1. #1
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    Kann nicht interpretieren, Hilfe?

    Moin,
    ich habe das Problem, dass ich einfach auf Teufel komm raus keine Gedichte interpretieren kann.
    Es fängt erst einmal damit an, dass ich den Sinn des ganzen Gedichtes, geschwige denn, einzelner Verse nicht verstehe, da ich mit der oft bildhaften Sprache nicht zurecht komme.
    Ich komme einfach nicht dahinter, was bspw. die Aussage von Gedichten wie
    "Sarah Kirsch - Die Luft riecht schon nach Schnee"
    oder
    "Alfred Lichtenstein - Punkt"
    ist. Und wenn ich das ganze dann noch mit Metrik und rhetorischen Stilmitteln verbinden soll hört es bei mir komplett auf.
    "Warum benutzt er an Stelle x eine Synästhesie?", "Warum ist Vers y als 5-hebiger Jambus geschrieben?"
    usw.

    Ich will hier jetzt keine mustergültigen Interpretationen, sondern einfach Vorschläge, was ich dagegen machen könnte.
    ich bin kein lyrisch interessierter Mensch und so ziemlich das unkreativste was die Menschheit je hervorgebracht hat, aber irgendwie muss mir doch zu helfen sein oder?
    Bin für jeden Vorschlag äußerst dankbar.

    MfG
    Sykos


    Ps: Ist mein erster Post hier. Sry wenn das hier nicht hingehört.

  2. #2
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    Hallo!

    Wenn du sagst, dass du 'auf Teufel komm raus keine Gedichte interpretieren' kannst, dann meinst du damit wahrscheinlich, dass dir der intuitive Zugang fehlt. Das ist aber kein Problem, weil man das einerseits ein wenig lernen (trainieren sozusagen) kann bzw andererseits kann man sich auch rein analytisch und logisch-deduktiv an eine Problemstellung (zB Gedichtinterpretation) herangehen.

    Ich will jetzt einmal ein wenig darauf eingehen, was dir im Speziellen Schwierigkeiten bereitet, und dann vielleicht ein paar prinzipielle Tipps äußern. Da beispielhaft einen Text durchzuinterpretieren halte ich momentan nicht für sinnvoll. Wenn du dir wo Gedanken gemacht hast, kannst du die ja gern mal einstellen.


    Es fängt erst einmal damit an, dass ich den Sinn des ganzen Gedichtes, geschwige denn, einzelner Verse nicht verstehe, da ich mit der oft bildhaften Sprache nicht zurecht komme.
    Okay, wenn du den Inhalt nicht erkennst, ist das natürlich eher ungut. Da kann ich dir nur empfehlen, dass du die vorhandene Information optimal nützt. Wenn ich dir etwa den Titel 'Kuss im Traume' (von Günderode) nenne, dann kannst du, ohne den Text zu kennen, darauf schließen, dass jemand davon träumt, einen Kuss zu geben oder zu bekommen. Wenn ich den Titel 'Mailied' (Goethe) lese, dann darf man dabei ruhig die Assoziationen zulassen: Mai --> Frühling --> Frühlingsgefühle, Frühling in der Natur ... Bei manchen Texten kann man also bereits im Titel Information finden.
    Außerdem kannst du einmal nur die Grundstimmung oder die Wortwahl beachten. Wie sind die verwendeten Ausdrücke behaftet? Negativ? Postitiv? Stammen sie aus einem Sinnbezirk (Natur, Gefühle, ...)? Wenn du einzelne Verse nicht sofort verstehst, dann zerbrich dir daran nicht den Kopf. Man soll sich zwar aufs Detail konzentrieren, ganz klar, aber wenn man dann so sehr auf eine Stelle schaut, dass man den Wald vor lauter Bäumen nicht sieht, dann ist das eben auch nicht der Sinn der Sache. Wenn du einen Text hast, dann interpretier einmal das, was du kannst, was dir leicht fällt. Wenn du dann alle dir leicht zugängliche Informationg gesammelt hast, dann kannst du vielleicht auch die paar unklaren Verse aufklären.

    Und wenn ich das ganze dann noch mit Metrik und rhetorischen Stilmitteln verbinden soll hört es bei mir komplett auf.
    "Warum benutzt er an Stelle x eine Synästhesie?", "Warum ist Vers y als 5-hebiger Jambus geschrieben?"
    usw.
    Also prinzipiell: Warum könnte jemand ein Stilmittel oder ein sprachliches Bild verwenden? Um irgendeinen Effekt zu erzielen natürlich. Welcher Effekt das nun sein mag, das gilt es, herauszufinden. Vielleicht wird eine angenehme Stimmung vermittelt oder etwas besonder eindringlich dargestellt, vielleicht wird etwas betont oder aber eine Situation erscheint durch ein Stilmittel noch bedrohlicher und düsterer.
    Wenn du die Stilmitteln gut beherrscht, gibt dir das sicher auch die nötige Sicherheit. Manchen hilft es auch, sich den Text laut vorzulesen. Dann hört man zum Beispiel: Halt, die Alliteration hier klingt eher lieblich, während ... (bla bla bla).


