1. #1
    Registriert seit
    Feb 2012
    Ort
    Hier und da
    Beiträge
    8

    Gott Mensch, du schönes Tier

    Laß bläulichschwarze Rosen dornenreich erblühen
    auf meinem lustgepeinten Alabasterleibe
    daß mir somatische Erinnerung verbleibe
    an Wonneströme, die in Nerven jäh verglühen

    Mein Körper wie mein Blut sei dir Eucharistie
    die Grausamkeit der Wolllust deine Religion
    vergöttliche entfesselt meiner Sinne Passion
    genieße diabolisch, was dir mein Leid verlieh

    Gott Mensch, dir schönem, einzig schrankenlosen Tiere
    verziert ein Kainsmal leid- und zornzerfurchte Stirnen
    wie fleischgewordne Hybris himmelan getragen

    Auf daß sich einer ganz im andern jetzt verliere
    wie Raum und Zeit in syphilitischen Gehirnen
    um allem falschen Jenseits ewig zu entsagen
    Geändert von Tristessa (11.02.2012 um 15:27 Uhr)

  2. #2
    Kurzflügler Guest
    Hallo Tristessa,

    leider habe ich gerade nicht die Zeit, so ausführlich auf dein Gedicht einzugehen, wie es angesichts seiner Qualität eigentlich angemessen wäre, aber ich finde es blöd, dass du hier bisher so ungewürdigt geblieben bist, und lass dir deshalb zumindest mal ein paar Zeilen da.

    Deine Bilder sind klar und stark, die Formulierungen wunderbar innovativ und die Verknüpfung von Religion und Erotik ist interessant gewählt und gut durchgeführt. Besonders die Terzette haben es mir angetan.
    Schön ist auch, dass trotz der Sechshebigkeit der Verse überwiegend ein Zeilenstil, kaum versinnere Zäsuren und mitunter bloß glatte Enjambements und glatte Zäsuren vorliegen, das glättet den Lesefluss ungemein und wird dem Inhalt hier meines Empfindens auch eher gerecht.

    Einziges Manko: Ich vermute, dass du im Alexandriner schreiben wolltest. Dazu würde aber eine feste Zäsur nach der 3. Hebung gehören. Außerdem hat der 7. Vers eine Hebung zu viel, der 8. ist nicht durchgehend alternierend ("diabolisch, was dir" - XxXxxX).
    Im Grunde stört das alles aber nicht.

    Alles in allem ein überraschend virtuoser Einstieg.

    Viele Grüße
    Kurzflügler

  3. #3
    Registriert seit
    May 2010
    Beiträge
    6.190
    Hi, Tristessa -

    d a s nenne ich gelungen!
    Ich bin zwar gegen jede Verbindung von Göttlichem (biblisch gesehen) mit Erotik (da ist mir das "Brautsein" der Nonnen und das "Bräutigamsein" der Priester in zu unguter Erinnerung),
    aber hier ist das so schön gestaltet, daß alle Vorbehalte schwinden.
    Die Metaphern sind hinreißend.
    Zwischen den Zeilen läßt sich so Vieles hinein- oder herauslesen...
    Ich hatte auch berühmte Bildhauer und Maler vor Augen.
    Daß das "sein" im fünften Vers unumgänglich ist, glaube ich nicht. Aber auch mit Apostroph sähe es in meinen Augen nicht geglückter aus.
    (Mein Körper wie mein Blut sei Dir...)

    Ich bin baß erstaunt!
    Ein hervorragendes Erotik-Sonett, an dem sich so manche "Dichter" (sie gehen hier in die Hunderte) etliche Scheiben abschneiden könnten!

    Bewundernd:
    Barbarossa
    Geändert von Cyparissos (09.02.2012 um 14:00 Uhr)

  4. #4
    Registriert seit
    Feb 2012
    Ort
    Hier und da
    Beiträge
    8
    Lieber kurzflügler, lieber Barbarossa,

    dank Euch für Eure Kommentare.Ganz besonders freut mich, daß sowohl die Metaphern als auch das Thema gelungen scheinen.Ich hatte schon Bedenken, ob das Gedicht im Zeitalter der Hardcorepornographie überhaupt als erotisch empfunden wird.

