1. #1
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    Ludwig Hirsch - in memoriam


    Ludwig Hirsch, 28.2.1946 - 24.11.2011


    Du bist tot,
    lieber Ludwig,
    am 24. November hast Du Dir das Leben genommen,
    bist runtergesprungen vom zweiten Stock des Spitals in Wien,
    hast Dich einfach fallenlassen und dann,
    nach einem kurzen Augenblick,
    war's vorbei,
    für immer.

    Und obwohl Du's nicht mehr lesen kannst,
    was ich Dir da jetzt schreibe,
    irgendwie läßt's mir seit Tagen keine Ruh,
    ich möchte Dir doch noch was sagen;
    ich kenn Dich ja auch schon so lange,
    mag Dich wie einen Bruder.

    Und wenn die Leute hier im Gedichteforum
    das lesen, was ich Dir jetzt schreibe,
    und auch all die anderen,
    die sich aus der ganzen Welt hier einschalten,
    dann lernen sie Dich vielleicht ja erst kennen,
    oder noch besser verstehen,
    erinnern sich vielleicht auch an Dich,
    und denken an Deine Lieder und Deine Gedichte,
    und Du bleibst lebendig.

    „Lungenkrebs!“ hat’s ghaßen
    „Operieren!“ hat’s ghaßen.
    (In Anlehnung an Asta)


    Aber Du hast ned mögen,
    hast einfach ned mitgmacht,
    warst wie Dein großer grauer Elefant in Afrika.

    A Elefant, a ganz a alter,
    will nix sehen und nix mehr hören.
    Und mit an – ach – so schweren Seufzer,
    legt er sie afoch hin zum Sterben.

    Na, die Welt is nimmer seine,
    ghört schon lang nimma mehr eam,
    also bleibt halt nur das eine,
    afoch niederlegen und sterben.
    (Der Elefant)


    Ich hab Dir immer so gern zugehört,
    im Konzert und vor allem auf Deinen Schallplatten und CDs,
    und ich werds auch weiterhin tun,
    denn Deine Sprache ist einfach schön.
    Du warst Dichter, Schauspieler und Sänger in einem,
    so wie man's nur ganz selten trifft;
    warst ein singender Erzähler.

    Ein Thema in all Deinen Liedern
    hat's mir ganz besonders angetan,
    das mit dem Schutzengerl.

    Es gibt Kinder, die kommen ohne Schutzengerl auf d’Welt,
    Und der Sandmann haut ihnen Reißnägel in d’Augen.
    Unterm Christbaum liegt jedes Jahr ein Packerl Tränen als Geschenk
    Und ein Märchenbuch, wo der Teufel immer gwinnt.
    (Da blade Bua)


    Und wenn man kein Schutzengerl hat,
    oder von ihm verlassen wird,
    dann hat man's schwer in einer Welt,
    die so grausam zu einem ist und gegen die man sich,
    vor allem wenn man noch klein ist,
    nicht wehren kann.

    Wie i klein war, hat’s mir einegstopft die Knödln,
    hat’s glauert mit dem Pracker in der Hand,
    hat’s mir a umdraht schon den Magen,
    es war ihr wurscht, sie hat mi geschlagen,
    so lang, daß i scho angfangt hab zum Beten:
    „Lieb Jesukind, laß d’Oma doch verrecken!“


    Andere Kinder wachsen in der heilen Welt der Bilderbücher auf,
    die ohne Schutzengel erkennen ihre Welt in den Märchen nicht wieder.

    Die sieben Raben, das warn nur sechs,
    die gute Fee, das war a Hex,
    der böse Wolf, ein kleiner Dackel,
    der Märchenprinz, ein schiacher Lackel.
    (Die Omama)


    Ja, und Du hast es als kleiner Bub selber erlebt, wie’s ist,
    so ohne Schutzengel.

    Watschen, Watschen, nix als Watschen!

