Thema: Penner

  1. #1
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    Penner

    Da stehst du-
    traumverloren.
    Die Brandung
    hastender Menschen
    verläuft- nein- bricht sich
    in deinem Sand,
    ohne dass sie dich erreicht.
    Es gibt kein Band,
    das in deine Träume reicht.
    Deine Ferne- eine Mauer
    aus fest gefügten Steinen
    umfassender Trauer
    ist nicht mehr zu durchbrechen.
    Ich möchte dich und mich
    und alle,
    die verloren gingen,
    rächen...

  2. #2
    Dr. Üppig Guest
    Hallo macin,

    Dein Werk gefällt mir, weil es mit verschiedenen Begriffen arbeitet, die durch die Zeilenumbrüche mehrere Ebenen hinzugewinnen.
    Der Angesprochene steht in der "Brandung", ein Fels in der Brandung. Dieses Bild muss ich bemängeln, wenn ich den Titel wörtlich nehme. Gleich darauf ist das lyr. Du ein Strand. Das passt wiederum gut zum Bild der wie zufällig angeschwemmten Passanten, den Wellen aus Menschen.
    Das "traumverloren" gefällt mir gut: Zunächst als eine Anspielung auf gedankenverloren, dann direkt als das Verlieren eines Traums.
    Es gibt kein Band,
    das in deine Träume reicht.
    Das finde ich hier nicht so gut passend, da 1) der Traum ja verloren ging und 2) ein Band in ein an sich abgeschlossenes System oder eine abgeschlossene Darstellung reingebracht wird, ohne es festzumachen oder miteinzubinden.
    Der Kontrast Ferne-Mauer ist nicht unbekannt, liest sich unter Anderem durch die Zeilenumbrüche und eine asymmetrische Anordnung frisch.
    Und dann stellt sich die Frage auf: Ist das lyr. Ich, das erst am Schluss ins Geschehen tritt, auch obdachlos?

    gerne gelesen

    mfG

  3. #3
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    Lieber Taras Bulba!
    Danke für Dein Interesse und deinen Kommentar.Nein ich bin nicht obdachlos und das LI sollte es auch nicht sein. Dieses Gedicht entstand aus der mehrfachen Beobachtung eines Obdachlosen, dessen Lieblingsplatz eine belebte Unterführung in München war. Er hatte alle Finger mit seltsamen Papierschnipseln umwickelt, an denen er unablässig herumzupfte. Dabei war er völlig vertieft und die Ströme von Menschen flossen an ihm vorbei-dieser Mensch war da und gleichzeitig völlig unerreichbar fern, krank, leidend, anders....was immer man dazu denken und sehen und sagen mag und zugleich war der Strom der vorbeihastenden Menschen auf eine andere Art stumpf, fern, verwahrlost in ihrer hastigen Ignoranz, war eigentlich genauso in sich gefangen. Mich hat die Stille dieses Mannes gefangen genommen und manchmal fühle ich mich in unserer Wirklichkeit verloren und fremd und in diesem Gefühl verlorener Fremdheit oder umfassender Einsamkeit fühlte ich (oder das LI) sich dem Obdachlosen nah. Die "Rache" ist ja nur deswegen denkbar, weil da beim LI (oder mir) die Möglichkeit besteht sich in beiden Welten zu bewegen.
    Ich freue mich sehr über dein Interesse, weil es eines meiner älteren Lieblingsgedichte ist.

    Herzliche Grüße

    macin

    Ps.:"Penner" war nicht abwertend gemeint, aber ich finde diese politisch korrekten Ausdrücke immer so pseudoempathisch, nach dem Motto:wenn wir sprachlich sensibel mit der Problematik umgehen haben wir das Problem gelöst....? Die Betroffenen sehen das oft anders.
    Geändert von macin (10.02.2012 um 16:06 Uhr)

  4. #4
    Dr. Üppig Guest
    Jupp, ich bins nochmal.
    Das mit dem Band würd ich mit irgendwas ersetzen. Außerdem hätte ich einen Vorschlag: Statt "verloren gingen" - "verloren wurden". Ich muss aber gleich hinzufügen, dass meine Vorschläge keinen Anspruch auf Perfektion oder sofortige Implementierung erheben.

    mfG

  5. #5
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    Jetzt grübele ich schon seit gestern, aber ich bin mit meinem "Band" so "verbandelt",d.h. ich will weder respektlos noch anmaßend erscheinen, aber ich brauche das Band im Sinne von "Verbindung",bzw. eben nicht vorhandener Verbindung in diesem kleinen Gedicht....und ich finde bei aller Bemühung nichts, was für mich sonst stimmig wäre! Vielleicht hindert mich auch das ältere Datum dieses Gedichts und ich bin blockiert, weil ich es schon ewig lange so kenne??? Ich finde auch das "Verloren gehen" gut, weil es mir schon oft selbst so vorkam, als ob ich irgendwie verloren gehe...."Da steh' ich nun und kann nicht anders, Gott helfe mir......"
    Trotzdem noch mal vielen Dank für deine Hinweise, vielleicht werde ich ja noch "erleuchtet" und finde eine Version, die uns beide besser zufrieden stellt?

    Ciao, liebe Grüße

    macin

  6. #6
    Dr. Üppig Guest
    Zitat Zitat von macin Beitrag anzeigen
    Trotzdem noch mal vielen Dank für deine Hinweise, vielleicht werde ich ja noch "erleuchtet" und finde eine Version, die uns beide besser zufrieden stellt?
    Um Himmels Willen, hoffentlich nicht!
    Dein Gedicht soll dich zufrieden stellen, meine Vorschläge stellen mich zufrieden. Der Autor sitzt am Hebel, so und nicht anders sollte es sein. Ist doch toll, dass man durch ein Forum verschiedene Meinungen zu seinem Stil und Schreiben sammeln kann. Aber ich möchte nicht zu Verbesserungen nötigen; es ist nur hilfreich, mal sein Gedicht von einer anderen Subjektivität bewerten zu lassen.
    In dem Sinne: Verändere das Gedicht nur, wenn du es möchtest!

    mfG

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