1. #1
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    Fünfhebiger Jambus oder nicht? Hilfe bei Paul Boldts "Friedrichstraßendirnen"

    Hallo zusammen,
    ich beschäftige mich zur Zeit mit einem Gedicht aus der Zeit des Expressionismus. (genauer 1914) Der Dichter Paul Boldt lebte in Berlin, also dem expressionistischen Zentrum überhaupt. Er beschreibt in dem Gedicht die Situation der Prostituierten und vergleicht sie mit Fischerinnen, die sich die Männer (den Fang) angeln. Soviel zum Inhalt. Hier kommt das Gedicht:

    Friedrichstraßendirnen

    Sie liegen immer in den Nebengassen,
    Wie Fischerschuten gleich und gleich getakelt,
    Vom Blick befühlt und kennerisch bemakelt,
    Indes sie sich wie Schwäne schwimmen lassen.

    Im Strom der Menge, auf des Fisches Route.
    Ein Glatzkopf äugt, ein Rotaug' spürt Tortur,
    Da schießt ein Grünling vor, hängt an der Schnur
    Und schnellt an Deck einer bemalten Schute,

    Gespannt von Wollust wie ein Projektil!
    Die reißen sie aus ihm wie Eingeweide,
    Gleich groben Küchenfrauen ohne viel

    Von Sentiment. Dann rüsten sie schon wieder
    Den neuen Fang. Sie schnallen sich in Seide
    Und steigen ernst mit ihrem Lächeln nieder.


    Inhaltlich ist alles klar. Aber mir macht das Versmaß echt Probleme! Handelt es sich hierbei um einen fünfhebigen Jambus? (zumindest V.1-6, 13, 14)? Also betont wird ja "sie LIE/ gen IM/ mer IN/ den NE/ benGAS/ sen". Oder ist das vorne nur ein Auftakt und es folgen dann Trochäen? also: "sie/ LIEgen/ IMmer/ IN den/ NEben/ GASsen"?

    Ich bin mir da nicht sicher. Ich habe einerseits gelesen, dass nie inerhalb von Wörtern getrennt wird, andererseits habe ich schon Beispiele von Goethe etc. gelesen, wo das doch der Fall war.

    Ich hoffe, es kann jemand helfen.

  2. #2
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    Willkommen Sani,

    auf den ersten Blick erkenne ich eine Sonettform, welche üblicherweise aus jambischen Fünfhebern aufgebaut ist, also mit Auftakt = "steigende" Verse mit männlicher / stumpfer oder weiblicher / klingender Kadenz (= Versende).
    Es ist kein klassisches, eher ein freizügiger gestaltetes Sonett mit dem Reimschema abba - cddc - efe - gfg; dem französischen Typ näherstehend.
    Versform ist ein jambischer Fünfheber bzw. das Versmaß aus Jamben bestehend immer fünfhebig (im Beispiel Hebungen unterstrichen, Kadenzen fett) und so zu verstehen:

    Im Strom der Menge, auf des Fisches Route. .... Kadenz weiblich, unbetonte Silbe
    Ein Glatzkopf äugt, ein Rotaug' spürt Tortur,
    .....Kadenz männlich, betonte Silbe

    Wegen der unterschiedlichen Kadenzen kann es sein, daß die Silbenanzahl in den Versen schwankt, also mal 10 bei männlicher, mal 11 bei weiblicher Kadenz.
    Hebungen im Wort richten sich nach der natürlichen Betonung der Wörter, "Trennung" der Wörter innerhalb der Verdeutlichung des Versfußes ist da schon möglich.

    Hoffentlich konnte ich das Knäuel etwas entwirren

    Herzliche Grüße

    Thisbe
    Geändert von Thisbe (15.11.2011 um 15:04 Uhr)
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  3. #3
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    Hallo, Sani
    Thisbe hat natürlich mit allem recht.
    Mir ist ein Vers aufgefallen -ich gehe davon aus, dass Du richtig zitiert hast-, in dem der Verfasser von den fünfhebigen Jamben (wie es sich für ein Sonett durchaus gehört) abgewichen ist. Ich hätte wahrscheinlich geschrieben:

    Und schnellt an Deck der bunt bemalten Schute (xXxXxXxXxXx).