    Wenn man in einer eisigen Februarnacht
    Irgendwo in der hintersten Steiermark,
    in der letzten Stube eines kleinen Bauernhofes
    ganz einfach raus muß,
    dann kriegt man schon die erste Watschen. (...)
    (Biographischer Kommentar in Dunkelgraue Lieder)


    Ich denke, lieber Ludwig,
    Du hast in Deinem Leben viele schöne Zeiten erlebt,
    hast großen Erfolg gehabt,
    hattest eine Familie und viele gute Freunde,
    und doch hast Du die Leute ohne Schutzengel nie vergessen,
    und für sie Deine Lieder geschrieben,
    und manchmal verliert man auch auf „seine alten Tage“ noch
    sein Schutzengerl.

    Hab’ ned aufpaßt,
    hab’s verlorn,
    und jetzt fürcht i mi
    wie nie zuvor.

    So ohne Schutzengerl,
    glaub’ ma des
    kamma auf d’Dauer ned
    überleben.
    (Schutzengerl)


    Und, seid's mal ehrlich,
    wenn man’s genau betrachtet,
    dann ist der Tod gar nicht so schlimm.

    Der Tod ist ein Seitensprung, mehr a scho ned.
    Du schläfst ein und wachst auf, nur in an anderen Bett.
    Das schöne Wort „Tod“, schön wie ein Stern ...
    (Jonas)


    Der Tod,
    ein großer schwarzer Vogel,
    der einen heimholt,
    dorthin, wo’s keine Watschen gibt,
    keine Schläge, keine Tränen,
    dort,
    wo man – endlich – glücklich ist.

    Und dann fliegen wir rauf,
    mitten in Himmel rein,
    in eine neue Zeit, in eine neue Welt,
    und ich werd singen, ich werd’ lachen,
    ich werd’ „Des gibt’s ned!“ schrei’n,
    weil ich werd’ auf einmal kapieren,
    worum sich alles dreht.
    (Komm, großer schwarzer Vogel)


    Pfiatigott,
    lieber Ludwig,
    mach’s drüben besser!

    Servus

    Dein Friedrich
    Geändert von Friedrich (14.12.2011 um 09:43 Uhr)

  2. #2
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    Dem kann ich nichts hinzufügen, denn jedes Wort wäre zu klein und zu kurz.
    Mir bleiben nur die Tränen.


    Barbarossa

  3. #3
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    "Naja, ich hätte vor, Herbst 2011 mich ein bißchen zurückzuziehen und zu schreiben. Ich werds probiern."

    Wie lautlos Du fliegst

    Baba.

  4. #4
    Longshanks Guest
    Hallo Friedrich,

    auch ich war fasziniert von den Liedern und den Texten.

    "se haun eahn so lang bis eams Hirn aus der Nosn rinnt
    hernach fallns auf de Knie ond dand betn
    Herrgott unser Kind kann jetzt endlich den Himmel betreten"
    (der Dorftrottel)

    Danke für den Nachruf

    Gruß

    Longshanks

  5. #5
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    Lieber Longshanks,

    vielen Dank für Deinen mitfühlsamen Beitrag. Es ist schön zu wissen, daß Ludwig Hirsch auch in Deutschland gute Freunde hat.

    Der Dorftrottel ist ein Lied aus dem Album Dunkelgraue Lieder und relativ lang (6'23"). Das Lied ist eine von den "Watschen", die Ludwig seiner Heimatregion in der Steiermark zurückgeben wollte. Darin geißelt er den abergläubischen Fanatismus der Landleute.

    Als das Kind eines Bauern bei der Geburt stirbt, glauben die Dorfbewohner wohl, Gott wollte sie bestrafen, weil sich bei ihnen etwas Häßliches und Widernatürliches herumtreibt: der Dorfdepp nämlich. Und solang der noch lebt, kommt die Seele des Kindes nicht in den Himmel.

    Wenn die Hexen tanzen im Wald,
    wenn der Freitag am Dreizehnten fallt,
    wenn ein Kind stirbt und vorher der Nachtvogel schreit,
    dann is soweit, dann is soweit.

    Ja, "dann is so weit", und der feige Dorfpfarrer fährt vorher zu seinem Bruder auf Wien, nur damit er davon nichts sieht und hört. Für alle, die es nicht kennen, es lohnt sich, den Text zu ergoogeln oder auch bei you-tube mal reinzuhören; am besten noch ist's, sich die ganze CD zu holen.


