Thema: Mantra

  1. #1
    Jazemel Guest

    Mantra



    Denk nicht an Blut, die Faust im Gesicht,
    nicht an die Schreie, an den Knochen der bricht
    beim Anblick eines Maulbeerbaums.
    Das Messer, das Fleisch wie Butter durchsticht,
    und den Gestank von Metall und Urin -
    nein, denk nicht daran, denk nicht, denk nicht.
    Nicht an dein Haar zwischen Pflastersteinen
    und nicht an erloschenes Augenlicht,
    im Schatten eines Maulbeerbaums.
    Nein, denk nicht an Stille die Sterben spricht,
    blätter vom Rot, rückwärts zum Grün,
    denk nur dein Lächeln - als Gegengewicht.


    Alte Version:

    Denk nicht an Blut, an den Knochen der bricht,
    nicht an die Schreie,die Faust im Gesicht,
    beim Anblick eines Maulbeerbaums.
    Das Messer, das Fleisch wie Butter durchsticht,
    und den Gestank von Metall und Urin -
    nein, denk nicht daran, denk nicht, denk nicht.
    Nicht an dein Haar zwischen Pflastersteinen
    und nicht an erloschenes Augenlicht,
    im Schatten eines Maulbeerbaums.
    Nein, denk nicht an Stille die Sterben spricht,
    blätter vom Rot, rückwärts zum Grün,
    denk nur dein Lächeln - als Gegengewicht.



    Geändert von Jazemel (14.07.2012 um 01:39 Uhr)

  2. #2
    Dr. Üppig Guest
    Ich bleibe beim Malubeerenbaum hängen. Ich komme da einfach nicht weiter! (Im Übrigen würde ich 'Maulbeerbaum' vorziehen, aber das nur nebenbei aus meiner Sicht.)
    Und zentral ist er, das kann man nicht abstreiten. Ist es etwa seine symbolische Bedeutung als stummer Zeuge von Leid und Verderben? Die mythische Färbung der Früchte mit Blut? Möglich.
    Ist der Maulbeerbaum ein Bote unausweichlichen Untergangs? Warum nur lese ich in der letzten Zeile eine gewisse saelde?

    Die Form, das ist doch ein Ghasel.
    Ich liebe diese kunstvolle Verspinnung des Reims. Der Titel passt ganz ausgezeichnet dazu: Wiederholend kommt der Gleichklang, der 6. Vers sticht da auch toll hervor "nein, denk nicht daran, denk nicht, denk nicht."

    Ich lese diese Zeilen immer wieder, ganz wie der Titel auffordert, ich schmecke die "Stille, die sterben spricht". Das Lächeln wiegt sehr viel. Es wiegt, wenn nicht hoffnungsvoll, so doch versprechend.

    sehr gerne gelesen

    mfG

  3. #3
    Longshanks Guest
    Hallo Jaz,

    nach längerer Funkstille ein sehr eindringliches und berührendes Gedicht. Wenn ich mich recht erinnere, gibts dazu doch auch eine Kurzgeschichte? Allerdings weiß ich grad nimmer, ob da auch explizit ein Maulbeerbaum erwähnt wurde.

    Der Text hier passt in sich, der Titel ist Programm, ein sich ständig wiederholendes "Gebet" ein Mantra, um Kraft fürs ertragen zu haben? Dazu passt dann auch das Lächeln am Ende, das wohl nur als Zeichen der Hilflosigkeit gewertet werden kann.

    Ein paar Stellen sind mir noch aufgefallen, an denen mMn noch etwas gefeilt werden könnte.

    Denk nicht an Blut, an den Knochen der bricht,
    Hier wäre mir folgende Variante eingängiger:

    Denk nicht ans Blut, wie der Knochen zerbricht resp.ein Knochen zerbricht
    (Alternativ dazu könntest du - reine Erzähltechnik - die Faust im Gesicht ans Ende von Zeile eins stellen und den zerbrechenden Knochen ans Ende von Zeile da)

    Maulbeerebaums
    klingt eigenwillig. Gibts einen Grund für das fehlende "n" oder andersrum das zuviele "e"?

    Das Messer, das Fleisch wie Butter durchsticht,
    Gibt natürlich das Sprichwort "wie ein heißes Messer durch Butter gehen". ABer für mich ist "Messer" mehr schneidend und Dolch "mehr stechend". Wie wärs mit "Klinge" anstatt "Messer"?

    und den Gestank von Metall und Urin
    Das bricht aus der Erzählgeschichte aus insofern als es vom Audiovisuellen ins "Riechhirn" geht. "Urin" für die Angst, die LI beim Geschehen hatte?

    Nein, denk nicht an Stille die sterben spricht
    Ich meine, "sterben" müsste hier groß geschrieben werden.

    blätter vom Rot, rückwärts zum Grün
    blätter ist hier nicht Laub sondern Imperativ?

    Klingt nach viel Mecker, ist aber nicht so. Starkes Stück.

