1. #1
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    Von Romeo und Julia

    So einz'ge Lieb
    aus grossem Hass entbrannt,
    ich sah zu früh,
    denn nicht zu spät erkannt.

    Oh Wunderwerk!
    Ich fühle mich getrieben,
    denn ärgsten Feind
    auf's zärtlichste zu lieben.

  2. #2
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    My only love sprung from my only hate!
    Too early seen unknown, and known too late!
    Prodigious birth of love it is to me,
    That I must love a loathed enemy.

    (William Shakespeare, Romeo and Juliet)


    Hallo fourteen14,

    wenn Du Zitate verwendest, solltest Du sie als solche kenntlich machen (Autor / Übersetzer + Quelltext nennen);
    wenn es sich um Übersetzungen handelt, die diskutiert werden sollen, immer das Original mitangeben,
    sonst diskutierte man ohne Kontext unter Umständen - wie es hier passieren könnte - über (von Shakespeare) ungelegte Eier:
    die Übersetzung oben finde ich einigermaßen daneben.
    Ähem, war es das, worüber Du gerne sprechen würdest?
    Bin leider keine Shakespeare-Kennerin und könnte dann nur bedingt weiter helfen.

    Herzliche Grüße

    Thisbe
    dich singen scheuer augenblick
    in deinen obertönen werde ich

  3. #3
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    Hallo Freunde der klassischen Literatur, insbesondere Shakespeares !

    Oh User, Du unbekanntes Wesen! Da stellt fourteen14 ein Zitat aus Shakespeares Romeo und Julia hier ein, und kein Mensch erfährt warum. Auch auf Nachfrage von Thisbe erfolgt keine Antwort. Nun könnte ich das einfach ignorieren, doch kann ich es aus zwei Gründen nicht.

    Zum einen ist das Interesse an Shakespeares beliebtesten Werk doch recht groß, insgesamt 128 Leute haben sich bis dato hier angeklickt und - nichts erfahren. Zum anderen hat das Zitat einen falschen Zeilenumbruch und enthält insgesamt etwa sieben Rechtschreibfehler. Korrekt wiedergegeben müßte es so lauten.

    So ein'ge Lieb aus großem Haß entbrannt!
    Ich sah zu früh, den ich zu spät erkannt.
    O Wunderwerk! Ich fühle mich getrieben,
    Den ärgsten Feind aufs zärtlichste zu lieben.
    1. Akt, 5. Szene, 136-139

    Die Übersetzung stammt von August Wilhelm von Schlegel (1767-1846), dem "klassischen" Shakespeare-Übersetzer. Thisbe erscheint seine Übersetzung "einigermaßen daneben". Kritisch erscheint mir vor allem eine Stelle. Prodigious birth of love übersetzt Schlegel mit O Wunderwerk! Prodigious hat an dieser Stelle allerdings eine Bedeutung, die heute nicht mehr im Gebrauch ist. Bei Shakespeare ist sie noch nahe der lateinischen Ursprungsbedeutung: prodigium: Wunderzeichen, Ungeheuerlichkeit, göttliches Zeichen des Zorns. Ob das nun jemand versteht, der "O Wunderwerk!" hört?

    Romeo und Julia ist bekanntermaßen eine Tragödie, d.h. eine Geschichte, die unausweichlich tragisch, nämlich tödlich, endet, und zwar deswegen, weil dieses Ende übernatürlichen Ursprungs und deshalb vorgezeichnet ist (destiny). Als Julia auf dem Fest ihres Vaters den maskierten Romeo kennenlernt, verliebt sie sich ihn, ohne zu wissen, wer er ist. Als sie von der Amme seinen Namen erfährt, überfällt sie diese düstere Vorahnung: "Prodigious birth of love it is to me".

    Was Thisbes Kritik an der Qualität der Übersetzung anbelangt, so ist zu sagen, daß es gar nicht so einfach ist, einen derartigen Text möglichst getreu und schön zu übersetzen. Ich habe einmal versucht unter Verzicht auf den Reim eine textgetreuere Übersetzung zu schreiben. Vorgabe ist allein der fünfhebige Jambus. (Ich hoffe, ich blamiere mich jetzt nicht!)

    Die einz'ge Lieb' entsprang dem einz'gen Haß!
    Zu früh sah ich, den ich zu spät erkannt!
    Wie unheilvoll erscheint mir diese Liebe,
    da ich nun lieben muß den ärgsten Feind.


