Thema: Lebensfrust

  1. #1
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    Lightbulb Lebensfrust

    (Pantum)

    Lebensfrust

    Ich möchte nicht mehr betteln gehn
    an all den gottverdammten Tagen.
    Es schmerzt mich, hier herumzustehn.
    Ich kann mich selbst nicht mehr ertragen

    an all den gottverdammten Tagen.
    Nicht hungern will ich, nicht mehr frieren.
    Ich kann mich selbst nicht mehr ertragen,
    werd ich am Ende resignieren?

    Nicht hungern will ich, nicht mehr frieren.
    Kein Leben in beschissnen Ecken,
    werd ich am Ende resignieren?
    Ich warte nur noch aufs Verrecken.

    Kein Leben in beschissnen Ecken.
    Gestank und Kälte, Abfall fressen.
    Ich warte nur noch aufs Verrecken.
    Zu lange hab ich hier gesessen.

    Gestank und Kälte, Abfall fressen.
    Ich kann die Lumpen nicht mehr sehen.
    Zu lange hab ich hier gesessen.
    Ich möchte nicht mehr betteln gehen.

  2. #2
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    Liebe Medusa,

    sehr rund und schlüssig Dein Pantum vom Lebensfrust! Fein formuliert und formal perfekt, aber, und das liegt nicht an Dir, sondern am Pantum, etwas eingefroren, da ohne Aufschrei! Passt aber wieder zum Thema Frust, der abstumpft und resignieren lässt.

    Liebe Grüße aus dem Westend ins Westend
    Carlino

  3. #3
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    Lebensfrust

    Liebe Medusa,

    es ist ein interessanter Zufall, das wir beide ein ähnliches Thema gewählt haben (Träume/Frust). Hier hoffe ich aber das der Frust nicht die Aufgabe betraf. Das Pantum liest sich flüssig und die Wiederholungen sind gut angepasst.
    In der ersten Strophe wechselst Du zwischen betontem und unbetontem Ausklang (8 und 9 Silbenzeilen), was Du dann aber bei der Wiederholung in der letzen Strophe angeglichen hast. Der Kreislauf ist Dir damit flüssig gelungen. Ein sehr schönes Pantum. Die Mittelreime habe ich ein wenig vermißt.

    LG Hans
    Mein erster Gedichtband Einmal durchs Leben mit Hans Plonka ist nun beim Daniel Gockel Verlag erhältlich. Bei Interesse schaut in mein Profil unter Homepage.

  4. #4
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    Lieber Carlino .

    Eigentlich sollten Pantume klingen. Wenn meines nicht klingt, so ist es nicht gelungen . Es sind doch schließlich Lieder!

    Ich hatte einen ganz anderen Text fertig gestellt, als ich in einer Einkaufsstraße einen jungen Mann sitzen sah, der mich an meinen Sohn erinnerte (der glücklicher Weise einen anderen Weg geht!). Ich habe ihn angesprochen und er erzählte mir von seinem frustrierenden Dasein, der Ausweglosigkeit. Danach habe ich ihm eine Decke gekauft, eine warme Suppe spendiert und seinem Hund ein paar Lekkerli geschenkt.

    Unter diesem schrecklichen Eindruck schrieb ich mein neues Pantum. Es soll ja Menschen geben, die ein solches Leben jedem anderen vorziehen. Der junge Obdachlose gehörte nicht zu ihnen! Er tat mir unendlich leid. Ich weiß nicht, ob er schon resigniert hat, aber er ist auf dem besten Wege dahin, Sch.....! Ich werde ihn wieder besuchen.

    Ich danke dir herzlich für deine Auseinandersetzung mit meinem Text und dein Lob und schicke dir viele liebe und stürmische Grüße,
    Medusa.



    Lieber Hans .