    Gruß

    Longshanks

    ridi Pagliacco
    Geändert von Longshanks (11.07.2012 um 07:42 Uhr)

  4. #4
    Jazemel Guest
    Hi Taras,

    was hat dich denn bewogen, das Gedicht aus den Tiefen des Forum zu fischen? Danke dir.

    Zuerst, jap Maulbeerenbaum ist Humbug, es soll Maulbeerbaum heißen, ich hab es schon korrigiert und keinen Schimmer, warum ich es anders geschrieben hatte.

    Die Frage, warum ein Maulbeerbaum, hast du zum Teil selbst beantwortet. Zum einen ein Symbol für das Leben und ein Fixpunkt, oder besser ein weiterer Fixpunkt wie das Mantra selbst. Das könnte im Grunde jeder andere Baum auch, Fixpunkt und Synonym für Leben sein, der Maulbeerbaum ist es aber, aus dem von dir beschrieben Grund. Die Beeren, die einmal weiß waren und sich durch das Blut des Pyramus rot färben. Oder kurz gesagt, Baum = Leben, Maulbeerbaum = Überleben.

    Über deine andere Frage habe ich ein wenig nachgedacht und hab mich dann selbst gefragt, warum du eine gewisse saelde aus der letzten Zeile liest. Spontan habe ich erstmal verneinend den Kopf geschüttelt weil die ersten Gedanken dazu natürlich Iwein, saelde und ere, ritterliche Tugenden etc. einfielen. Aber vielleicht ist es nicht so weit weg, wenn man in die Richtung, das Wahre, das Gute denkt. Ein weiterer Fixpunkt, vielleicht sogar der wichtigste.

    Und noch ein ja, es ist ein Ghasel, wenn auch nur in der Form, nicht in der Thematik, welche sich in Ghasel strenggenommen mit erotischer Liebesdichtung beschäftigen. Der erotische Aspekt ist zumindest nicht vorhanden.

    Hat mich gefreut, dass du das Gedicht ausgegraben hast und sehr gefreut haben mich deine Gedanken dazu.

    Lieber Gruß,

    Jaz


    Hi Longshanks,



    Zitat Zitat von Longshanks Beitrag anzeigen

    nach längerer Funkstille ein sehr eindringliches und berührendes Gedicht. Wenn ich mich recht erinnere, gibts dazu doch auch eine Kurzgeschichte? Allerdings weiß ich grad nimmer, ob da auch explizit ein Maulbeerbaum erwähnt wurde.
    Eigentlich ist immer noch Funkstille, Taras hat nur tiefer im Forum gegraben und das drei Monate alte Gedicht wieder herausgefischt. Stimmt, eine Kurzgeschichte dazu gibt es schon eine ganze Zeit 'Sieben Worte', hast du auch kommentiert und ja, ein Baum kommt auch darin vor, aber es war nicht explizit von einem Maulbeerbaum die Rede. Der Baum aus der Story ist hier zum Maulbeerbaum geworden, wegen der Pyramus- rote Beeren- Sache.


    Zitat Zitat von Longshanks Beitrag anzeigen
    Der Text hier passt in sich, der Titel ist Programm, ein sich ständig wiederholendes "Gebet" ein Mantra, um Kraft fürs ertragen zu haben?
    Genau.

    Zitat Zitat von Longshanks Beitrag anzeigen
    Dazu passt dann auch das Lächeln am Ende, das wohl nur als Zeichen der Hilflosigkeit gewertet werden kann.
    Auch, weil nicht änderbar, aber auch das Konzentrieren auf das was gut ist/war, oder wie Taras schrieb, saelde.


    Zitat Zitat von Longshanks Beitrag anzeigen
    Ein paar Stellen sind mir noch aufgefallen, an denen mMn noch etwas gefeilt werden könnte.


    Hier wäre mir folgende Variante eingängiger:

    Denk nicht ans Blut, wie der Knochen zerbricht resp.ein Knochen zerbricht
    (Alternativ dazu könntest du - reine Erzähltechnik - die Faust im Gesicht ans Ende von Zeile eins stellen und den zerbrechenden Knochen ans Ende von Zeile da)
    Hab ich drüber nachgedacht, die Formulierung möchte ich so lassen, aber dein Alternativvorschlag , die Zeilenumstellung gefällt mir sehr, die nehme ich auf und ändere es gleich.

    Maulbeerebaum, oder Maulbeerenbaum ist nicht gewollt, keine Ahnung warum ich es so da stehen hatte. Maulbeerbaum soll es heißen und ist schon so abgeändert.


    Zitat Zitat von Longshanks Beitrag anzeigen
    Gibt natürlich das Sprichwort "wie ein heißes Messer durch Butter gehen". ABer für mich ist "Messer" mehr schneidend und Dolch "mehr stechend". Wie wärs mit "Klinge" anstatt "Messer"?
    Hm, kennst du diese Survivalmesser? Meist in einer Lederscheide, die Klinge selbst sehr spitz und leicht gebogen und ziemlich groß, eher schon Langdolch als Messer. An solch ein Messer dachte ich beim Schreiben und in dem Zusammenhang denke ich da eher an zustechen und nicht schneiden. Ich muss das noch ein wenig im Kopf wenden und schauen, ob ich in Klinge ändern, oder das Messer so stehen lassen will.

