1. #1
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    Wenn Alltag geht




    An einem Tag fiel alles Glück ab von den Wänden.
    Und Sorge zog bei ihnen ein als Untermieter.
    Das Schicksal lässt sich niemals fassen mit den Händen.
    Auf der CD läuft eines dieser Kinderlieder.

    Und Sorge zog bei ihnen ein als Untermieter.
    Die Ungewissheit nagt und zerrt an Hoffnungstüchern.
    Auf der CD läuft eines dieser Kinderlieder.
    Verzweifelt blättert man um Hilfe in den Büchern.

    Die Ungewissheit nagt und zerrt an Hoffnungstüchern.
    Das Kind kann seine Lebensnot noch nicht begreifen.
    Verzweifelt blättert man um Hilfe in den Büchern.
    Der Alltag löst sich auf in lange, dunkle Streifen.

    Das Kind kann seine Lebensnot noch nicht begreifen.
    Den eignen Schmerz muss man verstecken hinter Türen.
    Der Alltag löst sich auf in lange, dunkle Streifen.
    Und wenn sie lacht, will man nur Zeit davor noch spüren.

    Den eignen Schmerz muss man verstecken hinter Türen.
    Das Schicksal lässt sich niemals fassen mit den Händen.
    Und wenn sie lacht, will man nur Zeit davor noch spüren.
    An einem Tag fiel alles Glück ab von den Wänden.



  2. #2
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    Liebe Honigblume,

    ich lese nicht mehr so häufig im Forum, da ich vor kurzem selbst Mutter geworden bin und einfach die Zeit fehlt.
    Doch hin und wieder schaffe ich es und bewundere die Vielfalt, die sich immer wieder neu entblättert.

    Ich möchte dir sagen, dass mich deine Worte sehr bewegt haben, ich bin sicher, sogar noch mehr, da ich nun selbst dieses Muttergefühl in mir habe, das kann man nicht beschreiben, man muss es erleben.
    Umso mehr hat es mich getroffen, welches Schicksal du beschreibst, wie die Trauer durch deine Worte hindurch dringt, so ehrlich und tatsächlich.

    Dieses Gedicht macht mich betrübt - und gleichzeitig lässt es mich nachdenken... dass jedem von uns das Glück auf einmal weggenommen werden kann, die unbeschwerte Zeit verronnen ist und die eigene Welt nicht mehr so ist, wie sie war.
    Lese ich es laut und langsam, wirkt es noch eindringlicher.

    So bin ich nun mehr dankbar, dass ich durchatmen kann und deine Zeilen, gleich einem bösen Traum, aus dem ich erwache, nicht Realität bedeuten - doch bewusst, dass auch meine Wände jederzeit einstürzen könnten.

    Liebe Grüsse

    Wüstenblume
    So bin ich nur als Kind erwacht,
    so sicher im Vertraun
    nach jeder Angst und jeder Nacht
    dich wieder anzuschaun.
    Ich weiß, sooft mein Denken misst,
    wie tief, wie lang, wie weit - :
    du aber bist und bist und bist,
    umzittert von der Zeit.

  3. #3
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    Liebe Wüstenblume,

    zunächst einmal freut es mich sehr für dich, dass du Mutter geworden bist! Darf ich dir noch gratulieren? Ich wünsche euch alles Glück und Liebe und Gesundheit!

    Ich selbst kann das Muttersein leider wohl nicht richtig nachempfinden, weil ich selbst keine Mutter bin. Deshalb will ich als Unwissende dir Recht geben, dass sich das Muttersein wohl kaum erklären lässt. Da brauchen Mütter und Nichtmütter gar nicht diskutieren. Aber ich erlebe viele Mütter um mich, wie sie heute ihren Alltag stemmen, Arbeit und Familie miteinander zu organisieren versuchen, im Beruf ihre Sorgen und Nöte um ihre Kinder eher herunterspielen, obwohl sie ständig unter Hochspannung stehen. Mutter-/Elternsein ist eine sehr verantwortungsvolle Aufgabe, für die man 24 Stunden am Tag bereitstehen muss, die einem aber auch etwas sehr Kostbares zurückgibt, wenn man es richtig zu machen versteht und wenn die äußeren Umstände stimmen: eine Familie. Eine intakte Familie ist das Wertvollste, das ein Mensch erfahren kann. Sie allein gibt den Menschen die Kraft, das eigentliche Menschsein, das soziale Leben voranzutragen – und nichts anderes.

    Vor kurzem erfuhr ich davon, dass ein Kind einer mir eher nahe stehenden Kollegin schwer erkrankt ist. Das hat mich sehr geschockt und beschäftigt mich seitdem täglich. Dieses Gedicht war mein Versuch, mich in diese Familie, vor allem in die Eltern hineinzufühlen. Das erkrankte Kind ist gerade erst im Kindergartenalter und sich seiner kritischen Lage sicherlich noch nicht bewusst. Doch welchen psychischen Belastungen sind die Eltern ausgeliefert? Und wie sehr mag die ältere, aber ebenfalls noch sehr junge Schwester unter der nun völlig veränderten Situation leiden, die auch sie aus der Bahn wirft, wo sie doch ebenso die ganze Aufmerksamkeit der Eltern benötigt? – Die Situation der älteren Tochter habe ich hier in diesem Gedicht gar nicht thematisiert.

    Der Alltag, den man zuvor manchmal als nervig und Trott wahrnahm, zerbricht in solch einer Situation. In diesem Bruch des Alltags wird man gewahr, dass er das Glück war.

    In extremen Situationen wie dieser lösen sich alle Pläne und Träume, die man hatte, im Nichts auf. Man reduziert sich auf diese große Sorge, auf den Wechsel zwischen Hoffen und Bangen, den die schwere Krankheit des Kindes mit sich bringt und hinter dem alles andere zurücktritt. Ich weiß, ehrlich gesagt, nicht, wie man als Eltern so etwas durchstehen kann.

    Ja, du hast Recht: Unser Glück hängt immer an einem seidenen Faden, der jeden Augenblick reißen
    und uns in ein Unglück stürzen lassen kann. Dann müssen wir uns diesem Unglück stellen mit all der Liebe, die wir schenken können, die wir empfangen und mit der Liebe zu uns selbst. Umso mehr sollten wir eigentlich jeden Moment des (alltäglichen) Glücks, den wir ohne größere Störungen erleben, erkennen und dankbar aufnehmen.

    Ich danke dir sehr, dass du dich auf diese Zeilen einließt und dir die Zeit nahmst für diesen netten, einfühlsamen Kommentar, obwohl dieses Gedicht dir eine Situation vor Augen führt, die man niemandem wünscht und die du dir in deiner Situation schon gar nicht vorstellen möchtest.
    Euch alles Gute!

    Herzlich
    Honigblume

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