    Ich schrieb schon bei Carlino, welchen Anlass mein Pantum hat, und ich bin sehr froh, es halbwegs "sauber" hingekriegt zu haben .
    Mein Thema hat überhaupt nichts mit Frust über deine Aufgabe zu tun! Mir hat sie sogar sehr gut gefallen.

    Was die Binnenreime betrifft, so habe ich es versucht. Aber bei den von dir gewünschten kurzen Versen ist es mir nicht gelungen; bei einer Verslänge von 12 Silben hätte ich vielleicht eine Chance.

    Dein Lob zu meinen Versen freut mich sehr, Dankeschön .
    Herzliche Grüße,
    Medusa.

  5. #5
    Derolli Guest
    Liebe Medusa,

    Frust über den immer wiederkommenden scheußlichen Alltag, keine Hoffnung und in diesem Bewustsein jeden Tag aufs neue leben... wirklich elend. Die Form des Pantum mit seinen Wiederholungen verdeutlicht dies zusätzlich. Man kommt nicht aus dem Loch, immer wieder wird man zurückgezogen. Traurig und prägend. Du und auch Hoyoko haben die Form des Pantums also hervorragend eingesetzt - gut überlegt. Dennoch würde ich wohl lieber dein erstes Pantum lesen um so meine Augen vor der tragischen Realität noch etwas zu verschließen.

    Liebe Grüße

  6. #6
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    Hallo, liebe Medusa!
    Du hast Dich nach meinen jetzigen Vorstellungen in bewundernswerter Weise an die allgemeinen Regeln eines Pantums gehalten. Ich will das kurz noch einmal darlegen. Vielleicht ergibt sich daraus noch eine Diskussion.
    Also - Verszahl 8 bis 12 (bei Dir 8 bzw. 9 )
    in Jamben (hier mit 4 Hebungen)
    der 2.Vers der vorhergehenden Str. wiederholt sich im 1. Vers der nachfolgenden
    der 4.Vers der vorhergehenden Str. wiederholt sich im 3. Vers der nachfolgenden (hier alles ok)
    der 1. Vers der 1. Str. wiederholt sich als letzter Vers der letzten Str..
    Wie sieht es mit dem Auftakt aus? Hier kein betonter Auftakt
    und mit den Kadenzen? Du hast in der Regel weibliche verwendet.
    Ich habe dazu keine allgemeine Regel gefunden, finde es aber so ganz richtig.
    Das Pantum soll ja früher einmal gesungen worden sein, so finde ich den unbetonten Auftakt und die weiblichen Kadenzen günstiger.
    Die Strophen werden als Quartette im Kreuzreim geschrieben.

    Ich habe allerdings auch angebliche Pantume mit guter Einschätzung gelesen, wo die Verswiederholungen anders als oben waren, der 1.Vers der 1.Str. stand nicht am Ende des der letzten Str. Die Endverse waren nicht vorhanden. Das macht mich etwas irre.
    So ein interessantes Pantum kann man unter „veredit - iertes Weihnachtsschnee-Pantum“ lesen.

    Vom Inhalt her ein sehr wichtiges, lesenswertes Gedicht. Es sollte im Berliner „Straßenfeger“ veröffentlicht werden. Dieses Thema hat mich ebenfalls immer sehr berührt. Herzlichen Dank für dieses Gedicht.
    Alles Gute für Dich! hoyoko

  7. #7
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    Hi, Medusa -

    ohne die Regeln zu kennen:
    In meinen Augen ein hervorragendes Gedicht.
    Vor allem: zeitlos.
    Es könnte auch in anderen Jahrhunderten geschrieben sein.
    Mich erinnert die Diktion an den großen F. Villon.

    Hoffentlich ist das kein Spam
    von
    Barbarossa

  8. #8
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    Hallo Medusa,

    dein Gedicht ist mit einer recht herben Sprache gespickt. Das passt aber in deinem Fall sehr gut zum Thema. Die wenigsten Obdachlosen, obwohl auch einige hochgebildete, aber "lebensunfähige", Mensch darunter sind, werden sich gewählt und weich ausdrücken.