    @kurzflügler: Ich wollte eigentlich nicht im Alexandriner, sondern durchgehend im fünfhebigen Blankvers schreiben, bin aber mit fünf Hebungen nicht ausgekommen und musste überall noch eine sechste "dranquetschen".Den Alexandriner finde ich auch etwas gekünstelt durch die Zäsur in der Mitte und verwende ihn deshalb nicht.
    Aber wo siehst du im 7. Vers die zusätzliche Hebung?
    vergöttliche entfesselt meiner Sinne Passion
    würde ich xXxXxXxXxXxXx lesen, oder irre ich mich da?Bin metrisch etwas "eingerostet"
    Den Holperer im 8.Vers hab ich ganz übersehen, aber ein Gedicht soll ja auch nicht "klappern", deswegen lass ichs einfach mal so stehen

    @Barbarossa: Schön, das dir das Thema trotz Vorbehalten gefällt.Ja, gerade diese doch etwas perverse mittelalterliche Brautmystik hat mich unter anderem zu diesem Gedicht angeregt, da ich sie sowas abstoßend als auch faszinierend finde.
    Über das "sein" im fünften Vers läßt sich streiten.Ich hab lange dran rumprobiert und so gefällt es mir persönlich trotz Silbenfraß am besten, deswegen werde ich es wohl so lassen.Den Apostroph hab ich absichtlich weggelassen, da ich die Dinger im Zeitalter des Deppenapostroph (Gabi`s Grill) nicht mehr sehen kann
    Darf ich noch fragen, welche Maler und Bildhauer du vor Augen hattest?

    mfG

    Tristessa

  5. #5
    Registriert seit
    Feb 2012
    Ort
    Sachsen
    Beiträge
    84
    Sehr hohe Spachkunst, find ich faszinierend.

    Ja, das Deppenapostroph...
    Nicht mehr sehen ist das eine, zu oft sehen und es schleicht sich ein.
    Manchmal ertappe ich mich sogar selber.
    Aber es gibt wohl noch schlimmere Sachen.

    Liebe Grüsse
    star_nebula
    Meine Kumpel sind Johann Gottfried, Johann Wolfgang und Friedrich.

    Hier gelangst Du zu meinen Gedichten

  6. #6
    Longshanks Guest
    Hallo Tristessa,

    Mein Körper und mein Blut sein dir Eucharistie
    wie wärs an dieser Stelle mit
    mein Körper wie mein Blut sei dir Eucharistie?

    Insgesamt ist mir der Text mit einigen zu dicken Adjektiven (lustgepeinten) belastet, um Stimmung zu erzeugen.

    Darüber hinaus kommt mir das reimgeschuldete "Leibe" sehr maniriert vor, ebenfalls das "Tiere" . Dort finde ich es auch unstimmig, dass "dem singulären Gott Mensch dir Tiere ein Kainsmal auf den Stirnen brennt.

    Gruß

    Longshanks

  7. #7
    Registriert seit
    May 2010
    Beiträge
    6.190
    @ Longshanks -

    ebendiese Anregung kam (vor Dir) in meinem Kommentar.


    LG
    B.

  8. #8
    Registriert seit
    Feb 2012
    Ort
    Hier und da
    Beiträge
    8
    Hey Longshanks,

    Deinen Änderungsvorschlag hab ich mal übernommen, da Du nach Barbarossa schon der zweite bist, der den Vorschlag macht.

    Mit Gott Mensch meine ich übrigens die Gattung Mensch als Ganzes, deshalb der Plural bei den Stirnen.

