Thema: Nachthimmel

  1. #1
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    Nachthimmel

    Ein schwarzes Meer fließt über allem
    mit leuchtend oder runden Inseln
    und daran vorbeiziehend Schiffen.

    Nicht sichtbar, was da drunter lagert,
    doch wenn es endlich wärmer wäre,
    dann zeigten sich auch wieder Fische.

    Sind manche doch auch schon geflogen,
    und auf den Inseln dann gewesen,
    doch nie zu des Gewässers Ufer.

  2. #2
    Dr. Üppig Guest
    Hallo Blobstar,

    Im "Wunschkommentar"-Faden ist es seltsam still geworden, also dachte ich mir, ich kommentiere ein paar der ganz vergessenen Werke.

    Dein Gedicht hat meine Aufmerksamkeit zunächst mit dem Titel auf sich gezogen. Um ehrlich zu sein, ich habe eine Schilderung einer verwegenen Schiffsfahrt erwartet.
    Nun weiß ich gar nicht, wie ich da eigentlich herangehen soll.


    Ein schwarzes Meer fließt über allem
    mit leuchtend oder runden Inseln
    und daran vorbeiziehend Schiffen.
    Diese Strophe gefällt mir nicht ganz, um ehrlich zu sein. Ich muss mich korrigieren: Mir gefällt es nicht ganz, dass im 2. und 3. Vers Einiges verstellt wird, um dem Metrum gerecht zu werden, und im 3. Vers klapt das auch nicht wirklich; aber vom Inhalt und von der Konstruktion gefällt es mir ausgezeichnet.
    Ich hab nachgedacht. Ein "schwarzes Meer", das "über allem" fließt? Ist das wörtlich zu nehmen? Was könnte das sein? Soll ich das wieder pragmatisch lösen? Stelle ich nicht zu viele rhethorische Fragen?
    Eine Idee könnte sein, dass es hierbei um das gute alte Erdöl handelt, das sich schwarz über allem ausgebreitet hat. Mit entsprechend leuchtenden "Inseln", wie man es von Benzinflecken in Pfützen gewohnt ist.
    Eine andere Idee, die mir etwas mehr einleuchtet, aber nicht so leicht am Text festzumachen ist: Ein Nord- oder Südmeer. Eis auf der Oberfläche, schwarz als Zeichen der Kälte, die Inseln sind Eisberge oder -schollen.
    ... Ich bin zu pragmatisch, ich weiß. Man könnte das ganze allegorisch sehen, das schwarze Meer als einen Schleier, etc., aber die Rubrikwahl hilft mir da etwas aus der Patsche.


    Nicht sichtbar, was da drunter lagert,
    doch wenn es endlich wärmer wäre,
    dann zeigten sich auch wieder Fische.
    Weiter im Text: Beide meiner obigen Ausführungen könnten eventuell weiterleben.
    Den Ölteppich kann man abbrennen, hab ich mal gehört. "Dann zeigten sich auch wieder Fische."
    Auch wenn das Eis schmilzt, wären die Fischlein munterer.
    Nun bin ich eben der zweiten Idee mehr zugeneigt, warum? Eine Erwartung trifft in Kraft: es soll "endlich wärmer" werden. Andererseits kann man das auch für die Größe und Schwere der Verschmutzung sehen und die Hoffnung, das Zeugs endlich mal wegzumachen.
    Du siehst, ich verrenne mich da gern in Ideen.
    Das vierhebige Versmaß passt hier übrigens wieder ganz ausgezeichnet, ich sehe keine Stolperer.


    Sind manche doch auch schon geflogen,
    und auf den Inseln dann gewesen,
    doch nie zu des Gewässers Ufer.
    Beim Wort "manche" neige ich dazu, es auf die vorangegangenen Fische zu beziehen. Wenn das gewollt war, bin ich in der Klemme: Es kommt eine weitere Komplexitätsebene hinzu. Wenn nicht, kann man durch die Großschreibung von "manche" schnell und unkompliziert eine Abgrenzung von den Fischen erreichen.
    Der letzte Vers wieder: Welches Gewässer lässt kein Lebewesen an den Rand gelangen? Wohl doch nicht das Ölmeer, aus dessen Ufern niemand lebendig entkommt, wenn er auf den "Inseln" war? Es ist ein kaltes Meer, dessen Bewohner nie die Ufer erreichen... Ich denke noch nach.

    Zusammengefasst muss ich wieder die 1. Strophe bekritteln. Vor allem der dritte Vers hebt sich für mich eher unangenehm hervor. Als eine Art Beispiel, um zu zeigen, was ich mene, würde ich vorschlagen: "Und, zwischen ihnen lenkend, Schiffen." Das hat keinen Anspruch auf Qualität, ich bin da der Ansicht, dass der Autor das immer besser kann.
    Insgesamt gefällt mir das Gedicht dann doch ganz arg. Vor allem, wie mir grade auffällt, durch den passiven Aufbau, der wie eine Feststellung, eine Momentanfotografie, wirkt. Die wenigen Verse sind meist beschreibend, feststellend, nur ein paar drücken Aktion aus. Der Inhalt lässt sich nicht so auf die Schnelle knacken, die Form, abgesehen vom oft Erwähnten, ist gut, da originell.

    gerne gelesen und kommentiert

    mfG

  3. #3
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    Hallo TarasBulba,
    erstmal vielen Dank, dass sich hier mal jemand meldet. Und direkt mal ein Lob an deine Kreativität. Beide Ideen könnte man bestimmt so ausbauen, dass sie perfekt in mein Gedicht passen. Da hätte ich zwar nichts dagegen, aber meine eigene Beschreibungsintention war nicht dabei. Ich werde jetzt aber nicht zuviel verraten.

    Das schwarze Meer ist wirklich schwarz, damit gemeint ist der schwarze Himmel bei Nacht oder durch die Ferne des Universums. Ich bin mir sicher, damit wirst du die Verse lösen können. Viel Spaß dabei!
    LG BS

    Ps: Ich werde mich auf jeden Fall noch einmal an die dritte Zeile setzen und etwas überlegen.

  4. #4
    Dr. Üppig Guest
    Hallo Blobstar,

    Da hast du mich schön in die Falle gelockt!
    Ich muss ehrlich gestehen, dass ich auf diese Möglichkeit nie im Leben gekommen wäre (pragmatisch, viel zu pragmatisch!).
    Natürlich lässt sich das Gedicht jetzt, sozusagen nach der Auflösung, ganz deutlich betrachten und ein Bild, das alle Motive einschließt und ganzheitlich wirkt, entseht dadurch. Der Titel hat mich eben auf das tatsächlich fließende Meer fokussiert.
    Ich denke, falls diese Art Rätselmoment nicht beabsichtigt war, dass die Verschlüsselung dann etwas zu weit geht. Vielleicht gehts nur mir so.

    Jedenfalls ist das Gedicht aus diesem Winkel dann wirklich in sich stimmig geschrieben (bis auf die paar erwähnten Punkte).

    mfG

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