    Mit lieben Grüßen an alle Shakespeare-Freunde

    Friedrich
    Geändert von Friedrich (23.01.2012 um 20:42 Uhr)

  4. #4
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    Liebe Gemeinde

    Zitat Zitat von Friedrich Beitrag anzeigen
    Die Übersetzung stammt von August Wilhelm von Schlegel (1767-1846), dem "klassischen" Shakespeare-Übersetzer.
    Die Herkunft der Übersetzung wurde bislang nicht geklärt.

    Zitat Zitat von Friedrich Beitrag anzeigen
    Thisbe erscheint seine Übersetzung "einigermaßen daneben".
    Zitat Zitat von Thisbe
    die Übersetzung oben finde ich einigermaßen daneben.


    Zitat Zitat von Friedrich Beitrag anzeigen
    enthält insgesamt etwa sieben Rechtschreibfehler. Korrekt wiedergegeben müßte es so lauten.

    ...
    Ich sah zu früh, den ich zu spät erkannt.
    ...
    Zitat Zitat von fourteen.14
    ich sah zu früh,
    denn nicht zu spät erkannt.
    Rechtschreibfehler von ich zu nicht? Die Bedeutung wurde verändert.

    Zitat Zitat von Friedrich Beitrag anzeigen
    Was Thisbes Kritik an der Qualität der Übersetzung anbelangt, so ist zu sagen
    Thisbe hat gesprochen.

    Gute Nacht.
    dich singen scheuer augenblick
    in deinen obertönen werde ich

  5. #5
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    Hallo Thisbe,

    weshalb ich meinen Beitrag zum Thema von Romeo und Julia hier eingestellt habe, wurde eigens begründet; es geschah nicht, um Dich oder Deinen Beitrag zu kritisieren. Ich finde es im Gegenteil gut, daß Du Dich für diese Rubrik hier so engagierst!

    In einem Punkt habe ich Dich wohl mißverstanden. Ich dachte, Du seist mit der Schlegel'schen Übersetzung nicht zufrieden, gemeint war aber die fehlerhafte Wiedergabe derselben (fourteen14 hat ja selbst nichts übersetzt). Doch gleichviel! Dein Einwand hat mich jedenfalls dazu gebracht, die Übersetzung Schlegels auf ihre Qualität hin zu überprüfen. Demnach war es ein fruchtbares Mißverständnis.

    Was die Art der Fehler betrifft, so habe ich sie nicht korrekt kategorisiert; ich hätte einfach "Fehler" schreiben sollen. Wahrscheinlich sind fourteen14 die Fehler beim Abschreiben entstanden; Abschreibfehler sind, was den Originaltext betrifft, nicht ortho-graphische Wiedergaben. Doch darüber brauchen wir uns weiß Gott nicht zu streiten!

    Vielen Dank nochmal und

    lieben Gruß

    Friedrich

  6. #6
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    Lieber Friedrich,

    nun, in Deinem Beitrag fand sich einiges versammelt, was vor meinem stieren Blick ein rotes Tüchlein entfalten mochte ...

    Dem oben „Erdichteten“ auch noch kühne theoretische Spekulationen hinzu zu dichten, war für mich zuviel des Dichtens und keine Grundlage für eine Erörterung, welche da wäre: den Ausschnitt als das nehmen, was er ist: eine zweifelhafte Übersetzung.

    Zitat Zitat von Friedrich Beitrag anzeigen
    (fourteen14 hat ja selbst nichts übersetzt).
    Auch für diese Behauptung fehlt nach meinem Verständnis ein Gegenbeweis.

    Ich weiß doch bald gar nicht mehr, was ich hier ernst nehmen soll und was nicht, und da ist so manches, was ich seinerzeit noch nicht wußte ..... Inzwischen meine ich, soll die frischverliebte Jugend doch mit Shakespeare machen, was sie will - - - denn wer war Shakespeare ?!

    Deine Übersetzung finde ich nicht übel, weshalb schreibst Du nicht
    Die einz'ge Lieb' entsprang dem einz'gen Haß!
    Denn das einz'ge empfand ich in der der zitierten? Übersetzung von fourteen.14 noch am Stimmigsten, also gerade nicht der schlegelschen folgend, die mir (ja, ich bekenne letztendlich ... !) nicht wirklich gelungen erscheint.

