1. #1
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    Was haben eigentlich Wale damit zu tun?

    Was haben eigentlich Wale damit zu tun?


    I.
    Zwanzig schwangere Blauwale
    strandeten vor Düsseldorf.
    Der Rhein war einfach nicht geeignet
    für Naturschauspiele.
    Werner wusste das und entließ
    seine Mitarbeiter zum Jahresende.
    Den Zusammenhang chiffrierte er
    und verbrannte seine Gedanken
    in der Kirche seines Vertrauens.
    Nach der Predigt ist immer
    auch vor der Predigt.

    II.
    Ursula verband ihren
    zertrümmerten Unterarm
    und las das Apothekenblatt.
    Nichts für schwache Nerven,
    die ganzen tödlichen Viren,
    die sich aus Zentralasien
    in ihrer Straße niederließen.
    Viren mit Migrationshintergrund.
    Ein soziales Dilemma.
    Anträge auf Eingliederung
    und ständige neue Rechtsprechung.
    Eine Aussicht, wie ein Blick
    in den Arsch der Toleranz.

    III.
    Ludger empfand tiefe Zuneigung
    für Annemarie.
    Letztendlich hinderte ihn nur
    sein Koma daran, um sie zu werben.
    Man wusste nicht wer oder was
    das Koma auslöste.
    Aber man sah auch keinen Handlungsbedarf.
    Komatös ist besser als nebulös.
    Mit etwas Glück würde er
    noch zwanzig Jahre leben.
    Mit etwas Pech auch.
    Werner buhlte um Annemarie.
    Er hatte die Zeit.

    IV.
    Nicht alle Kreise schließen sich,
    nur weil sie vortäuschen rund zu sein.
    Quadratisch muss nicht praktisch sein.
    In Münster wurden keine neuen Studienfächer
    angeboten.
    In den Laboratorien erfanden
    Wissenschaftler ein Gen,
    das die Wirtschaftlichkeit
    angemessener Medikamention
    widerlegen konnte.
    Ursula wusste das bereits.
    Es war ihr egal.

  2. #2
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    Gleich vorweg: Der Text gefällt mir außerordentlich gut, ein sehr starker Text, der nüchterne Stil, den ich bei deinen Texten schon oft gelobt habe, prägt auch diesen Text.

    Der Titel leitet gleich in die erste Strophe ein, in der Werners Handlung einen nicht näher erklärbaren Zusammenhang mit der Strandung von Walen verbunden wird. Die Art, wie die Strandung als Erklärung für etwas verwendet wird, das damit eigentlich gar nichts zu tun hat, finde ich sehr geschickt.
    Die klangliche Ähnlichkeit schwangere-strandeten (Assonanz) ist handwerklich auffällig. Der Vers "Den Zusammenhang chiffrierte er" lässt hier schon die Andeutung vermuten, dass es sich bei den Walen um etwas anderes handeln könnte, also dass die Wale für etwas anderes stehen. Beispielsweise werden in Casinos die High Roller ja auch Wale genannt, auch kann Übergewicht zu diesem in jenem Falle eher unvorteilhaften Vergleich führen. Inhaltlich ist der Kontrast Wasser (Wale, Rhein) Feuer (verbrannte) erkennbar.

    In der zweiten Strophe starten wir in Richtung Medikamente und Medizin. Ursula wirkt leicht hypochondrisch ("Nichts für schwache Nerven,"), bis etwa zur Mitte der Strophe, als klar wird, dass es ihr nicht nur um Krankheitserreger an sich geht, sondern dass sich bei ihr gewisse rassismusbedingte Ängste außern (die ganzen tödlichen Viren, / die sich aus Zentralasien / in ihrer Stroße niederließen. / Viren mit Migrationshintergrund."). Der Übergang vom einen Thema zum anderen wirkt fließend und geradezu beiläufig. Auffällig ist, dass Ursula sozusagen die Wissenschaft für ihre Angst vor Migranten verwendet, so zumindest hätte ich den vorgeschobenen Teil über das Apothekenblatt verstanden - dies errinnert an die zahlreichen scheinbar wissenschaftlichen Rechtfertigungsversuche von rassistischem Gedankengut.