    Das Pantun/m hast du schön umgesetzt. Zu starke Abweichungen kann ich nicht entdecken und da mir das genügt, suche ich auch nicht, ob es leichte gibt. Wobei: Mir fällt gerade auf, dass der S5V2 stark abgewandelt ist. Hat das System? (siehe hoyoko)

    Ich möchte nicht mehr betteln gehn
    xXxXxXxX???????????????????????? Warum ne Elision? Ist das deine Ursprungsversion? Das kriegst du doch so einfach raus....
    an all den gottverdammten Tagen.
    xXxXxXxXx
    Es schmerzt mich, hier herumzustehn.
    xXxXxXxX????????????????????????? Warum ne Elision? Ist das deine Ursprungsversion? Das kriegst du doch so einfach raus....
    Ich kann mich selbst nicht mehr ertragen
    xXxXxXxXx

    Der Rest passt metrisch mit einem vier-hebigen Jambus. Dass der Mittelreim weggelassen wurde ist mir auch hier egal. Wurde ja auch schon angesprochen.

    Ich hatte beim Schreiben Spaß daran, mit den Satzzeichen zu spielen. Mal ein Komma, mal ein Bindestrich, einfach damit zu spielen, dass man aus dem gleichen Satz etwas anderes herausholen kann, wenn er anders geleitet wird. Das vermisse ich hier, obwohl du die Chancen hättest. Gerade im letzten Vers könntest du durch ein Ausrufezeichen den Abstand zum ersten Vers untermalen. Erst dieses "träumerische" und dann das "entschiedene" "Ich will nicht mehr!".

    Die erste und zweite Strophe würde ich mit einem Komma oder Bindestrich verbinden.

    Vielleicht irgendwo verträumte "..." setzen.

    Im Großen und Ganzen aber ein gelungenes Pantum/n, das ich nach deiner PN "anders" erwartet hätte (Du schriebst ja, dass du alles umgeworfen hast, da ging ich von einer Baustelle aus...) und das auch in der Gesellschaft ihren Platz verdient hätte.

    nächtlicher Gruß, gutes nächtle und carpe noctem
    Nachteule
    Meine Sydnatur:
    Greis und Greisin miss u <3
    Hier stehe ich! Ich kann nicht anders! Gott helfe mir! Amen!
    (Der Buchstabe)
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    Drama: Das Gericht; Prosa: Fernreise als Kurztrip, Krieg im Frieden, Die Tote

  9. #9
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    Lieber Derolli .

    Ich freue mich sehr über dein Lob, Dankeschön .

    Ja, ich habe mich, bis auf die vom Hans vorgeschlagenen Binnenreime, an die Regeln gehalten. Und auch ich bin der Meinung, dass die Wiederholungen des Pantum die Hoffnungslosigkeit noch deutlicher hervor bringen. Ohne die Begegnung mit dem Obdachlosen wäre ich nie auf die Idee gekommen, dieses Thema umzusetzen.

    Das andere Pantum stelle ich noch nicht ein, es sind jetzt zu viele hier .
    Ich grüße dich herzlich,
    Medusa.



    Lieber Hoyoko .

    • Ich mag die längeren Verse, also 11 oder sogar 13 Silben, lieber als die kurzen aber auch 8 Silben sind laut Metzeler richtig.
    • Der Jambus ist sicher die beste Versform, denn er bringt etwas Tempo in die durch die Wiederholungen etwas "lahmen" Strophen. Eine andere Form habe ich noch nicht gelesen.
    • Die Auftakte sind durch den Jambus unbetont, die Kadenzen sollten durchgängig klingend sein, das gibt den Versen etwas Weiches.
    • Der Kreuzreim ergibt sich aus den Wiederholungen.
    • Einen Hinweis auf Binnenreime kann ich in meiner Literatur nicht finden.

    Alles beantwortet? Informationen über Pantume sind äußerst mager, ich weiß nicht mehr als du .