    ich bin kein lyrisch interessierter Mensch und so ziemlich das unkreativste was die Menschheit je hervorgebracht hat, aber irgendwie muss mir doch zu helfen sein oder?
    Irgendwelche Interessen wirst du ja haben. Und ich sag jetzt mal, dass du zu Gedichten auch mit methodischem und analytischem Arbeiten gut Zugang finden kannst, falls du meinst, dass das Kreative und Intuitive nicht so deins ist.
    Helfen kann man jedem, der sich bemüht.


    Allgemeine Vorschläge:

    Wenn es intuitiv nicht klappt, dann versuch methodisch vorzugehen. Ich kann dir zum Beispiel die Verwendung einiger (drei dürften genügen) Leuchtstifte + dieselbe Zahl an Bunstiften oder Faserstiften (beide zB Rot Blau Grün) empfehlen. Dann liest du dir den Text durch und unterstreichst mit grünem Leuchtstift, was dir inhaltlich wichtig vorkommt. Beim zweiten Lesen achtest du nur auf Stilmittel und sprachliche Bilder, die du dann mit rotem Leuchstift markierst. Anschließend kannst du mit blauem Leuchtstift zum Beispiel weitere Schlüsselstellen unterstreichen (zB Autobiographische Andeutungen; Passagen, die mit einem zweiten vorliegenden Text verglichen werden können; Historische Andeutungen; ...). Anschließend liest du dir den Text noch einmal durch und unterstreichst mit Faserstift all das, was unklar (Bedeutung des Inhalts, Wirkung des sprachlichen Bildes, ...) ist. Dann hast du schon einmal eine gute Bestandsaufnahme und du kannst sauber und geplant weiterarbeiten.

    Außerdem hast du gemeint, dass du die 'bildliche Sprache' nicht gut verstehst. Das lässt sich relativ leicht durch die Lektüre von anderen Autoren beheben. Da kommt man relativ leicht rein. Wenn du rechts schaust, siehst du unser neues Archiv. Da kannst du einfach mal reinschauen. Du kannst ja mal schauen, was dir zum 'Kuß im Traume" (Günderode) so einfällt.

    Ansonsten hab ich dir ein paar gut interpretierbare (aber durchaus unterschiedliche) Texte rausgesucht (dort hast du auch meistens schon eine Interpretation in einem der Kommentare), ansonsten such einfach selbst, ob dir etwas gefällt. Das gute hier auf dotcom ist, dass die Autoren noch leben und du daher ruhig fragen kannst, warum denn nun gerade dieses oder jenes Stilmittel verwendet wurde.

    http://www.gedichte.com/threads/159198-maienlied
    http://www.gedichte.com/threads/127105-Lustpartikel
    http://www.gedichte.com/threads/152776-kultuhr
    http://www.gedichte.com/threads/1328...mpor%C3%A4r%29
    http://www.gedichte.com/threads/126702-Fingerspur
    http://www.gedichte.com/threads/1685...6mische-Elegie


    Gutes Gelingen und viel Erfolg!
    LG,
    maXces

  3. #3
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    Oh, Max, all die Mühe, du weißt aber schon, dass ein "ich kann nicht" in den meisten Fällen ein "ich will nicht" bedeutet. Zumindest mir hat die Lektüre deiner Empfehlungen Freude bereitet.

  4. #4
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    Lieber Sykos,
    mit dem Interpretieren ist das so eine Sache. Ich hatte das Glück, einen der bedeutenden deutschen Nachkriegs-Lyriker anlässlich eines Wochenendseminars kennen zu lernen (Peter Huchel). Eine Teilnehmerin ergriff die Gelegenheit beim Schopf und bat P. Huchel um eine Interpretation eines seiner Gedichte. Seine Antwort war etwa: "Junge Dame, alles, was ich sagen wollte, steht in meinem Gedicht." Das wird Dir nicht viel weiterhelfen, vor allem dann nicht, wenn verschiedene Metaphern oder "Fachausdrücke" für Dich Böhmische Dörfer sind. Du kannst es Dir aber leicht machen: Schreib doch einfach auf, welche Gefühle oder Bilder beim Lesen (laut lesen hilft ungemein) bei Dir entstanden sind. Und scheu Dich nicht zu sagen: "Das habe ich nicht verstanden." Ein zweiter Schritt nach der Betrachtung des Inhalts wäre, wenn Du Dich der Form zuwendest. Liest es sich flüssig für Dich, wo hakt es? Erst sehr viel später kann man sich den unterschiedlichen Methoden der Interpretation zuwenden.
    Liebe Grüße,
    Heinz