    In S3 werden zwei Themen/Handlungsstränge wieder aufgegriffen: Einerseits die Medizin, zum anderen Werner. Der Start in die Strophe (" ... tiefe Zuneigung / für Annemarie") wird durch die folgende Verkündung seines Komas abgeschwächt und gewissermaßen ad absurdum geführt. Der nüchterne Stil führt hier zu einer gewissen Situationskomik, es wirkt wie sehr schwarzer Humor. Die Verse "Man wusste nicht wer oder was / das Koma auslöste. / Aber man sah auch keinen Handlungsbedarf." passt exzellent zum Titel. Die Frage nach dem Warum wird weder gestellt noch beantwortet. Weder, was die Wale damit zu tun haben, noch, warum Ludger im Koma liegt. Sehr interessant finde ich auch die Prognose. Ludger wird noch 20 Jahre leben (wenn er Glück bzw. Pech hat). Die Pointiertheit dieser Aussage finde ich stark. Werner aus S1 hingegen hat die Zeit, was an dieser Stelle wie bitterböse Ironie angesichts Ludgers Koma wirkt.

    In S4 wird dann zu anfangs eine Erklärung angeboten: Es gibt keine (V1, V2). Der Kreis, der vortäuscht, rund zu sein, ist an dieser Stelle duchaus als kreativ anzumerken, schließlich gibt es keinen unrunden Kreis. Die Anmerkung, dass es keine neuen Studienfächer gibt, wirkt einerseits zusammenhangslos, doch passt es in die gleichgültige Erklärungslösigkeit, die sich in diesem Text widerspiegelt. Die Widerlegung der Wirtschafltlichkeit angemessener Medikamention wäre eigentlich ein extrem spannendes Thema (Verdienen Pharmafirmen nicht mit Kranken mehr, wodurch deren objektiver Wunsch nach Krankheitsheilung angezweifelt werden kann), doch wird es hier nur angestreift. Der vorletzte Vers "Ursula wusste das bereits" erinnert an den Anfang, wo Werner von der Strandung der Wale weiß. Der Zusammenhang ist, wie typisch in diesem Gedicht, nicht gegeben, doch zeigt es ein - zumindest formales und handwerkliches - Schließen des Kreises. Die Reaktion von Ursula ist Gleichgültigkeit, was auch sehr gut zum allgemeinen Stil passt.


    Sehr gerne gelesen.

  3. #3
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    @maxces:

    Hier möchte ich mich entgegen meiner sonstigen Art, gerne bei Dir bedanken.
    Es ist in Foren ( für mich ) oft ein Dilemma, dass merfach "gebrochene" Texte,
    keinen Leser finden, der bereit ist, sich auf as Abenteuer Wort/Wortspiel/Gesellschaft
    einzulassen.
    Das Resultat für Lyriker wie mich ist dann, weniger aufwendige ( weniger gute ) Texte einzustellen,
    um überhaupt eine Reaktion zu bekommen.

    Ich habe diesen Text in fünf Foren eingestellt, in keinem Forum wurde die "Botschaft"
    entsczhlüsselt, in keinem Forum reichte der Horizont ( das ist übrigens nicht abwertend gemeint )
    aus, diesen Text überhaupt zu verstehen ( Ausnahme natürlich Prolyku....aber da zählt sowieso NUR Qualität ).

    Und jetzt finde ich gerade auf Gedichte.com ( was für mich eher ein Teenie-Forum ist )
    diese Rezension, die so unglaublich qualitativ hoch ist, dass ich mich nicht nur freue,
    sondern gleichzeitig überrascht bin, WARUM es hier so viel B-Ware gibt, wenn doch Potential
    ohne Ende vorhanden scheint.


    Egal.....
    es hat mich gefreut mit einem User mit Lyrik-verstand zu kommunizieren.
    Das ist selten genung im der Welt der sogenannten Litaratur-Foren.


    Liebe Grüße

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