1. #1
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    standard alternativ


    das shirt von che guevara,
    das tuch von arafat,
    die rastas von bob marley,
    die jeans, die löcher hat

    und schlag und ein paar flicken,
    so wie sein sacko auch,
    und aus dem hauch von vollbart
    strömt selbstgedrehter rauch.

    er stolpert in chuck taylor's
    in jede demo rein -
    und steckt dann doch in schlüpfern
    von boss und calvin klein.



    (alte dritte strophe:
    die tasche zieren buttons
    der toten lieblingsbands,
    politisch prangen patches
    der neusten tagestrends.)
    Geändert von wortsport (02.03.2012 um 11:22 Uhr)
    ach, aber mit versen ist so wenig getan, wenn man sie früh schreibt. man sollte warten damit und sinn und süßigkeit sammeln ein ganzes leben lang und ein langes womöglich, und dann, ganz zum schluss, vielleicht könnte man dann zehn zeilen schreiben, die gut sind. denn verse sind nicht, wie die leute meinen, gefühle (die hat man früh genug) - es sind erfahrungen. (rilke)

  2. #2
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    hm?!,

    einen text wie diesen kann man ja über eigentlich jede zielgruppe schreiben. im angebot haben wir nazis, die döner essen; DIE LINKE-politiker, die porsche fahren; DIE GRÜNEN-politiker, die flugzeug fliegen; politische schriftsteller, die zu boxkämpfen und manager, die ins theater gehen. und ich glaube, zu jeder zielgruppe ist ein text wie der obige geschrieben worden. was ersieht man daraus: zum menschsein gehören widersprüche. dönerfressende nazis find ich doof, weil sie trotz eigenener widersprüchlichkeit das menschsein mit seinen widersprüchen nicht tolerieren. über das opfer deines gedichts kann ich nur sagen: ich trag grad ne boxer short von dc und auf der letzten demo hatte ich die vielleicht auch an.
    technisch ist das gedicht sauber und spritzig geschrieben, allerdings ist die sache mit den tagestrends schon so eine trendig-konnotierte allgemeinheit, das sie vorab der pointe ihren witz raubt.

    Geändert von Kajn Kokosknusper (29.02.2012 um 20:09 Uhr)
    wer deutsche versbrecher findet, darf sie behalten
    oder: warum mein rechtschreibprogramm dem genitiv sein toast iszt...

    "Ein Lyriker, der glaubt, unabhängige Kunst zu schaffen, ist ein Narr, aber ein Mensch, der nicht fähig ist, seine Erfahrungen auf ein anderes Niveau zu abstrahieren, ist kein Künstler."

  3. #3
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    Lieber Wortsport .

    Kajn ist immer sehr streng, kann er ja auch, er weiß sehr viel.
    Ich weiß weniger und sage ohne Scheu: Mir gefällt dein Gedicht sehr gut. Klang, Versmaß und Inhalt harmonieren prima miteinander; die wenigen Reime sind noch nicht überstrapaziert.

    Es gibt einige Gruppen, die ganz hervoragend in deine Schublade passen. Wenn ich an unseren Turnschuh-Joschka denke, der sich am Ende ausschließlich in Armanis seidige Stöffchen hüllte (das Drunter kann ich nicht beurteilen, deine Vermutung liegt nahe ) und trotzdem das Image des grünen Rebellen behielt, dann empfinde ich dein Gedicht als äußerst treffend.

    Sehr gerne gelesen und geschmunzelt.
    Herzliche Grüße,
    Medusa.

  4. #4
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    hai ihr zwai,

    danke fürs lesen und eure kommentare!