    Liebe Grüße

    Thisbe
    dich singen scheuer augenblick
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  7. #7
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    Liebe Thisbe,

    ich hoffe mit diesem Beitrag nicht wieder ein "rotes Tüchlein" zu entfalten!

    (fourteen14 hat ja selbst nichts übersetzt).
    Auch für diese Behauptung fehlt nach meinem Verständnis ein Gegenbeweis.
    Auch wenn ich Dich damit erneut reizen sollte, aber dafür bedarf es keines Gegenbeweises, das ist einfach evident. Wenn ein Schüler zu seinem Lehrer sagte, er habe das Shakespeare-Zitat (abgesehen von ein paar Abschreibfehler!) rein zufällig genauso übersetzt wie Schlegel, würde der sich nicht auf den Arm genommen fühlen?

    Deine Übersetzung finde ich nicht übel, weshalb schreibst Du nicht
    Die einz'ge Lieb' entsprang dem einz'gen Haß!
    Du hast recht! Ich habe es geändert.

    Inzwischen meine ich, soll die frischverliebte Jugend doch mit Shakespeare machen, was sie will - - - denn wer war Shakespeare ?!
    Shakespeare war der größte englische Dichter! Ob dieser nun tatsächlich so hieß oder Francis Bacon oder Christopher Marlowe etc. tut dem keinen Abbruch.

    Dein erster Satz klingt ein wenig resigniert. Vielleicht will die Jugend gar nicht "mit Shakespeare machen, was sie will", vielleicht will sie auch etwas von dem lernen, was andere aus ihm "gemacht" haben? Ich bin immer wieder erstaunt, wieviel Interesse in diesem Forum doch an berühmten Dichtern besteht; die hohen "Einschaltquoten" zeigen es. Mir kam unlängst der Gedanke, daß inzwischen immer mehr Leute sowohl der massenhaft produzierten junkfood als auch der junkculture überdrüssig werden und deshalb hier im Forum auf der Suche nach etwas Echtem sind. Darüber hinaus wollen sie nicht nur konsumieren, sondern auch produzieren. Diesen Beitrag findest Du unter Kochsendungen und Gedichteforen.

    Was mich an dem Schauspiel von Romeo and Juliet so erstaunt, ist, daß es überhaupt aufgeführt wurde.

    Man stelle sich nur vor: Ein junges Mädchen (Juliet) soll von ihrem Vater (Capulet) mit einem der Familie genehmen Mann (Paris) verheiratet werden, doch sie läßt sich mit einem jungen Mann (Romeo) ein, heiratet ihn und verbringt sogar noch heimlich die Hochzeitsnacht mit ihm im Hause ihrer Eltern. Und dabei ist es noch der Sohn des ärgsten Feindes. Wäre das nicht ein Grund für einen "Ehrenmord"? Zumindest müßte das Mädchen doch aus der Familie verstoßen werden, und Capulet droht ihr das ja auch an, als Juliet sich weigert, Paris zu heiraten. Und dennoch: Am Schluß soll Juliet - zusammen mit Romeo - mit einem großen Denkmal in Verona für ihre Tat geehrt werden.

    Montague:
    For I will raise her statue in pure gold
    (...)
    There shall no figure of such rate be set
    As that of true and faithful Juliet.
    (V / 3 / 298 - 301)

    (Ich will ihr eine Statue aus purem Gold errichten, und es soll keine andere die der wahrhaftigen und treuen Juliet übertreffen).

    True and faithful !! Ist das nicht Idealismus?

    Als nach dem Tode Tybalts und Romeos Verbannung Juliet ihren Verehrer Paris heiraten soll, gibt es für sie drei Optionen. Die erste ist die profane oder pragmatische, die von der Amme vorgeschlagen wird: Romeo vergessen und den edlen Paris heiraten, der doch mindestens ebenso gut sei wie ihr erster Mann. Dies ist für Juliet unanehmbar und sie bricht mit der Amme, ihrer möglicherweise einzigen Vertrauten. Sie ist wahrhaftig zu ihrer Liebe und treu ihrem Ehemann gegenüber ... und koste es auch ihr Leben.

