1. #1
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    Lüttke und der Wahn der Befindlichkeiten

    Lüttke und der Wahn der Befindlichkeiten


    I. Frühling
    Julia hat jetzt einen Neger.
    Aus Ghana eingeflogen und verzollt.
    Nennt sich Jonny.
    Julia meint, sie lieben sich und werden heiraten.
    Jonny lächelt und säuft.
    In den Trabantenstädten arbeiten
    degenerierte Gehirne an Hoffnungen.
    Wir leben in Duisburg.
    Integration ausgeschlossen.

    II. Sommer
    Nur Schweiß und ein paar Ideen.
    Nichts für die Wirklichkeit,
    nichts zum Träumen.
    Ein paar Grillen versuchen sich an Stimmung.
    Es ist für nichts gut.
    Im Freibad paaren sich multikulturelle Ideen.
    Bunter Reigen für die WAZ.
    Mütter sterben vor Scham.

    III. Herbst
    Schreibe Gedichte über das Leben,
    ohne mich zu verlieren.
    Irgendwo in Essen wurde die Autobahn gesperrt.
    Zwei Wochen.
    Ich war zu Hause.
    Whiskey und Frauen.
    Castingshow auf meinem Sofa.
    Keine erreicht das Finale.
    Ich scheiß drauf.

    IV. Winter
    Ich warte auf den Frühling.
    Nichts erinnert mich an das Jahr.
    Jonny steht auf dem Balkon.
    Ausrangiert, neben den toten Geranien.
    Ich lebe mit Julia in einer Art Beziehung.
    Ich werde sie nicht heiraten.
    Sie weiß das.
    Eine Amsel liegt steif gefroren im Garten.
    Zeit kann verschwenderisch sein.

  2. #2
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    Die ersten zwei Zeilen deines Gedichtes sind diskriminierend und beschämend.
    Erstens heißt es Afrikaner und zweitens, was heißt verzollt?
    Wenn du frustriert bist, wenn manche es wagen, mit einer anderen Nationalität zusammenzuleben,
    dann tust du mir leid,
    weil du soetwas nie schaffen würdest.

    Wenn Johnny im Frühling gekommen ist, kann er auch nur 3 Monate hier bleiben,
    ansonsten ist Heirat notwendig für ihn, um eine Visumsverlängerung zu bekommen.
    Was du am Balkon, nun im Winter gesehen hast, war wahrscheinlich eine Fata Morgana deiner Fantasie.

    Denke besser an andere Sachen, die mehr aufregen können und beschrieben werden sollten, als so
    ein Käse.

    Chatterfield

  3. #3
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    Liebe Lady,

    leider muss ich feststellen, dass du den Text nicht verstanden hast.
    Jeder der mich kennt weiß, dass mein Freundeskreis multikulturell ist,
    und selbst einer meiner besten Freunde dazu gehört.

    Die von dir aufgezeigten "beschämenden" Elemente sind Strukturteil des Textes
    und dienen der Einleitung um den Rest des Textes subsummieren zu können.

    Es ist hier unangemessen, einem Kollegen einfach irgendetwas zu unterstellen.
    Eine kurze Nachfrage wäre hier besser gewesen und hätte Missverständnisse
    vermeiden können.

    Freundlichst
    M

  4. #4
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    Ja wie meinst du es? Ich habe es als verletzend verstanden. Erkläre es mir in einfachen Worten.
    Was willst du damit sagen, interessiert mich schon? .... um den Rest des Textes subsummieren zu
    können ..... was heißt das?

    Du verwendest das Wort "Neger" - er wurde eingeflogen und verzollt, damit er hier lächeln und
    saufen kann bei seiner Julia.
    Denkst du allgemein so über Afrikaner?

    In meiner kleinen Stadt, wo ich arbeite, gibt es auch ein Paar, Sie ist blond und die Tochter des
    Gemeindearztes hier und Er ist aus Kenia, sie haben beide nun ein kleines Butzerl und er
    fährt stolz mit dem Kinderwagen herum oder trägt es im Wickeltuch - ob sie ewig zusammenleben
    werden, ist so, wie bei anderen Beziehungen auch - manchmal geht es gut, manchmal nicht.
    Und einem Afrikaner werden viel mehr Hindernisse in den Weg gelegt, als einem Einheimischen hier.
    Ich finde dein Gedicht
    schon sehr verletzend und außerdem, wie kann er im Winter da stehen am Balkon als verzollter
    Eingeflogener, da hat er Ablaufdatum nach 3 Monaten, sonst ist er illegal hier. Erkläre mir das bitte.
    Tut mir leid, ohne nähere Erklärung, kann ich mich nicht anfreunden mit diesem Text,
    den ich zufällig heute herausgepickt habe.
    E.Chatterfield

  5. #5
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    Es ist nötig, sich zu öffnen, wenn man Nuancen erkennen möchte.
    Mit deiner Sicht der Dinge ist alles Schwarz-Weiß.
    das ist ausreichend um zu überleben, aber es reicht nicht aus
    Lyrik zu lesen.

    ich verletze nie jemanden aufgrund seines Aussehens, seiner Religion, Hautfarbe oder Ansichten.

