Thema: flockenlesen

  1. #1
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    flockenlesen

    {dedikation}

    du hast mit einem hauch
    den letzten, schwersten winter ausgetrieben;
    mir festgefrornes wesen taut
    ab jedem wort, das herzgeschrieben
    aus deinem hiersein fällt;

    du welt!
    ich hab mich an dir aufgerieben
    ausgeweht auf meiner haut
    dein federlesen lautgewesen
    wie dein atmen auch.
    dich singen scheuer augenblick
    in deinen obertönen werde ich

  2. #2
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    @Thisbe

    Ich werd mal deine Zeilen besenfen, ok?
    Zitat:“ den letzten, schwersten winter ausgetrieben“
    Hier stört mich „schwersten“. Entweder löschen, oder mit etwas ansprechbarerem ersetzen. Warum nicht:;“ „den letzten, trocknen winter ausgetrieben“ //trocken geht in Richtung ausgehungert, und noch mehr.
    Zitat: „mir festgefrornes wesen taut“
    mir, oder mein?
    So, das wars der anfragen.
    Fazit:
    Feinfühlige Bilder, und Sprache und ein breites Resonanzfeld, Gefällt sehr gut.

  3. #3
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    Zitat Zitat von horstgrosse2 Beitrag anzeigen
    Ich werd mal deine Zeilen besenfen, ok?
    Huch und Hallo und Willkommen horstgrosse2

    - Ich bin richtig erschrocken, als ich flockenlesen nach einem so überkandidelten Apriltag obenan stehen sah, und danke Dir herzlich für Deine Auseinandersetzung damit.

    Zitat Zitat von horstgrosse2 Beitrag anzeigen
    Fazit:
    Feinfühlige Bilder, und Sprache und ein breites Resonanzfeld, Gefällt sehr gut.
    Freut mich sehr, das von Dir zu erfahren!

    Zitat Zitat von horstgrosse2 Beitrag anzeigen
    Zitat: „mir festgefrornes wesen taut“
    mir, oder mein?
    mir festgefrorenes wesen taut – eher so ein philosophisch angehauchtes "Gewese", vielleicht schon Anfang eines Verwesens ...

    Zitat Zitat von horstgrosse2 Beitrag anzeigen
    Zitat:“ den letzten, schwersten winter ausgetrieben“
    Hier stört mich „schwersten“. Entweder löschen, oder mit etwas ansprechbarerem ersetzen. Warum nicht:;“ „den letzten, trocknen winter ausgetrieben“ //trocken geht in Richtung ausgehungert, und noch mehr.
    Jahaa... - - kann ich nachvollziehen, hierin einen Wackelkandidaten zu sehen.
    Dir das (so rein adjektivisch sicherlich vermeidbare) Schwere hier auch klanglich und lautlich etwas näherzubringen ist mir jetzt doch ein Anliegen.
    Inhaltlicher Bezug:
    "Flockenlesen" als Phänomen, das sowohl im Todeskampf, der Agonie, als auch beim Entzug auftreten kann – "trockner" Winter wäre für mein Empfinden hier unstimmig.
    "Aushungern" hingegen gefällt mir ausnehmend gut, so ein Auszehren - es geht auch darum, die Zeile mit der Winter-Metapher beim Vortrag als längste, sich ziehende und schwerwiegendste im Gedicht transportieren zu können - - ich assoziiere .... Lebenswinter – letztes Auflodern - Lebensende - Volksbrauch: Winteraustreiben = Todaustragen - Tod gebären – Todeswehen – Auswehen - Ausgehaucht .... Und was ist passiert? Mein Sprachgefühl hängt am schwersten Winter, sieht darin eine weitere Umsetzung der Reibung, die das Gedicht durchwirkt – : ausgetriebenherzgeschriebenaufgerieben -- (Bruch) lautgewesen.

