1. #1
    Registriert seit
    Oct 2011
    Ort
    nordwestliche Gefilde Deutschlands
    Beiträge
    119

    Entfremdung vom Menschen

    Entfremdung vom Menschen

    Je länger ich fern dem menschlichen Kollektiv,
    desto mehr sehe ich ihr Tun als Objektiv,
    darum ich immer weiter dieser Welt entrücke,
    kein Grund beizuwohnen diesem Theaterstücke,

    viele neue Erkenntnisse durch Gruppenhandlungen,
    Eine gleicht der Anderen, alles Verschandelungen,
    worin ist der Zweck dieser humanen Gemeinschaft,
    Insassen sind dort draußen, stets in der Haft,

    du weltoffenes Gefängnis, vor Auswahl prall,
    so manch Häftling stellt sich zur Wahl an den Wall,
    frei ist niemand, auch wenn es jeder glaubt,
    schon lange wurde jedem die Identität geraubt,

    allwissende Weisheit: "Zweck heiligt die Mittel",
    käuflich geworden das Amt: "Geld führt zum Titel",
    Ehrlichkeit ist geworden ein seltenes, rares Gut,
    stattdessen wird eingekauft mit viel Blut.
    Geändert von DichterSeele87 (14.03.2012 um 16:24 Uhr) Grund: Änderungen S3V1, S3V2
    Braucht man Hilfe wenn man nur noch in Reimen denkt?

    Muss man das Müssen dürfen?
    Darf man das Dürfen müssen?


    Sich oft sehen und plaudern und gegenseitig besuchen, ist eine Freude; zusammen leben ist immer eine Gefahr.
    Theodor Fontane

  2. #2
    Registriert seit
    Dec 2004
    Ort
    Narrennest Nod
    Beiträge
    1.601
    hm?!

    ich hätte mir ein etwas differenzierteres bild gewünscht. hier finde ich doch vor allem allgemeinplätze, die deshalb nicht zwangsläufig falsch sind. das spannende am theater ist ja, dass es ursprünglich und vielfach heute noch als spiegel der gesellschaft eine funktion hatte/hat. dass wir also immerwieder dazu neigen, das weltgeschehen mit einem theaterstück zu vergleichen, ist also imgrunde falsch herum gedacht. aber egal...
    trotz grammatischer verstümmelung empfinde ich einen gedanken in deinem gedicht als sehr interessant:
    Je länger ich fern dem menschlichen Kollektiv,
    desto mehr sehe ich ihr tun aus Objektiv,
    desto mehr sich das lyr. ich also vom betrachtungsgegenstand entfernt, desto objektiver wird sein urteil darüber, weil es ja die einzelnen puzzleteile, die zum ganzen führen, überschauen kann. es fängt aber eben auch an, die menschen nur noch als objekte wahrzunehmen, nicht mehr als eigenständige subjekte. kein wunder also, dass das in der folge zu noch mehr distanz führt, sprich:
    darum ich immer weiter diese Welt entrücke,
    da steckt das wort "entrücktsein" drin. zufall? einem autisten fehlt ja die empathie, sprich, auch diesem fehlt die fähigkeit, seine mitmenschen als subjekte wahrzunehmen. er betrachtet diese als objekte im eigenen kosmos. das machts dann so schwer auf diesen zuzugehen und umgekehrt. das lyr ich gerät hier ebenso in einen teufelskreis.

    wer deutsche versbrecher findet, darf sie behalten
    oder: warum mein rechtschreibprogramm dem genitiv sein toast iszt...

    "Ein Lyriker, der glaubt, unabhängige Kunst zu schaffen, ist ein Narr, aber ein Mensch, der nicht fähig ist, seine Erfahrungen auf ein anderes Niveau zu abstrahieren, ist kein Künstler."

  3. #3
    Registriert seit
    Oct 2011
    Ort
    nordwestliche Gefilde Deutschlands
    Beiträge
    119
    Liebe/r Kajn Kokosknusper,

    erstmal danke für deinen Kommentar.

    Das Werk spiegelt die eingeschränkte Sicht eines Menschens dar, der Aufgrund von negativen Erfahrungen und gesammelter Erkenntnisse dazu neigt die Menschen als Kollektiv zu betrachten, dem er im Geiste bereits nicht mehr angehört. Das Authismus die Entwicklung von diesem Fluchtverhalten der Distanzierung, aufgrund der Wissenfakten, verstärkt/beschleunigt ist naheliegend. Kann da auf persönlich Erfahrungen zurückgreifen.

    Besonders die Erfahrung das es mit der Menscheit scheinbar immerweiter bergab geht (Krieg, Fernsehen, ...) haben sich alle in dieser kürzen Phase manifestiert, in der mir der Gedanke zu diesem Gedicht kam.

    Trotz dieses trüben Ausblick bin ich ein Optimist und LIEBE ich das Leben, eben wegen der Subjektivität mit der man an manche Menschen glauben kann.

    Wünsch dir noch einen schönen Tag!

    LG DichterSeele
    Braucht man Hilfe wenn man nur noch in Reimen denkt?

    Muss man das Müssen dürfen?
    Darf man das Dürfen müssen?