  5. #5
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    Hallo Sykos,

    maXces hat ja schon einiges gesagt. Ich möchte noch eines hinzufügen: Üben, üben, üben... Das ist das Allheilmittel. Nicht nur beim Interpretieren, sondern überall. MaXces hat auch schon die Vorteile hier in dem Forum genannt: Du kannst nach der Interpretation die Dichter frage, ob das so stimmt.
    MaXces hat, so wie ich das gesehen habe, zwar wirklich gute Dichter ausgewählt, doch sind da außer zweien nicht mehr viele aktiv. Darum habe ich mit gedacht, Nachteule habe ich gedacht, gibste doch mal ein paar von deinen, die gut interpretiert wurden. Ich weiß, Eigenwerbung ist immer doof, aber wenn ich dir jetzt welche suche, die ich interpretiert habe, dann bin ich eine Weile beschäftigt. Bei meinen weiß ich, was ich wieso gemacht habt. Da muss ich nicht suchen. Und ich weiß, dass ich noch aktiv bin, auch wenn meine Zeit die nächsten drei vier Wochen knapp werden könnte... Bei denen von maXces kann sein, dass die Gedichte besser sind, dazu hätte ich sie kurz lesen müssen, aber wie gesagt, sie sind nicht mehr alle aktiv.

    Das sind alles Gedichte, bei denen ich mir etwas gedacht habe. Also kann man auch wirklich etwas daran interpretieren.

    Eine Hand voll Glück (Tolle Interpretationen!)

    Dein Rettungsanker (Zwei wirklich gute Interpretationen, die sich gegenseitig ergänzen, mit ein paar Worten von mir. Bei Horstgrosse hat man wirklich gesehen, dass er das Gedicht verstanden hat. Er kam mir mit ein paar Erklärungen sogar zuvor)

    Gemeinsam (Bunte Bilder, die etwas bedeuten. Sollte auch für unerfahrene Leser möglich sein, wenn man allem eine Bedeutung beimisst.)

    Wie soll ich schlafen...? (Fast mein neuestes. Mal was ohne Reim und so... Aber dennoch durchdacht... )

    Zweite Welt (Hier hast du ein paar Stilmittel, die ich verwendet habe. Leider bei den Interpretationen nur eine Selbstinterpretation. )

    Sehr geehrte Frau Merkel (Reges Treiben... Was relativ aktuelles, wenn du politische Texte (z.B. Heine) interpretieren musst.)

    Kanzelklage (Dito, mit anderen Stilmitteln...)

    S 21 (Eine harte Nuss. Noch Kommentarlos... Aber ich habe auch mit keinen gerechnet. Aber wenn dir die anderen, natürlich mit der Übung immer mehr, leicht gefallen sind, kannst du dich ja mal daran probieren...)

    Was ich dir empfehle wäre, erst die Gedichte lesen, dann das machen, das maXces dir empfohlen hat. Erst dann solltest du dir die evtl. vorhandenen Interpretationen anschauen. Dann hast du Übung und siehst, ob es stimmt. Findest du andere Interpretationen, kannst du die zur Debatte stellen (gerne auch per PN, damit es nicht aussieht, als wolle ich nur meine Texte promoten. )
    Was du auch machen kannst ist, das geht immer, durch die Rubriken schleichen und dir die Texte anschauen, die neu kommen. Dort kannst du dir dann einen Text aussuchen, der dir gefällt und den du für deinen jeweiligen Lernstand entsprechend findest.
    Am besten hinterfragst du auch immer, warum das Auto grün ist, warum da ein Schimmel und kein Fuchs geritten wird, weshalb der Himmel unbedingt wolkenverhangen ist und und und... Das hilft auch meist...

    Viel Spaß dabei.

    nächtlicher Gruß, gutes nächtle und carpe noctem
    Nachteule
    Meine Sydnatur:
    Greis und Greisin miss u <3
    Hier stehe ich! Ich kann nicht anders! Gott helfe mir! Amen!
    (Der Buchstabe)
    Du verstehst Nachteules Kommentar nicht? Lyrisches Lexikon der Nachteule; für Einsteiger: der Kommentarfaden; wenn dir ein Kommentar besonders gefällt, kannst du ihn zur Kritik des Monats nominieren
    Drama: Das Gericht; Prosa: Fernreise als Kurztrip, Krieg im Frieden, Die Tote

  6. #6
    Dr. Üppig Guest
    Hallo Sykos,

    Ich empfehle wärmstens die Lektüre von "Einführung in die Gedichtanalyse" von Dieter Burdorf, vom Metzler Verlag, ISBN 978-3-476-12284-1.
    Wenn du das Interpretieren nicht aus privaten Interessen heraus erlernen möchtest, sondern es tun musst, ist dieses Buch sehr aufschluss- und hilfreich.

    mfG

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