    Zum besseren Verständnis:
    Zu meinen BESTEN Freunden zählen ein Türke und ein Nigerianer.



    Michael

  6. #6
    Dr. Üppig Guest
    Wie jetzt, ist das obige Werk nur in Kombination mit der Kenntnis deiner Biographie und deiner Bekanntheiten lesbar, erfahrbar?
    Das Werk sollte, denke ich, auch für sich stehen können, ohne dass der Leser vorher stundenlang über den Autor recherchiert. Dann fällt das Ganze natürlich genauso auf, wie LadyChatterfield es beschreibt.
    Und in der zweiten Strophe geht's grad weiter. Schamvoll müssen Mütter zusehen, wie etwas multikulturell gepaart wird. Das Gedicht wirft hier also mindestens einem Partner aus einer anderen Kultur vor, etwas Schlechtes, Schamvolles zu tun. Und am Ende ist der "Neger" Jonny auch noch ausrangiert. Sozusagen als zweite Wahl. (Das kann man dann weiterspinnen zu zweite Qualtität, zweite Sorte, zweite Art, Unterart)
    Das Ganze erweckt bei mir einen höchst suspekten Eindruck und driftet leicht steuerbord ab.
    Im Gesamteindruck ist es für mich eher prosaisch, die Zeilenumbrüche schließen Sinneinheiten mit ein, keine Verdichtung, ein paar bunte Mehtaphern fallen zwar auf ("In den Trabantenstädten arbeiten degenerierte Gehirne an Hoffnungen."), retten aber meinen Eindruck vom Werk nicht besonders.

    Ein eher schwächeres von den, die ich von dir gelesen habe, nichts für Ungut.

    mfG
    Geändert von Dr. Üppig (16.05.2012 um 10:01 Uhr)

  7. #7
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    hallo michael lüttke/monique
    ich finde die ersten "lesermeinungen" oben wichtig, bin aber nicht mit allem einverstanden und gebe noch eine dritte hinzu:
    wenn ich mich an anderer stelle über diesen faden mokiert habe, heisst das nicht, dass ich damit auch dein gedicht hier nicht schätzen würde.
    vom thema her machst du m.m.n. einen (gewollten?) fehler, indem du es nicht unter "liebe" einstellst. so gerätst du schnell aus dem diffusen in den rechten underground.
    in einem gedicht über liebe muss man aber auch mit political uncorrectness spielen dürfen. ich denke, auch das hier portierte frauenbild ist nicht ganz politically correct. oder widerspricht jemand?
    selbst die "schwierige" parallele zum frierenden schwarzen auf dem balkon, der tote schwarze vogel im garten, ist, unter dem titel "kunst" betrachtet, für mich noch akzeptabel.
    andere stellen lösen sich für mein empfinden zu sehr von der individuellen geschichte und machen genauso wie die rubrikwahl den inhalt fragwürdig. z.b. die "multikulturellen ideen" (oslo zuckt zusammen).
    von den "metaphern" gefallen mir eher die trockenen, nicht so bunten ("Ein paar grillen versuchen sich an Stimmung").
    bilanz: thema und haltung gegenüber dem leser sind das eine, aber ich schütte nicht gerne das kind mit dem bade aus.
    und wenn ich es individuell und nur unter dem aspekt "liebe und hass" (ohne multikultur und hautfarbe) betrachte, find ich's richtig gut.

  8. #8
    Dr. Üppig Guest
    @wilma27:
    Nun, für mich heißt die meine Kritik in erster Linie eine Kritik am Werk, nicht am Autor. Deshalb auch der Einwand, dass ein Werk eigene Aussagekraft haben sollte, und die Intention nicht durch Erklärungen bestimmter Lebensumstände erst begreiflich gemacht werden muss. Oder - noch besser: Es soll eine ähnliche Intention wecken, die vom Autor von vornherein geplant war. (Das gilt auch für die Rubrik)
    Bei zwei Lesern ist das hier anscheinend nicht der Fall. Welchen Eindruck weckt es bei mir? Durch die Wortwahl und die Formulierungen - das steht bereits oben.

    Das nur als Klarstellung, ohne deine Meinung vom Werk angreifen zu wollen.

    mfG

  9. #9
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    @taras bulba
    das "werk" kann für sich stehen, ohne die lebensumstände von herrn lüttke (über die ich mich übrigens nicht informiert habe!). da scheinen wir uns einig zu sein (oder doch nicht?).
    dass und wo ich es für "grenzwertig" halte, habe ich geschrieben.
    aber man darf es durchaus ein wenig differenziert betrachten.
    war grass das vorbild? ist es mit letzter tinte geschrieben?
    lg wilma27

  10. #10
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    Werke bekommen aussagekraft durch den Leser und einzig durch den Leser.
    Eine Bewertung, ob ein Text (wenn dies nicht offensichtlich ist ) grenzwertig ist,
    spiegelt allein die Auffassung des Lesers zu einer Aussage und dessen Interpretation.