    Friar Laurence berichtet das dem Prinzen folgendermaßen:

    And with wild looks bid me devise some mean
    To rid her frome this second marriage
    Or in my cell there would she kill herself.
    (V / 3 / 239 - 241)

    (Und mit wildem Blick bat sie mich, ihr ein Mittel zu ersinnen, sie von dieser zweiten Heirat zu befreien, ansonsten sie sich in meiner Zelle töten würde).
    Juliet emanzipiert sich nicht nur ihrem Vater gegenüber, indem sie konsequent tut, was sie für richtig hält, sie zeigt auch angesichts der "vulgären" Amme und deren Pragmatismus wahre Größe (noblesse)! Und aus diesem Grunde liebe ich dieses Stück !

    Mit lieben Grüßen

    Friedrich
    Geändert von Friedrich (24.01.2012 um 21:16 Uhr)

  8. #8
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    Grüß Dich, Friedrich,

    Zitat Zitat von Friedrich Beitrag anzeigen
    ich hoffe mit diesem Beitrag nicht wieder ein "rotes Tüchlein" zu entfalten!
    Auch wenn ich Dich damit erneut reizen sollte, aber dafür bedarf es keines Gegenbeweises, das ist einfach evident. Wenn ein Schüler zu seinem Lehrer sagte, er habe das Shakespeare-Zitat (abgesehen von ein paar Abschreibfehler!) rein zufällig genauso übersetzt wie Schlegel, würde der sich nicht auf den Arm genommen fühlen?
    *Lachnee, ist nicht dramatisch ; stimme Dir insofern zu, daß es allenfalls zu Uminterpretation einer Vorlage gekommen sein könnte – eine Stilfigur verändert / eine Antithese geglättet wurde, oder wie könnte man das sagen?
    Also nochmal: Ich sah das Zitat, spulte geduldig ein ähnliches Sprüchlein ab, wie es Lia Well ja schon als Banner dem Subforum zuoberst wehen gelassen hat, weil ich Wert auf korrektes Zitieren samt Urheberrechtswahrung lege – nicht zuletzt, weil auch Übersetzer Autorenrechte haben. Da kann ich reine Spekulationen über eine rechtefreie Herkunft schlecht akzteptieren. Darum gings.
    Im ersten Beitrag steht auch, daß ich mit Shakespeare-Kenntnissen nicht wirklich dienen kann, das Stück liegt mir auch nicht im Original vor, ich müßte alles googlen.
    Aber danke Dir sehr für Deine Weiterführung der Gedanken. Ja, Juliet ist wohl auf der einen Seite noch im duldsamen Rahmen Fügsame und dadurch scheint ihr Verhalten wohl gesellschaftlich akzeptabel. Deine Schlüsse über die Modernität des geschickt verpackten Stoffs finde ich sehr gut, - es ließ mich wieder daran denken, was schon alles 100-jähriges Jubiläum gefeiert hat ... das uneingeschränkte Frauenwahlrecht jedenfalls noch nicht, das dauert noch ein paar Jährchen (in Deutschland erstmals seit 1919; in Großbritannien 1928!)

    Nachdem Du ja die diskutierte Passage so schön erläutert hast und meine eigenen Recherchen nix Neues brachten, gehe ich nun davon aus – zumal der User fourteen.14 ja leider nicht auf die Hinweise eingehen wollte - daß er/sie selbst ein wenig damit herumgespielt hat. Daß fourteen.14 gar von Autoren lernen wollte, wäre mir so jetzt nicht in den Sinn gekommen. Nö, eher sucht die Jugend wohl, von jemandem verstanden zu werden.
    Sollte fourteen.14 selbst only zu einz’ge übersetzt haben, weil eingen (meine Assoziation: Luther-Sprache) zu altbacken, dann: Hut ab, glückliches Kind!
    Das Wunderwerk– da hast Du ja ganz meine Zustimmung – begünstigt einiges an Fehlinterpretation --- Also ehrlich: wissend um den Originaltext und arglos im Theater sitzend diese von Dir zitierte schlegelsche Passage zu hören - ich glaub, ich hätte lauthals losgelacht. Und wie stünde die arme Juliet dann da ... Es gibt Dramaturgen für sowas. Wenns nicht anders geht, Juliet nach dem Statement der Amme den Inhalt einfach nur stummfilmmäßig gucken lassen. Sagt alles.
    Meine konklusierende Unterstellung: Das beste wärs dann wohl, wenn das "dumme Volk" die Originale gar nicht kennt, hm? (so vom Hörenmunkeln - als kleiner Seitenhieb auf Luthers Bibelübersetzung ... )
    Zurück zu Shakespeare – der Passage unmittelbar voran geht die Ammenaussage:

    Nurse:
    His name is Romeo, and a Montague;
    The only son of your great enemy


    Romeo sein Name, ein Montague;
    eures ärgsten Feindes einzger Sohn

    Eine Anmerkung meiner Quelle dazu:
    "Juliet greift das only der Amme auf, und, wie sie Niemanden hasst, als die sie aus Familieninteresse hassen muss, so liebt sie auch Niemanden, als den Sprössling dieser Familie, den Romeo."

