1. #1
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    wachgeträumt und ausbetrogen

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    Blindgeliebt und taubgelogen
    treiben nebulöse Träume
    wehrlos über Wissensgründe,
    schaffen leere Zwischenräume:
    Platz für neue Lebenswogen.

    Trägheitsscheu und ungebunden
    schwären ausgefeilte Triebe
    fordernd in den Kopflandschaften,
    sind mir Phantasiendiebe,
    hinterlassen Liebeswunden.

    Trostverschnürt und flachgebogen
    ziehen stumme Sehnsuchtsfetzen
    quer durch meine Augenblicke;
    ich fang sie in Wahrheitsnetzen:
    wachgeträumt und ausbetrogen.
    .
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    "gesammelte Empfehlungen" von linespur
    Du vermisst einen Kommentar zu Deinem Gedicht?

    Genie ist weniger eine Gabe denn aus blanker Not geborener Erfindungsreichtum.
    Jean Paul Sartre

  2. #2
    DerKleinePrinz* Guest
    Hallo Nina,

    dein Gedicht sammelt allerhand Neologismen an, wobei mich das Gefühl beschleicht, du übertreibst es ein wenig. So gefallen mir die beiden Wörter im Titel und wiederkehrend in der letzten Zeile ausgesprochen gut, Wortbildungen wie Trägheitsscheu, Sehnsuchtsfetzen oder Kopflandschaften dagegen weniger. Ich weiß nicht, ob die Wirkung der in meinen Augen wichtigsten Begriffe, also die beiden im Titel, noch stärker auf mich wäre, würde das Gedicht nicht so "bepackt" mit außergewöhnlichen Wörtern sein. Freilich besteht aber auch die Möglichkeit, dass ich noch nicht offen genug, um soviel Neues auf einmal zu verkraften.
    Sehr gelungen finde ich dagegen das Reimschema. Besonders stark wirkt auf mich der Reim von Triebe und Diebe und auch aus den äußeren umarmenden Reimen könnte man eine Geschichte für sich entdecken: taubgelogen - Lebenswogen - ungebunden - Liebeswunden - flachgebogen - ausbetrogen.

    Den Inhalt des Gedichtes deute ich als Neuanfang in Liebe und Leben, dem der Abschluss einer Beziehung, welche mehr schädlich war als gut, zu Grunde liegt. So träumt das Lyrische Ich schon längere Zeit davon, wie so ein Neubeginn bzw. zunächst das Beenden der Beziehung wäre, es hat sich also wachgeträumt, aus dem Stillstand über Phantasie befreit, der (Selbst?)betrug endet, es hat sich nun ausbetrogen. Aus dieser Perspektive betrachtet ist die Verwendung der Neologismen absolut gerechtfertigt - alles wird neu, also auch die Worte. Deshalb wird mein obiger Ersteindruck bei genauerem Hinsehen abgeschwächt, obwohl mir ein Restzweifel bezüglich der Wirkung von den Wörtern wachgeträumt und ausbetrogen bleibt.

    Eine Frage habe ich noch zum Metrum: Kann es sein, dass das ich fang in der letzten Strophe etwas aus der Reihe zu den übrigen Versen tanzt? Wenn dem so ist, würde ich dir Absicht unterstellen, um dieses schnelle Wegfangen der Sehnsuchtsfetzen besser hervorzuheben. Wenn dem nicht so ist, bleibt mir dennoch derselbe Eindruck

    Liebe Grüße
    DerKleinePrinz*

  3. #3
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    Hallo Prinzkleiner,

    viel zu lange bin ich Dir schon eine Antwort schuldig geblieben; verzeih! Derzeit treibt es mich hier ein wenig weg und dadurch blieb auch dies leider liegen.

    Nun denn: Ja, es sind recht viele Neologismen, was sicherlich für manchen Leser – offensichtlich auch für Dich – überlastend wirken mag. Allerdings beschäftigt sich dies Gedicht rein mit der Abbildung von Gefühlswelt und ich empfinde es immer als notwendig, dann wirklichkeitsfremde Lösungen zu nutzen, um diese abbilden zu können. In meinem Kopf entstehen beim Übersetzungsversuch dieser Gefühle vorerst Bilder, die surrealistische Züge aufweisen – ich würde Dich auf Bilder von Dali verweisen wollen, wolltest Du diese beschrieben haben. Ich liebe seine bildliche Übersetzung zum Thema Zeit, kann aber auch lange vor seinen Sphinxen verharren, um nur einmal zwei Beispiele herauszugreifen.