    Er aber schreibt

    Und schnellt an Deck einer bemalten Schute (xXxXxxxXxXx). Wenn er die Unregelmäßigkeit des Metrums absichtlich in Kauf genommen hat, muss man sich fragen: Warum? Vielleicht hilft es weiter, wenn man sich sagt: Auch bekanntere Verfasser sind nicht ohne Fehl und Tadel. Mit Goethes souveränen Setzen von Hebungen und Senkungen

    Ihr naht euch wieder, schwankende Gestalten

    hat das jedenfalls m.E. nichts zu tun.

    Liebe Grüße,
    Heinz

  4. #4
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    Hallo,

    vielen Dank erstmal für diese "entwirrenden" Antworten.

    @Kulturheinzi: der Vers ist tatsächlich richtig zitiert. Mir stellt sich dabei aber die Frage, ob an dieser Stelle nicht wie folgt bestont wird: Und SCHNELLT an DECK EIner beMALten SCHUte. (xXxXXxxXxXx) Denn diese Hebungen und Senkungen werden ja im Duden für die Aussprache mitangegeben, und bei "einer" wird laut Duden die erste Silbe betont. Kann man an dieser Stelle vielleicht von Zäsur sprechen? Auf zwei Jamben folgt meiner Meinung nach ein Trochäus und dann wieder zwei Jamben und ein offenes Verende. Oder was meint ihr?


    Auch folgende Verse finde ich schwierig oder interessant:

    V.3 vom BLICK beFÜHLT und KENnerisch beMAkelt (xXxXxXxxxXx) "kennerisch" schlägt hier völlig raus

    V.7 da SCHIEßT ein GRÜNling vor HÄNGT an der SCHNUR (xXxXxxXxxX) ich habe gelesen, dass eher sinntragende Wörter, als Füllwörter betont werden, daher würde ich eher "hängt" statt wie vom Fünfhebigen Jambus gefordert "vor" betonen, oder?

    V.9 geSPANNT von WOLlust WIE ein PROjektil (xXxXxXxXxx) folgt hier auf drei Jamben ein Daktylus? Aber was ist dann "ein"?

    V.12 von SENtiment dann RÜSten SIE schon WIEder (xXxxxXxXxXx) "Sentiment" isoliert betrachtet würde ich als Daktylus sehen, aber hier?
    Ist es in V.3 und 12 nicht merkwürdig, dass je drei unbetonte Silben aufeinanderfolgen? Ich dachte soetwas gibt es im Deutschen nicht.


    Viele Grüße, Sani

  5. #5
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    Hallo Sani,

    ich erlaube mir mal, meine Lösungsansätze für die "Probleme" darzulegen

    Zitat Zitat von Sani7487 Beitrag anzeigen
    Ist es in V.3 und 12 nicht merkwürdig, dass je drei unbetonte Silben aufeinanderfolgen? Ich dachte soetwas gibt es im Deutschen nicht.
    Eigentlich gibt es in drei- und mehrsilbigen Wörtern ja nochmal eine "schwächer" betonte Silbe gegenüber den unbetonten;
    - entsprechend der Betonung von schwankende worauf Kulturheinzi hingewiesen hat - so würde ich auch dieses Problem angehen:

    Zitat Zitat von Sani7487 Beitrag anzeigen
    V.3 vom BLICK beFÜHLT und KENnerisch beMAkelt (xXxXxXxxxXx) "kennerisch" schlägt hier völlig raus
    V.12 von SENtiment dann RÜSten SIE schon WIEder (xXxxxXxXxXx) "Sentiment" isoliert betrachtet würde ich als Daktylus sehen, aber hier?
    V.3 "kennerisch" und
    V.12 "Sentiment" - hier also Hauptbetonung am Ende wie bei "Regiment" etc.