    Die Diskussion war etwas vom rechten Weg abgekommen und stellt sich eigentlich nicht in der eigentlichen Fragestellung.
    Wilma hat professionell subsummiert.....Das erwarte ich von erwachsenen Usern eines Forums, das sich der Literaur verschrieben hat.


    ML

  11. #11
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    Ich halte das Gedicht für eines der besten - wenn nicht für das beste -, die ich hier in letzter Zeit gelesen habe. Der Inhalt und der Stil ergänzen einander perfekt. Du lässt eine gleichgültige kühle Stimmung entstehen, mir gefällt auch die eiskalte Vermischung von sehr banalen und sehr komplexten Themen, von sehr einfachem bis sehr bildlichem Stil. Der Stil - sowie auch die Thematik - erinnert mich an Bret Easton Ellis.

    Es geht ganz einfach um den Relativismus, um die Gleichgültigkeit. Es geht darum, dass dem Leben (zB Jonny steht auf dem Balkon./Ausrangiert, neben den toten Geranien.) und der Zeit ( zB Zeit kann verschwenderisch sein. [man bedenke auch die Gliederung]) - die vermutlich kostbarsten Dinge, die jeder Mensch besitzt - keine oder kaum Bedeutung beigemessen wird. Das Li verdinglicht seine Umgebung und die Menschen um sich (sieht man besonders in V1) - und damit in letzter Konsequenz auch sich, was durch die Trägheit auch verdeutlicht wird.

    Und natürlich soll dieser Text aufregen. Genau das ist ja sein Zweck. Der Text beschreibt ja die komplette Gleichgültigkeit gegenüber dem und Verdinglichung des Menschen. Und genauso ist ja auch die Sache mit Jonny zu verstehen. Es gibt etwa eine TV Sendung, in der Männer auf ihren 'Liebestrips' in den Osten begleitet werden, wo sie dann 30 Jähre jüngere Frauen wie Fleisch beschauen und sich darüber beschweren, dass die kein Deutsch können oder dass sie mit 24 schon viel zu alt seien. Das ist genau die Verdinglichung, von der ich spreche. Das ist das, wofür Jonny in diesem Text bildlich steht.

    Mir gefällt es, wie sich der Text zwischen Ernüchterung, Verzweiflung und Gleichgültigkeit hin und her bewegt. Wie gesagt, (gemeinsam mit Krokodil) einer der besten Texte, die ich in letzter Zeit gelesen habe.
    Geändert von MisterNightFury (05.09.2012 um 21:52 Uhr)

  12. #12
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    @Michael


    Ein Lüttke Stil. Mit einem trockenen, satirischen Widerhall. Nichts wurde überspitzt, es ist Leben live. Und dieses hat nun mal „ergreifende“ tief schürfende Erkenntnisse, vom leisen Tod der Gesellschaft. Es gäbe jetzt noch tausend andere Dinge darüber zu berichten, der Lüttke Auszug war nur ein kleiner Teil, gut rübergebracht. Mehr davon! Vielleicht verschlucken sich ja paar Dummköpfe daran, wenns sie den Inhalt erkennen.

    @Lady, der Stil ist gut, keine Diskriminierung, nur eine andere Form des Schreibens. Ein aufrütteln in (aus) der Lethargie. Die Sache ist mehr zum Traurigen (resignieren) bestimmt, als irgend eine anzügliche Schwarzmalerei. Ist alles Ok, glaubs mir.

  13. #13
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    @maXces:
    Zuerst mal lieben Dank für die Mühe, Analyse und Interpretation des Textes.
    Die von Dir aufgelistetetn Aussagen zeigen mir, dass es doch Leser gibt, die in der Lage sind Aussagen in einem Text zu subsimmieren und sich dann durchaus bereit sind, die Interpretation über den Tellerrand hinaus zu versuchen und ( wie in Deinem Fall ) auch zu realisieren.
    letztendlich bleibt der Text ein gesellschaftlichers Abbild, der in seinen einzelnen Sektionen Menschen und Begebenheiten zu einer Aussage harmonisiert, die eigentlich darauf hinweisen soll, wie es in deutschland aussieht.
    ich bin mir wie immer bewusst, dass meine Gedichte NICHT GEEIGNET sind, für User, die sich ein bisschen mit "Gedichte-schreiben" beschäftigen, sondern eher ein Lyrik erfahrenes Publikum ansprechen.
    Um so mehr bin ich erleichtert, dass es in Foren Menschen wie Dich gibt, die sich die Mühe machen Gedichte die nicht einzig das ausgelutschte "Herz-Schmerz-Trauer-Rose" zum Inhalt haben, für lesenswert halten.

    @horstgrosse:
    Du begleitest mich und meine Texte schon eine zeitlang mit sachlichen und fachlich durchaus annehmbaren Kommentaren.
    Auch Dir danke ich für die Bereitschaft, sich auf Texte von mir einzulassen und sie zu verstehen.


    PS:
    Noch in diesem Jahr erscheint mein neues Buch "Fleischtage". Ich würde mich freuen, wenn ich Euch ein Exemplar schenken dürfte. ( Hat ja auch Werbecharakter )


    Michael

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