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    Schillers "Nänie" - das Schöne

    Nänie

    Auch das Schöne muß sterben! Das Menschen und Götter bezwinget,
    Nicht die eherne Brust rührt es des stygischen Zeus.
    Einmal nur erweichte die Liebe den Schattenbeherrscher,
    Und an der Schwelle noch, streng, rief er zurück sein Geschenk.
    Nicht stillt Aphrodite dem schönen Knaben die Wunde,
    Die in den zierlichen Leib grausam der Eber geritzt;
    Nicht erretet den göttlichen Held die unsterbliche Mutter,
    Wenn er, am skäischen Tor fallend, sein Schicksal erfüllt.
    Aber sie steigt aus dem Meer mit allen Töchtern des Nereus,
    Und die Klage hebt an um den verherrlichten Sohn.
    Siehe, da weinen die Götter, es weinen die Göttinnen alle,
    Daß das Schöne vergeht, daß das Vollkommene stirbt.
    Auch ein Klaglied zu sein im Mund der Geliebten, ist herrlich,
    Denn das Gemeine geht klanglos zum Orkus hinab.

    Entstanden 1799



    Das Thema Schillers "Nänie" wurde in dieser Rubrik von einem User namens Tatinka schon einmal behandelt, und zwar im September 2009 unter dem Titel Elegie in Schillers "Nänie". Dort geht es darum, die Gedichtform der Elegie (Klagegedicht) am Beispiel von Schillers Gedicht darzustellen. Mir geht es in meinem Beitrag nicht so sehr um die Form, als um den Inhalt, um den Sinn des Gedichts. Tatinkas Schlußsatz unter ihrem sonst durchaus lesenswerten Beitrag kann ich dabei nicht zustimmen:

    Die Idee: Die Aufbewahrung des Schönen in ästhetischer Gestalt des Klagelieds, denn die Schönheit im nachmythologischen Zeitalter ist nur noch erlebbar im ästhetischen Schein.
    Die Schönheit ist auch heute noch unmittelbar "erlebbar".

    Nänie (von lat. nenia oder naenie) bedeutet: Klage- oder Trauergesang. Es geht Schiller in seinem Gedicht um die Entstehung und Bedeutung des Trauergesangs. Da dieser aber eng mit dem Schönen verbunden ist, geht es mehr noch um dieses, da das Schöne die Voraussetzung für die Entstehung der Nänie ist. Das Gedicht ist in der Versform des Distichons geschrieben, das heißt, die Verse sind paarweise aus Hexametern und Pentametern zusammengesetzt; davon gibt es in "Nänie" sieben.

    Hilfreich für das Verständnis eines Gedichts ist es oft, darin enthaltene Gegensätze zu suchen.

    Der erste Gegensatz ist "das Schöne" (1. und 12. Zeile) und "das Gemeine" (letzte Zeile).
    Der zweite findet sich in "Menschen und Götter" (1. Zeile) und Hades, dem Gott der Unterwelt oder des Todes; in dem Gedicht heißt er "stygischer Zeus" (Zeile 2).

    (...) Das Menschen und Götter bezwinget,
    Nicht die eherne Brust rührt es des stygischen Zeus.
    Der Satz ist wegen seiner Konstruktion vielleicht nicht jedermann ohne weiteres zugänglich. Er bedeutet:

    Dasjenige, was Menschen und Götter zu Boden wirft,
    rührt nicht das harte Herz des Hades.
    Das "Umwerfende" dabei ist der Tod des Schönen:

    Auch das Schöne muß sterben!
    Nach dieser Einleitung folgen drei Beispiele.

    Zuerst Eurydike, die von dem Sänger Opheus - beinahe - aus dem Totenreich zurückgeführt worden wäre; die Chance dazu war ein "Geschenk des Schattenbeherrschers".

    Einmal nur erweichte die Liebe den Schattenbeherrscher,
    Und an der Schwelle noch, streng, rief er zurück sein Geschenk.
    Darauf folgen der Tod des "schönen Knaben" Adonis sowie der des "göttlichen Heldes" Achilles.

    Schiller versieht seine Gestalten des Schönen zwar mit Attributen wie "schön" und "herrlich", doch viel wichtiger als das Ästhetische ist dabei die Wirkung ihres Sterbens auf Menschen und Götter.

    Aber sie steigt aus dem Meer mit allen Töchtern des Nereus,
    Und die Klage hebt an um den verherrlichten Sohn.
    Siehe, da weinen die Götter, es weinen die Göttinnen alle,
    Daß das Schöne vergeht, daß das Vollkommene stirbt.
    "Sie", die klagende Mutter aus dem Meer, ist Thetis, die Meeresnymphe.

    Und damit kommen wir zum erstgenannten Gegensatz zurück. Das Schöne unterscheidet sich vom Gemeinen dadurch, daß sein Verlust schmerzt, sowie daß dieser Schmerz ein "herrliches" Klagelied hervorbringt; das Gemeine hingegen geht "klanglos" zugrunde.

    Auch ein Klaglied zu sein im Mund der Geliebten, ist herrlich,
    Denn das Gemeine geht klanglos zum Orkus hinab.
    Das Bemerkenswerte ist, daß das Schöne hier nicht so sehr mit dem Auge, als mit dem Herzen entdeckt wird. Beim Verlust des Schönen ist es uns, als würden wir verletzt oder als verlören wir einen Teil unserer selbst. Den Verlust des Gemeinen hingegen können wir "verschmerzen", keinesfalls animiert er den Dichter zum Gesang. Das Gemeine geht "klanglos" unter.