    Das finde ich in Deiner Übersetzung schön umgesetzt, wüßte nicht, warum man das great der Amme auch bei Juliet übernehmen müßte. Sehr gut, daß Du auf die gezwungene Reimerei verzichtest. Eine Übersetzung kann keine eierlegende Wollmilchsau sein.

    Zitat Zitat von Friedrich Beitrag anzeigen
    Dein erster Satz klingt ein wenig resigniert. Vielleicht will die Jugend gar nicht "mit Shakespeare machen, was sie will", vielleicht will sie auch etwas von dem lernen, was andere aus ihm "gemacht" haben? Ich bin immer wieder erstaunt, wieviel Interesse in diesem Forum doch an berühmten Dichtern besteht; die hohen "Einschaltquoten" zeigen es. Mir kam unlängst der Gedanke, daß inzwischen immer mehr Leute sowohl der massenhaft produzierten junkfood als auch der junkculture überdrüssig werden und deshalb hier im Forum auf der Suche nach etwas Echtem sind. Darüber hinaus wollen sie nicht nur konsumieren, sondern auch produzieren. Diesen Beitrag findest Du unter Kochsendungen und Gedichteforen.
    Ja, ich habe Deinen Beitrag schon vor längerer Zeit gelesen und fand den Gedanken originell, bin aber leider nicht die richtige Gesprächspartnerin dafür, weil ich Nahrungsaufnahme anders bewerte, als das Bücherverschlingen.
    Ich mag auf der anderen Seite auch von niemandem lernen, wie ich die verwertete Nahrung noch echter (vielleicht in mehreren Gängen?) wieder ausscheide ...
    Vielleicht fehlt es mir an Aggression dafür? Also, vordergründig wäre für mich das hohe, aber verdrängte Aggressionspotential, das Psychologen dem Essensprozeß an sich und im besonderen Leuten zuschreiben, die aus dem Essen einen Kult machen und auch noch so aussehen. Wo führte uns das hin? (Um solche Zeitbomben besser einen Riesenbogen schlagen?)
    Ich kann Dir gar nicht sagen, wann ich zuletzt ferngesehen habe, aber als ich vor Jahren mal wissen wollte, was an einer Kochsendung so toll sein soll – es blieb und bleibt mir verschlossen. Am meisten auf den Keks ging mir, glaube ich, daß da noch andere rumlungerten und andauernd geschwätzt wurde.
    Da lese ich lieber Berichte von Menschen mit Eßstörungen im Konflikt mit dem Annehmen und Zermalmen der Nahrung und einem gewissenreinigenden Zurückgebenmüssen vor der endgültigen Zersetzung, und lerne etwas über Sensibilität und Selbstkritik.

    Resigniert ... Ja, vielleicht hast Du recht, zumindest was die Enttäuschung, weil Erwartung einer Antwort, angeht, die man ja manchmal nicht unterdrücken kann. Aber fourteen.14 ging es ja eben nicht um ein Geraderücken des verzerrten Bildes, welches mich neugierig und erwartungsvoll hat werden lassen ... Deshalb war meine Anmerkung letztendlich sehr positiv Shakespeare zugedacht: ob wir ihn nun gebührend verstehen oder nicht: wichtig ist, meine ich, daß heutzutage jeder seinen Shakespeare findet, auch gerade weil er ein Altertümchen und nicht mehr greifbar ist.
    Wenn ich überlege, was mir mit 14 durch die Birne ging - - Ludwig Hirsch. Ich war besessen von dem Willen, den Menschen zu treffen, der so tröstlich vom Tod singen kann. Deshalb schlich ich mich zum Pressetermin nach einem Konzert und stellte nach all den intelligenten Erwachsenenfragen, mit hochroter Birne die meinen zum Großen Schwarzen Vogel, während die Presseleute wieder abzwitscherten. Diese Begegnung und ganzen Umstände waren lebenswegweisend für mich. Daraus wurde wenig später der Mut zur ersten selbst vorgeschlagenen Stundengestaltung mit Referat samt Musikvorstellung etc. – damals war sowas mit Medien und so absolute Ausnahme im Unterricht. Da passierte Entwicklung, die jahrelanges Lehrergequassel nicht geschafft hatte und ich hatte meinen Ludwig Hirsch fürs Leben gefunden. Entschuldige die Nähkästchenplauderei – aber vielleicht kannst Du Dir jetzt vorstellen, wie mich dieser Selbstmord und Dein einfühlsamer Nachruf zusammengefaltet haben. Auch sowas geschieht aus heiterem Himmel. Ich danke Dir dafür an dieser Stelle. Auf Wirkungen drängen oder hoffen wollen ist, glaub ich, selbst in einem "geduldigen" Forum wie diesem nicht möglich. So richtig echte Wirkung findet erstmal eh keine Worte (oder bei Thisbe erheblich bzw. "unzeitgemäß" zeitversetzt ). Meine (nicht resignierende) Erfahrung; doch schätze ich sehr, sehr! das überwiegend spontane Positive Deiner Gedanken.

