruder mit ihrem Verlobten loszog,
    in eine bessere Zukunft.

    Die Barbaren haben das Römische Reich vernichtet,

    pflegte mein uralter Lateinlehrer aus Montreux zu sagen, bis ich im Supermarkt ein Orakelspiel
    aus Japan – oder aus China? – entdeckte. Es funktionierte. Plötzlich wurden meine erdichteten
    Übersetzungen mit 8,5 bis 10 weit über den Durchschnitt 5 bewertet, obwohl ich weder Latein
    noch die französische Sprache wirklich beherrschte. Im Erwachsenenalter habe ich mich dann
    von diesen Sachen getrennt. Tarot, Orakel, Bücher wie Alles ist möglich etc. landeten, an den
    von den diversen Hilfsorganisationen vorgesehenen Tagen und in deren Tüten, am Straßenrand.
    Das ist zwar eine ganz andere Geschichte, aber sie verbindet mich trotzdem mit Paul, von dem
    ich nur gehört habe. Er hatte recht.

    Merke dir eins. In der Schule lernst du weder schreiben noch lesen.
    Komm her, ich zeig es dir.

    So lernte Manfred, noch bevor er in die Schule kam, das lateinische Alphabet zu dekodieren.
    Was tat man mit seinen Knochen? Der Weihnachtsbaum, könnte er reden, hätte schon längst
    verkündet, daß sein natürliches, grünes Kleid nicht verschönert werden kann. Die Perversität
    ist es, nicht die Liebe, die sich am geschmückten Tod erfreut.

    Wurde das Baby von Maria damals verkauft?

    ...

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    Geändert von Farbkreis (21.12.2011 um 13:41 Uhr) Grund: correction

  15. #15
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    Brennholz für Kartoffelschalen!

    Der Händler schellte energisch mit der Glocke, lief mit dröhnender Stimme auf und ab, bis sich
    genug Leute um seinen Karren versammelt hatten. Das fein geschnittene Holz roch nach Onkel
    Pauls Kamingeschichte.

    Es war einmal ein kleiner Baum, der stand, bedeckt mit spitzen Blättern, im Wald. Eines Tages
    seufzte er:

    Ach! Meine glücklichen Nachbarn haben so ansehnliche Blätter, doch meine sind wie Nadeln.
    Niemand traut sich an mich heran. Ich möchte aber noch beliebter sein als meine Nachbarn.
    Ich möchte... goldene Blätter haben.

    Es wird Nacht; der kleine Baum schlummert ein. Am nächsten Morgen, verwandelt, ruft er:

    Welch ein Glück! Ich bin mit Gold bedeckt, kein Baum im Wald hat ein schöneres Gewand.

    Aber bei Anbruch der Nacht nähert sich ein Alter mit langen, dürren Händen, einem großen
    Bart und einem großen Sack. Er schaut sich ängstlich um, sieht, daß ihn niemand beobachtet,
    reißt die goldenen Blätter ab, steckt sie in seinen Sack und flüchtet. Der kleine Baum klagt:

    Ach! Ich vermisse diese schönen Blätter, die in der Sonne glitzerten. Doch Blätter aus Glas
    können ebenso glänzend sein. Ich möchte Blätter aus Glas haben.

    Abends schläft er ein, am Morgen ist er wieder verwandelt. An allen seinen Zweigen wiegen
    sich Glasblätter.

    Ah! Welch schöner Schmuck, meine Nachbarn haben nichts Vergleichbares.

    Doch schwarze Wolken sammeln sich am Himmel an, Wind steigt auf, Gewitter bricht aus
    und alle Glasblätter zerbrechen. Der kleine eitle Baum murmelt schmachtend:

    O weh, es ist sehr elegantes Laub, das ich da trug, aber so zerbrechlich. Besser wäre ein
    Anzug aus guten, grünen, parfümierten Blättern.

    Am Abend schläft der kleine Baum ein, am Morgen des nächsten Tages ist er so bekleidet,
    wie er es sich gewünscht hatte. Doch der Geruch dieser frischen Blätter zieht die Ziegen an,
    die kommen um sie abzufressen, indem sie sich auf die Hinterbeine stellen, fressen sie den
    kleinen Baum bis zum Wipfel kahl, lassen ihn ganz nackt und bloß.

    Da erkennt er den Wahnwitz seiner selbstgefälligen Wünsche. Er trauert beim Einschlafen
    seinen ersten Blättern nach und ist am nächsten Tag froh, als sie wiedererscheinen. Sie
    haben weder den Glanz des Goldes, noch die leuchtende Transparenz des Glases, noch die
    Anziehungskraft aromatischer Pflanzen, aber sie sind solide, niemand wird kommen um sie
    abzureißen, und er wird sie zu jeder Jahreszeit behalten.

    Oft will man das, was man nicht hat. Was andere besitzen, löst in uns Mißgunst und Mangel
    aus. Aber wir können uns auf unsere Kräfte anstatt auf unsere Schwächen konzentrieren, auf
    das, was wir haben anstatt auf das, was uns fehlt. Das ist eines der Geheimnisse des Glückes.

    Brennholz für Kartoffelschalen!

    ...

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