    @kajn: da freu ich mich ganz besonders, wenn herr koksknusper bei mir vorbeischaut da haste völlig recht mit den vielen in sich widersprüchlichen zielgruppen! auch damit, dass diese widersprüche nur menschlich sind. meine reimerei (danke fürs "spritzig") wollte auch keine rezepte dagegen liefern, so denn welche nötig wären, sondern sollte nur ne beobachtung sein: ich hatte bisher (aus deiner lustigen liste) nur mit den so ganz individuell-ideell anders-alternativen berufsprotestlern und wut-studenten zu tun (zuletzt am heidelberger bismarckplatz fünf wackere recken mit selbstgebastelten schildern und oben geschildertem look "stoppt! den! waffen! handel! jetzt!", die ihre schilder mit einer engelsruhe nacheinander hochgehalten und laut vorgelesen haben, um dann im chor alle fünf silben zusammen zu schreien, da capo al fine.) und da hab ich bisher mein ja irgendwie schon schlechtes gewissen ob der eigenen inaktivität u.a. immer damit beruhigt, indem ich mir eingesagt habe, dass sie auch nur mit wasser kochen, usf.
    vielleicht treff ich ja mal dönerfressende nazis, dann gibts da auch ein gedicht, der gerät und so.
    mit den tagestrends hast du recht, das ist irgendwie doppelt gemoppelt. stand jetzt scheints mir am sinnvollsten, die dritte strophe ganz zu streichen: dann hätte ich die beobachtungen beschränkt aufs rein äußerliche/modische, und eben die (egal wie klar zu erwartende) pointe nur einmal.

    @medusa: danke für dein lob! der kajn soll auf jeden fall streng bleiben (und bleiben), das tut uns allen gut. jaja, der joschka. wollte grade irgendwas geistreiches über seine wandlung vom steinewerfer zum außenminister schreiben und hab bei wiki nachgelesen:
    "Ein Foto vom 7. April 1973 zeigt den mit einem schwarzen Motorradhelm vermummten Fischer und Hans-Joachim Klein, später Mitglied der Revolutionären Zellen (RZ), wie sie gemeinsam auf einen Polizisten einschlagen. Als Außenminister gestand Fischer seine damalige Gewalttätigkeit ein, wollte sich aber nicht von ihr distanzieren." aha.
    naja, wurscht, heute haben wir ehrensolde und anderen dreck an anderen stecken. der gauck ist sicher auch schon mal schwarz über ne rote fußgängerampel rückwärts gefahren. sonntags.

    gruß und danke,
    wortsport.
    ach, aber mit versen ist so wenig getan, wenn man sie früh schreibt. man sollte warten damit und sinn und süßigkeit sammeln ein ganzes leben lang und ein langes womöglich, und dann, ganz zum schluss, vielleicht könnte man dann zehn zeilen schreiben, die gut sind. denn verse sind nicht, wie die leute meinen, gefühle (die hat man früh genug) - es sind erfahrungen. (rilke)

  5. #5
    Longshanks Guest
    Hallo wortsport,

    beim Lesen des Textes habe ich "hobbyrevoluzzer" und "altachtundsechziger" im Hinterkopf gehört. Die Überzeichnung des Stereotyps hat mir ein fettes Grinsen beschert. In Punkto Mäkeln machst dus mir nicht leicht. Aber etwas hab ich trotzdem:

    Selbstgedrehter rauch aus einem Hauch von Vollbart?
    Rauch kannste nicht drehen und aus einem Vollbart kein Qualm entweichen, außer er brennt.
    (Das war jetzt mühsam, mir diese Kritik aus den Fingern zu saugen)

    Gruß

    Longshanks

  6. #6
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    mist,
    da fühl ich mich sicher, und dann kommt longshanks längs!
    alter krittler
    dann versuch ich mal, mir auch eine rechtfertigung aus den fingern zu saugen: das waren doch ganz klar geistreiche alternativen von standardisierten synekdochen-metaphern-metonymien! das ist ein gesamt-kunstwerk! das muss man doch sehen! und wenn nicht, ist der leser schuld! manmanman, lauter dilettanten hier! noch vierzehn solcher texte, und ich werde befördert zu anamolies fußabstreifer!
    danke fürs rest-lob und gruß,
    wortsport.
    ach, aber mit versen ist so wenig getan, wenn man sie früh schreibt. man sollte warten damit und sinn und süßigkeit sammeln ein ganzes leben lang und ein langes womöglich, und dann, ganz zum schluss, vielleicht könnte man dann zehn zeilen schreiben, die gut sind. denn verse sind nicht, wie die leute meinen, gefühle (die hat man früh genug) - es sind erfahrungen. (rilke)

  7. #7
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    7.041
    hoi wortsport.
    ich finds gut. allenfalls irritiert die mischung etwas, denn rasta-schlag-löcherjeans sind von mir aus gesehen nochmals andere, als chuck-che-shirt-sakkos.
    auf zweitere hast dus wohl abgesehen, und die dritte strophe sitzt perfekt.

    gruass lepi
    .
    .
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