    Zitat Zitat von Sani7487 Beitrag anzeigen
    V.9 geSPANNT von WOLlust WIE ein PROjektil (xXxXxXxXxx) folgt hier auf drei Jamben ein Daktylus? Aber was ist dann "ein"?
    V.9 Projektil steht in normalem Jambus mit männlicher Kadenz, also betont am Ende

    Zitat Zitat von Sani7487 Beitrag anzeigen
    Und SCHNELLT an DECK EIner beMALten SCHUte. (xXxXXxxXxXx) ...
    Kann man an dieser Stelle vielleicht von Zäsur sprechen? Auf zwei Jamben folgt meiner Meinung nach ein Trochäus und dann wieder zwei Jamben und ein offenes Verende. Oder was meint ihr?
    Ich würde an dieser Stelle (unter Vorbehalt, beweisen kann ichs nicht) von Hebungsprall sprechen, in ähnlicher Manier wie hier:

    Zitat Zitat von Sani7487 Beitrag anzeigen
    V.7 da SCHIEßT ein GRÜNling vor HÄNGT an der SCHNUR (xXxXxXXxxX)
    Warum das so ist und wie man das jetzt anders nennen könnte als "künstlerische Freiheit", weiß ich jetzt auch nicht, meine ganz persönliche Ansicht dieser Wirkung geht schon in Richtung Interpretation:
    Vielleicht soll sich hier ein inhaltlicher Ausdruck im Versmaß niederschlagen.

    Also: Vermutlich stoßen wir hier auf zeittypische Eigenarten expressionistischer Sonette bzw. persönliche Eigenart im Schaffen des Dichters.
    Ich hab mal ein wenig gegoogelt und bin auf den Namen Dirk Schindelbeck gestoßen. Auf seiner HP finden sich Ausschnitte aus einem Aufsatz über Die Veränderung der Sonettstruktur,
    außerdem geht er auch auf dieses Gedicht von Boldt ein. Veränderungen im Versmaß könnten also "expressionistische Aussagen" bezwecken. So als kleiner Such-Tip, eine Fremdverlinkung ist hier im Forum leider nicht erlaubt.

    Herzliche Grüße

    Thisbe
    Geändert von Thisbe (15.11.2011 um 22:37 Uhr)
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  6. #6
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    Moin,

    das ist ein sauberer, gut gemachter fünfhebiger Jambus, denn "kennerisch" kann trochäisch "XxX" und daktylisch "Xxx" gelesen werden, je nach Melodienbogen.

    LG W.
    Keine Signatur ist auch eine. Die andere wurde gelöscht.

  7. #7
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    Hallo Walther,

    ja, "kennerisch" und "Sentiment" lassen sich betonungsmäßig in Jamben betten, das hatten wir doch oben schon geklärt.
    Interessant wird das Metrum nun aber an folgender Stelle

    V.7 Da schießt ein Grünling vor, hängt an der Schnur
    V.8 Und schnellt an Deck einer bemalten Schute,

    V.9 Gespannt von Wollust wie ein Projektil!


    Gerade in Vers 7 und 8 fängt der Jambus zu stolpern an, fängt sich V.9 wieder. Und dazu bemerkt Schindelbeck:

    "Bemerkenswert ist die Umschlagstelle zwischen Vers 8 und 9. Grammatikalisch ist Vers 9 als Partizipialkonstruktion abhängig von Vers 7 und 8.
    Vom Stellenwert des semantischen Gesamtkonzeptes ‘Sonett’ aber hat mit dem Zeitpunkt des Kontakts mit einer gewählten Dirne das Sonett
    von der statischen zur dynamischen Qualität gewechselt, ist jener Punkt im Geschehnisablauf erreicht, wo sich die Macht des Kunden als seine Ohnmacht entlarvt."

    Dieses "Aufeinandertreffen Kunde - Dirne" als Hebungsprall, welcher das Metrum durcheinander bringt, so habe ich das schließlich interpretiert, da es völlig unmöglich wäre, "hängt" als unbetont anzusehen.
    Nur wie könnte man das Metrum von V7 und V8 jetzt genau benennen?

    Herzliche Grüße

    Thisbe
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  8. #8
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    Hallo zusammen,

    Thisbe, ich finde die Interpretation der Hebbungspralle als Zusammentreffen von Dirne und Freier sehr gelungen.