    Ich habe dann ein wenig weiteranalysiert – Hauch-, Reibungs- und Verschlußlaute - und schau an ... "auf Schlau" wäre bei schwersten sch = scharf hauchender Reibelaut, gefolgt von w = sanfter Reibelaut, r = brummender Reibelaut, s = wieder scharfer Reibelaut und schließlich t = hauchender Verschlußlaut --- oh - eine Konsonantenfolge, deren Ausdruckskraft schwer zu toppen ist (außer vielleicht im letzten schwarzen Winter)

    Alsooo - ich muß schon sagen ... daß Dein Kommentar letztendlich wirklich erhellend war
    Ich danke sehr und denke weiter ...

    Herzliche Grüße

    Thisbe
    dich singen scheuer augenblick
    in deinen obertönen werde ich

  4. #4
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    @Thisbe

    OK, Teil eins gelöst. Übrings, ich habe mir die Beschreibung von „Flockenlesen“ ergoogelt. Interessant. Manchmal bin ich auch abwesend, da können sie nebenan eine Kanone abschießen und es wäre Wurst. Weiter-
    Zitat: „ich assoziiere .... Lebenswinter – letztes Auflodern - Lebensende - Volksbrauch: Winteraustreiben = Todaustragen - Tod gebären – Todeswehen – Auswehen - Ausgehaucht

    A: Ja meins auch, und deshalb hat mir der „schwersten“ Winter nicht gefallen. Es fällt aus dem filigranen Gesamtwerk heraus. Obwohl, Redewendung „schwerer Winter“ schon auf außergewöhnliches hinweist. Aber grade deshalb, weil es eine Redewendung ist: „Schwerer Winter“, hätte ich es versucht zu vermeiden.
    Zitat:“ im letzten schwarzen Winter)“ wäre ja schon mal ein Schritt hinaus aus der Gewöhnlichkeit.
    Zitat:“ Ich habe dann ein wenig weiteranalysiert – Hauch-, Reibungs- und Verschlußlaute - und schau an ... "auf Schlau" wäre bei schwersten sch = scharf hauchender Reibelaut, gefolgt von w = sanfter Reibelaut, r = brummender Reibelaut, s = wieder scharfer Reibelaut und schließlich t = hauchender Verschlußlaut --- oh - eine Konsonantenfolge, deren Ausdruckskraft schwer zu toppen ist“

    A: hierbei kann ich nicht folgen, in diese Richtung, der unterschiedlichen Laute und ihre Harmonie zueinander, untereinander, habe ich null Ahnung.
    Ist wahrscheinlich Ansichtssache, so wie, nehme ich braunen oder weißen Zucker zum Backen? Naja, deine Laute Philosophie, oder überhaupt, diese Philosophie ist wohl für Otto Normalverbraucher nicht zu erkennen, aber interessant.
    Wäre ein Anstoß da mal nachzuhaken.
    Return:
    Wir waren beim „schwersten Winter“
    Ja, nach der Fülle der Infos, die mich überrannten und aufklärten, denke ich halb oder fast ja. Wobei ich trotzdem die Redewendung ich hier vermeiden würde: schwere Winter. „Schwarzer Winter“ wäre eine Verstärkung und würde besser Richtung negativer „Harmonie“(Atmosphäre) wirken, arbeiten, strahlen, wie auch immer. Schwarzer Winter würde mehr die Seele, den seligen Zustand wiedergeben, also ok.
    Wobei dann aber die Zeile trotzdem noch mehr geändert werden müsste.
    „den letzten, schwarzen winter ausgetrieben““, h
    Jetzt würde mir „den letzten“ nicht so richtig gefallen, habe aber keine Lösung. Alles was mir einfällt, harmoniert weniger, außer: „den trocknen schwarzen Winter“

    So, ich verlass dich jetzt, mal schauen wie es sich entwickelt. Außerdem hupfen hier noch andere rum, die mit ergänzen können, usw.

