Diotima [diˈ̯oːtima] (altgr. Διοτίμα; von Διός Diós, „Zeus“ (Genitiv) und τιμή timḗ, „Ehre“,[1] „die Hohepriesterin“) kommt als literarische Figur in Platons Dialog Symposion vor, sie wird als eine Seherin aus Mantineia, die als Lehrerin Sokrates' fungiert, beschrieben, der von ihr auf dieselbe maieutische Weise befragt worden ist, wie er sie in seinen Unterredungen selber anwendet. Sie tritt als seine Belehrerin über die Natur des Eros auf (Symposion 201d). Das Lehrgespräch, in welchem Diotima den jungen Sokrates unter anderem darüber aufklärt, in welchem Verhältnis das „Schöne“ zu dem „Guten“ steht und auf welche Weise die Liebenden Anteil an der Unsterblichkeit haben, bildet den Kern des Dialogs und kann als erstmaliger Ausdruck der platonischen Ideenlehre und des Bewusstseins als Philosoph verstanden werden.[2] Diotima ist die einzige weibliche Figur, die eine sprechende Rolle in einem platonischen Dialog innehat.

Pflegte Sokrates den Blick in die Details der Dinge der Welt, so galt Diotimas Schauen dem Ganzen. Denn die höher entwickelte Form des Eros ist es nicht, nach einzelnen Menschen, sondern nach der Weisheit und Einsicht, zu streben. Wo der eine die Veränderbarkeit der Welt in den Blick nahm, sah Diotima auf die eigene Wandelbarkeit. „Erst wenn du die Dynamik der Antriebe und Begierden verstehst, verstehst du auch die Wandelbarkeit des Selbst.“

Es ist unklar, ob Diotima wirklich gelebt hat, oder eine rein literarische Figur ist.

auszug aus der rede der diotima


[22. Das Zwischen-Sein des Eros zwischen dem Schönen und Häßlichen, zwischen dem Guten und Schlechten] Und so will ich dich denn jetzt lassen und eine Rede über den Eros, welche ich einst von einer Mantineerin namens Diotima gehört habe, welche hierin und auch sonst sehr weise war, auch den Athenern einst bei einem Opfer vor der Pest zehnjährigen Aufschub der Krankheit bewirkte, welche auch mich in Liebessachen unterrichtet hat, - die Rede also, welche diese gesprochen hat, will ich versuchen euch zu wiederholen, von dem ausgehend, worüber ich mit Agathon übereingekommen bin, sonst aber ganz für mich allein, so gut ich eben kann. Es gehört sich also, o Agathon, wie auch du erklärtest, zuerst ihn selbst zu beschreiben, den Eros, wer er ist und was für einer, und dann seine Werke. Es dünkt mich also am leichtesten, es so durchzunehmen, wie damals die Fremde, mich ausfragend, es durchging. Denn ungefähr dergleichen hatte auch ich zu ihr gesagt, wie Agathon jetzt zu mir, daß Eros ein großer Gott sei und von den Schönen. Sie aber widerlegte mich mit denselben Reden, womit ich jetzt diesen, daß er weder schön wäre nach meinen eigenen Reden, noch gut. Da sprach ich: Wie meinst du aber, Diotima, ist also Eros häßlich und schlecht? - Und sie: Willst du dich nicht des Frevels enthalten? Oder meinst du, was nicht schön ist, das sei notwendig häßlich? - Allerdings wohl. - Auch was nicht weise, das töricht? Oder hast du nicht gemerkt, daß es etwas mitteninne gibt zwischen Weisheit und Torheit? - Was wäre das? - Wenn man richtig vorstellt, ohne jedoch Rechenschaft davon geben zu können, weißt du nicht, daß das weder Wissen ist- denn wie könnte etwas Grundloses eine Erkenntnis sein? - noch auch Unverstand, denn da sie doch das Wahre enthält, wie könnte sie Unverstand sein? Also ist offenbar die richtige Vorstellung so etwas zwischen Einsicht und Unverstand. - Richtig, sprach ich. - Folgere also nicht, was nicht schön ist, sei häßlich, noch was nicht gut sei, schlecht. Ebenso auch vom Eros, da du doch selbst eingestehst, er sei weder gut noch schön, glaube deshalb noch nicht, daß er häßlich und schlecht sein müsse, sondern etwas, sagte sie, zwischen beiden. - Aber das, sprach ich, wird doch von allen eingestanden, daß er ein großer Gott ist. - Von allen Nichtwissenden, sprach sie, meinst du, oder auch von den Wissenden? - Von allen insgesamt. - Da lachte sie und sagte: Und wie, Sokrates, könnte wohl von denen eingestanden werden, daß er ein großer Gott sei, welche behaupten, er sei überhaupt kein Gott? - Wer sind doch die? fragte ich. - Einer davon bist du, sagte sie, und eine ich. - Da sprach ich: Wie meinst du doch dies? - Und sie antwortete: Ganz natürlich. Denn sage mir nur, meinst du nicht, daß alle Götter glückselig und schön sind? Oder hättest du das Herz zu sagen, daß irgendein Gott nicht schön und glückselig sei? - Beim Zeus, ich gewiß nicht, sprach ich. - Und glückselig nennst du doch, die das Schöne und Gute besitzen? - Freilich. - Vom Eros aber hast du doch eingestanden, daß er aus Bedürfnis nach dem Schönen und Guten eben das begehre, dessen er bedürftig ist? - Das habe ich eingestanden. - Wie konnte also ein Gott sein, der unbegabt ist mit Schönem und Gutem? - Auf keine Weise, wie es scheint. - Siehst du nun, sagte sie, daß auch du den Eros für keinen Gott hältst? -