    Zitat Zitat von Longshanks Beitrag anzeigen
    Das bricht aus der Erzählgeschichte aus insofern als es vom Audiovisuellen ins "Riechhirn" geht. "Urin" für die Angst, die LI beim Geschehen hatte?
    Kann man so sagen. Angst und das Sterben selbst, bei dem nicht einzig Blut (metallisch-süßlich im Geruch) den Körper verlässt. Eine universelle Wahrnehmung eines Augenblicks, der so dann auch wieder in der Erinnerung auftaucht.

    Zitat Zitat von Longshanks Beitrag anzeigen
    Ich meine, "sterben" müsste hier groß geschrieben werden.
    Stimmt, korrigiere ich.

    Zitat Zitat von Longshanks Beitrag anzeigen
    blätter ist hier nicht Laub sondern Imperativ?
    Genau, blätter = zurückblättern.

    Zitat Zitat von Longshanks Beitrag anzeigen
    Klingt nach viel Mecker, ist aber nicht so. Starkes Stück.
    Ne, klingt nicht nach viel Mecker, zumal ich weiß, dass du dir nicht so die Mühe in den Einzelheiten machen würdest, wenn dir das Gedicht nicht gefallen würde.


    Zitat Zitat von Longshanks Beitrag anzeigen
    ridi Pagliacco
    jein



    Hat mich gefreut dich hier zu lesen.

    Lieber Gruß,

    Jaz

  5. #5
    Dr. Üppig Guest
    @ Jaz:

    was hat dich denn bewogen, das Gedicht aus den Tiefen des Forum zu fischen?
    Ach, weißt du, ich nehme mir einfach Zeit, um meine Favoriten zu kommentieren... Sonst komm ich ja überhaupt nicht mehr dazu.

    Gut, der Baum bleibt für mich ein Fixpunkt. Dass Messer stechen können, halte ich für ne Tatsache und rate, dies beizubehalten. Eher neigt eine Klinge dazu, zu schneiden, meine ich.

    mfG

    Edit meint: Kannst du vlt die erste Fassung darunter oder so setzen? Die hat mich mehr angesprochen. Nur, wenns dir keine Umstände macht.
    Geändert von Dr. Üppig (14.07.2012 um 00:08 Uhr)

  6. #6
    Registriert seit
    May 2010
    Ort
    Raum Münster
    Beiträge
    97
    Guten Morgen,
    dein Gedicht hat mich berührt, weil ich durch das Bild des Maulbeerbaums an eine Reise nach Kurdistan erinnert wurde. Dort haben wir im Frieden des Baumschattens die Bilder der zerstörten Dörfer, der wachenden Soldaten und der kargen Armut für eine Zeit ausblenden können. Ich bin ansonsten kein Freund von zu strengen stilistischen Formen in der Lyrik, aber hier drückt das Ghasel die orientalische Kultur aus und passt wunderbar zum Maulbeerbaum.
    Probleme habe ich mit dem "Gegengewicht". Es drückt zwar genau das aus, was ich unter dem Maulbeerbaum empfunden habe, aber ein Lächeln kann irgendwie kein Gewicht sein. Ich verbinde es mit Leichtigkeit, es drückt eher von unten gegen die Waagschale. Vielleicht könnte man hoffnungsvoller "Gegenlicht" verwenden?
    Liebe Grüße
    Mumpitz
    Geändert von Mumpitz (13.07.2012 um 07:24 Uhr)
    Wer nach dem Ende des Regenbogens sucht darf die Welt nicht schwarzweiß malen.
    aus: Andreas Gers, Ein Lümmel mit nur Un im Sinn, Cenarius Verlag Hagen

  7. #7
    Jazemel Guest
    Hi Taras,

    ich hab die alte Version unter die Neue gestellt. Eine große Veränderung ist es allerdings nicht.

    Lieber Gruß,

    Jaz

    Hallo Mumpiz,

    ich kann deinen Einwand das Gegengewicht betreffend nachvollziehen, aber für mich passt das Gegenlicht nicht. Es ist ja ein Zurückdenken eben an das Lächeln, also an eine Zeit, die frei von den anderen beschrieben Erinnerungen ist und diese Erinnerungen, festgemacht an dem Lächeln, liegen eben als Gegengewicht in der Waagschale. Oder vielleicht anders beschrieben, etwas, das Gewicht hat, hat Substanz, ist greifbar und man kann sich daran festhalten, an einem Licht weniger. Für mich wäre Gegenlicht passend, wenn auch vorher mit Licht und Schatten gearbeitet worden wäre, so wie es jetzt da steht, würde mir Licht zu wenig wiegen, weißt du was ich meine?

    Danke dir für deinen Kommentar,

    Gruß,

    Jazemel


    Öhm, Sonnenrose? Ich weiß, dass das Gedicht nicht von dir, sondern von mir ist und deine Beitrag verstehe ich nicht, da auch die anderen Kommentatoren eine Sonnenrose nicht erwähnen. Falscher Faden?

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