1. #1
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    esse est percipi

    lebendig in leblosen weiten
    im wahn des suizids gefangen
    ihren schöpfer verfluchend
    frisst sich die erde auf

    verfluche mich nicht
    mutter
    erleide dein leid
    im schweigen
    es wird vergehen
    samt meinem

  2. #2
    Sydney ist offline Nachteulen- & Koalaparadies
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    Hai,

    Ich habe dein Gedicht mal gelesen und ich fand es rätselhaft, aber irgendwie auch interessant zu lesen und darüber nachzudenken. Erst einmal ist mir der Titel im Bezug auf das Gedicht völlig unklar, wenn du nur von der Grundidee des „ esse est precipi“ ausgehst. Wenn ich mal wahllos interpretieren darf, würde ich die Strophen so sehen:

    lebendig in leblosen weiten
    im wahn des suizids gefangen
    ihren schöpfer verfluchend
    frisst sich die erde auf

    Es geht hier um eine Klage der Natur. Die Erde ist personifiziert und regt sich vermutlich über die Umweltverschmutzung?, Abholzung? o.ä. auf. Sie will Selbstmord begehen?, aber kann es nicht. Oder sie begeht tagtäglich Selbstmord, aber wir – die Menschen – sehen es nicht.


    verfluche mich nicht
    mutter
    erleide dein leid
    im schweigen
    es wird vergehen
    samt meinem
    Und hier? Wer das Lyrische Ich ist, ist mir gänzlich unklar. Und wenn das Leid mit dem der Mutter (Erde?) vergeht, ist das dann die absolute Umweltkatastrophe, wenn die Erde in die Sonne stürzt oder, wenn sich die Ozonschicht aufgelöst hat?

    Zum Titel:

    Er heißt „ zu sein ist wahrzunehmen“.
    Ich erinnere mich in der Schule diese Aussage im Bezug auf Philosoph Berkeley gehört zu haben, allerdings habe ich da nie so richtig hingehört…. Er vertritt - glaube ich - einen Gegenströmung zu Locks Theorien, dass die Dinge in der Welt erst als bloße Abbilder durch Abstraktion abstrakt werden und man über diese Abstraktion zu den Ideen kommt...ja, irgendwie so war das...xD
    Bei Berkeley kann man aber nur über die Sinneswahrnehmung zu den Ideen gelangen. Bei ihm ist Erkenntnis die Ideen, die von der Wahrnehmung der Erde/Natur eingeprägt worden sind. Dabei geht er aber auch auf die nicht wahrgenommenen Dinge ein, und ich glaube er hat eine strake Pro-Gott-Position…okay…ich komme nicht weiter…

    Liebe Grüße. Sydney.

    Quare suo iure noster ille Ennius sanctos appellat poetas, quod quasi deorum aliquo dono videantur.
    Cicero

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    /)__) <3 Be good, I'm watching you.
    -"-"-

  3. #3
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    Hi nefas, hi Sydney,

    vielleicht kann ich ein bisschen helfen:

    "esse est percipi" heißt "Sein ist Wahrgenommenwerden" und ist der Kernsatz der Philosophie von George Berkeley. Es handelt sich dabei um so etwas wie die philosophische Begründung des Selbstschutzes, der Egozentrie - jedoch auch der Verdrängung.
    Wenn nur ins Sein gerückt wird, was man wahrnehmen will, hat das Vor- und Nachteile.

    Der Nachteil: Eine solche Philosophie ist ein Schlag ins Gesicht eines jeden Materialisten, Naturwissenschaftlers, Kommunisten und Sozialisten, wenn man alles, was einem unangenehm erscheint, ausblendet. Man kann dann auch den bestirnten Himmel über uns und das Sittengesetz in uns ausblenden.

    Den Vorteil sollte man auch sehen: Durch die Verdrängung bleibt man in jedem Fall besser entlastet.

    Nun zum Gedicht: Wenn jemand die konkrete Selbstbedrohung eines Mitmenschen nicht wahrnehmen will, mag das für ihn persönlich Entlastung bedeuten. Dadurch könnte allerdings auch die Suizidgefahr für den Menschen zunehmen, der sich eigentlich Hilfe erwartet.

    Herzliche Grüße H. H. Karg

  4. #4
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    Re: esse est percipi

    Eine kleine Antwort könnte auch mein später eingestelltes Gedicht sein:

    esse est percipi?

    ©Hans Hartmut Karg
    2012

    Wenn ich ins Sein nur rücke, was ich wahrnehmen will,
    Verschwinden Mitleidsleiden und unser Solidargefühl.
    Ich kann mich dadurch wunderbar entlasten
    Und meine Seele wird kein Kummerkasten.
    Wo dies Verhalten flächendeckend greift
    Bleiben die Seelen darwinistisch ungereift,
    Denn bei uns und in vielen anderen Landen
    Vermehren sich Verdränger, Ignoranten.

    Wenn ich ins Sein nur rücken will, was angenehm,
    Wird aus der Mitleidseele wieder toter Lehm.
    Entsorgt die Wahrnehmung all das, was nicht fein,
    Bricht langweilige Harmonie bei uns herein.
    Wenn wir durch unsere Auswahl so verführt,
    Ist unser Geist kein Wert, der Leid aufspürt.
    So lassen wir uns dadurch nicht verleiten,
    Nicht in guten, nicht in schlechten Zeiten.

    Denn wenn wir unser Sein so sehr verengen
    Und Ausgrenzung mit Wahrnehmung vermengen,
    Wird jede Humanität zur eitlen Farce
    Und abgelegt nur als Registercharge.
    Du Mensch, der Du auch Helfer bist,
    Nimm dieses Sein wahr wie es ist.
    Du brauchst doch auch das ganze Sein
    Für Dich – sonst bist Du sehr allein!

    *
    Herzliche Grüße H. H. Karg

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