    Sich oft sehen und plaudern und gegenseitig besuchen, ist eine Freude; zusammen leben ist immer eine Gefahr.
    Theodor Fontane

  4. #4
    Registriert seit
    Mar 2012
    Ort
    Hamburg
    Beiträge
    14
    ciao,

    mir gefällt der deutlich in den Kommentaren der Dichterseele mitschwingenden Opti- und Altruismus, sowie die Reflektiertheit sehr! Vorbildlich (:

    ich habe ein, zwei "friendly amendments" zu dem Gedicht:
    V121: "ihr Tun", gibt das "Objektiv" in diesem Sinne, "aus" dem man etwas sehen kann? oder sieht man es nicht eher "objektiv"?
    V3S1: "prahl" von prahlen? Dann prahlt es vor Auswahl. Aber ist es nicht eher "prall" vor Auswahl? (Dann allerdings auf kosten des Reims..)
    V4S2: "käuflich geworden" (ohne "d")

    Schwere Kost gibst Du uns da zu kauen, Dichterseele.
    lg
    Fred

  5. #5
    Registriert seit
    Oct 2011
    Ort
    nordwestliche Gefilde Deutschlands
    Beiträge
    119
    Lieber Fred,

    erstmal danke für deine wohlwohlende Würdigung! Es erfreut mich umso mehr das Lob zu hören, weil ich mich nicht verstelle, sondern ebenso bin. Leider ist Altruismus nicht immer ein Vorteil ... trotzdem werde ich diesem Wesenzug treu bleiben! Danke dir

    Zu S1V2: Eigentlich sollte da "als" statt "aus" stehen. Das wird wahrscheinlich Einiges klären.

    Zu S3V1: Habe das "prall" übernommen, da es absolut zutreffend ist und habe deshalb auch V3S2 angepasst.
    "du weltoffenes Gefängnis, vor Auswahl prall,
    so manch Häftling stellt sich zur Wahl an den Wall,"

    Zu S4V2: Ich habe das geändert.

    Anmerkung: Spiele mit dem Gedanken Strophe 2 komplett rauszunehmen ... werd es mir sicherheitshalber nochmal überlegen.

    LG Thomas
    Geändert von DichterSeele87 (16.03.2012 um 14:00 Uhr) Grund: Falsche Nutzung der Abkürzung "Strophe x Vers x".
    Braucht man Hilfe wenn man nur noch in Reimen denkt?

    Muss man das Müssen dürfen?
    Darf man das Dürfen müssen?


    Sich oft sehen und plaudern und gegenseitig besuchen, ist eine Freude; zusammen leben ist immer eine Gefahr.
    Theodor Fontane

  6. #6
    Registriert seit
    Mar 2012
    Ort
    Hamburg
    Beiträge
    14
    moin Thomas,

    ich glaube es ist sehr wohl (fast) immer ein Vorteil, auch wenn es manchmal anders erscheinen und frustrierend sein mag. Aber letztendlich zahlt es sich doch aus, auch und vor allem auch für einen selbst.

    V1S2 verstehe ich immer noch nicht ganz, das lyrische Ich ist also ein "Objektiv"? Gibt das "Objektiv" in diesem Sinne?

    Danke für den Willkommensgruß übrigens noch (:
    lg
    Fred

  7. #7
    Registriert seit
    Oct 2011
    Ort
    nordwestliche Gefilde Deutschlands
    Beiträge
    119
    guten Mittag Fred,

    da wirst sicherlich recht haben mit deiner Aussage. Wäre ich primär nur auf mich selbst fixiert, so würde ich niemals der Mensch geworden sein der ich heute bin. Aus diesem Standpunkt herraus muss ich die vollkommen recht geben!

    Verzeih mir vorneweg den Fehler den ich beging, bei der Bezeichnung der einzelnen Verse, habe das auch in meinem Kommentar korrigiert.

    Nun zu deiner offenen Frage:
    Das Objektiv bezieht sich auf die Menschenmenge, die betrachtet wird, der das Lyrische sich entfremdet fühlt.
    Durch "ihr Tun", ihre Handlungs- und Denkweise, fühlt das Lyrische Ich sich ihnen, der objektiv betrachteten Menge, nicht mehr zugehörig.

    Auf den Punkt gebracht: Das Lyrische Ich betrachtet die anderen Menschen auf eine "objektive" Weise. Es sieht diese nur noch als Ganzes, ohne eine Differenzierung der einzelnen Individuen vorzunehmen.

    Ist es jetzt klarer geworden? Ich hoffe doch!

    LG Thomas
    Braucht man Hilfe wenn man nur noch in Reimen denkt?

    Muss man das Müssen dürfen?
    Darf man das Dürfen müssen?


    Sich oft sehen und plaudern und gegenseitig besuchen, ist eine Freude; zusammen leben ist immer eine Gefahr.
    Theodor Fontane

Was dich vielleicht auch interessieren könnte:

  1. Entfremdung
    Von Mlyric im Forum Hoffnung und Fröhliches
    Antworten: 2
    Letzter Beitrag: 02.01.2010, 22:09
  2. Entfremdung
    Von Mlyric im Forum Trauer und Düsteres
    Antworten: 0
    Letzter Beitrag: 24.12.2009, 20:27
  3. Entfremdung
    Von Ahsil im Forum Trauer und Düsteres
    Antworten: 0
    Letzter Beitrag: 09.02.2005, 22:17
  4. Entfremdung
    Von Gia im Forum Trauer und Düsteres
    Antworten: 1
    Letzter Beitrag: 03.09.2003, 18:21

Berechtigungen

  • Neue Themen erstellen: Nein
  • Themen beantworten: Nein
  • Anhänge hochladen: Nein
  • Beiträge bearbeiten: Nein
  •  

Anmelden

Anmelden