    Im allgemeinen Verständnis ist das Schöne etwas, das unsere Sinne in besonders angenehme Weise beeindruckt, etwas, das sich mittels ästhetischer Kriterien und am Hintergrund eines "Schönheitsideals" bestimmen läßt. Schönes ist meistens teuer, so daß man sich damit schmücken und neidische Blicke auf sich ziehen kann. Bei Schiller ist das Schöne nicht so sehr die Angelegenheit des Auges, sondern vielmehr die des Herzens, der Liebe.

    Das Problem in unserem "nachmythologischen Zeitalter" (Tatinka) ist, daß uns die mythologischen Gestalten nur noch wenig bedeuten oder sogar gänzlich unbekannt sind. Doch sind diese zum Verständnis der Kernaussage des Gedichts nicht ausschlaggebend. Das Herz entdeckt das Schöne und sein Verlust ist "herzzerreißend". Was dann noch bleibt, ist die Aufbewahrung des Schönen im (Klage-)Gedicht.

    Mit lieben Grüßen an alle Schillerfreunde

    Friedrich

    Nachtrag


    Ich bin mir nicht sicher, ob ich mit meiner Interpretation die Idee Schillers vom Schönen lebendig vermitteln konnte. Wenn mythologische Gestalten ihre erwachsenen Kinder oder ihre schöne Geliebte verlieren, dann "tangiert" und das wahrscheinlich noch weniger, als wenn wir von vergleichbaren Todesfällen in der Zeitung lesen. Schillers Idee könnte uns jedoch auf lebendige Weise berühren, wenn wir sie auf eine anschauliche Lebenssituation übertragen, oder wie es in der schulischen Textanalyse heißt, "extrapolieren".

    Dies soll im Folgenden anhand zweier Textbeispiele geschehen. Zum einen handelt es sich dabei um ein eigenes, also "zeitgenössisches" Gedicht, zum anderen um eine kurze Darstellung des Untergangs der Stadt Karthago von der französischen Philosophin Simone Weil .

    In meinem Gedicht Die zweite Chance geht es um einen Vater, der nach einer Operation seinen neunjährigen Sohn im Kinderkrankenhaus besucht. Durch die Gefährdung erkennt er, wie zerbrechlich das Leben seines Kindes in Wahrheit doch ist, und daß es keineswegs selbstverständlich ist, daß es lebt. Im Krankenbett erscheint ihm sein Kind als das Schöne und Kostbare, das es im Grunde immer schon war, das er vorher jedoch nicht als solches erkannt hatte. Anders als bei den mythologischen Gestalten im Schillergedicht wird ihm dies bewußt, ohne das Schöne für immer verloren zu haben. Dies empfindet er als ein "göttliches Geschenk". Der Gedanke an jene, die nach dem Tod ihrer Kinder allein zurückbleiben mußten und zeitlebens eine nie ganz verheilende Wunde davontrugen, wird ihm dabei auf bedrängende Weise gegenwärtig. Zuletzt brachte die Bedrohung des Schönen zwar keinen Trauergesang jedoch ein Gedicht hervor.

    Das zweite Beispiel handelt vom Fall Karthagos unter dem römischen Feldherrn Scipio Africanus im Jahre 146 vor Chr. Simone Weil (1909-1943), eine gute Kennerin der Antike, beschreibt dies in ihrem Hauptwerk L'Enracinement (Die Einwurzelung) sehr anschaulich. Ich übersetze die entsprechende Stelle aus dem Französischen.

    (Die) Delegierten (Karthagos) erhielten (von den Römern) den Befehl, die Stadt (Karthago) vollständig und endgültig zu räumen, damit sie dem Boden gleichgemacht werden könne. Darauf brachen sie zuerst in Schreie der Empörung aus, dann in Tränen. Sie riefen ihre Heimatstadt mit Namen, sprachen zu ihr wie zu einer Person, sagten ihr herzzerreißende Dinge. Dann flehten sie die Römer an, sie sollten doch, wenn sie ihnen schon Schmerz zufügen wollten, die Stadt, diese Steine, diese Bauwerke, diese Tempel, denen man doch nichts vorwerfen könne, verschonen und stattdessen die ganze Bevölkerung vernichten. Sie bedeuteten ihnen, daß dieser Weg der weniger unehrenhafte für die Römer und der bessere für die Karthager sei. Die Römer jedoch blieben unnachgiebig. Die Stadt erhob sich, wenngleich auch ohne große Mittel, gegen sie und Scipion, der Afrikaner, an der Spitze einer zahlreichen Armee brauchte drei ganze Jahre, um sich der Stadt zu bemächtigen und sie zu zerstören.

    Das Schöne kann demnach auch eine Stadt sein und die Karthager reagieren auf die bevorstehende Zerstörung wie die mythologischen Gestalten auf den Tod ihrer Kinder. Im Zusammenhang mit der Zerstörung Karthagos heißt es bei Simone Weil:

    Das Mitgefühl für das Zerbrechliche ist immer verbunden mit der Liebe zum wahren Schönen, weil wir intensiv spüren, daß den wahrhaft schönen Dingen ein ewiges Bestehen zugesichert sein sollte, was jedoch nicht der Fall ist.

    Wie unmenschlich ist es dann doch, führt man sich die im Weltkrieg durch Bomben zerstörten deutschen Städte vor Augen, den Menschen die Trauer um das verlorene Schöne mit dem Argument auszureden, dies hätte mit bösem "Nazi-Denken" zu tun.

    Schiller und das Schöne: eine Orientierung auch heute noch!

    Mit lieben Grüßen

    Friedrich
    Geändert von Friedrich (18.03.2012 um 23:22 Uhr) Grund: "Nachtrag"

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