Thema: Oubliette

  1. #1
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    Oubliette

    Die Kälte brennt;
    Schnee, als würde Asche flocken
    Noch bin ich warm - und atme
    Ein Traum von Knochen, denke immer daran;
    Immer segelt das Schiff auf dem Spiegel
    Zwischen Trauer und Tag.
    Diese Angst, die mich lähmt,
    Vor dem Darauf, dem Danach
    Ich rühre mich nicht
    Bis die Nacht durchs Schlüsselloch glotzt
    Und ich einschlafen muss, weil ich so schrecklich müde bin.
    Im Kerzenrauch: ein Gesicht, das ich mit der Hand verscheuche,
    Ein Geist,
    Und draußen Eis
    Als hätte jemand Milch verschüttet,
    Liegt auf den spiegelnden Straßen.
    Am Morgen fegen Kehrmaschinen den Tag herbei
    Putzen die Zähne der Stadt blitzblank
    Bis der Schädel frisch poliert ist.
    Geändert von Dante (13.02.2012 um 17:35 Uhr)
    Signatur editiert da Verwendung von Fremdlinks

    Niquita / Moderatorin

  2. #2
    Jazemel Guest
    Hallo Dante,

    ein Gedicht das mich endlich mal wieder länger hält, als die Zeit des Lesens.

    Zuerst sind mir die reichhaltigen Metaphern aufgefallen, die mir sehr gefallen mit ihrer Ausdruckskraft, ohne dass sie zu üppig, oder schwülstig zu sein. Sie sind zum Teil so scharf akzentuiert - wie kräftige gekonnte Striche einer Kohlezeichnung, klar und plastisch.
    Beim ersten Lesen hatte ich Probleme den Rhythmus des Gedichts zu finden, beim zweiten Lesen hab ich mich dann auf deine Zeilenumbrüche und Interpunktion eingelassen und beim dritten Mal hat es dann funktioniert.

    Was die Interpretation angeht, da knabbere ich noch an einigen Metapher herum (was mir gefällt). So klar wie einige sind, so kniffelig finde ich wiederum andere darum denke ich einfach mal 'laut' und ins unreine.

    Die Kälte brennt;
    Schnee, als würde Asche flocken

    Eines der klaren Bilder.
    Kälte, die brennt, scheint auf den ersten Blick ein Oxymoron oder Contradictio in adjecto zu sein, aber scharfe, stechende Kälte kann durchaus auch brennendes Gefühl auf der Haut hinterlassen, also belasse ich das für mich als beschreibende Tatsache und durch das schöne Bild der folgende Zeile wird dieser Gedankengang verfestigt. Der Schnee, der wie Asche flockt - finde ich so gelungen, denn zu einem zieht es die Verbindung zur brennenden Kälte, zum anderen wird sofort klar, wie der Schnee fällt. Flocken in unterschiedlicher Größe, die nicht einfach herabschweben, sondern wieder hochgewirbelt werden, herabssinken, wieder ein Stück treiben....

    Noch bin ich warm - und atme
    Ein Traum von Knochen, denke immer daran;

    Bei brennender Kälte ist es schwer warm zu bleiben, also weg vom Beschreibenden, eine schlichte Metapher für noch lebendig sein. Beim Traum von Knochen beginnt es dann schon kniffeliger zu werden. Vielleicht war mit dem noch warm und atmend doch nicht lebendig sein gemeint, sondern noch am Leben, denn am Leben und lebendig ist durchaus ein Unterschied. Dann taucht sofort die Frage bei mir auf, ob der Traum von Knochen, ein Traum vom lebendig sein, oder vom Tod ist. Sehnsucht das Leben zu spüren, oder Todesehnsucht. Das Knochengerüst, welches alles trägt, oder die Knochen, die am Ende übrig bleiben.

    Immer segelt das Schiff auf dem Spiegel
    Zwischen Trauer und Tag.

    Die beiden folgenden Zeilen geben mir auch keine Auflösung, eher das Gegenteil. Verschiedenen Assoziationen was die Worte Spiegel und Schiff betrifft. Eine Vermutung dass damit das Sehen, eine Selbstbetrachtung gemeint ist. Wie in den Spiegel schauen, sich sehen und erkennen, das treiben lassen erkennen, das Zusehen wie wieder ein Tag verrinnt.
    Zwischen Trauer und Tag. Depression? Das Segeln auf dem Spiegel - das immer gleiche Bild wird gezeigt, wenn man in den Spiegel blickt, hin und her zwischen Trauer und Tag. Ein Spiegel ist glatt, ohne Bewegung, es sei denn, man bewegt sich. Also ein Zustand der Unbeweglichkeit, begleitet von Trauer, ein 'ewig' gleiches Bild. Die Vermutung, dass eine schwere Depression beschrieben wird, die lähmt, so dass es den Anschein hat, dass sich nicht mehr verändert, bleibt.

    Diese Angst, die mich lähmt,
    Vor dem Darauf, dem Danach
    Ich rühre mich nicht
    Bis die Nacht durchs Schlüsselloch glotzt
    Und ich einschlafen muss, weil ich so schrecklich müde bin.

