1. #1
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    Der Maschinenmensch

    „Mittelmass!“ der Ruf schallt noch
    und füllt die steinernen Hallen
    im Echo mit lauem Applaus.

    Einmal mehr hat die Muse
    nur verachtend gefaucht,
    und deine Avancen verhöhnt.

    Du kanntest die Formeln,
    die Tabellen und Reime,
    die Silbenzahl und die Kadenz

    Und doch schwammen dir,
    trotz technischer Finesse,
    die Felle im Wasser dahin.

    So verbanden die Worte
    die Sätze, und diese
    die Strophen zu einem Gedicht.

    Alleine der Inhalt,
    der lederne, seichte,
    entsprach allem Höheren nicht.
    Das hier ist meine Signatur und ich bin stolz darauf.

  2. #2
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    Hallo Satchmo,

    Das ist jetzt leider ein krasser Fall von Magie, den dein Gedicht aufwirft. Denn seit Tagen grübele ich über Form und Inhalt und ihr Verhältnis in der Kunst im Allgemeinen und bei Gedichten im Speziellen und finde keine adäquate Form des Ausdrucks.....und da schreibst du mal beiläufig das, was mir so ungereimt im Kopf herumschwirrt in 6 3-Zeilern dahin. ("Faszinierend", wie Mr. Spock sagen würde.) Ich finde in deinem Werk meine Einstellung wieder, dass Form zwar wichtig ist, aber nicht über dem Inhalt, der Aussage oder dem transportierten Gefühl, seinem Ausdruck stehen sollte! Ich lese Gedichte, um in meinem tiefsten Kern angesprochen zu werden, von formalen Spielereien fühle ich mich nicht berührt, das sind bestenfalls nette intellektuelle Spielchen, die zu "lauem Applaus" motivieren.


    LG

    macin
    Geändert von macin (19.02.2012 um 18:33 Uhr)

  3. #3
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    Hallo macin,

    Danke für deine Beobachtungen zu meinem Gedicht. In der Tat geht es hier um das Verhältnis von Sprache, Inhalt und Form in einem Gedicht - respektive um die immer wieder kolportierte Wichtigkeit der Form, die oft über allem steht. Eine Einstellung, die ich so nicht teile.

    Lieber Gruss,
    satchmo
    Das hier ist meine Signatur und ich bin stolz darauf.

  4. #4
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    Hallo; euer Diskurs spricht mir aus der Seele!
    agrarfilius

  5. #5
    Dr. Üppig Guest
    @ agrarfilius: Na dann ist deine Seele ja redseelig.

    Zum Gedicht: Ich finde, es ist eine Botschaft drin versteckt (), die man sich immer wieder vor die Augen halten sollte. Oft habe ich das Gefühl, dass mancher User die Veröffentlichung im Forum mit einem durchgehaltenen Versmaß oder Reimschema begründet. Um mal ein Bild von anamolie aufzugreifen: Ist ein schönes Gefäß schön anzusehen, doch was bringt es, wenn Maschinenöl drin ist? Und eben dieser Gehalt, Inhalt wird im gedicht immer wieder mit treffenden Metaphern als fehlend bezeichnet. Das Echo der kalten, starren, evtl. porösen "steinernen Hallen"; die "Felle", also der eigentliche Objekt der Bearbeitung, der nicht erfasst wird; "ledern" greift dieses Bild auf, verweist auf die bloße Hülle, auf nackte, etwas unangenehme Außenhaut, die oft von der Hülle zum Gegenstand der Betrachtung mutiert.
    Der Reim, der die vorletzte Strophe mit der letzten verbindet, pointiert schließlich stark die Aussage, das "nicht" wirkt umso mehr.

    gerne gelesen

    mfG

  6. #6
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    satchmo,
    dein Impuls tut der Qualität im Forum sicher gut. Gleichwohl glaube ich nicht, dass es den meisten Usern wirklich nur um das perfekte Reimschema geht.

    Zitat Taras Bulba/anamolie;
    Ist ein schönes Gefäß schön anzusehen, doch was bringt es, wenn Maschinenöl drin ist?
    Der Inhalt ist doch der erste Schritt auf dem Weg zu einem Gedicht. Und wenn man am Ende nur Maschinenöl zu trinken bekommt, hat der Autor allen seine Grenzen gezeigt. Packt er es in eine wohl gegossene Form, dann hat er für sich einen kleinen Teilerfolg errungen. Ich lese jedenfalls inhaltsarm gereimte Gedichte, lieber, als solche, die auch noch fehlerbehaftet oder gar als leere Freiversler daher kommen.

    Zitat macin:
    von formalen Spielereien fühle ich mich nicht berührt, das sind bestenfalls nette intellektuelle Spielchen,
    macin,
    ich denke, da übertreibst du ein bisserl. Soll ich mich des köstlichen Weines erfreuen, wenn er mir in einer alten Maschinenöldose gereicht wird?
    Einige, die ich im Forum bisher kennen lernte, benutzen gerade dieses, dein Argument, als Ausrede, um von ihrer Reim- und Metrumschwäche abzulenken, oder weil sie zu faul sind, ihrem Gedicht ein schönes Gefäß zu formen.

    Als Beispiel kannst du das vorliegende nehmen. Bei der Erfahrung und dem Können, das satchmo besitzt, führt er uns, sicherlich botschaftsbedingt, beide metrische Möglichkeiten vor, ein Gedicht zu schreiben.
    Erst in den letzten 2 Strophen hat er, soweit ich das als Anfänger erkenne, ein sauberes Metrum eingesetzt. Und es liest sich schön und leicht dahin, während man im vorderen Teil immer wieder ins Stocken gerät.

    Also, lasst uns mit satchmo guten Wein aus einem schönen Gefäß trinken.
    LG
    Solange Glut ist, kann auch Feuer sein...
    Eva Strittmatter

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