    Soweit mein Thanks & Cheerio. War schön, Dich kennengelernt zu haben! Viel Gutes wünscht Dir

    Thisbe
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    in deinen obertönen werde ich

  9. #9
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    Liebe Thisbe,

    vielen Dank für Deinen umfangreichen Kommentar. Im Grunde sind es ja drei Kommentare zu drei verschiedenen Themen: 1. Romeo und Julia, 2. Ludwig Hirsch, 3. Kochsendungen und Gedichteforen. Ich hoffe, Du hast nichts dagegen, wenn ich die beiden letzten Teile als Zitate in den jeweils dazugehörigen Faden einstelle.

    Inzwischen hat mir auch longshanks, ein leidenschaftlicher und begabter Übersetzer von überwiegend englischen Gedichten, seine Version der besagten Verszeilen zukommen lassen. Ich denke, es ist ganz interessant, wenn man das Originalzitat mit den verschiedenen Übersetzungen vergleicht.



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    Prodigious birth of love it is to me,
    That I must love a loathed enemy.
    Shakespeare

    So ist die Liebe mir im Hass entbrannt,
    trotz frühem Blick hab ich zu spät erkannt,
    dass Liebe mir dies Schicksalslos beschert,
    mein Herz, das sich nach meinem Feind verzehrt.
    longshanks

    So ein'ge Lieb aus großem Haß entbrannt!
    Ich sah zu früh, den ich zu spät erkannt.
    O Wunderwerk! Ich fühle mich getrieben,
    Den ärgsten Feind aufs zärtlichste zu lieben.
    Schlegel

    Die einz'ge Lieb' entsprang dem einz'gen Haß!
    Zu früh sah ich, den ich zu spät erkannt!
    Wie unheilvoll erscheint mir diese Liebe,
    da ich nun lieben muß den ärgsten Feind.
    Friedrich

    Im übrigen, gefällt mir in Romeo and Juliet die Stelle am besten, als Juliet ihren Romeo vor den Beschimpfungen der Amme in Schutz nimmt. Nachdem Romeo Juliets Vetter Tybalt im Kampf getötet hat, ist man im Hause Capulet sehr zornig auf ihn.

    Nurse
    Shame come to Romeo!

    Juliet
    Blister'd be thy tongue
    For such a wish!
    (...)
    O, what a beast was I to chide at him!

    Nurse
    Will you speak well of him that kill'd your cousin?

    Juliet
    Shall I speak ill of him that is my husband?
    Ah, poor my lord, what tongue shall smooth thy name,
    When I, thy three-hours wife, have mangled it?
    (III, 2, 89 - 99)


    (Schande über Romeo! - Die Krätze auf deine Zunge für solch einen Wunsch! Oh, was war ich doch ein Biest, auf ihn zu schimpfen! - Willst du gut über ihn sprechen, der deinen Vetter erschlug? - Soll ich schlecht über ihn sprechen, der mein Ehemann ist? Oh mein armer Herr, wessen Zunge soll deinen Namen in Schutz nehmen, wenn nicht ich, deine Frau seit drei Stunden, es tue?)

    Für so eine Frau könnte man doch sterben, oder nicht?

    Mit lieben Grüßen

    Friedrich

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