    Diese Passage verfestigt die Mutmaßung. Depressionen sind nicht selten von Angstzuständen begleitet, die lähmend sind und das isoliert sein fördern. Auch das schrecklich müde sein, spricht dafür.
    Rätsel gibt mir das 'Vor dem Darauf, dem Danach' auf, da komme ich momentan auch nicht weiter.
    Sehr gut finde ich die durchs Schlüsselloch glotzende Nacht. Das verstärkt für mich das Bild des abgeschottet sein, denn die einbrechende Nacht, wird als aufdringlich geschildert, vielleicht schon fast bedrohlich. Was bei mir dann wieder weitere Fragen aufwirft. Warum? Weil die Ängste Nachts andere sind? Sich ändern mit den Schatten und veränderten Geräuschen? Schlimm genug, wenn der Tag bereits angsterfüllt ist, was bringt dann erst die Nacht, in der sich auch manche derer fürchten, die am Tag angstfrei sind.

    Im Kerzenrauch: ein Gesicht, das ich mit der Hand verscheuche,
    Ein Geist,

    Könnte einen Teil der obigen Überlegungen bestätigen, könnte aber auch ein Bild aus der Vergangenheit sein. Ein bekanntes Gesicht, ein Person, an die man nicht denken will, die aber doch immer wieder auftaucht - deswegen auch die Bewegung mit der Hand, in der sonst so gelähmten Haltung.

    Und draußen Eis
    Als hätte jemand Milch verschüttet,
    Liegt auf den spiegelglatten Straßen.

    Diese Passage halte ich wieder für eine Beschreibung der Umgebung, das Beobachtende wie zu Beginn des Gedichts und dieses genaue Beobachten mit den Vergleichen würde für mich auch in das bisherige Gesamtbild passen, denn durch die Depresson wird man zum genauen Beobachter, erst recht, wenn noch Angst dazu kommt.

    Am Morgen fegen Kehrmaschinen den Tag herbei
    Putzen die Zähne der Stadt blitzblank
    Bis der Schädel frisch poliert ist.

    Diese drei Zeilen finde ich unglaublich gut in ihrer reichhaltigen Bildhaftigkeit.
    Die erste Zeile bringt Ton in die Geschichte. Einer der ersten Laute des Tages, der Tag wird herbeigefegt, die Nacht davon.
    Die blitzblanken Stadtzähne und der frisch polierte Schädel - der Tag als grinsendes, scharfzähniger Totenschädel, eine grandiose Beschreibung der Angst, die am Tag im Nacken sitzt, oder einen angrinst. Sehr punktiert, ohne überzeichnet zu sein.

    Wenn ich nun noch den Ttel mit einbeziehe - Oubliette - Kerker, Verlies - dann gibt es für mich zwei mögliche Deutung. Die Erste ganz schlicht, ein Mensch im Gefängns, eventuell eine Todeszelle, was sicherlich auch lähmende Angst bereitet, Bewegungslosigkeit, vorbeiziehende Tage ect. bedeutet.
    Oder eben ein Mensch in einem inneren Gefängnis, eben durch z.B. eine Depression, Angstzuständen.

    Was es nun auch ist, das Gedicht hat mich durch seine Sprache und die Bilder beeindruckt, die eine Atmosphäre schaffen, welche mich festgehalten und mein Kopfkino gestartet haben.

    Sehr gerne gelesen und ebenso gerne habe ich mich damit beschäftigt. Ich komme sicher nochmal zurück.

    Gruß,

    Jazemel


    P.S. Ich hab eben mal ein wenig bei dir gestöbert, nur überflogen, aber das reicht, damit ich mir grad mehr Zeit und mehr Worte zum Kommentiere wünsche.
    Geändert von Jazemel (10.02.2012 um 03:18 Uhr)

  3. #3
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    5.466
    @Dante



    Hm, wenn ich mir hier diesen Mantel anziehe, bin ich in so einer „Zwischenwelt“ zwischen Realen und Vergangenen Leben, oder Begebenheiten.

    Wie: jemand, recht dürr (grins) steht im Schneegestöber und lässt seine Gedanken vorbeiziehen.
    Die irgendein Negativ Ereignis mit sich ziehen. Diese Gedanken zogen die ganze Nacht durch den Kopf. Hat es was mit einer Krebskrankheit zu tun? Ich bin wieder mal sehr einfühlsam, sorry.
    Die Kehrmaschinen sind doch zweideutig, ich denke sie teilen ihre Arbeit mit einem Rasierapparat.
    Wobei ich dann wieder bei Krebs, Tumor wäre. Ja sorry.
    Return:
    Nun, alles eine Vermutung. Deine Bilder und die Phantasie gefallen mir. Sie ist nicht so trocken.

  4. #4
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    Hallo ihr zwei!

    @Jazemel: Wow! Das nenne ich eine detaillierte Analyse. Zu der ich wenig bis gar nichts sagen möchte und sie einfach so stehenlasse, weil ich - wie soll ich das ausdrücken: das expressionistisch sehe: Es sind Gedichte von "Herz zu Herz"; meine Bilder sind deine Bilder.

    @Horst: siehe oben ... Ich habe jetzt auch nicht direkt an Krebs gedacht, aber im Großen und Ganzen ... ^^

    Dank euch!

    Der Dante
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    Niquita / Moderatorin

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