    Ich würde die Verse so bestimmen:
    V.7: auf 3 Jamben folgt ein Trochäus und abschließend wieder ein Jambus. Der Vers ist voll (akatalektisch) mit männlicher Kadenz
    -> "hängt an" fällt damit aus dem Maß heraus; besondere Bedeutung: Übergang vom aktiven zum passiven Sein?
    Ich habe gelesen, dass es ein Maß nach dem Muster XxxX gibt, welches Chorjambus heißt. Könnte "HÄNGT an der SCHNUR" sowas sein? Kennt jemand dieses Versmaß?

    V.8: auf 2 Jamben folgt ein Trochäus, dann wieder 2 Jamben. Der ist ist aber offen (katalektisch) mit weiblicher Kadenz
    -> "einer" mit Sonderstellung; Bedeutung?

    V.9: fünfhebiger Jambus, voll

    Was meint ihr dazu?
    Viele Grüße, Sani
    „Wie wenig du gelesen hast, wie wenig du kennst - aber vom Zufall des Gelesenen hängt es ab, was du bist.“
    Elias Canetti

  9. #9
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    Hallo Sani,

    Ist es in V.3 und 12 nicht merkwürdig, dass je drei unbetonte Silben aufeinanderfolgen? Ich dachte soetwas gibt es im Deutschen nicht.
    Zitat Zitat von Thisbe
    Eigentlich gibt es in drei- und mehrsilbigen Wörtern ja nochmal eine "schwächer" betonte Silbe gegenüber den unbetonten;
    Ja, das ist richtig. Zudem gibt die Regelung: Bei drei unbetonten Silben nacheinander wird die mittlere zu einer betonten.

    Das Sonett ist auch für mich ein einwandfreier fünfhebiger Jambus, bis auf:
    Und schnellt an Deck einer bemalten Schute,
    xXxXXxxXxXx


    Da schießt ein Grünling vor, hängt an der Schnur
    xXxXxXxXxX

    Das ,hängt’ kann hier mMn auch unbetont gelesen werden. Sollte es Probleme damit geben, gibt es auch dafür eine Regelung : Es ist durchaus erlaubt, die Betonung in einem stringent durchgehaltenen Metrum „anzupassen“. Das ist zwar nicht absolut einwandfrei, wurde aber auch von den „Großen“ so gemacht. Dies gilt natürlich nur innerhalb bestimmter Grenzen. Wenn ein Wort absolut nicht betont oder unbetont gelesen werden kann, dann natürlich nicht. Das ist hier aber m.E. bei weitem nicht der Fall.

    Und schnellt an Deck einer bemalten Schute,
    xXxXXxxXxXx

    Warum willst du denn das Versmaß bestimmen? Das ist einfach unbestimmt, würd ich sagen.

    auf 2 Jamben folgt ein Trochäus, dann wieder 2 Jamben. Der ist ist aber offen (katalektisch) mit weiblicher Kadenz
    Ja. Aber möglich wäre auch: 2x Jambus, Daktylus, 2x Trochäus. Oder? Welchen Wert soll es haben, ein unbestimmtes Versmaß genauer zu bestimmen? Für mich ist dieser Vers einfach misslungen. Punkt.


    Liebe Grüße
    Yoa
    Geändert von Yoapharél (16.11.2011 um 17:25 Uhr)

  10. #10
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    Hallo Sani,

    was mir die genaue Definition etwas erschwert, ist ja die Füllungsfreiheit, die Boldt sich innerhalb der beiden Verse herausnimmt, aber schaun wir mal.

    Zitat Zitat von Sani7487 Beitrag anzeigen
    V.9: fünfhebiger Jambus, voll
    Genau.

    Zitat Zitat von Sani7487 Beitrag anzeigen
    V.7: auf 3 Jamben folgt ein Trochäus und abschließend wieder ein Jambus. Der Vers ist voll (akatalektisch) mit männlicher Kadenz
    Das würde ich auch so sehen, um sagen zu können, daß der Vers zwar irgendwie fünffüßig akatalektisch, aber eben nicht durchgängig steigend alternierend aufgebaut ist ...