    Wenn dir das ganze irgendwie zu "dick" ist - nunja, ist eben Geschmackssache.Ich mags halt etwas dick aufgetragen und ein bischen pathetisch, deswegen auch das leider ein wenig in Vergessenheit geratene Dativ-e.
    Ist eben nicht nur, um den Reim zu erzwingen, ich mags etwas altertümlich

    mfG

    Tristessa
    ...Säufer des schweren Saftes, versiegelt im durchsichtigen Bernstein ihrer Träume...
    William S. Burroughs

  9. #9
    Registriert seit
    May 2010
    Beiträge
    6.190
    Und genau d a s gefällt mir so gut:
    Das gar nicht "dick aufgetragene" leicht altertümlich anmutende Deiner Diktion.
    Wie gesagt:
    Dichter, die sich Dichter nennen wollen, sollten sich daran ein Beispiel nehmen.
    Wie schön und erquickend, erlesene Sprache zu entdecken!

    Barbarossa

  10. #10
    Registriert seit
    Feb 2006
    Ort
    Im Herzen des Vogtlandes
    Beiträge
    5.515
    @Tristessa


    Moin, Hmm Pathetisch deine Zeilen. Einesteils flüchte ich vor Denen. Andererseits, finde ich sie als Hymne und bescheinige eine gelungene Kombination, von Phantasie und Wortbegabung, wie hier.
    Paar Kleinigkeiten.
    Zitat:“ Gott Mensch, dir schönem, schrankenlosen Tiere“
    5 Hebungen, 11 Silben.
    (Gott Mensch, dir einzig schönem, schrankenlosen Tiere)6H,13S
    Wolllust-Wollust
    Return:
    Habe so Richtung Sonett gedacht, (die 13 Silben wären sogar zulässig)könnt aber auch eine Ode sein. Egal wie, es wird eine gelungene Mischform sein, oder beides.
    Mal schauen, ob sich hier @gitano, blicken lässt. Der mit Wissen und Phantasie beseelte Feinschmecker, grins. Oder der @ferdi, wobei ferdi einen eigenen Stil bevorzugt.
    Return:
    Meinen Segen hast du, es überzeugt. Die Waage der Schwülstigkeit, der Phantasie und dem Wortreichtum, hält sich hier die Mitte. Dein Text ähnelt denen von Kulturheinzis Sprache.
    Nicht schlecht, Herr Specht.

  11. #11
    Longshanks Guest
    Hallo tristessa,

    Ist eben nicht nur, um den Reim zu erzwingen, ich mags etwas altertümlich
    Das, edler Nick, edle Nickin ? mag Euch, Eurer Liebden, nein soll und muss Euch, Euer Liebden, völlig in Euer Benehmen gestellt sein. Es mag jeder nach seiner Facon seelig werden und der Spruch "Der König hat eine Bataille verloren, nun ist Ruhe die erste Bürgerpflicht" mag auf ewig perdü sein.

    Schluss mit dem Blödsinn sry . Was bei meinem Kommentar einigermaßen bis völlig auf der Strecke blieb, ist das, dass das ganze Werk "in einem Guß" geschrieben wurde und nicht anmutet, als käms aus dem lyrischen Versetzkasten eines Erstklässlers. Okay?

    Dass du das Gott Mensch als pars pro toto gewählt hast, ist mir schon klar. Es ist trotzdem für mich inkongruent und das wirds bleiben. Können wir uns da auch auf "dein Geschmack / mein Geschmack " einigen?

    Sry für das jetzt folgene ot:

    @barbarossa

    Ich habe leider überlesen, dass du mit deinem Vorschlag schon in die Kerbe gehauen hast, die ich moniert habe. Wenn ichs gesehen hätte, wäre mein Kommentar wenn auch nicht wortwörtlich doch dem Sinn nach so ausgefallen:

    "ich stimme Barbarossa bei der Stelle mit dem kastrierten "sein" zu. Nachdem Tristessa die Änderung nun akzeptabel findet, können wirs als CO-Erfolg werten? Bei der Prozentverteilung sagen wir mindestens 51 % dein Erfolg und höchstens 49 % meiner?

    Gruß

    Longshanks

  12. #12
    Registriert seit
    May 2010
    Beiträge
    6.190
    Hi, Longshanks -

    das spielt doch überhaupt keine Rolle. Ich geb Dir gerne die 100 %; Hauptsache: Der Vers "stimmt".

    @ Tristessa:

    Ach, gäbe es mehr davon!
    Aber nicht jeden Tag findet man ein Nugget oder einen Diamanten.