    Im übrigen ist auch Thisbe ein großer Fan von Ludwig Hirsch, und zwar schon von früh an. Ich denke, sie hat nichts dagegen, wenn ich ihren Beitrag, den sie zu diesem Thema in einen anderen Faden eingestellt hat, hier wiedergebe.

    Wenn ich überlege, was mir mit 14 durch die Birne ging - - Ludwig Hirsch. Ich war besessen von dem Willen, den Menschen zu treffen, der so tröstlich vom Tod singen kann. Deshalb schlich ich mich zum Pressetermin nach einem Konzert und stellte nach all den intelligenten Erwachsenenfragen, mit hochroter Birne die meinen zum Großen Schwarzen Vogel, während die Presseleute wieder abzwitscherten. Diese Begegnung und ganzen Umstände waren lebenswegweisend für mich. Daraus wurde wenig später der Mut zur ersten selbst vorgeschlagenen Stundengestaltung mit Referat samt Musikvorstellung etc. – damals war sowas mit Medien und so absolute Ausnahme im Unterricht. Da passierte Entwicklung, die jahrelanges Lehrergequassel nicht geschafft hatte und ich hatte meinen Ludwig Hirsch fürs Leben gefunden. Entschuldige die Nähkästchenplauderei – aber vielleicht kannst Du Dir jetzt vorstellen, wie mich dieser Selbstmord und Dein einfühlsamer Nachruf zusammengefaltet haben. Auch sowas geschieht aus heiterem Himmel. Ich danke Dir dafür an dieser Stelle. Auf Wirkungen drängen oder hoffen wollen ist, glaub ich, selbst in einem "geduldigen" Forum wie diesem nicht möglich. So richtig echte Wirkung findet erstmal eh keine Worte (oder bei Thisbe erheblich bzw. "unzeitgemäß" zeitversetzt ). Meine (nicht resignierende) Erfahrung; doch schätze ich sehr, sehr! das überwiegend spontane Positive Deiner Gedanken.
    Es hat immer etwas Rätselhaftes, wenn ein Mensch sich das Leben nimmt. Ich habe versucht, eine Antwort darauf aus Ludwigs Liedern zu gewinnen. Und irgendwie ist er für mich auch nicht "tot". Mein Nachruf zeigt mir das im Rückblick. Ist er nicht wie ein Gespräch, bei dem auch der Freund zu Worte kommt?

    Vielen Dank auch Dir, Barbarossa! Ich hoffe, Du schaust hier mal wieder rein!

    Liebe Grüße

    Friedrich

  6. #6
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    Hallo Friedrich,
    ich möchte Ludwig Hirsch auch danken.
    Vor drei Jahrzehnten habe ich die drei liebsten Menschen verloren, die mir Zukunft bedeuteten,
    - sein "großer schwarzer Vogel"
    hat mich wieder aufgerichtet, obgleich, als ein niemandnichts, aber ich lebte. Seine StimmeTexte haben mir Kraft gegeben.
    Dir und allen wünsche ich ein frohes und gesegnetes Weihnachtsfest!
    Beste Grüße
    lautmaler

  7. #7
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    Lieber Lautmaler,

    vielen Dank für Deine guten Wünsche. Noch ist ja Weihnachten, deshalb auch Dir ein gesegnetes Weihnachtsfest.

    Ludwig Hirsch ist nun schon acht Jahre tot und noch immer, so scheint mir, bei vielen unvergessen. Dieses Jahr wäre er 73 geworden.

    Unterm Christbaum liegt jedes Jahr ein Packerl Tränen als Geschenk
    Die Kinder ohne Schutzengerl gibt es auch heute noch und an Weihnachten spüren sie das vielleicht besonders deutlich. Deshalb kommt Dein Beitrag und damit die entsprechende Aufmerksamkeit gar nicht so ungelegen.

    Ludwig Hirsch war ein außergewöhnlicher Mensch und ein toller Dichter und Sänger.

    Lieben Gruß

    Friedrich

  8. #8
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    Lieber Friedrich,
    hab Dank, es war eine gute Zeit.
    Ich wünsche dir ein gutes, gesundes neues Jahr und sende etwas Sonnenschein.
    Liebe Grüße
    lautmaler

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