    Zitat Zitat von Sani7487 Beitrag anzeigen
    Ich habe gelesen, dass es ein Maß nach dem Muster XxxX gibt, welches Chorjambus heißt. Könnte "HÄNGT an der SCHNUR" sowas sein? Kennt jemand dieses Versmaß?
    Jetzt kenne ich ihn ein wenig und kann eigentlich nichts erkennen, was dem widersprechen sollte, eine hübsche Hypothese, würd ich sagen. Aber wird der Vers dadurch nicht sogar vierfüßig akatalektisch?

    Zitat Zitat von Sani7487 Beitrag anzeigen
    -> "hängt an" fällt damit aus dem Maß heraus; besondere Bedeutung: Übergang vom aktiven zum passiven Sein?
    Bezogen auf den Choriambus noch interessanter, weil nun - wenn ich es richtig verstanden habe - das ganze Ende Zusammengführung eines Trochäus und Jambus ist, aber aber in einem Silbenfuß "zusammenhängt": xX / xX / xX / XxxX
    sowie die Bewegung vom "Fall" sich wieder "erhebend": XxxX. Als Transportmittel des Inhalts natürlich viel zu spannend, um es nicht einfach mal zu behaupten ...

    Zitat Zitat von Sani7487 Beitrag anzeigen
    V.8: auf 2 Jamben folgt ein Trochäus, dann wieder 2 Jamben. Der ist ist aber offen (katalektisch) mit weiblicher Kadenz
    -> "einer" mit Sonderstellung; Bedeutung?
    Ja, wäre durchaus darin zu erkennen. Die Frage wäre aber auch, ob es durch zwei Verse hindurch "wandernde" Choriamben sein könnten ...
    Irgendwie schwant mir sowas, weil gerade Klopstock als Verfasser choriambischer Verse genannt wird und ich weiß, daß der das auch mit Daktylen in antiken Strophen gemacht hat,
    ein Vorläufer, der schon einige Dichter der Moderne zu verschiedenerlei Lockerungen inspirierte.

    Diesen Vers betreffend, noch eine Schlußbemerkung zur Feststellung von Dir, Yoapharél, die meiner Ansicht nach schon deshalb zu kurz greift, weil wir es mit einem isolierten Gedicht zutun haben.
    Der Inhalt des Bändchens von 1914, in dem es erschienen ist, findet sich z.B. bei zeno zum Nachlesen, dort entdeckte ich im Gedicht mit ähnlicher Thematik "Die Dirne" gleich wieder solche "Füllungsfreiheiten" (wie passend ) ...
    (Expressionistische Dichter wie solche, die Du in Deiner Signatur hast, Yoa, haben es sich nunmal zur Aufgabe gemacht, zuweilen die Lesererwartung ein wenig zu enttäuschen ... )

    Herzliche Grüße in die Nacht

    Thisbe
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  11. #11
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    Lb. Thisbe,
    Deinen Anmerkungen kann ich voll und ganz folgen. Das Abweichen von der "Norm" kann aus Gründen des Textinhalts erlaubt sein, darf aber nicht einfach "grundlos" erfolgen. Man beachte bei diesen Debatten immer, daß Gedichte grundsätzlich für den Vortrag, also das rhythmisch-dramatische Deklamieren, geschrieben sind. Dieses Bild muß man beim Lesen immer vor sich haben.
    LG W.
    Keine Signatur ist auch eine. Die andere wurde gelöscht.

  12. #12
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    Liebe Thisbe,

    Diesen Vers betreffend, noch eine Schlußbemerkung zur Feststellung von Dir, Yoapharél, die meiner Ansicht nach schon deshalb zu kurz greift, weil wir es mit einem isolierten Gedicht zutun haben.
    Der Inhalt des Bändchens von 1914, in dem es erschienen ist, findet sich z.B. bei zeno zum Nachlesen, dort entdeckte ich im Gedicht mit ähnlicher Thematik "Die Dirne" gleich wieder solche "Füllungsfreiheiten" (wie passend ) ...
    (Expressionistische Dichter wie solche, die Du in Deiner Signatur hast, Yoa, haben es sich nunmal zur Aufgabe gemacht, zuweilen die Lesererwartung ein wenig zu enttäuschen ... )
    Das Brechen des Metrums als Stilmittel, um den Inhalt zu unterstreichen, ist mir bekannt und hat natürlich seine vollste Berechtigung. Jedoch sollte man, wie auch hier schon angemerkt, zwischen gezieltem Abweichen von der Norm und Fehlern, denen auch bekannte Dichter gelegentlich zum Opfer fielen, unterscheiden.