    LG
    Barbarossa

  13. #13
    Registriert seit
    Feb 2012
    Ort
    Hier und da
    Beiträge
    8
    Tag zusammen,

    @horstgrosse: Danke , daß du mich auf die fehlende Hebung aufmerksam gemacht hast.Ich hab das "einzig" mal reingequetscht, obwohl es mir vorher besser gefiel.
    Aber bei Formen wie dem Sonett (sollte es zumindest sein), muss man eben auch mal leimen, wie Goethe das nennt.

    @Longshanks: Auf mein Geschmack/dein Geschmack einige ich mich gern, und das "aus einem Guß" werte ich mal als ein Kompliment, das runtegeht wie Öl

    @Barbarossa: Schön, dass du Nachschub willst.Ich plane gerade ein richtig schön perverses, mittelalterliches Brautmystik-Sonett, vllt schaust du ja mal rein, wenns fertig ist

    Grüße,

    Tristessa
    ...Säufer des schweren Saftes, versiegelt im durchsichtigen Bernstein ihrer Träume...
    William S. Burroughs

  14. #14
    Kurzflügler Guest
    Hey Tristessa,

    entschuldige die späte Rückmeldung. :>

    @kurzflügler: Ich wollte eigentlich nicht im Alexandriner, sondern durchgehend im fünfhebigen Blankvers schreiben, bin aber mit fünf Hebungen nicht ausgekommen und musste überall noch eine sechste "dranquetschen".Den Alexandriner finde ich auch etwas gekünstelt durch die Zäsur in der Mitte und verwende ihn deshalb nicht.
    Aber wo siehst du im 7. Vers die zusätzliche Hebung?
    vergöttliche entfesselt meiner Sinne Passion
    würde ich xXxXxXxXxXxXx lesen, oder irre ich mich da?Bin metrisch etwas "eingerostet"
    Den Holperer im 8.Vers hab ich ganz übersehen, aber ein Gedicht soll ja auch nicht "klappern", deswegen lass ichs einfach mal so stehen
    Achso, in Ordnung. Das wäre für mich wie gesagt auch nur ein Problem, wenn du die Absicht gehabt hättest, im Alexandriner zu schreiben.
    Hm. Im siebten Vers hat man das Problem, dass sich Passion (Xx) nicht mit Religion (XxX) reimt. Denn von einem Reim kann man immer nur dann sprechen, wenn die Worte ab der letzten betonten Silbe gleichklingen. Deshalb hab ich das so "gelöst", dass ich aus Passion einen klanglichen Dreisilber gemacht hab (ich dachte, dass das evt. an deinem Dialekt o.Ä. liegen könnte ), was aber zugegebenermaßen auch nicht viel besser ist. So oder so ist da was faul.

    Liebe Grüße
    Kurzflügler

Was dich vielleicht auch interessieren könnte:

  1. Zwischen Gott und Tier
    Von nimmilonely im Forum Nachdenkliches und Philosophisches
    Antworten: 4
    Letzter Beitrag: 08.06.2013, 09:32
  2. Der Mensch im Tier
    Von Füllertintentanz im Forum Nachdenkliches und Philosophisches
    Antworten: 0
    Letzter Beitrag: 13.06.2005, 22:34
  3. Mensch=Tier(!)(?)
    Von kornyfreak1987 im Forum Nachdenkliches und Philosophisches
    Antworten: 0
    Letzter Beitrag: 09.08.2004, 02:27
  4. Tier und Mensch
    Von Dorothea im Forum Nachdenkliches und Philosophisches
    Antworten: 4
    Letzter Beitrag: 28.07.2004, 14:34
  5. Mensch-Tier
    Von Nine im Forum Nachdenkliches und Philosophisches
    Antworten: 2
    Letzter Beitrag: 23.11.2003, 14:32

Berechtigungen

  • Neue Themen erstellen: Nein
  • Themen beantworten: Nein
  • Anhänge hochladen: Nein
  • Beiträge bearbeiten: Nein
  •  

Anmelden

Anmelden