    Nachtrag:


    Ich habe mal nach“ Reibungs- und Verschlußlaute“ gegoogelt. Interessant, aber dazu brauchst du Zeit das genau aufzunehmen und zu gebrauchen. Da sind Kochbücher einfacher, grins.
    Geändert von horstgrosse2 (03.04.2012 um 17:32 Uhr) Grund: Nachtrag

  5. #5
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    Lieber horstgrosse2,

    Dein Kommentar war mir eine Fortsetzung des ersten Vergnügens

    Zitat Zitat von horstgrosse2 Beitrag anzeigen
    Übrings, ich habe mir die Beschreibung von „Flockenlesen“ ergoogelt. Interessant. Manchmal bin ich auch abwesend, da können sie nebenan eine Kanone abschießen und es wäre Wurst.
    'Es ist Wurst, was aus mir wird', sprach das Schwein ...
    Nein, nein, ich war ja eben sehr angetan davon, daß Du andere Flocken gelesen hast, als vielleicht die wortwörtlich zu nehmenden ...

    Zitat Zitat von horstgrosse2 Beitrag anzeigen
    A: Ja meins auch, und deshalb hat mir der „schwersten“ Winter nicht gefallen.
    Haha --! Das war schön gespielt!
    Bleibt die Frage, weshalb die Stelle einmal als disharmonisch = nicht gefallen, einmal als harmonisch = gefallen empfunden werden kann ...

    Zitat Zitat von horstgrosse2 Beitrag anzeigen
    Es fällt aus dem filigranen Gesamtwerk heraus. Obwohl, Redewendung „schwerer Winter“ schon auf außergewöhnliches hinweist. Aber grade deshalb, weil es eine Redewendung ist: „Schwerer Winter“, hätte ich es versucht zu vermeiden. Zitat:“ im letzten schwarzen Winter)“ wäre ja schon mal ein Schritt hinaus aus der Gewöhnlichkeit.
    du hast mit einem hauch
    den letzten, schwarzen winter ausgetrieben;
    mir festgefrornes wesen taut
    ab jedem wort, das herzgeschrieben
    aus deinem hiersein fällt

    Zitat Zitat von horstgrosse2 Beitrag anzeigen
    Jetzt würde mir „den letzten“ nicht so richtig gefallen, habe aber keine Lösung. Alles was mir einfällt, harmoniert weniger, außer: „den trocknen schwarzen Winter“
    Den trockenen Winter muß ich leider endgültig als unstimmig verbannen.
    Den "schwarzen Winter" hast Du wunderbar charakterisiert. Dunkel, o Dunkel ... Ja, ich glaube, das ist es!
    Jetzt muß ich nur noch Sesam da oben geöffnet kriegen, aber ich mag keinen Sesam ...

    Zitat Zitat von horstgrosse2 Beitrag anzeigen
    nehme ich braunen oder weißen Zucker zum Backen? Naja, deine Laute Philosophie, oder überhaupt, diese Philosophie ist wohl für Otto Normalverbraucher nicht zu erkennen, aber interessant.

    Nachtrag:

    Ich habe mal nach“ Reibungs- und Verschlußlaute“ gegoogelt. Interessant, aber dazu brauchst du Zeit das genau aufzunehmen und zu gebrauchen. Da sind Kochbücher einfacher, grins.
    Sagen wir mal, mir ist bekannt, was in so ein Curry alles reingehört, aber glaub nicht, daß ich nach Büchern koche.
    Wenn ich Hunger hab, dann geh ich in die Küche und schmeiß in die Pfanne, was da gerade so rumliegt ( -- außer der Katze ) Da kann dann Ingwer und Zitronengras und grüner Pfeffer drin sein oder auch nicht – den Schwung, der die Mischung bestimmt, den kann ich Dir nicht erklären.

    Einstweilen bis die Tage einen ganz lieben Gruß von

    Thisbe
    dich singen scheuer augenblick
    in deinen obertönen werde ich

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