    "Bemerkenswert ist die Umschlagstelle zwischen Vers 8 und 9. Grammatikalisch ist Vers 9 als Partizipialkonstruktion abhängig von Vers 7 und 8.
    Vom Stellenwert des semantischen Gesamtkonzeptes ‘Sonett’ aber hat mit dem Zeitpunkt des Kontakts mit einer gewählten Dirne das Sonett von der statischen zur dynamischen Qualität gewechselt, ist jener Punkt im Geschehnisablauf erreicht, wo sich die Macht des Kunden als seine Ohnmacht entlarvt."
    Ich hab jetzt auch mal den ganzen Artikel von Schindelbeck gelesen. Es könnte so sein, wie er es interpretiert, muss aber nicht. Möglicherweise hat Boldt da einen Fehler gemacht, wer weiß das schon so genau?

    Meine persönliche Meinung dazu:

    Da schießt ein Grünling vor, hängt an der Schnur Hier halte ich es für möglich, inzwischen sogar für sehr wahrscheinlich, dass er das ,hängt’ aus inhaltlichen Gründen betont haben wollte.
    Hier: Und schnellt an Deck einer bemalten Schute tippe ich eher auf einen Fehler. Wissen kann ich’s natürlich nicht, und fragen können wir Paul Boldt leider nicht mehr, ob eine bewusste Absicht dahinter steckte.


    Liebe Grüße
    Yoa

  13. #13
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    Den Rhythmus wo man immer mitmuss erkannte der Expressionismus, er entlarvte ihn und stellte ihn bloß. Ob dieses als eine zeitlich begrenzte Epoche zu bewerten ist, kann man tatsächlich bezweifeln.
    Die Versmetrik war einer dieser Korsetten, die als Fessel und als Aushängeschild einer elitären „„Kunstgesellschaft““ galt, die in ihrer analytischen Konzernatmosphäre die Welt als bloßes Wissenschaftliches Verwertungsobjekt erscheinen ließ.
    Traditionelle Versformen wie Sonetten wurden benutzt, auf treffliche Mittelzäsur und fünfhebige Jamben und Schweifreimende Verschmelzung wurde bewusst verzichtet, Provokation mit der Anwendung und Zersetzung (Wandlung) traditioneller hermetisch- lyrischer Formaspekte, sollte die Widersprüchlichkeit des Zeittaktes selbst mit darstellen und gleichzeitig neue Formen, freie Formen schaffen. Das war Dadaismus, kein Rhythmus wo man mit muss, sondern mit konnte. Der Versuch die metrischen Eigenheiten dieses Gedichts in eine scheinbar vergangene Praxis von Stilmerkmalen zu legen, kann eigentlich nicht gelingen, vielmehr könnte diese Betrachtungsweise selbst als eine Art Regulierungsversuch der Vergangenheit gelten.
    Ich denke es ist streitbar, ob ein Stilmittel gebrochen wurde um Inhalte zu betonen, oder ob die Nutzung von Stilmitteln per se abgelehnt wurde. Die Nutzung von äußerlichen Teilelementen eines traditionellen Stilmittels, als Provokation zu verstehen, quasi Provokation als Mittel zum Zweck, liegt nahe. Dadurch wird der Mensch als schwankende Gestallt zwischen erzwungener Norm und gefühlter Wirklichkeit für mich sichtbarer.

    B

  14. #14
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    Hallo Butenlänner,

    eine tolle Antwort, die sehr einleuchtet. So hattet ich die Thematik noch garnicht betrachtet.
    Hast du das irgendwo nachgelesen? (Hört sich für mich so an) Vielleicht kannst du ein Buch oder einen Artikel dazu empfehlen??? Würde mich sehr freuen.


    Beste Grüße, Sani
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    Elias Canetti

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