    Wenn ich mich einer alten Form annähere, dann halte ich mich an die Regeln und feile so lange, bis die Verse stimmen. Obwohl ich die kleinen "Ausreißer" recht gerne mag, kämen sie für mich nicht in Frage.

    Herzlichen Dank für dein Lob und viele liebe Abendgrüße,
    Medusa.



    Lieber Barbarossa .

    Wieso Spam? Du musst doch kein Pantum-Experte sein, um dein Gefallen zu äußern, und das hast du sehr deutlich gemacht!
    Oft genug stecken in einem kurzen Kommentar viel mehr Überlegungen als in einem Ellen langen.

    Ich freue mich sehr über dein Lob.
    Herzliche Abendgrüße,
    Medusa.
    Geändert von Medusa (16.02.2012 um 07:51 Uhr)

  10. #10
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    Liebe Medusa,
    hoffentlich hat Dein junger Freund die eisige Kälte da draußen auch überlebt. Hast Du ihn noch mal wieder gesehen? Ich kann gut verstehen, dass Dich sein Schicksal so betroffen gemacht hat, dass Du Deine Gefühle in dem Gedicht verarbeitet hast.
    Dein Pantum liest sich flüssig und versmäßig leicht und nachvollziehbar. Die Verse zeigen auf wie es ist, wenn man resigniert hat und nicht mehr kämpfen mag.
    Traurig, aber sehr gut hast Du die Einstelleung des jungen Mannes rüber gebracht.
    Liebe Grüße,
    Klatschmohn
    ©Klatschmohn
    Überall geht ein frühes Ahnen dem späteren Wissen voraus. Alexander v. Humboldt

  11. #11
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    Guten Morgen Nachteule .

    Es gibt nur wenige Informationen bzw. Regeln zum Pantum. Eine besagt: „Die erste Zeile des ganzen Stückes muss außerdem als Schlussvers des ganzen Gedichtes wiederkehren
    (aus Wikipedia). S5 V2 ist also keine Wiederholung sondern ein eigenständiger Vers wie bei Hoyoko.

    In meiner ersten Fassung hatte ich keine Elisionen in den beiden Versen. Beim Lesen empfand ich „-stehen“ und „gehen“ als unpassend; die stumpfe Kadenz fügt sich, auch wenn sie nicht ganz den Regeln entspricht, besser ins Thema und kommt im Schlussvers gut zur Geltung.

    Ich hätte die Binnenreime sehr gerne eingebaut; ich habs versucht, es ist mir nicht gelungen! Egal ist mir das nicht – ich ärgere mich und schaue neidisch auf die schönen Binnenreime in den anderen Pantumen!

    Ach ja, die Satzzeichen : Ich mag weder Gänsefüßchen und Bindestriche noch Ausrufezeichen und wende sie äußerst sparsam an. Punkt und Komma müssen ausreichen, damit es dem Leser überlassen bleibt, wie er liest und welche Empfindungen er dabei entwickelt.

    Ich habe schon eine „Pantumphase“ hinter mir. Damals las ich irgendwo, die Wiederholungen dürfen nicht verändert werden, auch nicht die Satzzeichen (wenn ich nur noch wüsste, wo das stand !).

    Herzlichen Dank für deinen ausführlichen Kommentar .
    Viele liebe Grüße,
    Medusa.



    Guten Morgen Klatschmohn .

    Nein, ich habe den armen Kerl noch nicht wieder gesehen. Zum Glück scheint das Wetter jetzt etwas freundlicher zu werden. Vielleicht habe ich noch in dieser Woche Gelegenheit, ihm wieder etwas Warmes zu spendieren.

    Ich freue mich, dass du die Ausweglosigkeit und mein Mitgefühl und meine Wut über solche Zustände aus dem Pantum heraus lesen konntest.

    Ich danke dir sehr für deinen Kommentar.
    Herzliche Grüße,
    Medusa.

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