1. #1
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    Nikolaus Lenau-- Der Traurige Mönch

    Hallo Gidicht-freunde!

    ich interssiere michsehr für gedichte und balladen von Nikolaus Lenau. besonders gefällt mir der traurige Mönch. ich interpretiere gedichte immer für mich selber und habe bei diesem ein wenig schwierigkeiten gehabt. könnte mir jemand helfen ??
    danke !!

    eure esmaralda

  2. #2
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    Hallo esmeralda

    Nikolaus Lenau ist tatsächlich lesenswert. Das Gedicht "Der traurige Mönch" kannte ich noch nicht, doch habe ich mich inzwischen damit beschäftigt und hoffe, ich kann Dir mit meinen Gedanken beim "Interpretieren" ein wenig helfen. Doch will ich zuerst einmal das Gedicht selbst hier präsentieren, damit man weiß, worum es geht. Dies ist nach unseren Regeln möglich, da Lenau schon länger als 70 Jahre tot ist.


    Nikolaus Lenau (1802-1850)



    Der traurige Mönch

    Nach einer Sage

    In Schweden steht ein grauer Turm,
    Herbergend Eulen, Aare;
    Gespielt mit Regen, Blitz und Sturm
    Hat er neunhundert Jahre;
    Was je von Menschen hauste drin,
    Mit Lust und Leid, ist längst dahin.

    Der Regen strömt, ein Reiter naht,
    Er spornt dem Roß die Flanken;
    Verloren hat er seinen Pfad
    In Dämmrung und Gedanken;
    Es windet heulend sich im Wind
    Der Wald, wie ein gepeitschtes Kind.

    Verrufen ist der Turm im Land,
    Daß nachts, bei hellem Lichte,
    Ein Geist dort spukt in Mönchsgewand,
    Mit traurigem Gesichte;
    Und wer dem Mönch ins Aug gesehn,
    Wird traurig und will sterben gehn.

    Doch ohne Schreck und Grauen tritt
    Ins Turmgewölb der Reiter,
    Er führt herein den Rappen mit
    Und scherzt zum Rößlein heiter:
    »Gelt du, wir nehmens lieber auf
    Mit Geistern als mit Wind und Trauf?«

    Den Sattel und den nassen Zaum
    Entschnallt er seinem Pferde,
    Er breitet sich im öden Raum
    Den Mantel auf die Erde
    Und segnet noch den Aschenrest
    Der Hände, die gebaut so fest.

    Und wie er schläft und wie er träumt
    Zur mitternächtgen Stunde,
    Weckt ihn sein Pferd, es schnaubt und bäumt,
    Hell ist die Turmesrunde,
    Die Wand wie angezündet glimmt;
    Der Mann sein Herz zusammennimmt.

    Weit auf das Roß die Nüstern reißt,
    Es bleckt vor Angst die Zähne,
    Der Rappe zitternd sieht den Geist
    Und sträubt empor die Mähne;
    Nun schaut den Geist der Reiter auch
    Und kreuzet sich nach altem Brauch.

    Der Mönch hat sich vor ihn gestellt,
    So klagend still, so schaurig,
    Als weine stumm aus ihm die Welt,
    So traurig, o wie traurig!
    Der Wandrer schaut ihn unverwandt
    Und wird von Mitleid übermannt.

    Der große und geheime Schmerz,
    Der die Natur durchzittert,
    Den ahnen mag ein blutend Herz,
    Den die Verzweiflung wittert,
    Doch nicht erreicht – der Schmerz erscheint
    Im Aug des Mönchs, der Reiter weint.

    Er ruft: »O sage, was dich kränkt?
    Was dich so tief beweget?«
    Doch wie der Mönch das Antlitz senkt,
    Die bleichen Lippen reget,
    Das Ungeheure sagen will:
    Ruft er entsetzt: »Sei still! sei still!« –

    Der Mönch verschwand, der Morgen graut,
    Der Wandrer zieht von hinnen;
    Und fürder spricht er keinen Laut,
    Den Tod nur muß er sinnen;
    Der Rappe rührt kein Futter an,
    Um Roß und Reiter ists getan.

    Und als die Sonn am Abend sinkt:
    Die Herzen bänger schlagen,
    Der Mönch aus jedem Strauche winkt,
    Und alle Blätter klagen,
    Die ganze Luft ist wund und weh –
    Der Rappe schlendert in den See.




    Ein Reiter hat in Wind und Regen seinen Weg verloren und sucht bei hereinbrechender Dunkelheit Unterschlupf in einem verwunschenen Turm.
    Verloren hat er seinen Pfad
    In Dämmrung und Gedanken;
    Zuerst ist er noch wohlgemut, scherzt mit seinem Roß und bereitet sich dann im Turm ein Nachtlager. Doch später erscheint ihm um Mitternacht der gespenstische Mönch und rührt ihn mit seinem Anblick so sehr, daß er tags darauf zu Tode betrübt ist und endlich in der Abendsonne in den See reitet, um seinem Leben ein Ende zu setzen.

    Warum?
    Es gibt im Leben immer wieder Leute, die sich so etwas antun, und wir erklären uns dieses Rätsel oft, indem wir sagen, sie hätten "Depressionen" gehabt; irgendetwas wäre in ihrem Kopf oder Organismus gewesen, das die Grundstimmung so fatal verändert hatte. Ein Arzt hätte mit Medikamenten - zumindest zeitweise - Abhilfe schaffen können. Eine andere Erklärung sind die Lebensumstände, ein großer Verlust oder eine tiefe Enttäuschung, durch die das Weiterleben unerträglich wurde. Verzweiflung könnte auch ein Grund gewesen sein, denn wer keinen Sinn im Leben sieht, hat auch keinen Grund mehr zu leben. Doch weder "ein blutend Herz" noch "die Verzweiflung" treiben den Reiter in den Tod, es ist

    Der große und geheime Schmerz,
    Der die Natur durchzittert,
    "Der Schmerz" erscheint "im Aug' des Mönchs" und rührt den Reiter zu Tränen. Der "große Schmerz" ist in der Natur, doch ist er dort verborgen (geheim). Wenn er sich jedoch unversehens in einer Gestalt wie beispielsweise dem "traurigen Mönch" zeigt, so ist derjenige, der den Schmerz erblickt, unrettbar verloren.

    Und wer dem Mönch ins Aug gesehn,
    Wird traurig und will sterben gehn.
    Nun ist die Frage, ob es den Schmerz hinter allem Schmerz, den "Weltschmerz", tatsächlich gibt?

    Den ahnen mag ein blutend Herz,
    Den die Verzweiflung wittert,
    Doch nicht erreicht ...
    Wir wissen es nicht, denn er ist ja "geheim". Doch besser ist es, wenn wir ihm nicht eigens begegnen, denn das wäre - wohl - unser trauriges Ende.

    Liebe Grüße an alle, die sich für "alte Gedichte" interessieren!

    Friedrich
    Geändert von Friedrich (08.03.2012 um 19:01 Uhr)

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