    Wenn man Gefühle malen wollte, so müsste man schon – so mein empfinden – diesen Bildstil verwenden. Eine Übersetzung der Bilder in Worte verlangt aber eben in meinen Augen die Verwendung von Neologismen – mit Alltagssprache käme ich zumindest nicht annähernd zur Möglichkeit, hier wortmalerisch den Bildgehalt spiegeln zu können. Ich glaube, meine Anhäufung da oben will ähnlich verstanden sein.

    Im Text wollte ich mehr als einen aktuellen Gefühlszustand skizzieren, der sich letztendlich eigentlich nur in der letzten Strophe ausdrücken wollte: Akute Depression; wenngleich dies Wort nicht als Krankheitsbeschreibung sondern als Übersetzung von gefühlstechnischer Äußerungslähmung in Verbindung mit ungezügelter Gedanken- und Erinnerungswut sowie einer vermuteten nicht zugelassenen Erkenntnis eskaliert verstanden gewollt sein möchte.

    Die Vorstrophen wiederum verstehe ich als Weg zur letzten, wobei die Zustände letztendlich in endloser Schleife sich wiederholen, so dass ich letztendlich den zeitlichen Ablauf dann doch in Frage stellte – das führte mich zur durchgehenden Präsensverwendung.

    Letztendlich Deine Frage zur Metrik: Die angesprochene Zeile strauchelt gemäß natürlichem Sprachempfinden; der fortlaufende Text führt zwar in metrischer Syntax zur Betonung des „ich“ um analog der Vorstrophen zu verfahren, dieses bleibt aber inhaltlich bedacht eigentlich falsch. Ich lese dennoch das „Ich“ betont – das lyr.I. wacht aus einer reinen Innenkehrtraumphase auf und findet ein Stück weit zu seiner Realität: "wachgeträumt" und "ausbetrogen" stellen quasi eine finale Erkenntnis dar und beenden also das Traumfetzenziehen im Innern; hier könnte der Kreislauf also unterbrochen werden? Ich glaub nicht, dies trügerische Erwachen wird dem erneuten wunschbetonten Hingeben weichen, wenn man mich fragt *zwinker*

    Ich danke Dir für Deine Einlassung * Gib Acht auf Dich!
    Nina
    Geändert von linespur (07.12.2011 um 12:50 Uhr)
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  4. #4
    DerKleinePrinz* Guest
    Hallo Nina,

    es ist nicht schlimm, dass du dir mit einer Antwort Zeit gelassen ist, wichtiger ist mir der Inhalt.

    Du schreibst, man müsste auf einen Dali-ähnlichen Stil zurückgreifen, wollte man Gefühle malen und um diese sprachlich darzustellen, bräuchte es Wortneubildungen. Diese Perspektive finde ich interessant, da ich bisher immer zu den Menschen gehörte, die die einzige Möglichkeit des künstlerischen Gefühlsausdruckes im Zwischenraum zwischen Werk und Rezipient sahen. Dass Gefühl direkt darzustellen, ohne dabei, mit Verlaub, aufs Blatt zu kotzen, kam mir noch nicht in den Sinn. Dies kann auch darin begründet liegen, dass ich dem Surrealismus bisher beinahe fremd blieb. Insofern sehe ich deine Wortwahl in einem anderen Licht und möchte fast sagen, dass mancherlei Gedicht manchmal doch eine Erklärung benötigt, auch wenn die deine komplex ist und ich das Gefühl habe, dass es dir nicht leicht fiel, Worte zu finden.
    Dies spricht in meinen Augen für dein Gedicht, da Lyrik für mich der Ausdruck dessen ist, was man mit Prosa nicht ausdrücken oder höchstens umschreiben kann.

    Liebe Grüße
    DerKleinePrinz*

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